Freitag, 30. Januar 2015

Aufstiegskampf


 

Liebe Lesebuch-Fans,

Das Wetter ist zur Zeit nicht gerade einladend - eine gute Gelegenheit, wieder einmal zu lesen!
Und nachdem heute die Fußball-Bundesliga in die Rückrunde startet, habe ich dazu eine passende Geschichte für Euch...

Gute Unterhaltung!
 
 
Aufstiegskampf

Das Fußballspiel war in vollem Gange. Es ging wieder einmal heiß her zwischen den beiden Dorfvereinen - man hätte meinen können, es hinge der Weltmeisterschafts-Pokal von einem Sieg ab.

Die Zuschauer auf beiden Seiten feuerten ihre Mannschaften an. Sie schwenkten Clubfahnen, sangen, pfiffen, schrien sich heiser, Die Mannschaft, die heute Nachmittag den Sieg davontrug, würde in die nächsthöhere Klasse aufsteigen. Das war alle Mühen wert. In der Halbzeitpause stand es unentschieden. Die Fans beider Mannschaften stießen wilde Drohungen gegeneinander aus. Versuchten, aufeinander loszugehen. Aber die Polizei - rings um das Spielfeld postiert und mit Schlagstöcken bewaffnet - war auf der Hut. Es gelang, die verfeindeten Parteien auseinander zu halten.

Anpfiff zur zweiten Halbzeit. Die Mannschaft in den schwarzen Trikots mit der leuchtenden Sonne auf der Brust eroberten den Ball. Rannten, was die Beine hergaben. Und dann - ein Schuss - und Tooooooor !!! Jubelgeschrei , Freudengesänge, Trommelwirbel. Ein Pfiff durchschnitt den Lärm. Der Schiedsrichter erkannte auf "Abseits" - das Tor war damit ungültig. Sekundenlang herrschte Totenstille im Stadion. Dann brach die Hölle los. Von irgendwo her kam ein Gegenstand geflogen. Noch einer. Feuerzeuge, Plastikbecher, ein Schlüsselbund wurden in Richtung des Schiedsrichters geworfen. Jemand zündete eine Feuerwerksrakete. Das war das Signal. Die Fans beider Mannschaften stürmten das Spielfeld. eine Prügelei brach los, Mann gegen Mann. Die Polizisten taten ihr Möglichstes. Aber sie waren machtlos gegen die Schläger. Das war kein Fußballspiel mehr. Das war KRIEG !
 
Auf den Zuschauerrängen brach Panik aus. Viele versuchten, irgendwo in Deckung zu gehen. Drängten zu den Ausgängen, um das Stadion zu verlassen. Spieler, Linien- und Schiedsrichter versuchten, sich in die Umkleidekabine zu retten. Es sah aus, als würden sie um ihr Leben rennen. Vielleicht war es auch so. Ein Hagel von Wurfgeschossen ging aus der Fankurve auf die Flüchtenden nieder. Feuerzeuge, Wasserflaschen, Getränkedosen, Schuhe - was immer greifbar war, wurde in Richtung der Umkleidekabinen geschleudert.
 
Und dann geschah es. Kurz vor dem Eingang. Schon fast in Sicherheit. Der Schiedsrichter begann zu schwanken wie ein Betrunkener. Stolperte, über irgend etwas, das auf dem Boden herumlag. Versuchte, sich am Geländer festzuhalten. Vergebens. Er fiel. Zwei Spieler versuchten, ihm auf die Beine zu helfen. Aber sie schafften es nicht. Er blieb einfach liegen. Ein Schwächeanfall? Eines der Wurfgeschosse, das ihn getroffen hatte?

Der herbeieilende Notarzt konnte nichts mehr für ihn tun. Herzstillstand.

 
 
 

© Christine Rieger
 
 

 
 
 

 
 
 

 

Dienstag, 27. Januar 2015

Die andere Hälfte


Vorab erst einmal ein "Herzlich Willkommen" an unsere beiden neuen Mitstreiterinnen Anna und Eva V.

Ich hoffe, Ihr fühlt Euch wohl hier, und wünsche Euch viele gute Ideen beim Geschichten-Erfinden!




Reizwortgeschichte


Schlüssel - Kalender - schreiben - begeistert - erschöpft


Die andere Hälfte


„Sag mal, Schatz, hast Du zufällig irgendwo meinen Autoschlüssel gesehen? Ich suche ihn jetzt schon eine halbe Stunde, und wenn ich nicht endlich losfahre, dann machen die Läden zu …“ Judith stürmte ins Wohnzimmer und ließ sich erschöpft auf die Couch fallen.

Unwillig sah Walter von der Zeitung auf. „Kannst Du Dir nicht endlich mal angewöhnen…“  „Ja, ja, den Schlüssel und die Brille und das Handy immer an den gleichen Ort zu legen…“ unterbrach Judith ärgerlich. „Du kannst die Predigt einstellen, Herrn Pfarrer - Sonntag war gestern!“ Diese Tiraden konnte sie nun schon singen! „Ist doch auch wahr“ knurrte Walter. „Ständig diese Sucherei! Und wenn Du Dir schon nicht merken kannst, wo Du Deine Sachen abwirfst, dann solltest Du es Dir zumindest aufschreiben…“ Lieber Schatz, ich weiß ja, dass Du Recht hast, und dass Ordnung das halbe Leben ist, aber ich habe mich nun mal für die andere Hälfte entschieden, und den Schlüssel NICHT ordnungsgemäß ans Schlüsselbrett gehängt. Jetzt hilf mir doch bitte mal suchen, sonst komme ich überhaupt nicht weg!“

Seufzend legte Walter die Zeitung auf den Couchtisch und hievte sich aus dem Fernsehsessel. Dann begann er systematisch, alle Verstecke, von denen er wusste, dass seine Frau dort immer ihre Sachen fallen ließ, abzusuchen. Ohne Erfolg. Währenddessen durchwühlte Judith auch die unmöglichsten Orte. Vom Kühlschrank über den Korb mit der Schmutzwäsche, den Backofen und den Schirmständer im Flur - nichts. „Das kann doch nicht wahr sein! Ich bin doch wirklich eine jämmerliche Schlampe“ schimpfte sie entnervt, nachdem sie nicht nur ihre neunzehn Handtaschen, sondern auch die Taschen aller Jacken und Mäntel, die sie in den letzten Monaten getragen hatte, vergeblich durchsucht und außer benutzen Taschentüchern, dem seit Wochen vermissten Einkaufswagen-Chip und einem längst vergessenen Zwanzig-Euro-Schein nichts zutage gefördert hatte. Wutentbrannt riss sie ihre riesige schwarze Handtasche, die sie vorgestern Abend zum Stammtisch zuletzt mitgehabt hatte,  vom Garderobenschränkchen. „Dann fahre ich eben mit dem Bus“ rief sie Walter zu. „Wenn der blöde Schlüssel wieder auftaucht, sag ihm einen schönen Gruß von mir, und jetzt kann er auch bleiben, wo der Pfeffer wächst!“

In ihrer Hektik erwischte sie nur einen Henkel. Wie üblich, war der Reißverschluss NICHT geschlossen. Die Tasche kippte um, und der ganze Inhalt plumpste  im Flur  auf den Boden. Handy, zwei Hustenbonbons, Brieftasche, Geldbeutel, eine leere Plastikflasche, Terminkalender, eine Handvoll Münzen (auch der Reißverschluss des Geldbeutels stand offen), Brieftasche, ein Paar Probiersöckchen aus dem Schuhladen, eine Tablettenbox mit zwei Aspirin,  ein benutztes Papiertaschentuch und drei angefangene Päckchen mit frischen Taschentüchern - und was lag obendrauf? DER AUTOSCHLÜSSEL! Walter stand in der Wohnzimmertüre und beäugte - wenig begeistert - das Chaos auf dem Boden. „Wieso musst Du eigentlich immer Deinen ganzen Haushalt mit herumschleppen?“ fragte er kopfschüttelnd.

„Ganz einfach - wenn bei uns mal einer einbricht, findet er nichts mehr - ich habe alles bei mir“ gab Judith trocken zur Antwort. Sie warf den ganzen Kram wieder in ihre Tasche, drückte ihrem Mann einen schnellen Kuss auf den Mund, und bevor er noch Zeit hatte einen Kommentar abzugeben, fiel die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss.



© Christine Rieger

Dienstag, 20. Januar 2015

Bobby und Barbie


Reizwortgeschichte

Schneemann - Traum - rasen - kichern - weinen
 

Endlich war es wieder kalt geworden! Drei Tage hatte es ununterbrochen geregnet, aber in der letzten Nacht war das Thermometer auf fünf Grad minus gefallen.

Bobby war glücklich. Nun konnte er endlich wieder hoffen, noch ein paar Tage stehen zu bleiben, ohne immer kleiner und mickriger zu werden … der Regen hatte ihm schon sehr zugesetzt! Zum Glück war er groß. Ungewöhnlich groß sogar! Das hatte er Christopher  zu verdanken, dem baumlangen Erzieher aus dem nahen Waldkindergarten. Der hatte Bobby nämlich, zusammen mit seinen Schutzbefohlenen und der zierlichen Erzieherin Sandra, die ihm gerade mal bis zur Brust reichte,  vor einer Woche hier aufgestellt. Doch sogar  Christopher musste auf einen abgesägten Baumstamm steigen, um den Kopf oben draufsetzen zu können! So war Bobby trotz des Dauerregens noch nicht vollkommen in sich zusammengesunken.
Doch Bobby war nicht nur wegen seiner ungewöhnlichen Größe ein ganz besonderer Schneemann. Nein, er unterschied sich auch sonst von seinen Kollegen. Statt des üblichen schwarzen Zylinders hatte Christopher ihm eine knallrote Baseball-Kappe mit dem Schriftzug „Willkommen auf Ibiza“ auf den Kopf gesetzt. Als Schal diente ein mottenzerfressenes Sweatshirt in grün, das Sandra ihm mit den Ärmeln um seinen dicken Hals gebunden hatte, und das aus dem Lumpensack im Kindergarten stammte. Seine Augen und die Knöpfe auf seinem weißen Anzug waren schwarze Steine. Die hatten die Kinder mit Begeisterung aus dem Waldboden gebuddelt. Dass sie allesamt hinterher aussahen wie nach einer Schlammschlacht, störte niemanden. Während des Regens in den letzten Tagen war der Schlamm aufgeweicht, und Bobby sah aus wie eine Frau, der die Wimperntusche in langen Bächen das Gesicht herunterlief. Es gab ihm das Aussehen eines sehr traurigen Clowns. Doch Bobby war keineswegs traurig. Er langweilte sich nur. Seit Tagen waren Christopher, Sandra und die Kinder nicht mehr hier gewesen. Bei diesem Dauerregen hatten sie es vorgezogen, in ihrem warmen Kindergarten zu bleiben und sich mit Knetgummi, Buntstiften und lustigen Kinderspielen zu beschäftigen. Und auch sonst kam niemand vorbei. Selbst die Jogger, die hier regelmäßig ihre Runden drehten, hatten es wegen des miesen Wetters vorgezogen, zu Hause zu bleiben. Nachdem sich überhaupt nichts rührte, wurde Bobby ziemlich müde. Er gähnte laut, und irgendwann schlief er ein. Wie lange er vor sich hin gedöst hatte, wusste er nicht. Aber als er aufwachte, erinnerte er sich an einen seltsamen Traum.  Ein gar nicht mehr so junges, frisch verliebtes Paar, das einen Schlitten hinter sich herzog, war auf seinem Waldspaziergang vorbeigekommen. Als sie den Schneemann entdeckten, blieben sie stehen. „Schau Dir das an, Frank“ sagte Claudia. „Der arme Kerl sieht so traurig aus - bestimmt ist er einsam. Der braucht eine Frau!“ Spontan beschlossen die beiden, eine Schneefrau zu bauen. Sie kicherten wie alberne Kinder, während sie dicke Schneekugeln rollten und dann aufeinandersetzten.

Staunend beobachtete Bobby, wie Frank der Schneedame einen Busen verpasste. Claudia formte aus dicken Schneewürsten zuerst die Arme und dann aus etwas dünneren, die sie um die unterste Schneekugel schichtete, einen Faltenrock. Kritisch begutachteten sie ihr Werk. „Sie braucht noch einen Besen“ lachte Claudia. „Damit sie ihrem Herrn Gemahl eins überbraten kann, wenn er zu frech wird…“ Lachend riss sie von einem in der Nähe stehenden Baum einen dürren Ast ab und steckte in der Schneefrau in die Arme. „Die Ärmste hat einen Kahlkopf“ grinste Frank. „Das passt aber gar nicht zu ihr! Und außerdem friert sie ja dann!“ Nach kurzem Überlegen rupfte Claudia kleine Ästchen von den umliegenden Büschen ab und piekte sie der Schneefrau in den Kopf. Für das Gesicht sammelte sie Steine auf - zwei für die Augen, und einen großen, sehr spitzen für die Nase. Der Mund bestand aus einem dickeren, halbrunden Hölzchen. Claudia drückte es der Schneefrau so ins Gesicht, dass die Mundwinkel nach unten hingen. Frank warf sich vor Lachen in  den Schnee. „Klasse, Schatz! Sie sieht aus wie meine frühere Mathe-Lehrerin, wenn ich wieder mal die Schulaufgabe versemmelt habe … „Hihihi, mich erinnert sie an eine Lehrerin in der Berufsschule" lachte Claudia. "Ich habe bei ihr Maschineschreiben gelernt, und immer, wenn sie mit dem Zählen meine Tippfehler nicht nachkam, hatte sie so einen Gesichtsausdruck..." Sie wieherten, dass ihnen die Tränen die Wangen herunterliefen. Sogar Bobby musste grinsen. Die beiden waren auch zu komisch! Es musste toll sein, so verliebt zu sein! Und noch dazu in vorgerücktem Alter … Frank war bestimmt schon über 50, und Claudia nur wenig jünger. Endlich hatten die beiden genug herumgetobt. Frank holte den Schlitten, den er vorhin hochkant an einen Baum gelehnt hatte. Die beiden stiegen darauf, winkten dem Schneepärchen zum Abschied zu,  und Sekunden später rasten sie  mit Karacho den steilen Abhang hinunter. Ihr Lachen und Jubeln war noch eine ganze Weile zu hören.

Plötzlich schluchzte jemand neben Bobby laut. Erstaunt warf er einen Blick auf seine neue „Frau“. Und sah  sie bitterlich weinen. Dicke Tränen kullerten ihr über die runden Wangen und hinterließen schmutzige Spuren auf ihrem Gesicht. "Ja, was ist denn los“ fragte Bobby ratlos. Mit Frauen, und schon gar nicht mit solchen, die heulten, hatte er bisher keine Erfahrung. „Ich weiß nicht, wie ich heiße“ jammerte die Unglückliche. „Ich habe ja nicht mal einen Namen!“„Na, wenn es weiter nichts ist“ tröstete Bobby. „Dann erfinden wir einfach einen für Dich. Weißt Du was? Ich nenne Dich Barbie. Wie die Puppe mit der Wespentaille, den langen blonden Haaren und vielen Kleidern. Bobby und Barbie - das klingt doch gut, oder nicht?“ Die Schneefrau starrte ihren Partner an. Dann zog ein Lächeln über ihr Gesicht, und die nach unten gebogenen Mundwinkel richteten sich aufwärts.

„Bobby und Barbie“ flüsterte sie glücklich. „Ja, das gefällt mir!“


 © Christine Rieger

Weitere Geschichten bei:


Samstag, 17. Januar 2015

Gut gezielt

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
damit Euch die Zeit bis zur nächsten Reizwort-Geschichte nicht gar so lang vorkommt, gibt es heute zur Abwechslung mal einen Krimi!
 
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen! 
 
 
 
Die U-Bahn-Station war schon tagsüber wenig attraktiv - düster, schmuddelig, kalt. Jetzt, am späten Abend, wirkte sie geradezu unheimlich. Es regnete, und ein kalter Wind fegte durch die Straßen. Kein Wetter zum Ausgehen. Am Bahnsteig der stadteinwärts fahrenden Linie saß auf einer der wenigen Bänke ein junger Mann. Punkfrisur, Lederklamotten, Nietenarmband, um den Hals eine schwere Eisenkette. Er machte nicht den Eindruck, als wolle er irgendwohin. Er saß nur einfach da und stierte ins Gleisbett. Die drei jungen Frauen neben ihm, aufgestylt mit Miniröcken, Stilettos und pfundweise Modeschmuck, waren ganz offensichtlich auf dem Weg in eine der Innenstadt-Discos. Dann stand da noch eine alte Dame mit einem Rollator, auf dem Heimweg vom Besuch bei ihrer Schwester. Sonst war der Bahnsteig leer. Die U-Bahn ließ - wieder einmal - auf sich warten. Eine Störung vermutlich, das kam in letzter Zeit dauernd vor.
Auf der Rolltreppe, die von oben in die "'Unterwelt" führte, wurde es laut. Betrunkene. Sie polterten - immer mehrere Stufen auf einmal nehmend - grölend in die U-Bahn-Station. Es war nicht zu übersehen - sie waren auf Krawall aus. Sie waren zu viert. Und sie entdeckten sofort das passende Opfer unter den Wartenden. Ohne sich auch nur mit einem Blick zu verständigen, torkelten sie wie auf Kommando auf die alte Dame mit der Gehhilfe zu.
"Na, Oma", sagte einer - "meinst Du wirklich es lohnt sich für Dich noch, nach Hause zu fahren?"
Die anderen lachten laut. Er gab dem Gehwagen mit seinem Stiefel einen Tritt. Instinktiv ließ die alte Dame die Griffe los, und der Rollator polterte scheppernd auf die Gleise. Wieherndes Gelächter seiner Kumpane. Und dann geschah alles gleichzeitig.
 
Bevor der Betrunkene noch Gelegenheit hatte, die alte Dame ebenfalls auf die Gleise zu schubsen, kam von irgendwoher eine schwere Eisenkette geflogen, die den Randalierer am Kopf traf. Er verlor das Gleichgewicht, fuchtelte wild mit den Armen, versuchte, sich irgendwo festzuhalten. Aber da war nichts. Mit einem Schrei fiel er auf die Gleise. Direkt vor die einfahrende U-Bahn.

Dienstag, 13. Januar 2015

Das Konzert


Reizwortgeschichte


Konzert - Geruch - verlassen - denken - dunkelrot


Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Selbst seitlich und in den Gängen standen noch Menschen, die in den Bänken keinen Platz mehr gefunden hatten. Doch noch immer drängten Besucher durch den Haupteingang und die beiden Seitenportale.  Sie alle freuten sich auf das Gospelkonzert, das in einer Dreiviertelstunde beginnen sollte.

Ulla und Babsi waren bereits zwei Stunden vor Konzertbeginn gekommen, um auch ja möglichst weit vorne sitzen zu können, was gar nicht so einfach war, denn es handelte sich um ein Benefizkonzert mit freiem Eintritt. An den Eingängen waren Spendenboxen aufgestellt, in die jeder Zuhörer nach Geldbeutel eine Spende werfen konnte. Platzreservierungen gab es nicht, und da der Gospelchor eine riesengroße Fangemeinde hatte, und normalerweise die Eintrittskarten zu den Konzerten für kleinere Geldbeutel  unerschwinglich waren, musste man schon sehr früh da sein. Doch die Freundinnen hatten es geschafft. Erwartungsvoll saßen sie nun auf den mit dunkelroten Samtkissen bedeckten Kirchenbänken und warteten auf den Beginn des Konzerts.

Die Wartezeit schleppte sich dahin. In der großen Kirche herrschte gespannte Erwartung. Leises Flüstern der Zuschauer, Füßescharren, ab und zu nieste oder hustete jemand. Ansonsten herrschte fast atemlose Stille - ganz und gar nicht selbstverständlich bei dieser großen Menschenmenge. Um halb acht wurden alle Eingänge geschlossen. Die Kirche war restlos überfüllt. Wer jetzt noch kam, musste draußen bleiben. Zwar wurde der Auftritt des Chors nach draußen auf eine Großbild-Leinwand übertragen - aber bei Temperpaturen unter dem Gefrierpunkt war das nicht gerade ein Vergnügen, mehrere Stunden im Freien ausharren zu müssen. Babsi fixierte den Zeiger ihrer Armbanduhr. Der bewegte sich ja überhaupt nicht voran! Unglaublich, wie lange eine Minute dauern konnte! Sie fühlte sich plötzlich wieder an die Weihnachtsfeste bei ihren Eltern erinnert. Da war die Zeit am Heiligabend vor der Bescherung auch immer so langsam vergangen …

Dann, ENDLICH war es so weit. Im Kirchenschiff, kurz vor dem Altar, wo man eine behelfsmäßige Bühne aus Holzbrettern aufgebaut hatte, begann ein jüngerer Mann, auf einem Keyboard zu spielen. Und dann kamen sie. Eine unübersehbare Menge Frauen und Männer, alle in den gleichen weißen Kostümen, die Ordensgewändern ähnelten. Nur der Leadsänger, ein großer, blonder, sehr schlanker Mann, trug ein grünes Chorgewand. Beifall brandete auf. Und dann begann der Sänger, nur begleitet von dem Keyboard, mit dem „Ave Maria“. Er hatte eine wunderbare Stimme, die man allenfalls bei einem schwarzen Sänger vermutet hätte. „Goin‘ down Jordan“ war das nächste Lied, dann folgte „Oh when the saint’s go marchin in …“. Ein Hit folgte dem anderen, und schon bald hielt es die Zuhörer nicht mehr in ihren Bänken. Viele standen auf, klatschten, sangen die Texte mit. Der Leadsänger verstand es wirklich, die Menschen mitzureißen. Enttäuschung machte sich breit, als nach einer guten Stunde der Sänger um eine kurze Unterbrechung bat. „Ich muss mir mal die Stimme ölen“ verkündete er augenzwinkernd, obwohl zu seinen Füßen  eine Thermoskanne stand, aus der er sich ab und an einen Schluck heißen Tee gegönnt hatte. Niemand verließ während der Pause seinen Platz, aus Angst, hinterher jemand anders darauf vorzufinden. Abgesehen davon wäre es schwierig gewesen, überhaupt aus der Bank zu kommen.

Es dauerte eine knappe halbe Stunde, dann war der Chor zurück auf der Bühne und das Konzert nahm seinen Fortgang. Die Stimmung kochte nahezu über, und niemand bemerkte, dass auf dem Altar hinter dem Chor plötzlich eine brennende Kerze umkippte, die der Kirchendiener auszublasen vergessen hatte. Das Geschehen wurde durch die Sänger auf der Bühne völlig verdeckt. Doch plötzlich - mitten in einem Solo des Leadsängers - zog ein stechender Geruch durch das Kirchenschiff. Und dann sahen  sie es: Hinter der Bühne stieg Rauch auf, der schnell dichter wurde.

„FEUER!“ schrie irgend jemand. „Da hinten brennt es!“

In der nächsten Sekunde schien die Hölle loszubrechen. Ohne nachzudenken, fingen die Menschen an, zu den Ausgängen zu drängeln, um die Kirche zu verlassen. Schreie, Hilferufe, Panik. Eine jüngere Frau, die aus einer der Bänke in der vorletzten Reihe steigen wollte, stolperte, fiel hin. Ein Mann zerrte sie auf die Beine, bevor die nachdrängenden Menschenmassen sie niedertrampeln konnten. Plötzlich - nach einer gefühlten Ewigkeit - ein lauter Schrei, der die Panik übertönte. Nach einer Schrecksekunde hatte der Leadsänger des Gospelchors sich gefasst. Er sprang zu seiner Musikanlage, drehte den  Verstärker auf Volllast und brüllte mit einer Stimme, die an die Posaunen von Jericho erinnerte, in sein Mikrofon.

„RUHE !!! “ schrie er. Und noch einmal: „RUHE !!!“

Die Menschen zuckten zusammen, blieben stehen wie eingefroren. Sekundenlang bewegte sich niemand. Dann wieder die Stimme des Sängers: „Bitte bewahren Sie Ruhe, Sie kommen alle hier raus. Aber nur, wenn niemand durchdreht!“  Er gab seinen Chorsängern ein Zeichen, das Keyboard begann wieder zu spielen, und dann hämmerte ein knallharter Rocksong durch die Kirche. Bässe wummerten, und automatisch, ohne es zu merken, passten sich die Füße der Flüchtenden dem Takt an. Die Menschen, die in den Gängen gestanden hatten, marschierten nun, fast wie bei einer Militärparade, im Takt der Musik ins Freie. Ulla und Babsi, die aufgrund ihrer exponierten Plätze dem Brandherd sehr nahe waren, mussten mit ansehen, wie hinter der Bühne die Flammen immer höher stiegen. Der Qualm wurde dichter, und nach wenigen Minuten hörten sie den Chor nur noch durch dichte Nebelwolken. Aber er sang weiter. Wie die Musikkapelle auf der „Titanic“,  kurz vor dem Untergang, musste Ulla denken. Angst verspürte sie eigentlich nicht. Es war, als könnte der Gesang aus dem Nebel das Feuer in Schach halten. Ein merkwürdiges Gefühl! Allmählich leerten sich nun auch die Bankreihen, eine nach der anderen. Schließlich kamen auch die ersten Reihen, in denen Ulla und ihre Freundin saßen, an die Reihe. Als sie im Takt der hämmernden Bässe aus den Lautsprechern zur Seitentüre marschierten, wurde der Gesang plötzlich von Sirenen übertönt, die immer näher kamen. Offenbar hatte jemand die Feuerwehr alarmiert. Blaulichter zuckten vor den offenen Türen. Urplötzlich brach die Musik ab. Als hätte jemand den Stecker aus den Lautsprecherboxen gezogen. Ulla blieb fast das Herz stehen, als sie noch einmal einen Blick zurück in Richtung des brennenden Altars warf, bevor sie ins Freie trat. Das Feuer hatte inzwischen die Bühne erreicht, züngelte über die Holzbretter.

DER CHOR! DIE SÄNGER!

Doch da kamen sie. Sie sangen nicht mehr. Ihre Kleider waren rußverschmiert, die Haare zerzaust. Angst spiegelte sich  in den Gesichtern. Aber sie marschierten unbeirrt, ihr Leadsänger vorneweg, im Takt einer Musik, die nur sie zu hören schienen, jeweils zu zweit nebeneinander durch den Mittelgang in Richtung Ausgang. Und während hinter ihnen die Feuerwehrleute durch die Seitentüren stürmten, Wasserschläuche ausrollten und sich durch lautes Schreien verständigten, um das Brausen des Feuers zu übertönen, marschierten die Gospelsänger wie eine siegreiche Armee nach draußen. Die verstörten Menschen, die es geschafft hatten, dank des unerschrockenen Handelns des Leadsängers das brennende Gebäude unverletzt zu verlassen, bildeten eine Gasse, durch die der Chor hindurch marschierte.

Irgend jemand fing an zu klatschen. In der nächsten Sekunde brauste tosender Beifall über den Vorplatz der Kirche.



© Christine Rieger

Weitere Geschichten:
 Lore            Martina              Eva         Regina   
 




Dienstag, 6. Januar 2015

Der 60. Geburtstag

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

endlich ist es wieder so weit - die Weihnachtspause ist zu Ende!
Ab sofort gibt es wieder jeden Dienstag eine neue Reizwortgeschichte.

Ich wünsche Euch allen ein gesundes, zufriedenes, erfolgreiches neues Jahr, und viel Spaß beim Lesen!

Eure Christine

 


Reizwortgeschichte

Eisregen, Geburtstagstorte, klingeln, putzen, tanzen



Silvester. Es ist warm, das Thermometer zeigt +14 Grad an. Schon seit Tagen regnet es in Strömen, und es hat nicht den Anschein, als würde es demnächst damit aufhören. Anna werkelt in der Küche herum und legt letzte Hand an ihre berühmte Mokkatorte. Ihre Freundin Elisabeth, die heute ihren runden Geburtstag feiert, hat sie sich als Geburtstagstorte gewünscht.  Anna bemüht sich gerade, mit Buttercreme eine ordentliche „60“ auf die Torte zu schreiben, als die Küchentüre aufgerissen wird und ihr Mann hereinkommt.„Wir sollten so langsam losfahren“ meint er. „Der Wetterbericht meldet für heute Nachmittag einen Temperatursturz. Es könnte sein, dass wir Schnee kriegen, und Du weißt, wir haben noch zwei Stunden Autobahn vor uns!“ „Bin schon fertig“. Anna leckt sich die übergequollene  Buttercreme von den Fingern und wirft die Tortenspritze ins Spülbecken. „Würdest Du die Torte bitte transportfertig verpacken? In der Zwischenzeit kann ich mich ausgehfertig machen. Aber vergiss nicht, Kühlaggregate oben drauf zu legen!“ Damit flitzt sie aus der Küche.
Während Martin die Torten-Transportbox - einen geräumigen Plastikbehälter - aus dem Küchenschrank kramt, das Meisterwerk seiner Frau vorsichtig hineinhievt und die Box zusätzlich in einen stabilen Pappkarton bugsiert, den er sorgfältig mit Transportbändern sichert, wirft Anna sich in Schale. Das entsprechende Outfit  hängt seit gestern Abend bereit. Anna weiß aus Erfahrung, dass beim Backen selten alles auf Anhieb klappt, und sie hasst es, irgendwohin zu spät zu kommen. Ganz abgesehen von der Hektik, die dann jedes Mal entsteht.

Ein Glück, dass das kleine Übernachtungsköfferchen längst gepackt ist. Sie werden nach der Feier bei Elisabeth im Gästezimmer schlafen. Anna sucht gerade nach ihren schwarzen Pumps. als sie das Telefon klingeln hört. Elisabeth hat nämlich angekündigt, dass sie auch eine Band engagiert hat, und in ihren klobigen Winterstiefeln kann sie unmöglich tanzen! Hoffentlich geht Martin dran … Kurz danach hört sie ihn mit jemandem reden. Seine Stimme klingt nicht gerade freundlich.„Ja, ja, Adele, ist ja schon gut, wir passen schon auf. Nein, wir sehen auch, dass es regnet, und …“ Er macht eine Pause, um seine Schwiegermutter weiterreden zu lassen. Vermutlich mit dem Hörer dreißig Zentimeter entfernt von seinem Ohr. Annas Mutter hat die fatale Angewohnheit, sich ständig um ihr „Kind“ Sorgen zu machen, und außerdem schreit sie in den Hörer, weil sie im Alter ziemlich schwerhörig geworden ist. Anna verstaut ihre  „Tanzschuhe“, die sie nach langem Suchen ganz hinten im Kleiderschrank gefunden hat (wie sind die da bloß hingekommen?) in einer Plastiktüte, streicht im Vorbeigehen nochmals ordnend über ihre perfekte Hochsteckfrisur und  verlässt seufzend das Schlafzimmer, um Martin zu erlösen. Wie erwartet, steht er im Flur, hat den Hörer aufs Telefonbänkchen gelegt und bindet seine Schuhe, während Adeles Stimme unentwegt aus dem  Hörer plärrt. Sie scheint gar nicht zu merken, dass ihr niemand antwortet. Anna nimmt den Hörer auf. „Mama, nun ist es aber gut“ sagt sie energisch. „Ich bin mittlerweile fast 60, Martin ist 65, und ich denke, wir können schon auf uns aufpassen. So, und nun müssen wir los. Mach Dir keine Sorgen, ich rufe Dich sofort an, wenn wir angekommen sind, und nun  - einen guten Rutsch!“ Bevor ihre Mutter antworten kann, beendet sie das Gespräch. „Gott, kann sie anstrengend sein“ schimpft sie in komischer Verzweiflung. Ihr Blick fällt auf die elektronische Uhr am Telefonhörer. „Du liebe Zeit, schon eins“ stellt sie entsetzt fest. „Jetzt aber nichts wie weg!“

Zehn Minuten später sitzen sie in Annas Kleinwagen. Die Torte ist zwischen Annas kleinem Köfferchen, ihrem Beauty-Case und Martins Sporttasche eingeklemmt, damit sie nicht verrutschen kann. Martin setzt sich ans Steuer. Eine Viertelstunde später sind sie auf der Autobahn, auf dem Weg zu Elisabeth. Sie kommen zügig vorwärts, obwohl es immer noch in Strömen regnet. Die Autobahn ist überraschend leer. Aber wer fährt an Silvester auch durch die Gegend? Wer zu Hause feiert, ist mit den Vorbereitungen für den Abend beschäftigt, und die anderen erholen sich vom Weihnachtstrubel… Entspannt lehnt Anna sich zurück, genießt die Fahrt. Plötzlich fährt sie hoch. Ihr ist etwas eingefallen.  „Du liebe Güte, ich habe ganz vergessen, die Küche zu putzen! Da klebt bestimmt noch überall die Buttercreme …“ „Keine Sorge, ich habe das Schlimmste beseitigt“ beruhigt Martin.  Anna wirft ihm einen dankbaren Blick zu. Gott sei Dank ist Martin einer von den Männern, die von selbst sehen, was gemacht werden muss und das dann auch ohne Aufforderung tun.
 
Sie muss wohl eingedöst sein. Das passiert ihr öfter, wenn Martin am Steuer sitzt. Leider bemerkt sie diesen Umstand erst, als sie durch lautes Kreischen aus ihrem Dämmerschlaf geweckt wird. Gleichzeitig hört sie Martin laut fluchen. Als sie die Augen erschrocken aufreißt, hat sie das Gefühl, Karussell zu fahren. Alles dreht sich vor ihr. Vor dem Seitenfenster   erscheinen in rasender Geschwindigkeit Bäume, dann ein rotes Auto, noch eins,  diesmal ein graues. Wieder Bäume. Dann ein Ruck, und der Wagen steht. „Was zum Teufel soll das?“ Anna kämpft mit Übelkeit, klammert sich am Haltegriff oberhalb der Türe fest. Eisregen“ Martins Gesicht ist blass, seinen Hände, die auf dem Lenkrad liegen, zittern. „Vor uns sind etliche Unfälle passiert.  Alles steht kreuz und quer … wir kommen nicht mehr weiter! Gott sei Dank konnte ich den Wagen abfangen, wir haben noch mal Glück gehabt!“

 „Wo sind wir überhaupt?“  will Anna wissen. „Kurz vor der Ausfahrt zu Elisabeth. Höchstens noch achthundert Meter“ gibt Martin zur Antwort.“  Annas  Blick fällt auf die Uhr am Armaturenbrett. Kurz vor halb vier. Na toll. Um drei wollten sie bei Elisabeth sein und die Torte abliefern. „Verfluchte Schei….“ rutscht es ihr heraus. Normalerweise neigt sie nicht zu solchen Ausbrüchen. Aber das hier ärgert sie maßlos.  

Kilometerweit ist alles gut gegangen, und jetzt, so kurz vor dem Ziel … Bevor sie sich weiter aufregen kann, fangen in ihrer Tasche Möwen an zu schreien. Ihr Handy. Auch das noch! Bestimmt ist das ihre Mutter. Die hat vermutlich die ganze Zeit am Radio gesessen und die Verkehrsdurchsagen mitgehört … Fluchend fischt sie das Teil aus dem Chaos in ihrer Tasche. Es ist tatsächlich ihre Mutter. Entschlossen drückt sie das Gespräch weg und stellt das Handy auf „Stumm“. Das Genörgel Adeles, ihre Vorwürfe, ihr „Ich hab Euch doch gleich gesagt…“ ist mehr, als sie jetzt vertragen kann. Das Auto hat sich inzwischen in einen Eispanzer verwandelt. Die Windschutzscheibe ist komplett zugefroren. Man sieht überhaupt nichts mehr. Aus der Ferne sind Martinshörner zu hören, die immer näher kommen. Aha. Rettungskräfte, Feuerwehr und Polizei sind anscheinend auf dem Weg. Aber die Einsatzwagen kommen nicht näher. Auch Martin hat es gehört. „Die kommen nicht durch“ stellt er resigniert fest. „Die schweren Wagen bleiben genauso auf dem Glatteis hängen wie wir!“ „Und jetzt?“ Annas Stimme klingt hilflos, wie die eines kleinen Kindes. 

„Wir können gar nichts tun, außer warten. Ruf Elisabeth an, sie sollen ohne uns anfangen. Wie lange es dauert, bis wir hier wieder wegkommen, ist fraglich“. Anna gehorcht schweigend. Als ihre Freundin das Telefon abnimmt, hört sie im Hintergrund, dass die Party bereits in vollem Gang ist. Elisabeth scheint schon ein paar Gläser Sekt intus zu haben – ihre Stimme klingt angeheitert. „Och nee, das ist ja furchtbar“ kichert sie in den Hörer. „Jetzt werde ich doch tatsächlich ohne Euren Beistand alt! Und ohne Mokkatorte…“ Keine Frage nach ihrem Befinden, kein Bedauern, nichts. „Aber na gut, da kann man nichts machen. Viel Spaß noch, und guten Rutsch ins neue Jahr, ich muss zurück zu meinen Gästen!“ Damit beendet sie das Gespräch. Anna starrt minutenlang ihr Handy an, als hätte es sich plötzlich in einen giftigen Skorpion verwandelt.  „Miststück“ sagt sie laut, bevor sie den Aus-Knopf drückt und das Telefon in die Tasche zurückwirft. „Sobald wir hier wegkommen, fahren wir zurück nach Hause“. Martin stellt keine Fragen. Es ist nicht nötig. Elisabeth hat laut genug gesprochen, so dass ihm kein Wort entgangen ist. Plötzlich lautes Knattern über ihnen. Hubschrauber! Endlich haben die Einsatzkräfte offenbar einen Weg gefunden, zu ihnen vorzudringen… Wie es den Autofahrern geht, die in die Unfälle vor ihnen verwickelt sind, daran wagen sie nicht zu denken. 

Allmählich wird es dunkel, die Uhr zeigt auf fünf.  Die Temperatur im Innern des Wagens sinkt kontinuierlich. Martin wagt nicht, den Motor und die Heizung anzustellen. Wer weiß, wie lang sie hier ausharren müssen, und wenn dann der Sprit zu Ende ist … Gott sei Dank hat Anna eine Decke auf dem Rücksitz liegen. Sie angelt sie nach vorne und breitet sie über sich und Martin aus. Nicht viel, aber besser als gar nichts. Vor ihnen auf der Autobahn bricht Hektik aus. Selbst durch die dick zugefrorenen Scheiben können sie erkennen, dass es hell wird. Scheinwerfer, offensichtlich. Die Rettungskräfte brauchen Licht …  Anna versucht, die Türe zu öffnen. Es geht nicht. Offenbar sind die Gummidichtungen feucht geworden und die Türen zugefroren. Nach einer gefühlten Ewigkeit klopft irgend jemand von außen an das Fenster auf der Fahrerseite. Aber auch diese Türe geht nicht auf. Martin drückt mit aller Kraft. Dann, endlich, gibt die Türe nach. Anscheinend hat der andere von außen gezogen. Der Ruck ist so heftig, dass Martin Mühe hat, nicht hinauszufallen. Ein Mann, der eine schrille gelbe Warnweste über seiner Sanitäter-Uniform trägt, steckt den Kopf herein. Nachdem er sich davon überzeugt hat, dass sie keine Verletzungen davongetragen haben, reicht er ihnen Decken und zwei Becher mit heißem Tee herein. Und verkündet die unerfreuliche Neuigkeit, dass die Autobahn wegen eines Massenunfalls mit 65 beteiligten Fahrzeugen komplett gesperrt  worden ist und sie die Nacht vermutlich hier draußen verbringen müssen. Erst wenn die Unfallstelle geräumt ist und Streufahrzeuge durchkommen, haben sie eine Chance, bis zur nächsten Ausfahrt gelotst zu werden. Mit dieser beruhigenden Auskunft verabschiedet er sich, um nach den nächsten Autoinsassen hinter ihnen zu sehen.

Anna hätte am liebsten geheult. Oder geflucht. Oder beides. Aber es würde nichts nützen. Sie vergeudete nur ihre Kraft.  Irgendwann, kurz vor Mitternacht, kämpft sie sich über die Lehne ihres Sitzes nach hinten auf die Rückbank. Trotz der ausweglosen Situation hat sie Hunger.  Die Kofferraum-Abdeckung ist zum Glück nur lose befestigt. Mit einiger Mühe gelingt es ihr, sie zu entfernen und den Karton mit der Geburtstagstorte heraufzuheben.  „Und wie willst Du die jetzt essen? Mit den Fingern?“ fragt Martin neugierig. Anna würdigt ihn keiner Antwort. Sie zieht eine schmale Schublade unter ihrem Sitz nach vorne und holt eine Plastikdose hervor. Darin befinden sich nicht nur Heftpflaster, Aspirintabletten und eine Zahnbürste, sondern auch ein komplettes Essbesteck, eingewickelt in ein weißes Küchentuch. Ihre Notfallausrüstung. Und während im ganzen Land die Silvesterraketen in den Himmel geschossen werden und auf dem Feld seitlich neben der Autobahn unentwegt Rettungshubschrauber  starten und landen, löffeln Anna und Martin abwechselnd Mokkatorte.



„Ein gutes neues Jahr, Martin“ wünscht Anna ihrem Mann. 

„Möge es besser werden als es angefangen hat!“ Und nach

kurzem Überlegen setzt sie hinzu: „Und Dir, meine liebe Elisabeth wünsche ich einen Brummschädel, der eine ganze Woche anhält. Und dass Du mehr Falten kriegst als ein tausendjähriger Bratapfel!“


© Christine Rieger









Weitere Geschichten findet ihr bei:

Lore       Martina       Eva      und       Regina