Dienstag, 31. März 2015

Die Oster-Überraschung


Reizwortgeschichte 

 

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
die heutigen Reizwörter lauten:
 

Kartoffel - Stoff - spielen - entsetzt - klein 
 
Dazu gibt es von mir eine neue Folge der Geschichte von Tina, die mit Hilfe von Opa Friedrich ihrer Mama eine ganz besondere Überraschung zu Ostern fabriziert hat … 
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
Und hier findet Ihr die Beiträge von
Lore   Martina    Eva    Regina   Eva V.
 
 
Die Oster-Überraschung 

„Mami“ - kann ich bitte eine Kartoffel haben?“ Wie ein Wirbelwind kam Bettina in die Küche geschossen. Um ein Haar wäre ihrer Mutter die große Salatschüssel aus der Hand gerutscht. Ihre Hände waren nass, und die Glasschüssel ziemlich schwer. 

„Himmel, Tina, musst Du denn immer so rennen?“ Aufatmend stellte Monika das schwere Teil auf den Tisch. „Und was willst Du überhaupt mit der Kartoffel? Die kannst Du nicht roh essen wie einen Kohlrabi!“ „Ich will sie auch nicht essen. Opi hat mir erzählt, dass er früher in der Schule aus den Kartoffeln Stempel gemacht hat. Die hat er in Farbe getaucht und damit Papier bedruckt …“
 
„Und das will er Dir jetzt zeigen?“ Monika musste nun doch lachen. Ihr Vater steckte immer voller Ideen, und was das Beste war - er liebte es, mit seiner Enkeltochter zu spielen. Das gab Monika Gelegenheit, ungestört ihrer Hausarbeit nachzugehen. Oder nachmittags mal ein Schläfchen zu halten, wenn sie - gestresst von ihrem Job in der Boutique - nach Hause kam. Gerade jetzt, wo jeden Tag riesige Kartons mit der neuen Frühjahrskollektion von der Zentrale angeliefert wurden …
 
„Was ist, Mami, kann ich jetzt eine Kartoffel …“ Ungeduldig trippelte Tina von einem Fuß auf den anderen. „Natürlich, Schätzchen. Du kannst auch zwei oder drei nehmen. Hauptsache, es bleiben noch welche übrig  für den Kartoffelsalat! Und nimm eine alte Zeitung mit zum Unterlegen, damit  hinterher nicht überall die Farbe…“ Aber das hörte Tina schon nicht mehr. Sie war bereits mit den erbeuteten Kartoffeln auf dem Weg zu Opa Friedrich in der oberen Etage. Beruhigt wandte sich Monika wieder der Zubereitung des Abendessens zu. Ihr Vater würde schon dafür sorgen, dass Tina die nächste Zeit beschäftigt war.
 
Nachdem der Kartoffelsalat fertig war und zum Durchziehen auf der Arbeitsplatte in der Küche stand, beschloss Monika, schnell noch eine Ladung Wäsche zu bügeln, bevor Ralf zurück war. Er hatte sich bei einem Omnibus-Unternehmen als Fahrer für den Linienbus-Verkehr beworben und war für heute zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen worden. Monika hoffte sehr, dass ihr Mann diesen Job bekommen würde. Nicht nur, weil er dort um einiges mehr verdienen konnte - nein, hauptsächlich wegen der Arbeitszeiten. Die nächtlichen Taxi-Schichten gingen beiden in letzter Zeit ganz schön an die Substanz. Ganz abgesehen davon, dass sich das Familienleben immer irgendwie zwischen Tür und Angel abspielte, und Tina ihren Vater nur sporadisch zu Gesicht bekam, weil er tagsüber schlafen musste, um für die nächste Nachtfahrt wieder fit zu sein…
 
„Mami, wo bist Du?“ hörte sie plötzlich ihre Tochter rufen. „Ich will Dir was zeigen!“ „Im Bügelzimmer“ rief Monika zurück. Sekunden später wurde die Türe aufgerissen und Tina stand vor ihr. Um die Schultern hatte sie ein Stück Stoff drapiert, das Monika unschwer als ihre weiße Damast-Tischdecke erkannte, die sie nur benutzte, wenn Besuch angesagt war. Die Tischdecke war über und über mit bunten Ostereiern bedruckt. Die Ränder zierte eine Borte aus grünen Rechtecken. Alles ganz offensichtlich mit Hilfe der Kartoffel-Stempel hergestellt. „Opa und ich haben Dir eine Oster-Tischdecke gemacht“ sagte Tina freudestrahlend. „Die weiße Decke war immer so langweilig!“ 
 
Monika bemühte sich, nicht allzu entsetzt auszusehen. Die beiden hatten es doch gut gemeint. Und ändern ließ sich jetzt auch nichts mehr daran. „Warum habt Ihr denn nicht eine Stoffserviette genommen?“ war das einzige, was sie herausbrachte. „Aber Mami, die ist doch viel zu klein für den großen Tisch“ meinte Tina altklug. Da hatte sie allerdings auch wieder Recht, musste ihre Mutter zugeben.
 
„Was habt Ihr denn für Farbe genommen? wollte Monika wissen. „Wasserfarben. Aus Tinas Farbkasten!“. Die Antwort kam von Opa Friedrich, der seiner Enkeltochter ins Bügelzimmer gefolgt war. „Na Gott sei Dank - die lässt sich vielleicht wieder  auswaschen“ entfuhr es Monika.
„Mami - NEIN, das darfst Du nicht“ protestierte Tina. „Dann ist es ja wieder keine Oster-Tischdecke mehr!“
„Naja, weißt Du, Tina, ich benutze die Tischdecke ja nicht nur zu Ostern, und wenn an Weihnachten Ostereier drauf sind - das ist ja nicht gerade passend“ meinte Monika. 

„Hm, das stimmt“ gab Tina zu. „Weißt Du was, Mami? Wenn Ostern vorbei ist, dann wäscht Du die Tischdecke, und zu Weihnachten drucke ich mit Opa Christbaumkugeln drauf!“ 

 

©  Christine Rieger
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 

 
 
 
 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Freitag, 27. März 2015

Angst


Freitags-Geschichte


Liebe Freunde meines Lesebuchs,

mit der Geschichte, die ich Euch heute vorstellen möchte, hat meine "Karriere" als Verfasserin von Kurzgeschichten ihren Anfang genommen - dies ist die allererste Geschichte, die ich in einem sozialen Netzwerk - bei SENIORBOOK - veröffentlicht habe.  

Viel Spaß beim Lesen, und ein sonniges Wochenende!




Eure Christine




Angst

Susanna war alleine zu Hause. Ihr Mann war gleich nach dem Mittagessen mit dem Fahrrad zu einer Radtour aufgebrochen. Sie hatte nicht mitkommen wollen - Rolf fuhr zum einen ziemlich schnell, so dass sie sich viel zu sehr anstrengen musste, um mitzuhalten - und zum anderen pflügte er mit seinem Rad am liebsten durch den Wald, über Wiesen, durch Schlamm und über Sandpisten. Sie fuhr nicht so routiniert wie er und hatte immer Angst, auf solchen Wegen zu stürzen.

Nun stand sie am Fenster und starrte hilflos in die Dunkelheit hinaus. Eigentlich hätte Rolf längst zurück sein müssen. Ihre Angst wurde immer größer, wuchs in Unermessliche. Was, wenn er einen Unfall gehabt hätte? Wenn er nicht mehr imstande gewesen war, Hilfe zu rufen? Dass er sich verirrt hatte, glaubte sie keinen Augenblick - er war in der Gegend aufgewachsen, kannte jeden Baum beim Vornamen und jeden Weg wie seine Hosentasche.

Sie hatte schon mehrmals auf seinem Handy angerufen - aber er musste es ausgeschaltet haben. Sie geriet immer nur an die verdammte Mailbox, die ihr mitteilte, dass der Teilnehmer im Augenblick nicht erreichbar sei. MIST !

Was mache ich nur, wenn ihm wirklich etwas passiert ist ? Wenn er vielleicht einen Herzinfarkt erlitten hat? So wie es dem Mann ihrer Freundin im letzten Sommer ergangen ist? Sollte sie auch von einer Sekunde auf die andere erfahren müssen, dass ihr Mann nie wiederkommen würde? Wie in aller Welt sollte sie denn ganz alleine zurechtkommen? Sie hatte doch außer Rolf keinen Menschen! Ihre Eltern lebten nicht mehr, und ihre Schwester Monika wohnte hunderte von Kilometern entfernt. Und was würde dann aus ihrer Wohnung werden? Sie konnte doch alleine die Miete gar nicht aufbringen - von all den anderen Unkosten ganz zu schweigen!

Sie steigerte sich in eine immer größere Angst hinein. Immer düsterer wurden ihre Befürchtungen. Sie begann, sich Vorwürfe zu machen. Warum bin ich nicht mitgefahren? Wie konnte ich ihn alleine losziehen lassen? Er ist doch schon 74 - in diesem Alter kann doch immer irgend etwas passieren! Ob sie vielleicht mal in den Krankenhäusern anrufen sollte?

Die Zeit verging, die Uhrzeiger rückten schon auf zehn. So lange war er noch nie weg gewesen! Sie nahm den Telefonhörer zur Hand, um die Polizei anzurufen - aber dann fiel ihr ein, dass sie ja noch nicht einmal wusste, in welche Richtung Rolf gefahren war.

Urplötzlich fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt - auch da hatte sie einmal solche Angst ausgestanden. Sie musste so zehn oder elf gewesen sein. Ihre Eltern waren abends ausgegangen und hatten sie mit ihrer jüngeren Schwester allein zu Hause gelassen. Monika schlief tief und fest im Nebenzimmer - und sie, Susanna, hatte in panischer Angst am Fenster gestanden - bis die Eltern nach zwei Stunden wohnbehalten zurückgekommen waren. Erst dann hatte sie endlich einschlafen können. Dabei war ihre Angst völlig irrational - ihre Eltern waren nur bei einem befreundeten Ehepaar im Haus gegenüber zu einem gemütlichen Beisammensein eingeladen....

Susanna erschrak zu Tode, als plötzlich im Hausflur ein Pfiff ertönte - "IHR" Pfiff - das Zeichen ihres Mannes, dass er wieder zu Hause war. Sie war so in die Vergangenheit versunken gewesen, dass sie völlig überhört hatte, wie er die Wohnungstür aufsperrte.

Wie von der Tarantel gestochen, raste sie in den Flur - und da stand er. Von oben bis unten voller Schlamm, die Haare zerzaust, im Gesicht mehrere Schrammen. Aber er war zurück.

Sie brachte kein Wort heraus. Sie wollte ihn fragen, wieso er so lange weg gewesen war, warum er ihr nicht Bescheid gegeben hatte, wieso er so verdreckt war - nichts. Ihre Stimme wollte ihr einfach nicht gehorchen.

Rolf ging auf seine Frau zu, nahm sie in den Arm und sagte: "Der Akku von meinem Handy war leer - ich habe vergessen, ihn aufzuladen".



©  Christine Rieger





 
 
 



 






 
 
 
 

Dienstag, 24. März 2015

Prinz Hasenfuß


Reizwortgeschichte

Liebe Leserinnen und Leser,
in dieser Woche lauten die Reizwörter: 

Käfer - Grünanlagen - wohlgesinnt - schalten - freuen 

Ich habe diese Reizwörter dieses Mal in ein Märchen "verpackt". Viel Spaß beim Lesen!

Eure Geschichten-Erzählerin


Und hier findet Ihr die Geschichten meiner Mitstreiterinnen:


Prinz Hasenfuß 


Wendelin, komm sofort zu mir“ befahl die Königin mit strenger Stimme. „Dein Vater muss bald hier sein, und wenn der Dich wieder unter dem Tisch hocken sieht, nur weil es draußen donnert…“
„Mama, ich kann nicht. Ich habe Angst!“  Die Stimme des Prinzen klang leise, weinerlich, so, als würde der Junge jeden Augenblick  in Tränen ausbrechen. „Wendelin, Du dummer Junge, es ist doch nur ein Gewitter! Was soll ich nur mit Dir anfangen?“ Seufzend hob die Königin ihre weiten Röcke, bückte sich und versuchte, ihren widerstrebenden Sohn unter dem Tisch hervorzuziehen.
Es war ein Kreuz mit dem Kind. Es gab doch tatsächlich nichts, wovor der Prinz sich NICHT fürchtete! Donnergrollen, Hundegebell, der Wind, der um das Schloss heulte. Nächtliche Schatten.  Das Wasser im Burggraben, ein winziger Käfer in den Grünanlagen, die das Schloss umgaben.  Die Dienstboten. Seine Tante Eulalia, ja sogar sein eigener Vater versetzten den Neunjährigen in Panik. Nachts musste in seinem Zimmer eine Lampe brennen, und tagsüber wich der Bengel einfach nicht vom Rockzipfel seiner Mutter.  Königin Aurora war am Verzweifeln. Was hatte sie nicht schon alles versucht, um dem Prinzen seine Furcht zu nehmen!  Sie hatte nächtelang an seinem Bett Wache gehalten, ihn getröstet und beruhigt. Weder Gebete zu allen ihr bekannten Gottheiten noch Fluchen und Schimpfen hatten den geringsten Erfolg gebracht. In ihrer Not hatte sie schließlich sogar den großen Zauberer Alwinius aus seinem Reich herbeizitiert, damit dieser ihrem Sohn ein bisschen Mut herbeizaubern sollte - doch auch der war kläglich gescheitert.
Wendelins Vater, König Ottokar, hatte es auf seine Weise probiert. Er hatte den Jungen zur Jagd mitgenommen, ihm das Schießen mit Pfeil und Bogen beigebracht, ihm irgendwann bei einem seiner Panikanfälle einen Eimer eiskaltes Wasser über den Kopf gekippt - alles mit dem Erfolg, dass der Prinz noch ängstlicher wurde und das Haus kaum noch verließ.  Irgendwann verlor der König vollkommen das Interesse an seinem Sohn. Er hatte sich einen Erben gewünscht, einen, der wie er in den Krieg zog, der die ruhmreiche Tradition seines Volkes weiterführte.  Der Feinde besiegte, und, die Taschen voller Beute, in sein Königreich zurückehrte, wo das Volk ihn jubelnd empfing. Aber nein - sein Sohn musste ein verdammter Feigling sein, der allenthalben im Land nur  „Prinz Hasenfuß“ gerufen wurde. Dass er irgendwann einmal auf die Namen Wendelin Quirin  Zoltan Abisios getauft worden war - daran erinnerte sich kaum noch jemand.
Das Donnergrollen draußen hörte allmählich auf. Das Gewitter war weitergezogen, und endlich wagte sich Prinz Hasenfuß unter dem Tisch hervor. Seine Mutter atmete auf. Gut, dass der König sich heute verspätete - sonst hätte SIE wieder ein Donnerwetter abgekriegt, denn es war ja IHR Sohn, der sich vor lauter Angst bei jeder Gelegenheit in die Hosen machte… „Mama, darf ich mit in die Küche kommen?“ fragte Wendelin seine Mutter. „Nein, mein Junge, darfst Du nicht! Du gehst jetzt hinaus in den Garten, bis der König zurück ist. Draußen scheint die Sonne, Hunde sind keine da, die hat Dein Vater mitgenommen, und auch sonst gibt es nichts, das Dich ängstigen dürfte. Also, verschwinde jetzt - ich rufe Dich nachher zum Abendessen!“ Damit drehte sie sich um und verließ das Zimmer, um der Dienerschaft die Anweisungen für das Dinner zu erteilen. Ihr Mann hatte angekündigt, heute eine Reihe seiner Würdenträger zum Essen mitzubringen. Da ging es nicht an, ihnen nur Brote und Salat zu servieren.
Wendelin trollte sich. Aber er lief nicht in den Garten - nein, er  kletterte die steile Wendeltreppe hinauf, die ganz nach oben in sein Geheimversteck führte. Das befand sich im Schlossturm, weit oberhalb der Mauer. Dort oben lagerte jede Menge altes Gerümpel, darunter ein vom Holzwurm zerfressener Schrank mit drei großen Türen. Hierhin flüchtete er sich, wenn er vor lauter Angst nicht mehr  weiter wusste. Niemand hatte ihn jemals dort entdeckt. Ganz einfach, weil kein Mensch auf die Idee kam, er könnte sich ausgerechnet hier, wo es kalt, finster und einsam war, verstecken. Wo er sich doch sonst immer so vor der Dunkelheit fürchtete… Hier konnte Wendelin schalten und walten, wie es ihm beliebte. Niemand schimpfte mit ihm, wenn er vor Angst weinte, weil eine dicke schwarze Spinne mit haarigen Beinen aus einer Mauerritze krabbelte. So seltsam es klang - hier, zwischen alten Möbeln, staubigen Kisten und aufgetürmtem Müll   fühlte er sich irgendwie sicherer als unten im Schloss.
Die alte Eisentüre - lange nicht geölt - quietschte, als Wendelin sie einen Spalt öffnete, sich hindurchzwängte und sich zwischen all dem Unrat einen Weg zu einem  der völlig verdreckten Turmfenster bahnte. Irgendwann mussten das einmal Schießscharten gewesen sein, die - als das Turmzimmer zum Lagerraum umfunktioniert wurde - verglast worden waren. Dort hatte er bei seinem letzten Aufenthalt eine uralte Holzkiste entdeckt, die seinem Forscherdrang bisher entgangen war. Jetzt wollte er wissen, was sich darin befand.
Die Kiste war zugenagelt und gar nicht so leicht zu öffnen. Aber mit Hilfe eines verrosteten Eisens, das irgendwo herumlag, schaffte er es, den Deckel aufzuhebeln. Neugierig klappte er ihn hoch und spähte hinein. Zuoberst lag etwas, das wie ein Bündel Lumpen aussah, gekrönt von einem Tuch, wie sie früher die Seeräuber getragen hatten. Tuch und Stoff waren blau und noch erstaunlich gut erhalten, obwohl beides ewige Zeiten in dieser Kiste gelegen haben musste. Vorsichtig hob der Prinz die Sachen heraus. Darunter kam ein dickes Buch zum Vorschein, und ein paar ausgetretene Schuhe, von denen einer ein Loch hatte - da, wo normalerweise die große Zehe hingehört. Wendelin nahm sie heraus und schlüpfte hinein. Seine Füße verschwanden fast bis zu den Knöcheln darin.
„Willkommen, mein Sohn!“  Eine Stimme wie Donnerhall dröhnte durch das kleine Turmzimmer, so laut, dass die Fensterscheiben klirrten. Entsetzt sprang Wendelin zurück. Das heißt - er versuchte es. Doch - behindert durch die riesigen Treter, die er immer noch an den Füßen hatte - kippte er nach hinten und fiel ziemlich unsanft auf den Hosenboden. Im nächsten Augenblick war er wieder Prinz Hasenfuß.
„W-w-w-w-wer bist D-d-du?“ Vor lauter Aufregung begann er zu stottern. „Ich bin Wendelin, Dein Ur-Ur-Urgroßvater“ dröhnte die Stimme wieder. „Ich habe auf Dich gewartet!“ „A-a-a-auf   m-m-mich?“ „Ja, auf Dich. Du bist doch Prinz Hasenfuß - oder?“ „D-d-d-das weißt D-Du? D-d-dass mich alle so nennen?“ „DAS weiß jeder! Höhöhöhöhö!“ Das Gelächter klang, als käme es aus einer Tonne. „Und ich warte hier seit vielen, vielen Jahren darauf, dass DU mich hier findest. Und meine Schuhe anziehst. Denn sie besitzen Zauberkraft!“ „D-d-das sind D-D-Deine Sch-Schuhe? Du musst ja riesig groß gewesen sein!“ „Ja, das war ich. Ich war mehr als zwei Meter groß, und alle Menschen, die damals gelebt haben, sind vor Angst fast gestorben, wenn sie mich gesehen haben. Sie nannten mich „Wendelin, den Riesen vom Auwald! Aber - Du kannst ruhig näher kommen. Ich bin Dir wohlgesinnt - ich bin nämlich ein guter Geist!“
„Aber wo bist DU? Ich kann Dich ja gar nicht sehen!“  Wendelin hatte sich inzwischen aufgerappelt, seinen staubigen Hosenboden abgeklopft und sah sich suchend im Turmzimmer um. „Ich bin überall. Geister sieht man nicht - sonst wären sie ja keine Geister!  Höhöhöhöhö!“  Wieder schepperten die Fensterscheiben, als Wendelins Urahn lachte. Zögernd trat Wendelin wieder zu der alten Seemannskiste. „So ist es brav“ lobte der Geist. „Und nun - Ich will Dir helfen. Ich weiß, dass Du vor allem und jedem Angst hast. Und dass Dein Vater deswegen schon fast verzweifelt. Ich weiß aber auch, dass Du selber sehr unglücklich deswegen bist. Deshalb schenke ich Dir meine Schuhe. Wenn Du diese Schuhe trägst, wirst Du groß und stark sein, wie ich es war, und Du brauchst nie mehr vor irgend etwas Angst zu haben!“ 

„A-a-a-aber - die sind doch so riesig. In denen kann ich nicht laufen - ich verschwinde ja fast ganz darin!“ „Ich habe Dir doch gesagt, es sind Zauberschuhe. Sie passen sich dem an, der sie trägt. Schau doch mal auf Deine Füße!“ Wendelin gehorchte. Und tatsächlich - die vorher so riesengroßen Schuhe waren geschrumpft und passten ihm nun wie angegossen. „Siehst Du?“ meinte der Geist. „Und nun geh hinunter ins Schloss, und zeige allen, dass Du NICHT mehr der „Prinz Hasenfuß“ bist, für den Dich alle halten. Du hast jetzt Kraft und Mut - so wie ich. Auch dann, wenn Du sie mal nicht trägst. Du musst nur ganz fest daran glauben! So, und nun  Lebewohl! Meine Mission ist erfüllt - ich kann nun in Frieden schlafen!“ 

Im nächsten Augenblick krachte ein Donnerschlag, der das ganze Schloss in seinen Grundfesten erschütterte. Der Turm wackelte wie bei einem schweren Erbeben. Der Deckel der Seemannskiste, den Wendelin so mühsam aufgestemmt hatte, knallte zu, und wie von Zauberhand saßen auch die Nägel wieder an Ort und Stelle. Nur die Schuhe es Geistes waren noch da - an seinen Füßen. Sie bewiesen Wendelin, dass er das Ganze nicht nur geträumt hatte.
Wendelin öffnete die Türe zur Wendeltreppe, gerade so weit, dass er hinausschlüpfen konnte. Hinter sich zog er sie wieder zu. Dieser Raum würde sein Geheimnis bleiben - für immer!

Er sprang die steile Treppe hinunter und lief durch die große Doppeltüre nach draußen. Wie würde sein Vater sich freuen, wenn er von der Jagd zurückkehrte, und sein Sohn NICHT mehr ängstlich vor den Hunden flüchtete… ENDLICH würde ihn niemand mehr verachten oder „Prinz Hasenfuß“ schimpfen! Schon hörte er Hufgetrappel, Hundegebell und das Geschrei von vielen Männern, die dem Schloss zustrebten. Er blieb neben der Zugbrücke stehen, über die die Heimkehrenden ins Innere gelangen konnten. Dort wartete er, bis sein Vater vom Pferd sprang. Wortlos nahm er das Tier beim Zügel, um es in den Stall zu führen. König Ottokar blieb vor Erstaunen der Mund offen stehen. Ein ausgesprochen unwürdiger  Anblick! 
„W-w-w-was ist denn mit DIR los? Du bist doch nicht etwa krank?“ stotterte er,  genau wie vor kurzem sein Sohn im Turmzimmer. „Und w-w-w-was sind das überhaupt für scheußliche Treter an Deinen Füßen, Prinz Hasenfuß? Auf der Stelle ziehst Du die aus - Du hast schließlich Reitstiefel!“ „Ja, Vater“ antwortete Wendelin gehorsam. „Aber zuerst bringe ich Dein Pferd in den Stall, und dann versorge ich die Jagdhunde. Und noch etwas: Mein Name ist Wendelin, und so wünsche ich auch angesprochen zu werden. Prinz Hasenfuß ist tot!“ Mit diesen Worten drehte er seinem Vater, dessen Reitpferd er am Zügel hinter sich her zerrte, den Rücken zu und strebte dem königlichen Pferdestall entgegen.  

König Ottokar  blieb an Ort und Stelle stehen, als hätte man ihn angenagelt und sah - nein, glotzte - seinem Sohn völlig konsterniert hinterher...



© Christine Rieger

Freitag, 20. März 2015

Alt und Neu




Freitags-Geschichte 


Liebe Freunde meines Lesebuchs,

meine heutige Freitagsgeschichte befasst sich mit Gegensätzen - die es nicht nur bei Menschen, Tieren oder Situationen gibt ...


Viel Spaß beim Lesen, und ein sonniges Wochenende!

Eure Christine



Alt und Neu

Sie standen genau nebeneinander - so dicht, dass sie sich hätten berühren können. Das aber würden sie NIEMALS tun. Eifersucht, Neid und Hass trennten sie mehr, als der schmale Durchgang zwischen ihnen es jemals könnte.  Nicht wenige in der Stadt schworen Stein und Bein, sie hätten die beiden in Vollmondnächten schon miteinander streiten hören. Aber das war ja nun wirklich sehr weit hergeholt!

Angefangen hatte es nach der Einweihungsfeier des Jüngeren vor drei Monaten. Heerscharen von Reportern waren angerückt und hatten den Neubau von allen Seiten abgelichtet. Die gigantische Feier wurde über Wochen hinweg von allen ortsansässigen Zeitungen genüsslich durchgehechelt. Genauso lange war sie DAS Stadtgespräch bei den Bewohnern. Und - als wäre das alles noch nicht genug - war vor Kurzem der neue Werbeprospekt des Fremdenverkehrsamtes erschienen. Darin wurde der Neubau als "architektonische Meisterleistung" gewürdigt, die das einst so vergammelte Bahnhofsviertel enorm aufwertete, als ein "gelungenes Beispiel für moderne Bauweise, harmonisch eingefügt in die bisherige Umgebung".

Die einzigen, die dieser Darstellung uneingeschränkt zustimmten, waren die Touristen. Insbesondere die japanischen. Immerhin fanden sie den Kontrast zwischen dem modernen Glaspalast und dem roten Backsteinbau mit den Erkern und Türmchen "very interesting" oder "beautiful". Aber das hatte nicht viel zu sagen. Die fotografierten alles, was ihnen vor die Linse geriet und anders aussah als in ihrer Heimat. Die Bewohner des Bahnhofsviertels sahen das ganz und gar nicht so. Einige hätten mit Freuden den Bürgermeister erwürgt, der den Bau dieses Monstrums nach Kräften gefördert hatte. Das aber erübrigte sich. Nur wenige Tage nach der Einweihung "seines" Denkmals war er im Alter von nur 64 Jahren einem Herzinfarkt erlegen.

Seit dem Tode des Bürgermeisters gab es im Bahnhofsviertel keine ruhige Nacht mehr. Die beiden so verschiedenen "Brüder" stritten tatsächlich. "Du bist ja bloß eifersüchtig" spottete der Neubau. "Weil Du in dem Werbeprospekt nicht mal erwähnt wirst...." "Stimmt! Ich bin schließlich nicht nur älter. sondern auch höher als Du" konterte der rote Backsteinbau. "Dafür aber ist bei mir alles neu und sauber. ICH habe schöne große Fenster, helle Flure, einen modernen Eingang - UND einen Fahrstuhl! Unten gibt es eine Ladenzeile mit schicken Geschäften - und ich habe einen Dachgarten mit Blumen und Pflanzen! Was hast Du denn dagegen zu bieten? Eine uralte Eichentür, die erbärmlich quietscht, wenn man sie benutzt! Einen schmiedeeisernen Gartenzaun mit scharfen Spitzen obendrauf, an denen man sich dauernd wehtut! Winzige Sprossenfenster, die kaum Licht hereinlassen. Dein Dach ist schräg und sieht aus wie verschimmelt! Und die Treppe erst - schmal, glatt, steil..."

"ICH habe dafür Atmosphäre" unterbrach der Ältere. Hier wohnen Menschen, manche schon seit mehr als 50 Jahren... mich betreten die Leute gerne".  "Das denkst auch bloß Du! Du stinkst nämlich. Und WIE! Nach Bohnerwachs, altem Fett, Kohlenstaub. Und nach Moder! Pfui Teufel!" 

"Hahaha" Aber DICH hassen die Leute. Wer geht schon gerne zum Finanzamt?"

©  Christine Rieger

Dienstag, 17. März 2015

Die Erbschaft


Reizwortgeschichte  

Amtsgericht - Erdklumpen - unterschätzt - verregnet - ratlos

Weitere Geschichten zu diesen Reizwörtern findet Ihr bei:



Die Erbschaft

  „Hallo, Vroni - schon so fleißig am frühen Morgen?“ Hannes, der Postbote, streckte seinen Kopf über die Hainbuchenhecke, die ihm - obwohl er mehr als 1.90 groß war -  bis zu den Schultern reichte. Er konnte gerade so darüber gucken. Hinter dem wilden Gestrüpp war Veronika damit beschäftigt, ein Beet umzugraben. Große Erdklumpen flogen nach allen Seiten. Die letzen Tage waren ziemlich verregnet gewesen, und die Erde musste bleischwer sein. 

Veronika schien es allerdings nichts auszumachen. Sie warf eine letzte Ladung Erde zur Seite, rammte den Spaten in den Rasen und wischte sich mit ihren schmutzigen Fingern den Schweiß vom Gesicht, eine braune Schmutzspur hinterlassend.  „So früh ist es gar nicht“ sagte sie trocken. Und außerdem - irgendwann MUSS ich ja mal anfangen - sonst wächst in diesem Jahr nichts im Garten…“ 

 „Wir haben doch erst März“ meinte Hannes. „Und ich noch mindestens zehn Beete zum Umgraben“ gab Vroni zurück. „Also halt mich nicht von der Arbeit ab - Du weißt ja, ich muss in diesem Jahr alles alleine machen. Michael kommt zwar in zwei Wochen von der Reha zurück - aber dann kann er ja auch noch nicht gleich im Garten herumwühlen.“ Vronis Mann hatte sich vor kurzem bei einem Sturz von der Leiter einen komplizierten Wadenbeinbruch zugezogen und war bis auf Weiteres außer Gefecht gesetzt. 

Hannes lehnte sein Dienstfahrrad von außen gegen den Zaun und kramte in der Satteltasche herum. Endlich fand er, was er gesucht hatte, und reichte ihr einen dicken braunen Umschlag über die Hecke.  „Vom Amtsgericht in der Kreisstadt“ sagte er. „Ein Einschreiben. Du musst hier den Empfang quittieren!“. Ein  Zettel und ein Kugelschreiber folgten dem Briefumschlag. 

„Was haste denn ausgefressen, dass Du Post vom Gericht kriegst?“ wollte er neugierig wissen. „Jemanden abgemurkst?“ Vroni musste lachen. Die Neugier des Postboten war legendär. Er stellte das wandelnde Tagblatt des kleinen Ortes dar, kannte jeden, wusste alles (oft mehr als die Betroffenen selbst) und geizte keineswegs mit seinem Wissen. Kurz und gut - er trug den Tratsch und die Gerüchte durchs ganze Dorf. Wer Hannes kannte, brauchte keine Tageszeitung. Aber niemand war ihm deshalb böse - er war ein netter Kerl, und seitdem die einzige Gastwirtschaft im Ort geschlossen hatte, weil der Wirt keine Nachkommen hatte, boten  seine Neuigkeiten die einzige Abwechslung. Sonst war hier sowieso fast nichts los. 
Kugelsbach bestand aus einigen Bauernhöfen, die sich rings um den Dorfplatz mit der uralten Friedenslinde gruppierten. Am Ende der einzigen Straße, die durch den Ort führte, kurz vor dem Waldrand, war in den letzten Jahren eine kleine Neubausiedlung entstanden, errichtet von den Nachkommen der ursprünglichen Bauernfamilien. Viele von ihnen hatten keine Lust mehr, auf den elterlichen Höfen zu schuften. Sie hatten die Ländereien verkauft oder verpachtet und sich von dem Erlös Reihenhäuser  gebaut, die sie nun mit ihren Familien bewohnten, Zum Arbeiten fuhren sie in die nahe Kreisstadt, wo es auch eine Realschule und ein Gymnasium gab. Die alte Dorfkirche mit dem Pfarrhaus stand noch. Allerdings lebte hier kein Pfarrer mehr - die Gemeinde wurde von einem Kaplan aus der Kreisstadt betreut, der sonntags die Gottesdienste abhielt und auch für Taufen, Trauungen und Beerdigungen zuständig war. 

„Hier hast Du Deine Empfangsbestätigung!“ Vroni reichte dem Briefboten den Zettel mit der Unterschrift zurück. „Übrigens - wenn ich jemanden abgemurkst hätte, käme die Kripo - und kein Schreiben vom Amtsgericht!“ Damit drehte sie sich um, ließ den neugierigen Postboten stehen und marschierte ins Haus. Sie dachte gar nicht daran, den Dorfbewohnern Stoff für neuen Klatsch zu liefern - zuerst einmal musste sie selber wissen, was in dem unerwarteten Schreiben stand. 
Nachdem sie sich erst einmal die Gartenerde von den Fingern gewaschen hatte, nahm sie den Umschlag zur Hand. Ratlos drehte sie ihn hin und her. Aber außer dem Absender und ihrer Adresse war nichts daraus zu ersehen. Endlich schlitzte sie den Umschlag mit einem Küchenmesser auf - der Brieföffner war wieder einmal nicht auffindbar. Heraus fielen mehrere graubraune, bedruckte  Bögen und ein weißer, verschlossener Briefumschlag, auf dem handschriftlich ihr Name stand. 

Erstaunt begann sie zu lesen. In endlosen Bandwurmsätzen, gespickt mit Paragraphen, teilte ihr das Amtsgericht in Krenzdorf mit, Frau Margaret Lucy  Parker, geborene Pietsch, sei am Heiligabend des vergangenen Jahres in Alice Springs / Australien verstorben und habe ihre Cousine, Veronika Elfriede Kuchbauer, als alleinige Erbin eingesetzt. Anbei eine Aufstellung der hinterlassenen Vermögenswerte sowie ein persönliches Schreiben der Verstorbenen. Der Brief schloss mit der Aufforderung, innerhalb von 6 Wochen eine Erklärung abzugeben, ob sie bereit sei, das Erbe anzunehmen, oder es auszuschlagen. Freundliche Grüße, gez. Lehmann, Rechtspfleger. 

Veronika starrte die Papiere an, als könnten sie ihr jeden Augenblick ins Gesicht springen. Sie konnte nicht glauben, was sie da gelesen hatte. Margaret Lucy Parker - wer sollte das ein? Sie kannte niemanden mit diesem Namen. Margaret Lucy Parker -  nein. Sie konnte in ihrem Gedächtnis herumkramen, so lange sie wollte - sie HATTE keine Cousine in Australien. Oder doch? Ihre Mutter hatte doch da mal irgendeine Skandalgeschichte … aber das war so viele Jahre her, dass sie sich nicht mehr erinnern konnte. Fragen konnte sie ihre Mutter auch nicht mehr - sie war vor neun Jahren verstorben… Vielleicht könnte sich sie ja bei Hannes erkundigen, der hatte doch bestimmt … NEIN, bloß nicht. Dann wusste innerhalb von zwanzig Minuten  das ganze Dorf Bescheid. Aber da war doch noch - ach ja, der weiße Umschlag! Sie schlitzte auch dieses Kuvert vorsichtig auf. Ein weißes DIN-A-4-Blatt, eng beschrieben, fiel ihr entgegen. Sie faltete es auseinander und begann zu lesen.  

Meine liebe Vroni,
wenn Du diese Zeilen liest, werde ich nicht mehr am Leben sein. Ich habe Krebs, und mir bleiben nur noch ein paar Monate. Sicher wirst Du Dich fragen, warum ich mich in all diesen Jahren nie mehr bei Dir oder überhaupt in Kugelsbach habe sehen lassen. Aber ich konnte es nicht. Ich habe, wie Du weißt, eine Ausbildung zur Reiseverkehrs-Kauffrau gemacht und bin danach viel in der Welt herumgekommen. In Amerika bin ich dann hängen geblieben, genauer gesagt, in New Mexico - der Liebe wegen. Jerome  und ich haben geheiratet, aber meine Eltern haben  mir nie verziehen, dass ich es gewagt habe, ihnen - welcher Frevel - einen Afroamerikaner als Schwiegersohn zu präsentieren...  Auch mein Bruder, Dein Cousin, hat sich auf ihre Seite geschlagen.  Bei meinem letzten Besuch in Deutschland kam es zu einem fürchterlichen Streit deswegen. Ich habe Hals über Kopf meine Sachen gepackt und bin zurückgeflogen.  Das war es dann. Ich habe mich danach nie wieder gemeldet. Meinen Namen Marie-Luise habe  in Margaret Lucy geändert und bin mit Jerome untergetaucht. Vor 28  Jahren sind wir nach  Australien ausgewandert und haben in Alice Springs ein Haus gekauft. Dort haben wir Zimmer vermietet - nach Alice Springs kommen viele Touristen, und Hotels gab es damals kaum.  

Über Hannes (Du kennst ja unseren Postboten) war ich aber immer auf dem Laufenden, und deshalb weiß ich, dass meine Eltern mittlerweile beide verstorben sind. Auch Jerome lebt nicht mehr, und mein Bruder hat mich inzwischen für tot erklären lassen - damit er das Erbe unserer Eltern antreten konnte. Er hat nie herausgefunden, dass und wo ich lebe - dafür habe ich gesorgt. Nachdem Jerome und ich leider keine Kinder haben, hinterlasse ich DIR alles, was wir uns aufgebaut haben. Ich hätte mir gewünscht, dass wir uns noch einmal sehen können - aber leider sollte es nicht so sein. 

In Liebe
Deine Cousine Marie-Luise. 

Veronika ließ den Brief sinken. Die Tränen liefen ihr in Sturzbächen übers Gesicht. Marie-Luise - alle hatten geglaubt, sie sei  in Amerika verschollen. Das ganze Dorf hatte Spekulationen darüber angestellt, ob sie verunglückt,  entführt  oder sogar ermordet  worden war. Veronika erinnerte sich, dass ihr Cousin  Paul, der Bruder der Verschollenen, sogar persönlich in Amerika nach ihr gesucht, doch nie eine Spur gefunden  hatte…  Und was das Erstaunlichste war: Hannes, der Postbote, die wandelnde Dorfzeitung, der nicht die kleinste Neuigkeit für sich behalten konnte - er hatte all die Jahre gewusst, wo Marie-Luise war - und geschwiegen … Sie hatte ihn völlig unterschätzt! 

Sie suchte in den Papieren nach den Vermögensaufstellung. Und stellte verblüfft fest, dass sie nun das war, was man „reich“ nennen konnte. Marie-Luise hatte ihr nicht nur ihr Haus hinterlassen, das sich  inzwischen  von einer kleinen Frühstücks-Pension zu einem respektablen Hotel gemausert hatte, sondern auch ein gut gefülltes Bankkonto.

Nur - was sollte sie mit einem Hotel in Australien anfangen???


© Christine Rieger