Dienstag, 2. Dezember 2014

Reizwortgeschichte: Überraschungsbesuch

Herzlich willkommen auf meinem neuen Blog "Christines Lesebuch".

Ich freue mich sehr, dass Du hierher gefunden hast und hoffe, dass meine Geschichten und Märchen Dir Freude machen werden.



Hier kommt nun meine erste Reizwort-Geschichte mit dem Titel "Überraschungsbesuch".

Viel Spaß beim Lesen!



Herzliche Grüße



Christine

Speck, Idee, armselig, wischen, wütend


Überraschungsbesuch


Brrrrrt.… Brrrrrt ….Brrrrrt ….Brrrrrt …Brrrrrt ….

Das blecherne Gekreische des Telefons riss Martin aus dem Tiefschlaf. Wütend strampelte er die Bettdecke zur Seite, rappelte sich auf und stolperte fluchend in die Diele, wo das nervende Ungetüm unbeirrt auf einem Tischchen vor sich hin plärrte. Sein Blick fiel auf das Display des Telefonhörers. ZEHN Uhr morgens. Und das an einem Samstag! Wo, verdammt noch mal, war denn Conny bloß? Das konnte doch nur  ihre Mutter sein, die zu dieser unchristlichen Zeit anrief. 
Wie fast alle älteren Leute litt seine Schwiegermutter an seniler Bettflucht, hatte spätestens um acht gefrühstückt und steckte nun voller Tatendrang, den sie austobte, indem sie alle Verwandten telefonisch aus dem Schlaf riss, um sich nach ihrem werten Befinden zu erkundigen …
„Berger“ schrie er in den Hörer. Er hasste es wie die Pest, wenn er noch vor  der ersten Tasse Kaffee vollgequasselt wurde. Noch dazu, wenn er - wie letzte Nacht - erst gegen drei Uhr früh ins Bett gekommen war. 
„Oh weh, da hat aber jemand noch gar nicht ausgeschlafen“ ertönte eine muntere Stimme aus dem Hörer. Eine männliche.  Also nicht seine Schwiegermutter. Martin schlurfte, den Telefonhörer in der Hand, zurück ins Schlafzimmer. Mit den Zehen angelte er unter dem Bett nach seinen Pantoffeln, die sich irgendwo darunter verkrümelt hatten, fand sie nicht und ließ sich kurzerhand wieder in die Kissen  fallen. 
„Wer is’n da überhaupt?“ nuschelte er. 
„Na ich bin‘s, Jochen“. Der andere hüstelte. „Nun sag bloß noch, Du kannst Dich nicht mal an Deinen eigenen Bruder erinnern!“ 
„Doch. Aber nicht am Samstagmorgen um Zehn. Da schlafe ich nämlich noch“ brummte Martin. 
„Dann wird’s Zeit, dass Du aufstehst!“ Martin sah seinen Bruder förmlich durch den Hörer grinsen. „Wir sind nämlich gerade auf dem Weg nach Süden in den Urlaub und wollten Euch mal wieder besuchen!“ 
Martin seufzte abgrundtief. Er liebte seinen Bruder wirklich, aber musste der immer so überfallartig hier aufschlagen? 
„Na schön“ knurrte er gnädig. „Aber viel zu essen haben wir nicht mehr da - Conny ist noch nicht zum Einkaufen gekommen…“
„Macht nichts“ meinte Jochen. „Dann gehen wir eben ins Restaurant.  Also,  wir sind auf dem Weg, in zwei Stunden kommen wir!“ 
Noch ehe Martin etwas erwidern konnte, wurde der Anruf beendet. Was nun? Jochen kam aus Hannover, hatte schon mindestens fünf Stunden Fahrt hinter  sich und mit Sicherheit einen Bärenhunger. Verfressen war er auch - er konnte Portionen verdrücken, die ihm und Conny für drei Tage reichen würden! CONNY! Wo war die überhaupt? Martin hievte sich wieder aus dem Bett, bugsierte den Telefonhörer auf die Ladestation, angelte seine Hausschuhe unterm Bett hervor und schlappte in die Küche, um den Inhalt des Kühlschranks zu inspizieren. 
Was er vorfand, war einfach nur armselig. Drei Scheiben Wurst, die vermutlich sogar der Dackel des Nachbarn verschmähen würde. Ein Joghurt mit längst abgelaufenem Verfalldatum. Ein schäbiges Restchen ranzige Butter. Im Gemüsefach ein Bund Radieschen mit welken Blättern. Ein halb leeres Glas mit Marmelade. Sonst nichts. 
Damit seinen gefräßigen Bruder und dessen Frau abzufüttern, war ein Ding der Unmöglichkeit.  Während er noch überlegte, ob er sich dem Besuch nicht lieber durch sofortige Flucht entziehen sollte, schepperte es an der Wohnungstüre. Die Türe wurde mit Karacho aufgeschubst und knallte gegen die Wand. Durch die entstandene Öffnung zwängte sich Conny, beladen wie ein Packesel. Sie schleppte einen riesigen Einkaufskorb, vollstopft mit Lebensmitteln. In der anderen Hand einen Sack Kartoffeln und eine Plastiktüte, aus der oben Grünzeug heraushing, das schrecklich gesund aussah. Unter den Arm hatte sie eine Großpackung Toilettenpapier geklemmt.
„Mahlzeit, mein Schatz“ lachte sie fröhlich. „Ich dachte schon, Du stehst heute erst zur Tagesschau auf“.
„Jochen kommt“ knurrte Martin statt einer Begrüßung,  in einem Ton, als wolle er einen Todesfall verkünden. „In zwei Stunden!“.
„Na, dann haben wir ja Glück, dass ich schon zum Einkaufen war“ meinte Conny.“Aber nun - husch, husch, sieh zu, dass Du endlich in die Puschen kommst!“
Sie scheuchte ihren Gatten mit einer Handbewegung aus der Küche und begann, ihre Einkäufe aufzuräumen. Während sie die schäbigen Reste aus dem  Kühlschrank in der Mülltonne entsorgte, kam ihr schon eine Idee für das Mittagessen. Bohneneintopf mit Speck. Den konnte sie mit  Kartoffeln so strecken, dass er für alle reichte. NUR mit den Bohnen würde sie  nicht mal Jochen alleine satt bekommen. Sie kannte seinen ungeheuren  Appetit, der sie immer an Bud Spencer in seinen Filmen erinnerte.  Aus dem Vorratsschrank holte sie die beiden Dosen mit Bohnen, die schon seit langem darinstanden. Martin musste die mal gekauft haben - sie selber mochte keine Hülsenfrüchte. Speck hatte sie vom Metzger mitgebracht. Dazu frisches Weißbrot, einen gemischten Salat, und als Dessert Eis mit Sahne. Das konnte sie mit ihrer Küchenmaschine im Nu selbst herstellen. Eigentlich müsste das reichen. In Windeseile machte sie sich an die Arbeit. 
Als Martin eine halbe Stunde später aus dem Bad kam, und sich seinen ersten Kaffee einverleibte, war das Mittagessen bereits in Arbeit. Kurz nach zwölf Uhr fuhr Jochens klappriger Renault, den nur noch der Rost und jede Menge Schmutz vor dem Auseinanderfallen bewahrten, vor dem Haus vor. Der Tisch war gedeckt, der Bohneneintopf stand auf der Herdplatte zum Warmhalten, das Eis im Gefrierschrank. Hastig wischte Conny noch einmal mit dem Küchenhandtuch über die Arbeitsplatte, warf einen kurzen Blick in den Spiegel, um eine herunterhängende Haarsträhne zu befestigen und lief dann hinter Martin her, um die unerwarteten Gäste willkommen zu heißen.


© Christine Rieger

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