Samstag, 2. September 2017

Abgekartetes Spiel

 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
oh weia - da habe ich vor lauter Eile, meine Geschichte noch rechtzeitig einzustellen, das Wichtigste vergessen: nämlich den Button „Veröffentlichen“ zu betätigen! Es ist mir auch nicht aufgefallen, weil wir heute Besuch hatten und ich den ganzen Tag keine Gelegenheit hatte, hereinzuschauen. 
 
 
Mit dieser Reizwortgeschichte verabschiede ich mich vorerst. Am 15. September und voraussichtlich auch am 1. Oktober wird es von mir keine Reizwortgeschichte geben.
Ich nehme mir mal ein paar Wochen „frei", um endlich die Korrektur meines zweiten Buches zu Ende zu bringen.
 
 
 
 
Nachdem ich ja alles – von der Korrektur über die Formatierung bis zum Cover    in Eigenregie durchziehe, kostet mich das Ganze sehr viel Zeit und vor allem Nerven …
 
Ich möchte das Buch nach Möglichkeit fertig bringen, bevor wieder – wie im vergangenen Jahr – der Weihnachtsstress anfängt. Sowohl bei mir als auch bei der Druckerei.
 
Wenn alles nach Plan läuft, steige ich spätestens am 15. Oktober wieder ein. Bis dorthin wünsche ich Euch eine schöne Zeit.
Ich denke, meine Blog-Freundinnen
 
  Lore

 
werden in der Zwischenzeit dafür sorgen, dass Euch der Lesestoff nicht ausgeht ...
 
Viele Grüße
 
Eure Geschichten-Erzählerin

Aber nun zu meiner Geschichte. Folgende Reizwörter waren dieses Mal unterzubringen: 
 
 
 
Junggesellenabschied –  Wasserbett –  toben   helfen –
bedenklich 
 
 
 
Abgekartetes Spiel
 
„He, Danny, wach auf, du Schlafmütze –  du verpasst sonst deinen Flug!
Robin packt seinen Bruder an der Schulter und schüttelt ihn wie einen Mehlsack.
Daniel fährt hoch wie eine Rakete. „Sag mal – hast du sie nicht mehr alle? Weißt du überhaupt, wie spät es ist?
„Halb zwei. Du musst dich beeilen –  um halb neun startet die Maschine. Ich habe den Auftrag, dich um sechs am Flughafen abzuliefern. Packen musst du ja auch noch ...
„Hast du einen Albtraum, oder was ist los mit dir? Du kannst doch nicht einfach so mir nichts dir nichts hier aufkreuzen und ... –  wie bist du überhaupt  reingekommen?
„Damit“. Robin hält seinem Bruder einen Schlüsselbund vor die Nase. „Den hast du mir mal gegeben – für Notfälle. Erinnerst du dich? Und das hier ist ein Notfall ...
Das Wasserbett, das Daniel sich vor ein paar Monaten geleistet hat, um seine ständigen Rückenschmerzen in den Griff zu kriegen, gluckert protestierend, als sein Besitzer sich umdreht, um seinem so plötzlich hereingeschneiten Bruder ins Gesicht zu sehen. 
„Also los –  raus mit der Sprache! Dannys Stimme klingt unverkennbar wütend. „Wenn du mir nicht auf der Stelle einen guten Grund dafür lieferst, dass du mich mitten in der Nacht aus dem Tiefschlaf reißt, kriegst du die Prügel deines Lebens!“
Beruhige dich! – Also, deine Kumpels haben eine kleine Überraschung für dich vorbereitet – sie wollen mit dir Junggesellenabschied feiern, und ...“
„Kommt überhaupt nicht in Frage! Du glaubst doch wohl nicht allen Ernstes, dass ich so einen Schwachsinn mitmache! Dass ich vielleicht in Unterhosen und mit einem Bauchladen durch die Fußgängerzone latsche und schwachsinnigen Krempel an die Leute verhökere? Oder mit einem rosa Hütchen auf dem Kopf alte Weiber mit Kondomen beglücke, die so was ganz sicher nicht mehr nötig haben? Am Ende verlangt ihr, dass ich – angetan mit Mamas Kittelschürze – fremde Frauen abknutsche? Ihr habt doch einen an der Waffel! Mach bloß, dass du rauskommst, ehe ich mich vergesse!“, tobt Daniel.
Unwillkürlich ist Robin an die Wand zurückgewichen. Nicht etwa, dass Danny zu Gewalttätigkeiten neigen würde – aber wissen kann man ja nie ...
„Hör zu, Bruderherz! Robin zieht sich einen Hocker heran, der neben der Türe steht, und lässt sich darauf fallen. „Vor einem Monat hat Chrissi mich angerufen und mir von dem Plan erzählt. Die Jungs sind Feuer und Flamme, dir einen würdigen Abschied vom Junggesellen-leben zu bereiten. Ich werde dir nicht verraten, was sie vorhaben – dann wäre ja der Spaß nur noch halb so groß. Nur so viel: Du sollst heute um sechs am Flughafen erscheinen, mit Marsch-gepäck für sieben Tage. Und das da sollst du anziehen – damit keiner von uns verloren geht!
Er zieht einen Leinenbeutel zu sich heran, den Danny bisher noch nicht bemerkt hat, und packt ihn aus. Zum Vorschein kommen eine schwarze Hose, ein weißes Hemd, ein Poncho mit Fransen, ein roter Gürtel und ein Mexikanerhut aus Stroh mit einem bunten Band um die breite Krempe. 
„Ich denke nicht daran! Wieder schimpft Daniel los. „Ich mache mich ganz bestimmt nicht zum Affen. Lieber sage ich die Hochzeit ab!
„Und was glaubst du, würde Sammy dazu sagen?“ Sammy heißt eigentlich Samantha und ist Daniels Verlobte, die er in einem Monat zum Traualtar führen will. 
„Ihr seid Idioten! Ihr wisst ganz genau, dass ich für so einen Schwachsinn nichts übrig habe. Auch wieder so ein Amerika-Import, der immer mehr ausartet ...
„Danny – bitte!“ Robin verlegt sich aufs Betteln. „Ich verspreche dir, dass die Jungs absolut nichts in dieser Form vorhaben. Sie wollen nur noch mal mit dir allein auf die Piste ziehen – bevor du in den Hafen der Ehe einläufst und dann vermutlich nur noch mit Sammy unterwegs bist ...
„Aber wie stellst du dir denn das vor? Im Gegensatz zu dir habe ich einen Job und kann nicht einfach von jetzt auf gleich verschwinden!
„Das ist alles geregelt – mach dir keine Sorgen. Hier hast du es schriftlich!
Er reicht Daniel einen ausgefüllten Urlaubszettel, gültig für die kommende Woche, mit der Unterschrift seines Chefs. Darunter eine handschriftliche Notiz: „Wir wünschen Ihnen und Ihren Freunden viel Spaß. Kommen Sie gut zurück ...
Ungläubig starrt Danny seinen Bruder an. „Bist du sicher, dass der echt ist? Ich kann mir nicht vorstellen, dass Brodberg mir so einfach den Urlaub genehmigt – ich war doch schließlich erst vor fünf Wochen weg!“ Er schüttelt bedenklich den Kopf.
„Er ist echt!“ versichert Robin. „Wenn du es nicht glaubst – ruf ihn an ...
„Jetzt – mitten in der Nacht? Spinnst du?
„Danny, bitte glaube mir – es ist alles in Ordnung. Die Jungs haben das für dich geregelt. – Aber nun musst du machen, dass du in die Puschen kommst – die Zeit läuft!
„Aber ...
„Du gehst jetzt erst mal duschen, damit du wach wirst. Ich mache inzwischen Kaffee, und wenn du den getrunken hast, packst du deinen Koffer. Ich helfe dir dabei, sonst schaffen wir es nicht mehr. Na los – ab durch die Mitte!
Ohne seinem Bruder noch eine Gelegenheit zur Erwiderung zu geben, zerrt er ihn aus dem Bett und schubst ihn mit sanfter Gewalt in Richtung Badezimmer. Als er die Dusche rauschen hört, nimmt er sein Handy und ruft Christian an, Dannys besten Freund.
„Alles in Ordnung. Ich habe ihn soweit. Wir treffen uns wie geplant um sechs an der Kaffeebar neben dem Check-in-Schalter!, sagt er kurz, drückt den „Aus-Button und flitzt in die Küche zur Kaffeemaschine.
Während Danny seinen Kaffee trinkt und sich bemüht, richtig wach zu werden und sich irgendwie mit der absonderlichen Situation  zu arrangieren,  holt Robin den Koffer seines Bruders vom Schrank und legt ihn aufs Bett. Daneben stapelt er Wäsche, Badesachen, Handtücher, Toilettenartikel, Fotoapparat, Handy und die dazugehörigen Ladegeräte. Zwei Paar Schuhe stellt er neben dem Bett auf den Boden.
„Ich habe schon alles zusammengesucht!, erklärt er, als Daniel endlich auftaucht. „Oder zumindest das meiste. Du musst dich nur noch um die Oberbekleidung kümmern!
„Aber – was soll ich denn mitnehmen? Wenn ich nicht mal weiß, wo es hingeht?
„Von jedem etwas!, antwortet Robin lakonisch. „Soll heißen: alles vom T-Shirt bis zum Anzug, von Shorts bis Krawatte!
„Und du spielst meinen Sherpa und schleppst das ganze Zeug?, fragt Danny boshaft.
„Na, du musst ja nicht von allem mehrere Teile haben! Robin grinst.
Daniel macht sich ans Werk. Innerhalb kürzester Zeit hat er alles beisammen und fängt an zu packen. Um fünf ist er startklar.
„Na siehste – geht doch!, sagt Robin anerkennend. „Ich habe von dir auch nichts anderes erwartet ...
„Ich muss noch Sammy Bescheid geben, dass ich am Wochenende nicht da bin – und die nächste Woche auch nicht!“, fällt Daniel plötzlich ein.
„Ist schon erledigt. Sammy verreist auch – mit ihren Freundinnen.  Die Mädels müssten jetzt schon unterwegs sein!
„Na, das ist ja ein tolles Komplott!“ Daniel weiß nicht recht, ob er sich darüber ärgern oder wundern soll.
Robin wirft einen Blick auf die Uhr.
„Halb sechs, stellt er fest. „Wir müssen los! – Übrigens – dieses Outfit kleidet dich prima!, bemerkt er mit einem Blick auf den Mexikanerhut. Danny hat sich – trotz seines Widerwillens – schließlich doch entschlossen, die alberne Verkleidung anzuziehen. So kennt ihn wenigstens niemand – wenn er sich schon lächerlich machen muss ...
Viertel vor sechs erreichen die Brüder den Flughafen. Und da stehen sie: Christian, Erik, Marco, Ben, Charlie und Alex. Daniels ganze Clique – alle in den gleichen Klamotten, wie er sie trägt, jeder mit einem Koffer neben sich, und klatschen Beifall. Eine volle Bierflasche wird ihm in die Hand gedrückt, und jeder seiner Freunde versucht, mit ihm anzustoßen. So bemerkt er nicht, dass Robin hinter einer Säule verschwindet, um wenig später – jetzt auch in die Junggesellen-Abschieds-Uniform gehüllt – wieder auftaucht.
„Und wie geht’s jetzt weiter? Daniel stellt die leere Flasche auf die Theke und sieht seine Kumpels fragend an.
Christian, der Anführer der Verschwörung, reicht Danny einen Umschlag.
„Hier drin ist dein Flugticket. Wenn wir am Ziel angekommen sind, erfährst du den Rest!
Daniel gibt es auf, weitere Fragen zu stellen. Er kennt Christian lange genug, um zu wissen, dass er nichts weiter erfahren wird.
„Kommst du etwa auch mit?, fragt er, als er seinen Bruder mit dem Mexikanerhut entdeckt, der bis jetzt hinter Charlies breitem Rücken in Deckung gegangen war.
„Natürlich! Irgend jemand muss doch aufpassen, dass du keine Dummheiten machst!, grinst Robin.
Die Mittagszeit ist bereits vorüber, als sie ihr erstes Etappenziel   erreichen und in  Santa Cruz auf Teneriffa aus der Maschine klettern. Sie holen ihr Gepäck und verteilen sich auf Christians Aufforderung in zwei Taxis. Noch immer weiß Daniel nicht, was die Freunde mit ihm vorhaben – und auch sein Bruder schweigt eisern.
Die Taxifahrt kommt Danny wie eine Ewigkeit vor. Doch als die beiden Wagen am Hafen vor einem Kreuzfahrtschiff anhalten, fällt ihm der Kiefer herunter.
„Das ist nicht euer Ernst! Mehr bringt er nicht heraus.
Seine Freunde  – allen voran Christian – weiden sich an seinem fassungslosen Gesichtsausdruck.
„So, Bruderherz, sagt Robin schließlich. „Ich habe die große Ehre, dir hiermit deine Reiseunterlagen zu überreichen. Du schipperst ab heute Abend mit diesem Schiff und in unserer Gesellschaft eine Woche über den Atlantik. Von hier über ... Er wirft eine Blick auf die Karte mit der Reiseroute, ehe er fortfährt.  „Über Gran Canaria – Madeira – Lanzarote – La Palma zurück nach Teneriffa. Am nächsten Samstag geht’s von hier aus nach Hause. Viel Spaß!
Nachdem die Freunde eingecheckt und sich in ihren Kabinen häuslich eingerichtet haben, ist es schon fast Zeit, sich für das Abendessen vorzubereiten.
Robin – er und sein Bruder teilen sich eine Kabine – besteht darauf, dass Danny sich heute Abend in Schale wirft. „Zieh dir was Schickes an!, kommandiert er – wir haben nachher noch eine Überraschung in petto!
 „Also, so allmählich ist mein diesbezüglicher Bedarf gedeckt!, seufzt Daniel. „Ich bin weiß Gott nicht unflexibel – aber was zu viel ist, ist zu viel!
Aber er gehorcht. Darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.
Sie treffen sich um sieben vor einem der zahllosen Lokale. Auf jedem Deck gibt es welche – kulinarische Highlights quer durch alle Länder Europas, Asiens, Südamerikas ... Wer hier nichts Passendes findet, ist selbst schuld!
Ristorante „Scusi liest Daniel flüchtig, als sie durch die Eingangstüre treten. „Hoffentlich ist der Name nicht Programm, und der Wirt muss sich hinterher für seine Kreationen entschuldigen .., denkt er grinsend. Doch seine Befürchtungen sind unbegründet. Das Essen ist vom Feinsten. Ebenso der Rotwein, den der Kellner dazu bringt.
Nachdem sie gesättigt sind, übernimmt Christian wieder die Führung. Er lotst die Truppe zwei Decks höher – in ein Theater.
„Auch das noch!“  Daniel seufzt innerlich. Ihm bleibt heute auch nichts erspart! Dabei müssten seine Freunde wissen, dass er für diese Art von Unterhaltung so gar nichts übrig hat! Aber er fügt sich ins Unvermeidliche. Die Jungs haben es gut gemeint – das alleine zählt.
„Was wird denn gespielt?, fragt Danny seinen Bruder, der rechts neben ihm sitzt.
„Lass dich überraschen, antwortet Robin geheimnisvoll.
Pünktlich um einundzwanzig Uhr öffnet sich der Vorhang. Sämtliche Wände der Bühne sind mit Plakaten beklebt, auf denen die Konterfeis aller bekannten Musikgrößen aus der Rock‘n Roll-Ära zu sehen sind. Dazwischen Filmplakate mit den Fotos von Marylin Monroe, James Dean und vielen andern.
Die Vorstellung beginnt mit einem  Paukenschlag, der unmittelbar  in das berühmte „Rock around the clock von Bill Haley übergeht. Eine Lichtorgel verwandelt die Musik in bunte, zuckende Blitze. Gleichzeitig springt eine Gruppe junger Frauen zwischen zwei Filmplakaten hervor,  gekleidet im 50er-Jahre-Stil. Alle tragen Petticoats und weite, schwingende Röcke. Sie formieren sich zu Paaren und legen mit wippenden Pferdeschwänzen  einen wilden, temperamentvollen Rock’n Roll aufs Parkett.
Plötzlich glaubt Danny, unter den Tanzpaaren eine von Samanthas Freundinnen zu erkennen. Aber das muss eine optische Täuschung sein. Kein Wunder - immerhin ist er seit halb zwei auf den Beinen. Und dann - wie soll er zwischen all den herumwirbelnden Mädels eine bestimmte Person erkennen?
Zu schade, dass Sammy nicht da ist!, denkt er wehmütig. Zu diesem Song hatten er und Samantha das erste Mal miteinander getanzt – in einem Tanzschuppen, in den seine Freunde  ihn mitgeschleppt hatten, als seine damalige Freundin ohne jede Erklärung mit ihm Schluss gemacht hat. Eine lapidare SMS mit dem Text „Es ist aus - ich habe einen anderen  hatte eine fünfjährige Beziehung von einer Minute zur anderen  beendet.
Ausgerechnet an diesem Abend war Samantha in sein Leben getreten – buchstäblich. Sie hatte ihn zum Tanzen aufgefordert, ohne die obligatorische Damenwahl abzuwarten …  
Danny ist so in Gedanken versunken, dass ihm überhaupt nicht auffällt, dass das Lied inzwischen zum dritten Mal gespielt wird – Sammys Lieblingslied seit jenem denkwürdigen Abend vor drei Jahren.
Er schreckt erst hoch, als plötzlich jemand vor ihm steht und ihn auf den Mund küsst.
 „Guten Abend, Liebling!, sagt Samantha. „Darf ich bitten?
 
© Christine Rieger / 2017