Dienstag, 16. Dezember 2014

Reizwortgeschichte Advent



Tannenbaum – Weihnachten – schenken – heimlich - golden

Advent

Mami, wie lange dauert es denn noch, bis Weihnachten ist?“
Bettina kam in die Küche gelaufen, wo ihre Mutter am Tisch saß und sich bemühte, aus einem Haufen Tannenzweigen, die ihr Vater gestern aus dem Wald mitgebracht hatte, einen Adventskranz zu binden. Der Tisch war übersät mit Tannennadeln und abgeschnittenen Ästchen. Blumendraht, eine Rosenschere und ein Karton mit Dekorationsartikeln lagen mittendrin. „Noch vier Wochen, Schätzchen“ antwortete Monika. „Schau, wir haben heute den 1. Advent, da zünden wir die erste Kerze an, und dann jeden Sonntag eine weitere, bis es vier sind. Und dann, am 24. Dezember ist der Heilige Abend“. „Ja, ich weiß, Mami“. Bettina rührte mit dem Zeigefinger in den Tannennadeln herum. „Wir haben doch im Kindergarten das Gedicht gelernt „Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …“ „Na siehst Du“. Monika hätte am liebsten laut geflucht. Das, was da unter ihren relativ ungeschickten Händen entstand, sah nicht gerade wie ein Adventskranz aus. Eher wie ein zerrupfter Besen. Es war das erste Mal, dass sie selbst sich daran versuchte. Früher hatte immer ihre Mutter den Kranz gebunden, aber sie war im Frühjahr ganz plötzlich gestorben. Sie fehlte Monika sehr. Und nicht nur wegen des Adventkranzes …
Die Küchentüre öffnete sich, und Opa Friedrich kam herein, Monikas Vater und Bettinas geliebter Opi. Kopfschüttelnd betrachtete er das angefangene Werk. „Ich weiß, ich habe kein Talent zu sowas“ seufzte Monika, noch ehe ihr Vater einen Ton gesagt hatte. „Man kann doch nicht alles können“ tröstete er. „Komm, lass es mich mal versuchen. Du kannst ja inzwischen die anderen Dekorationen anbringen“. „Danke, Papa, das ist lieb von Dir!“ Monika drückte ihrem Vater einen Kuss auf seine silberne Haarpracht und verdrückte sich aus der Küche, froh, dieser ungeliebten Aufgabe entkommen zu können. Friedrich band sich ein Handtuch um die Taille, um seine Hosen vor dem Baumharz zu schützen und machte sich an die Arbeit. „Du, Opi – bringt das Christkind heuer wieder einen Weihnachtsbaum?“ wolle Bettina von ihrem Großvater wissen. „Ich denke schon, Tina“ antwortete der.
„Aber wie kann es das denn schaffen? Alle Kinder auf der Welt bekommen doch einen Tannenbaum, das ist doch eine Menge Arbeit?“ Opa Friedrich überlegte. Wie erklärte man einem fünfjährigen Mädchen, dass das Christkind durchaus irdische Helfer hat? Schließlich wollte er seiner Enkelin nicht ihren kindlichen Glauben und damit den Zauber der Weihnachtszeit nehmen. „Na ja, weißt Du, Tina, das Christkind macht das natürlich nicht alles alleine“ sagte er schließlich. „Und wer hilft ihm dabei? Die Engel?“ „Nein, die Bäume fällt der Förster im Wald. Und dann stellt er sie an verschiedenen Sammelplätzen ab, wo sie das Christkind holt und an die Menschen verteilt“. „Ja, und wer hängt dann die bunten Kugeln dran, und die Kerzen, und die goldenen  Glöckchen, und das Lametta? „Auch da hat das Christkind Menschen, die ihm behilflich sind. Manchmal sind es Mamis und Papis, oder Omas und Opas…
„Gibt es denn das Christkind dann überhaupt?“ wollte Tina nun geradeheraus wissen. Opa Friedrich kratzte sich am Kopf. Nun steckte er wirklich in der Falle!
„Natürlich gibt es das Christkind!“  Die Stimme kam von der Küchentüre und gehörte Ralph, Tinas Vater. „Am nächsten Mittwoch habe ich frei, und dann gehen wir mal alle zusammen auf den Weihnachtsmarkt. Da kannst Du es sehen!“ „Wirklich, Papi?“ Tina sprang vom Stuhl und flog ihrem Papa in die ausgebreiteten Arme. „Hat es auch goldene Flügel, und lange goldene Haare, so wie in meinem Bilderbuch?" Ihre Frage nach der Existenz des Christkinds war vergessen. „Das wirst Du dann schon sehen“. Ralph warf seinem Schwiegervater heimlich einen verschwörerischen Blick zu und zwinkerte mit den Augen. Opa Friedrich fiel ein dicker Felsbrocken vom Herzen. Gerade noch gerettet! Vor lauter Dankbarkeit beschloss er auf der Stelle, seinem Schwiegersohn, einem erklärten Eishockey-Fan, zu Weihnachten Eintrittskarten für ein Heimspiel seiner Mannschaft zu schenken.
Als Monika zwei Stunden später die Küche wieder betrat, um Kaffee zu kochen, stand auf dem Tisch ein ordentlich gebundener Adventskranz, geschmückt mit goldenen Schleifen, roten Kerzen und kleinen Kiefernzapfen. Rings herum saßen „ihre Drei“, hatten einen Teller mit Plätzchen zwischen sich stehen und knabberten zufrieden vor sich hin.


© Christine Rieger

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