Mittwoch, 26. November 2014

Ticky


Ticky

Die Herbstsonne schien warm. Erstaunlich warm für diese Jahreszeit - das Thermometer stand auf 21 Grad. Und das Mitte Oktober...
Die Menschen genossen das unerwartet schöne Wetter. Monika und Ralf beschlossen spontan, noch eine Radtour zu unternehmen - lange würden sie dazu keine Gelegenheit mehr haben. Für den kommenden Dienstag hatte der Wetterbericht ein Sturmtief mit Temperatursturz angekündigt.
Bettina, die kleine Tochter des Ehepaares, beschloss, nicht mitzukommen. Die Fünfjährige wusste sehr genau, was sie wollte - oder in diesem Fall NICHT wollte - und das setzte sie auch durch.
"Ich bleibe lieber bei Opa Friedrich", verkündete sie kategorisch beim Frühstück. "Er hat versprochen, ein Futterhäuschen zu bauen, damit ich im Winter die Vögel füttern kann. Und außerdem - ich mag nicht hinten auf dem Fahrrad im Kindersitz mitfahren. Da sehe ich nur den Rücken von Papi, und der blöde Fahrradhelm drückt auch so! Ich will mit MEINEM Fahrrad fahren - oder gar nicht!"
Monika seufzte. Ihre kleine Tochter hatte schon jetzt einen gehörigen Dickkopf. Andererseits - die Kleine mit dem Kinderfahrrad auf ihre Radtour mitzunehmen, war wenig erbaulich.
"Also gut, dann geh zu Opa Friedrich - aber nur, wenn Du ihn auch nicht störst!"
"Ich störe nie!", behauptete Bettina selbstbewusst. "Opi hat gesagt, er freut sich immer, wenn ich ihn besuche."
Das Quietschen der Stuhlbeine auf dem Parkettboden, mit dem Tina geräuschvoll ihren Stuhl zurückschob, zerrte an Monikas Nerven. Sekunden später knallte die Küchentüre laut ins Schloss. Polternde Schritte auf der Treppe verrieten, dass ihre Tochter bereits auf dem Weg nach oben zu ihrem Opa war.
Ralf legte die Morgenzeitung beiseite - wie üblich in einem wüsten Durcheinander. Er hielt es nie für nötig, die Seiten wieder ordentlich zu sortieren. Monika hasste diese Angewohnheit - aber heute sagte sie nichts. Sie wollte sich nicht durch einen ohnehin sinnlosen Ehekrach den Tag verderben. Eine gute halbe Stunde später strampelten die beiden bereits auf ihren Mountain-Bikes los.
Opa Friedrich saß auf seinem Balkon in der Vormittagssonne, als seine Enkelin hereinstürmte. Er war schon seit fünf Uhr auf, hatte gefrühstückt und nun seine "Bastler-Werkstatt" eröffnet, wie er es nannte. Das versprochene Futterhäuschen begann schon Gestalt anzunehmen. Der Boden rings um seinen Stuhl war mit Sägemehl bestreut. Auf dem runden Campingtisch tummelten sich Holzbrettchen, Schrauben, Hammer, Nägel, Hobel und eine kleine Säge.
Tina holte sich ein dickes Kissen von Opas Sofa im Wohnzimmer, warf es auf den zweiten Campingstuhl, kletterte hinauf und kuschelte sich hinein. Sie liebte es, ihrem Großvater zuzusehen, wenn er irgend etwas bastelte. Er war sehr geschickt darin.
"Ob wohl Ticky im Winter zu meinem Futterhäuschen kommt, was meinst Du, Opi?", wollte sie wissen.
Ticky war ein Amselmännchen. Tina hatte den Vogel so getauft, als er im vergangenen Winter zum ersten Mal im Apfelbaum gelandet war, in der Hoffnung, irgendwo im Garten ein paar Würmer, Körner oder vergessene Brotkrümel zu finden.
Ticky war anders als seine Artgenossen. Er hatte zwar einen gelben Schnabel wie alle anderen Amselmännchen, und auch sein Gefieder war schwarz. Aber Ticky hatte einen Makel: Eine seiner Schwanzfedern war weiß.
"Ich weiß nicht, ob Ticky wiederkommen wird", meine Opa Friedrich, emsig an einem Brett herumfeilend, das er für das Dach des Futterhäuschens benutzen wollte. "Ich weiß ja gar nicht, ob er überhaupt noch lebt - Amseln werden schließlich nicht so alt wie wir Menschen!"
"Bitte, Opi, erzähl mir doch noch mal die Geschichte von Ticky", bettelte Tina. "Du weißt schon, warum sie eine weiße Schwanzfeder hat ..."
Friedrich Hartmann lächelte. Es machte ihm Spaß, seine Enkeltochter mit seinen selbst erfundenen Geschichten zu unterhalten.
"Also, das war so", begann er. "Als Ticky als winzig kleines Vögelchen aus seinem Ei schlüpfte, war er genau so schwarz wie seine Brüder. Nur seine beiden Schwestern hatten ein braunes Gefieder. Die kleinen Vögelchen hatten dauernd Hunger. Ihre Eltern waren ständig damit beschäftigt, Futter heranzuschaffen. Anfangs blieb immer eines von den Eltern bei den Vogelkindern, um sie zu wärmen und zu beschützen. Doch irgendwann schaffte es ein einzelner Vogel nicht mehr, die vielen hungrigen Schnäbel zu füttern. Also gingen beide Eltern auf Futterjagd. Die Jungvögel blieben alleine im Nest zurück...
Eines Tages - die Jungen waren schon ziemlich gewachsen und würden bald ihr Nest verlassen - landete ein Habicht im Baum - direkt über dem Vogelnest.
Die Kleinen piepsten ängstlich, riefen nach ihren Eltern. Die aber hörten die Hilferufe ihrer Kinder nicht - die Entfernung war zu groß.
Der Habicht stieß herunter, sein spitzer Schnabel erwischte eines der Vogelküken, und er wollte mit seiner Beute davonfliegen. Leider aber hatte er nicht richtig zugefasst - er erwischen nur die Schwanzfeder. Die riss ab - und die kleine Amsel fiel vom Himmel herunter auf den Boden.
Verängstigt, zerzaust, hilflos mit den Flügelchen flatternd, hockte das Tierchen auf den Treppenstufen zu einem Einfamilienhaus, und piepste kläglich. Zum Glück kam die Hausherrin gerade vom Einkaufen, entdeckte das verletzte Vögelchen, nahm es mit ins Haus und pflegte es, bis es gesund war.
Aber die kleine Amsel war nicht glücklich. Sie fühlte sich unvollkommen mit ihrem beschädigten Federkleid, so wie ein Mensch sich unwohl fühlt, wenn er mit zerrissenen Kleidern herumlaufen soll.
Im Wichtelreich hörte Jonathan von dem traurigen Vögelchen. Er überlegte eine Weile, wie er dem Tierchen helfen könnte.
Schließlich ging er in seinen Vorratsraum, in dem er alles sammelte, was er auf seinen Wanderungen fand. Steine, Hölzchen, Tannennadeln, ein abgerissener Hosenknopf, ein silbernes Kettchen mit einem roten Anhänger in der Form eines Herzens, ein Taschentuch, Murmeln, zwei abgerissene Schnürsenkel - hastig durchwühlte er seine "Schätze". Endlich fand er, was er gesucht hatte - die Entenfeder. Er hatte sie neulich an einem Weiher gefunden und in einem Impuls mitgenommen.
Jetzt brachte der sein Fundstück zu der kleinen Amsel und bastelte ihr daraus eine neue Schwanzfeder. Zugegeben - es sah ein bisschen komisch aus. Aber immerhin - das Federkleid Amsel war jetzt wieder "geflickt".
Ticky war überglücklich. Aber seine Brüder und Schwestern und auch alle anderen Amseln wollten nichts mit ihm zu tun haben. Er war anders als sie - und das sah man auch noch! So kam es, dass Ticky immer alleine war. Er hatte keine Freunde, er fand kein Weibchen und bekam deshalb auch keine Jungen..."
"Der arme Ticky", unterbrach Tina mitleidig. "Das ist wie bei Hannchen, du weißt schon, im Kindergarten. Hannchen hat auch keine Freunde. Niemand will mit ihr spielen - sie hat ein zu kurzes Bein und läuft so komisch... "
"Das ist aber gar nicht nett", tadelte Opa Friedrich. "Weißt Du was? Wenn Du am Montag wieder im Kindergarten bist, dann sei doch besonders nett zu Hannchen. Sie kann ja nichts dafür, dass sie anders ist als Du".
"Genau wie Ticky nichts dafür kann, dass seine Schwanzfeder weiß ist", meinte Bettina.
"Richtig. So, das Vogelhäuschen ist fertig. Sobald es draußen kalt wird und die Vögel in dem gefrorenen Boden kein Futter mehr finden können, hängen wir es auf und schütten Körner hinein".
"Au fein, Opi", freute sich Tina. "Und am Montag gehe ich gleich zu Hannchen und erzähle ihr die Geschichte von Ticky!"


Copyright Christine Rieger

Dienstag, 25. November 2014

Blitz und Donner



Blitz und Donner

Am Vormittag schien noch die Sonne, und die Menschen freuten sich auf einen letzten warmen Herbsttag. Doch schon gegen Mittag zogen Schleierwolken auf, die sich am Nachmittag zu dicken, schwarzen Gewitterwolken auftürmten. Besorgt schauten die Menschen zum Himmel.

„Das sieht gar nicht gut aus" stellte Opa Friedrich fest. „Ich glaube, wir werden ein heftiges Unwetter kriegen - wir sollten besser alles in Sicherheit bringen, was eventuell nass werden oder davonfliegen könnte."
Er war nicht der einzige, der so dachte. Ringsum in den Häusern und Gärten fingen die Bewohner an, ihre Campingstühle, Balkonkästen und sogar die Fahrräder in Keller oder auf Dachböden zu verfrachten.
Opa Friedrich und seine Enkelin Tina mussten sich alleine helfen. Tinas Eltern waren am Vormittag mit dem Auto nach München gefahren. Monikas beste Freundin hatte zur Feier ihres 40. Geburtstages eine Riesenparty organisiert, die bis in die Nacht dauern würde. Viele der Gäste - unter anderen auch Monika und Ralf - würden in einem Hotel übernachten und erst am Sonntagnachmittag zurückkommen.
Eilig bereiteten die beiden zurückgebliebenen "Haushüter" alles für einen eventuellen 'Unwettereinbruch vor. Opa Friedrich schleppte den Campingtisch und sämtliche Stühle in den Keller, hievte die Balkonkästen mit den immer noch blühenden Geranien von den Halterungen und stellte sie an die Hauswand, fingerte Bettinas Kinderschaukel aus dem Stahlrohgestell und ging schließlich durchs ganze Haus, um die Fenster zu schließen. Seine Enkelin sammelte inzwischen ihr überall im Garten herumliegendes Spielzeug ein und verstaute es in ihrer großen Spielkiste.
Inzwischen war es - obwohl noch nicht einmal vier Uhr - stockfinster geworden. Eilig zogen Opa Friedrich und Tina sich ins Wohnzimmer zurück.
Die Terrassentür war kaum verriegelt, da brach draußen das Unwetter los.
Als hätte jemand eine Schleuse geöffnet, rauschte das Wasser vom Himmel. Blitz folgte auf Blitz, es krachte ohrenbetäubend. Ein heftiger Sturm rüttelte an den Fenstern, vor denen die Bäume fast bis auf den Boden heruntergedrückt wurden.
Ängstlich klammerte sich Tina an ihren Opa. Gewitter waren ihr mehr als unheimlich - besonders der krachende Donner. Dabei waren die Blitze doch viel gefährlicher...
„Du musst keine Angst haben, Tina" versuchte Opa Friedrich die Kleine zu beruhigen. „Das sind doch nur die Wetter-Götter, die sich wieder mal in die Wolle gekriegt haben!"
Sofort war das Interesse seiner Enkeltochter geweckt. „Die Wettergötter fragte sie. „Wer sind die?"
Opa Friedrich lächelte. „Kennst Du nicht den Sonnengott, den Gott des Sturmes, die Götter "Blitz" und "Donner" oder den Regengott?“
„Nein, Opi, erzähl doch mal" bettelte Tina.
„Nun, das war so" begann der Großvater. "Vor vielen, vielen Jahren, so glaubten die Menschen damals, gab es für alles, was im Himmel und auf der Erde geschieht, einen Gott. Die waren – jeder für seinen Bereich -  dafür zuständig, dass alles auf der Welt reibungslos ablief.
Der Gott der Erde musste zum Beispiel darauf achten, dass die Erde immer genug Nährstoffe hatte, und damit sie nicht austrocknen konnte, schickte er den Regengott, damit sie Wasser bekam. Der Sonnengott erleuchtete am Tag die Welt, und wenn er sich schlafen legte, übernahm die Mondgöttin die Wache, damit es auf der Erde nicht ganz stockfinster wurde und die Menschen sich ängstigten. Der Gott des Windes fegte die Straßen sauber, und der Wintergott bedeckte sie von Zeit zu Zeit mit Schnee, damit Tiere und Menschen sich ausruhen konnten von der Hitze des Sommers.
Eines Tages gerieten nun die Götter "Blitz", "Donner", "Wind" und "Regen" heftig aneinander. Sie stritten sich, wer von ihnen der größte und Wichtigste war.
Um den Beweis anzutreten, dass er der größte war, blies der Windgott seine Backen auf und pustete, was seine Lunge hergab. Alles, was sich ihm in den Weg stellte, fegte er weg. Er knickte Bäume wie Streichhölzer, riss Wagen und Pferde mit sich, warf ganze Häuser um und pfiff und brauste, dass es den Menschen auf der Erde himmelangst wurde.
Gleichzeitig warf der Regengott aus dicken schwarzen Wolken seine Fracht ab. Es regnete und regnete, kleine Bäche wurden zu reißenden Strömen, Tiere ertranken, und das Wasser stieg so hoch, dass sich die Leute auf den Dächern ihrer Häuser in Sicherheit bringen mussten.
Schließlich griffen auch "Blitz" und "Donner" ins Geschehen ein. Der Blitz zündete einen Funken nach dem anderen, so dass die Welt taghell erleuchtet wurde, und der Donner erschreckte die Menschen zu Tode mit seinem Radau. Zitternd hockten sie beisammen und beteten, dass dieses Grauen endlich ein Ende haben möge, bevor die ganze Welt unterging...
Von all diesem Getöse wurde der Gott der Ruhe aus seinem Mittagsschlaf geweckt. Ärgerlich sprang er von seiner Lagerstatt, und baute sich drohend vor den Streithähnen auf.
„Wie könnt Ihr es wagen, mich beim Schlafen zu stören" schrie er sie an. „Sofort gebt Ihr jetzt Ruhe, verstanden!!!"
Kleinlaut verzogen sich die verkrachten Götter vom Kampfplatz. Der Gott der Ruhe war ihr Chef - ihm zu widersprechen, das wagte keiner.
Auf der Erde hörte es auf zu regnen, Blitz und Donner zogen sich in ihre Wolken zurück, und der Sturm wurde wieder zu einem harmlosen Lüftchen. Aufatmend ging der Gott der Ruhe wieder zu seiner Lagerstatt, um seinen unterbrochenen Mittagsschlaf fortzusetzen.
„Opi, schau mal, ich glaube, der Gott der Ruhe hat jetzt wieder Ordnung geschaffen" stellte Tina fest. Langsam wagte sie sich an die Balkontüre. Tatsächlich. Es war draußen sehr viel heller geworden, die dicken Wolken hatten sich verzogen, und ganz weit hinten, hinter dem großen Apfelbaum in Nachbars Garten, spitzte wieder die Sonne heraus...

© Christine Rieger

Samstag, 22. November 2014

Der Siebenschläfer

Der Siebenschläfer

„Verdammt noch mal. Mistvieh, elendes!"
Fluchend ließ Friedrich Hartmann die Heckenschere fallen und sprang einen halben Meter zurück.
Dabei übersah er die Sense, mit der er vorhin das wilde Gestrüpp vor der Hecke abgemäht und die er unvorsichtigerweise im Gras hatte liegen lassen.
Er trat auf den Griff, verlor das Gleichgewicht und fiel rücklings in den großen Laubhaufen, den Ralf, sein Schwiegersohn, hinter ihm aufgetürmt hatte.
„Opi, Du sollst nicht fluchen, das darf man nicht. Hast Du selbst gesagt!"
Vorwurfsvoll baute sich die fünfjährige Bettina neben ihrem Großvater auf, der - zappelnd wie ein gestrandeter Maikäfer - versuchte, wieder auf die Beine zu kommen.
„Entschuldige, Tina, ich weiß, das ist mir nur so raus gerutscht!"
Endlich gelang es Opa Friedrich, wieder auf die Beine zu kommen. Seine Enkelin lachte hellauf.
„Du siehst aus wie ein Waldschrat" kicherte sie.
Es stimmte.
Opas Jacke und Hose hingen voller Äste, Blätter und Gestrüpp. In seinen Haaren hatten sich Unmengen von
Kletten verfangen, und sein rechtes Ohr wurde von einem Büschel dürrer Grashalme verziert.
„Was ist denn passiert, Friedrich?"
Ralf, Bettinas Vater, kam - angelockt durch das Fluchen seines Schwiegervaters - angerannt, in der Hand noch den Laubrechen, mit dem er die abgeschnittenen Zweige zusammengekratzt hatte.
„In der Hecke sitzt ein Siebenschläfer - den habe ich wohl in seiner Nachtruhe gestört, und da hat er zugebissen!" antwortete Friedrich Hartmann.
„Was ist denn ein Siebenschläfer?" wollte Tina wissen. "Darf ich ihn mal sehen?"
„Lieber nicht, Tina" antwortete ihr Großvater.
„Sonst beißt er dich vielleicht auch noch. Komm, wir gehen ins Haus. Ich lasse mir von Deiner Mama ein Pflaster geben, und dann zeige ich Dir am Computer, wie ein Siebenschläfer aussieht!"
Ralf und Tina halfen Friedrich, die Äste und das Gras aus seinen Kleidern zu zupfen, bevor er seiner Tochter unter die Augen trat.
Monika nötigte ihren Vater im Wohnzimmer auf die Couch, reinigte die Bisswunde mit Wasser, und schmierte trotz der Proteste ihres Vaters antiseptische Salbe darauf. Sie hatte immer welche zu Hause, denn Tina war ein Wirbelwind und hatte ständig irgendwo Kratzer und Schürfwunden.
Dann wickelte sie ihrem Vater einen dicken weißen Verband um die Hand.
„Man kann ja nie wissen, vielleicht hatte das Vieh ja Tollwut" sagte sie. "So, und jetzt gibst Du endlich mal Ruhe" beschied sie ihren Vater.
„Ich hole nur meinen Laptop von oben" sagte Friedrich.
„Ich will Tina einen Siebenschläfer zeigen".
Monika verschwand wieder in der Küche, um ihren Zwetschgenkuchen mit Streuseln zu belegen und in den
Ofen zu schieben.
Minuten später sah sie durch die halb offene Küchentüre ihren Vater und Tina über den Laptop gebeugt.
Beruhigt wandte sie sich ihrer Arbeit zu.
Opa Friedrich hatte inzwischen das Foto eines Siebenschläfers auf den Bildschirm geholt, das Tina
interessiert betrachtete.
"Opi, der ist süüüüß, der hat ja ein Gesicht wie eine Maus!" stellte sie staunend fest. "Und einen Schwanz wie ein Eichhörnchen!"
"Gut beobachtet, Kleines" lobte Opa Friedrich.
"Siehst du und dehalb hatten die Siebenschläfer früher keinen Namen "
"Und warum heißen sie jetzt "Siebenschläfer?" wollte Bettina wissen.
"Naja, das war so" begann Opa Friedrich. "Niemand wusste, wie er die Tierchen nennen sollte. Die Mäuse wollten sie nicht in ihrer Familie haben, weil sie nicht so dünne Schwänze hatten, wie es sich für Mäuse gehört. Zu den Eichhörnchen gehörten sie aber auch nicht - die nannten sie abfällig „Mausgesichter", wegen ihrer spitzen Schnauze und den großen schwarzen Augen ..."
„Aber irgend einen Namen mussten sie doch haben!" meinte Tina.
„Richtig! Das fand die große Fee Matilda in ihrem Reich auch. Und so überlegte sie mit ihren Freundinnen, wie sie die hübschen kleinen Tierchen nennen könnten. Sie beobachten sie eine Weile und fanden heraus, dass sie nicht nur nachtaktiv waren, sondern auch einen sehr langen Winterschlaf hielten - von September bis Mai. Das sind zwar mehr als sieben Monate - aber Achtschläfer" oder Neunschläfer" als Name fanden alle Feen schlicht unmöglich. So kam der Siebenschläfer zu seinem Namen."
„Opi, was ist denn nachtaktiv?" wollte Tina wissen.
„Es bedeutet, dass sie tagsüber schlafen und nachts auf Futtersuche gehen. So wie Tante Edeltrauds Katzen. Die liegen ja auch tagsüber irgendwo herum und schlafen, und nachts terrorisieren sie das ganze Haus."
Tante Edeltraud war Friedrich Hartmanns Schwester. Sie lebte auf einem großen Bauernhof, der außer von
Kühen, Schweinen, Schafen und einem großen Bernhardiner auch von unzähligen Katzen bevölkert wurde,
die Friedrich abgrundtief hasste - nicht nur wegen der überall herumliegenden Haare, sondern auch, weil er
wegen der vermaledeiten Viecher nie zum Schlafen kam.
„Opi, Du hast ja Kletten in den Haaren" stellte Tina plötzlich fest, als sie ihren Blick vom Bildschirm löste.
„Darf ich sie raus zupfen?"
Sie wartete die Antwort gar nicht ab, sondern kletterte aufs Sofa und machte sich daran, die stachligen Biester aus Opas silberner Mähne zu klauben.
Ihre Mutter hatte inzwischen den frischen Kuchen aus dem Backofen geholt.
Wehmütig warf sie durch die Küchentüre einen Blick auf Opa und Enkelkind, während sie ihn in Stücke schnitt. SIE hatte das nie gedurft - ihr Vater mochte es überhaupt nicht, wenn ihm jemand in die Haare langte.
Nicht einmal seiner eigenen Frau, Tinas Großmutter, hatte er gestattet, seine sorgfältig gepflegte Frisur zu zerstören. Aber seine geliebte Enkelin - die durfte das. Opa schien es sogar zu genießen...
Monika schüttelte die Erinnerung ab. Sie stellte Tassen und Teller auf den Tisch, brachte eine große Kanne Kaffee und rief ihren Mann vom Garten herein.
"Ich habe den Siebenschläfer erwischt" verkündete Ralf stolz, "und ihn mit dem Apfelpflücker eingefangen."
„Papi !!! Hast Du ihn etwa ...???" fragte Tina empört.
„Nein kein Haar habe ich ihm gekrümmt" versicherte Ralf seiner überaus tierliebenden Tochter.
„Ich habe ihn nur umgesiedelt - rüber in den Wald. Damit er Opa nicht wieder beißen kann!"
„Na, dann ist es ja gut" meinte Bettina befriedigt, schnappte sich ein Stück frischen Zwetschgenkuchen vom Teller, häufte drei Löffel Sahne darauf und begann zufrieden zu futtern.


© Christine Rieger