Dienstag, 9. Dezember 2014

Reizwortgeschichte: Klassentreffen

Schlankheitskur – Schönheitswahn – hungrig – zerzaust – dumm

Klassentreffen

Sie hatten sich zur Abschlussfeier der Mittleren Reife zum letzten Mal gesehen. 50 Jahre war das her. Und nun wollten sie sich nach dieser langen Zeit wieder treffen. heute Abend, in einem Edelrestaurant mitten in der Stadt.
Sicher hatten sich ihre ehemaligen Klassenkameradinnen alle sehr verändert. Ob sie wohl jemanden wiedererkennen würde? Und was sollte sie zu diesem Anlass nur anziehen? Ratlos stand Margit vor ihrem Kleiderschrank und inspizierte den Inhalt. Schließlich wollte sie ja nicht unangenehm auffallen… weder im positiven noch im negativen Sinn.
Die Kleiderbügel mit den Hosen schob sie gleich auf die Seite. Die meisten davon passten ihr nicht mehr. Sie hatte in den letzen Jahren etliche Kilos zugenommen  und fühlte sich darin wie eine zu fest gestopfte Blutwurst. Also zu den Röcken. Aber auch da war die Auswahl sehr eingeschränkt. Die meisten waren einfach nur praktisch - Gummibund, gedeckte Farben, Blumen- oder Karomuster. Für einen solchen Anlass denkbar unpassend. Der einzige Rock, der in Frage kam, war ein schwarzer, wadenlanger Glockenrock.  Wenn sie darüber ihre neue Longbluse trug, und das Ganze mit ordentlich Schmuck garnierte, müsste es gehen. Sie nahm den Rock vom Bügel und stieg hinein. Das heißt – sie versuchte es. Aber der Bund ließ sich noch nicht einmal über die Hüften ziehen. Geschweige denn, dass der Knopf zu schließen war …
„Hölle und Verdammnis“ fluchte sie laut, riss sich den Rock wieder herunter und warf ihn aufs Bett.  Wie viele Schlankheitskuren hatte sie schon ausprobiert! Sie hatte sich tagelang nur von harten Eiern und Weißwein ernährt, Bananen und Würstchen gegessen, bis sie keine mehr sehen konnte,  Trennkost und Weight Watchers ausprobiert - mit dem  Ergebnis, dass ihr Geldbeutel immer dünner und sie selber immer dicker wurde. Denn nach jeder Diät hatte sie mehr zugenommen als sie vorher abgespeckt hatte… Sie wandte sich ihren Kleidern zu. Viele hatte sie nicht – aber dann entdeckte sie in der hintersten Ecke ein schwarzes Schlauchkleid. Sie hatte das Teil vor Jahren mal spottbillig im Ausverkauf erstanden, dann aber mangels Gelegenheit nie getragen. Jetzt zog sie es über den Kopf, zerrte es über die Hüften hinunter, strich es glatt und beäugte sich misstrauisch von allen Seiten im Spiegel. Sie erinnerte sich, dass es beim Kauf sehr weit gewesen war. Jetzt saß es hauteng und gab sämtliche Speckpölsterchen gnadenlos den Blicken des Betrachters preis.
„Verdammter Schönheitswahn“ schimpfte sie. „Wer zum Kuckuck hat bloß die Devise ausgegeben, dass nur spindeldürre Hungerhaken mit Storchenbeinen, bei denen man die Rippen durch die Bluse zählen kann, als schön durchgehen? Diese vermaledeiten Modeschöpfer mit ihren „Musen“ waren schuld daran, dass sich Legionen von Frauen hungrig durch den Tag quälten, keine Freude mehr am Leben hatten und jedes Gramm, das die Waage zu viel anzeigte, als Super-Gau empfanden … NEIN! So dumm bin ich nicht mehr!  Plötzlich fiel ihr Blick auf ihre Armbanduhr. Heißer Schrecken fuhr ihr in die Glieder. Schon sechs! Um halb acht war das Klassentreffen angesetzt, und sie stand immer noch in ihrem hautengen Schlauch vor dem Spiegel!  Hastig riss sie einen dünnen, türkisfarbigen  Pullover  mit Lochmuster aus dem Schrank. Der hatte lange Ärmel und reichte ihr bis weit über die Hüften. Sie zog ihn über das Schlauchkleid. Perfekt. Die Rettungsringe waren getarnt. Jetzt noch ein Seidenschal, der die Falten am Hals verdeckte, schwarzer Modeschmuck, große Ohrringe … Sie raste ins Bad. Entsetzt starrte sie ihr Spiegelbild an. Die schulterlangen, kastanienbraun getönten  Haare waren vollkommen zerzaust - sie hätte problemlos als Hexe im Theater auftreten können! Für eine  Generalsanierung der Frisur war es nun zu spät. Kurzerhand  band sie ihre Haare mit einem Zopfgummi zum Pferdeschwanz, steckte ihn auf dem Hinterkopf zu einem lockeren Knoten zusammen und zupfte ein paar Strähnen heraus, um die Strenge abzumildern. Großzügig Haarspray drüber und fertig. So, nun noch die Schminke. In ihrer Hektik rutschte sie mit der Wimperntusche ab. Das Zeug brannte höllisch in den Augen. Schwarze Bäche rannen ihr die Wangen hinunter. Am liebsten hätte sie geheult. Kurz entschlossen wischte sie die ganze Schminke wieder ab. 
„Ist doch sowieso schon alles egal“ dachte sie wütend.  „Sollen doch meine Klassenkameradinnen von mir denken, was sie wollen - die werden ja auch nicht mehr so jung und knackig sein wie in unserer Schulzeit!“
Zehn Minuten nach acht betrat Margit das Restaurant. Ein Kellner führte sie zu dem Tisch, an dem ihre früheren Mitschülerinnen sich versammelt hatten. Vierzehn Augenpaare sahen ihr entgegen und musterten sie neugierig. Langsam trat sie an den langen Tisch. Das konnte doch nicht sein – war sie hier überhaupt richtig? Kein einziges der Gesichter kam ihr bekannt vor. Sie hatte das Gefühl, im Café eines Senioren-Wohnstifts gelandet zu sein. Die Frauen, die dort am Tisch saßen, waren ALT. Es gab keinen anderen Ausdruck dafür. Faltige, ungeschminkte Gesichter. Müde Augen. Graue Dauerwellen, teilweise mit Lila-Stich, graue Schnittlauchlocken.  Rundliche Figuren. Bandagierte Beine in Gesundheitssandalen. Eine der Damen saß im Rollstuhl. Neben einer anderen war ein Rollator geparkt. Dabei waren sie doch alle erst Mitte 60!
Eine der Damen stand auf, als sie den Tisch erreicht hatte, und reichte Margit die Hand. „Schön, dass Du gekommen bist“ sagte sie. „Falls Du Dich nicht mehr an mich erinnern kannst: Ich bin Anita - Deine Banknachbarin …“  

© Christine Rieger

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