Dienstag, 28. April 2015

Prinz Hasenfuß - Folge 2


Reizwortgeschichte
 
Aberglaube - Verlegenheit - tadeln - fragen - unmöglich
 
 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs, 
vor einigen Wochen habe ich hier die Geschichte von „Prinz Hasenfuß“ veröffentlicht. Daraufhin haben sich einige von Euch eine Fortsetzung gewünscht. Nun - hier ist sie…
 
Ich wünsche Euch viel Vergnügen!
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
Und hier geht es zu den Geschichten von

 
Prinz Hasenfuß - Fortsetzung
 
„Königin Aurora - ich hätte gerne gewusst, was in letzter Zeit mit Eurem Sohn los ist! Seit einiger Zeit ist er wie verwandelt - man erkennt ihn nicht mehr wieder!“ König Ottokar warf seiner Frau, die ihm an dem ellenlangen Tisch an der Stirnseite gegenübersaß, einen beunruhigten  Blick zu. Seine Gattin wartete mit der Antwort, bis die Dienstmagd mit den leer gegessenen Tellern und der noch halb vollen Salatschüssel den Speisesaal verlassen hatte. Private Gespräche vor den Ohren der Dienerschaft zu führen, gehörte sich  nicht. 
 
„Wendelin ist auch Euer Sohn, mein Gemahl!“  Königin Aurora konnte es sich nicht verkneifen, ihren Mann zu tadeln. Immer, wenn Wendelin sich nicht so benahm, wie sein Vater es sich vorstellte, war er IHR Sohn. Lief alles nach Wunsch, nahm selbstverständlich König Ottokar das Verdienst für  SEINEN Sohn in Anspruch.  
 
 
„Was sollte mit denn Wendelin los sein?“ fragte die Königin. Natürlich wusste sie sehr genau, wovon die Rede war. Auch sie hatte die Veränderung im Wesen ihres Sohnes bemerkt. Da war nichts mehr von dem früheren Angsthasen, der sich bei jedem Gewitter ängstlich unter dem Tisch versteckte, der in Ohnmacht fiel, wenn ein kleiner Käfer vor seinen Füssen auftauchte, der nachts ohne Licht nicht schlafen konnte, und beim Anblick seiner gestrengen Tante  Eulalia schreiend die Flucht ergriff… 
 
Neuerdings fand Wendelin Gefallen daran, sich im Pferdestall herumzutreiben,  Bogenschießen zu lernen, und sich mit den Söhnen von Tante Eulalia im Garten herumzuprügeln. Wobei er meistens den Sieg davontrug, obwohl die beiden wesentlich älter und kräftiger waren. 
 
Im Gegensatz zu ihrem Gatten war die Königin jedoch darüber informiert, was die sonderbare Verwandlung ausgelöst hatte. Wendelin hatte ihr eines Abends von den Zauberschuhen erzählt, die ihm sein Urahn geschenkt hatte. Wo und wann das geschehen war, hatte er allerdings für sich behalten. Das war SEIN Geheimnis, und das sollte es auch bleiben! 
 
„Mir ist zu Ohren gekommen, dass Wendelin in der letzten Zeit ständig in Schlägereien mit Oskar und Theobald verwickelt ist“ beklagte sich der König verärgert. „Außerdem hat mir einer der Stallburschen erzählt, dass er neulich versucht hat, den schwarzen Araberhengst, ein Geschenk des Sultans von Aramanien, ohne Sattel zu reiten. Und obendrein läuft Wendelin die meiste Zeit in Schuhen herum….. nein, so kann man diese - diese Treter nicht nennen. Die sind so ausgelatscht, dass es einen grausen kann, die Zehen schauen vorne heraus, und Schuhwichse haben diese Dinger noch nie gesehen. Nein, das geht nicht. Für einen Prinzen ist so ein Benehmen UNMÖGLICH!“
 
 
„Mein lieber Gatte“ bemerkte die Königin süffisant - „Ihr solltet mal einen Blick auf Eure Pantoffeln werfen! Oder besser gesagt - auf Eure Latschen! Die haben auch schon bessere Tage gesehen, und ich möchte nicht wissen, was die Dienerschaft…. „Schweig, Frau!“ fauchte König Ottokar. Sein feistes Gesicht war vor Verlegenheit rot geworden wie der Kopf eines balzenden Puters.  
 
„Contenance, Majestät“ mahnte Königin Aurora streng. „Solche Entgleisungen sind eines Königs nicht würdig - schon gar nicht vor den Augen und Ohren der Dienerschaft!“ Sie stellte das Weinglas beiseite, aus dem sie hin und wieder einen kleinen Schluck genossen hatte, und sah ihrem Gatten in das wütende Gesicht. 
 
„Ich werde Euch erzählen, was die Wandlung UNSERES Sohnes bewirkt hat“ bemerkte sie. „Aber nur unter der Voraussetzung, dass Ihr dieses Wissen für Euch behaltet. Es ist ein Geheimnis, und ich  habe Wendelin versprochen, es zu bewahren! „Jaja, schon gut“ knurrte König Ottokar. Er war ein schrecklich neugieriger Mensch, und er hätte seiner Frau alles versprochen, nur um dahinterzukommen, weswegen sein Sohn sich in letzter Zeit so absonderlich benahm. 
 
„Also, es ist so“ begann die Königin. „Wendelin hat von jemandem diese Schuhe geschenkt bekommen, die Ihr so widerlich findet... "Von wem?" unterbrach der König sofort. "Das hat er mir nicht verraten. Und gefragt habe ich ihn nicht!"  "Ja, aber ...." "Dieser Jemand hat ihm erzählt" fuhr die Königin fort, ohne den Einwand ihres Gemahls zu beachten,"es handle sich um Zauberschuhe, und wer sie trägt, sei groß und stark wie ein Riese...  „So ein Blödsinn“ unterbrach der König verärgert. „Nichts als alberner Aberglaube. Und EUER Sohn war so dämlich, diesen Quatsch zu glauben…“ „König Ottokar, ich werde ernstlich böse, wenn Ihr noch einmal UNSEREN Sohn so beschimpft“. Die Stimme der Königin klang keineswegs laut. Aber ihre Worte waren scharf wie Messer. „Es ist doch vollkommen gleichgültig, ob diese Geschichte wahr ist oder nicht. Hauptsache, sie hat aus Wendelin endlich einen ganz normalen Jungen gemacht. Oder war er Euch als jämmerlicher Feigling lieber? Als armes Würstchen, das alle Welt nur „Prinz Hasenfuß“ genannt hat? Das kann doch nicht Euer Ernst sein!“ 
 
Der König schwieg. Er wusste aus Erfahrung, dass es keinen Sinn hatte, sich mit der Königin zu streiten. Außerdem musste er insgeheim zugeben, dass sie Recht hatte. Seitdem Wendelin diese scheußlichen Schuhe trug, war er ein anderer Mensch geworden…
 
 
„Also gut“ sagte er schließlich. „Soll Wendelin meinetwegen seine grässlichen Zauberschuhe behalten. Unter einer Bedingung: Wenn er das Schloss verlässt, oder ich hier Besuch erwarte, wünsche ich eine vernünftige Fußbekleidung!“ 
 
"Selbstverständlich, König Ottokar“ stimmte seine Gemahlin zu. „Unter einer Bedingung: Dass Ihr Euch endlich von Euren ausgelatschten Pantoffeln trennt ..."
 
 
© Christine Rieger
 
 
 

 

Freitag, 24. April 2015

Fünfzig Jahre

Freitags-Geschichte 

Liebe Freunde meines Lesebuchs,


es ist wieder Zeit für meine Freitagsgeschichte. In dieser Woche treffen sich zwei alte Damen nach langer Zeit in einem Seniorenheim wieder ...

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen, und ein schönes Wochenende!

Eure Geschichten-Erzählerin



Fünfzig Jahre

Jeder, der das Gebäude betrat, musste unwillkürlich grinsen. "Haus Waldesruh" stand in großen, vergoldeten Lettern über der pompösen Eingangstür mit dem schweren Messinggriff. Das Anwesen, vor hundertfünfzig Jahren ein Herrenhaus, stand heute mitten in der Stadt. Der Lärm der stark befahrenen Kreuzung war nicht zu überhören. Der Wald war von hier genauso weit entfernt wie der Mond von der Erde - jedenfalls für die Bewohner, die sich - wenn überhaupt - nur im Rollstuhl, mit Gehstöcken oder mit Hilfe eines Rollators fortbewegen konnten. Auch innerhalb des Hauses war es mit der Ruhe nicht allzu weit her.

Rebecca Winter konnte sich ein Lächeln über den albernen Namen dieses Domizils nicht verkneifen. als sie durch die Eichentüre trat, um ihre Großmutter zu besuchen. Juliette Le Fleur lebte seit knapp einem Jahr hier. Freiwillig. Gegen den Rat der Familie und zum Entsetzen sämtlicher Freunde hatte sie ihren Bungalow verkauft und war in die Seniorenresidenz gezogen.

Eigentlich hieß sie ganz profan Juliane Eichenmüller. Der französische Künstlername stammte aus ihrer Zeit als Balletttänzerin. Sie hatte ihn nach dem Ende ihrer Karriere beibehalten, weil er ihrer Ansicht nach wesentlich besser zu ihr passte als ihr eigener. Ihre Entscheidung, in "Betreutes Wohnen" überzusiedeln, hatte Juliette schon nach wenigen Wochen bitter bereut. Doch anstatt sich hier einzugewöhnen - oder aber wieder auszuziehen - fing sie an, das Personal zu terrorisieren. Nichts war ihr Recht zu machen. Das Essen nicht heiß genug. Die Tabletten zu spät oder zu früh. Das Zimmer nicht ordentlich geputzt. Die Wäscherei arbeitete zu langsam. Niemand kümmerte sich um IHREN Zeitplan...  Jeder, der konnte, machte inzwischen einen großen Bogen um die "alte Giftspritze". Auch die Besucher wurden immer weniger. Ihre einzige Tochter wohnte weit weg. Der Sohn, Rebeccas Vater, war zum letzten Mal vor einem Monat hier gewesen. Er konnte die ewigen Klagen seiner Mutter, ihren Hang, alles zu dramatisieren, und ihre Erpressungsversuche, die bis zu Selbstmorddrohungen reichten, nicht mehr ertragen.

Rebecca, von ihren Freunden "Becky" genannt, lief leichtfüßig die Treppen hinauf in die zweite Etage. Schon beim Betreten des Ganges hörte sie Juliettes Stimme. "Sie können machen, was Sie wollen - ich gehe NICHT in den Speisesaal" keifte sie. "Ich schaue nicht zu, wie die Alte mir gegenüber im Essen herumpanscht, sich selber und den ganzen Tisch verkleckert und mir ihr Bier über die Kleider kippt! Ich esse IN MEINEM ZIMMER - oder überhaupt nicht!" Rebecca seufzte. Großmama wurde wirklich immer unausstehlicher!

Sie kannte Juliettes Tischnachbarin. Gertraud Hallmann bewohnte das kleine Einzelzimmer gegenüber dem Appartement ihrer Großmutter. Eine ruhige, angenehme alte Dame, mit silbergrauen Locken und sehr einfachen, aber sauberen Kleidern. Niemals ungeduldig, dankbar für jede Hilfeleistung, immer freundlich. Das krasse Gegenteil ihrer Großmama. Gertraud Hallmann lebte - im Gegensatz zu Juliette Le Fleur - nicht freiwillig hier. Seit einem Schlaganfall vor zwei Jahren war sie halbseitig gelähmt und auf den Rollstuhl angewiesen. Aber sie beklagte sich nicht. Sie bekam ihr Essen hingestellt, das Zimmer wurde regelmäßig sauber gemacht, die Wäsche gewaschen. Allein oder gar einsam war sie nie. Hier wurde so viel geboten - vom Kochkurs über Kegeln, Theateraufführungen, Musikabende, Konzerte - wem es hier langweilig wurde, war selber schuld. Sie hätte im "Haus Waldesruh" glücklich und zufrieden ihren Lebensabend verbringen können - wäre nicht Juliette Le Fleur gewesen.

Mühsam öffnete Gertraud ihre Zimmertüre. Sie hatte keine eigene Toilette. Ihre karge Rente reichte nur für das Allernötigste. Balkon oder Badezimmer waren nicht drin. Als sie sich mit ihrem Rollstuhl durch die Türe zwängte, entdeckte sie Juliettes Enkelin. Was für ein nettes junges Mädchen! Eine solche Enkeltochter hätte sich Gertraud gewünscht. Aber es sollte nicht sein. Ihr einziger Sohn war mit Anfang 20 tödlich verunglückt...

Rebecca winkte der alten Dame freundlich zu. Im gleichen Augenblick, als sie an die Türe ihrer Großmutter klopfen wollte, kam Juliette herausgeschossen. Hochrot im Gesicht, mit zerzausten Haaren, rempelte sie zuerst ihre Enkeltochter an und stieß dann gegen den Rollstuhl. "Kannst Du denn nicht aufpassen" fauchte sie Gertraud an. "Musst Du unbedingt direkt vor meiner Türe herumstehen?" "Großmama, ich bitte Dich! Frau Hallmann MUSS hier vorbei, wenn sie zur Toilette will" erklärte Rebecca. "Halt den Mund. Das geht Dich nichts an" zischte Juliette.

"Lassen Sie mal, Kindchen" beschwichtigte Gertraud. "Sie kann nichts dafür". Sie dirigierte ihren Rollstuhl so dicht an Juliette heran, dass er fast ihre Füße berührte. Sah zu der anderen hoch, direkt in ihr wütendes Gesicht. "Was ist nur aus Dir geworden, Julchen?" fragte sie. Juliette Le Fleur fuhr zurück. Julchen - so hatte sie schon seit Jahrzehnten niemand mehr genannt! Woher wusste diese Person...

"Erinnerst Du Dich noch den Sonnenblumenweg? An das Studentenwohnheim?" Vor fünfzig Jahren? Damals hast Du mich Deine beste Freundin genannt. Alles haben wir geteilt - Zimmer, Essen, Kleider, Schuhe. Und unsere Geheimnisse. Nur nicht die Männer..."

Gertraud lächelte. Sie ließ die andere stehen, wendete mit ihrem Rollstuhl um, fuhr zurück in ihr Zimmerchen und schloss die Türe. Von innen.



©  Christine Rieger

 

Dienstag, 21. April 2015

Der Kuss der Muse


 
 
Reizwortgeschichte 

Woche - Sofa - formen - wollen - wohlgemut
 
 
Liebe Freunde meines Lesebuches, 
wie schnell doch die Woche wieder vergangen ist - kaum ist die eine Reizwort-Geschichte geschrieben, wird es schon Zeit für die nächste! 
Auch mit diesen Reizwörtern habe ich sehr lange "gekämpft". Allerdings hat mich dann die Muse im letzten Moment doch noch geküsst…
Ich wünsche Euch viel Vergnügen beim Lesen!
 
 
Und hier findet Ihr die Geschichten von
 
 
 
Der Kuss der Muse

 „Sag mal - könntest Du mich vielleicht mal küssen?“ Hanne rückte auf dem Sofa ein Stückchen näher an Wolfgang heran und sah ihn auffordernd an. 
 
„Wieso sollte ich?“ fragte Wolfgang irritiert.  „Na, weil Du mein Mann bist - ganz einfach. Und weil Du mich schon seit mindestens zwei Stunden nicht mehr geküsst hast. Und überhaupt - weil  die Muse es leider auch nicht tut … „Was denn für eine Muse? Wer is’n das überhaupt?“ Wolfgang, der außer der Tageszeitung und dem Sportjournal selten irgend etwas anderes zu lesen pflegte, starrte seine Frau an, als hätte er plötzlich einen Geist neben sich sitzen. „Och, Mensch,  Wolfgang - die Muse der Kunst. In meinem Fall der Schreibkunst! Ich brüte jetzt schon die ganze Woche über meiner neuen Geschichte, aber mir will ganz einfach nichts einfallen!“ „Und Du meinst, es nützt was, wenn ICH Dich jetzt küsse? Ich habe doch überhaupt keine Ahnung vom Schreiben! Ich bin schon froh, wenn ich meinen Namen unter eine Geburtstagskarte  setzen kann!“ „Naja, schaden kann es trotzdem nicht“ meinte Hanne. Danach lasse ich Dich auch ganz bestimmt in Ruhe!“ 

Wolfgang grinste. Seine Frau war doch wirklich ein verrücktes Huhn - ihre Einfälle waren manchmal göttlich! Es war schon vorgekommen, dass sie mitten in der Nacht aufgestanden war, im Nachthemd in den Garten gelaufen und im Regen getanzt hatte. Barfuß, versteht sich. Bei fünf Grad plus …  Oder jener Abend am Gardasee, an dem sie zur Belustigung aller Hotelgäste ganz alleine auf der Tanzfläche einen Twist hingelegt hatte - so temperamentvoll, dass innerhalb kürzester Zeit alle anderen Gäste aufgesprungen waren und mitgetanzt hatten. 

 In Erinnerung geblieben war ihm auch eine Vorstellung im Schauspielhaus. Das Stück hieß „Acht Frauen“ und war ungeheuer spannend. Doch mittendrin hatte seine Frau plötzlich lauthals losgelacht. Die Hauptdarstellerin hatte mit einer Rivalin gekämpft und ihr im Eifer des Gefechts die Perücke heruntergerissen. Darunter war - ein Mann zum Vorschein gekommen ... Noch ehe irgend jemand auf der Bühne reagieren konnte, war Hanne  aufgesprungen, auf die Bühne gestürmt, hatte den Skalp aufgeklaubt und dem Unglücksraben wieder aufgesetzt. Allerdings verkehrt herum. Damit war aus dem Krimi eine Komödie geworden. Die  Vorstellung hatte in kollektivem Gelächter aller Zuschauer geendet - und der Schluss war völlig untergegangen. Bis heute wussten sie nicht, wie das Stück eigentlich hätte enden sollen … 

Na, und dann die Begebenheit neulich im Supermarkt … Hanne hatte die Wochenend-Einkäufe erledigen wollen und  war mit einem randvollen Einkaufswagen an der Kasse gestrandet - ohne Geld. Ihr Portemonnaie lag zu Hause auf dem Küchentisch. Aber das merkte sie erst, als die Kassiererin ihr die Summe nannte. Nun war guter Rat teuer. Die Schlange hinter ihr wuchs und wuchs, Gezeter anderer Kunden wurde laut. Aber Hanne ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Sie zückte ihr Handy, rief Wolfgang an und bat ihn, ihr den vergessenen Geldbeutel zu bringen. Ihren  Einkaufswagen schob sie kurzerhand zur Seite, baute sich daneben auf und überließ es der genervten Kassiererin, mit der Situation fertig zu werden… 

Nein, Hanne war - obwohl sie die 60 überschritten hatte - ein Unikum. Langweilig wurde es mit ihr nie. Das war wohl auch der Grund, warum Wolfgang sich vor so vielen Jahren in sie verliebt hatte … 

Vor einiger Zeit hatte sie nun angefangen, Kurzgeschichten zu schreiben und sie in einem eigenen Blog zu veröffentlichen. Jede Woche eine. Nur dieses Mal schien ihr nichts einfallen zu wollen - deshalb die Aufforderung, sie anstelle der Muse zu küssen. 

„Was ist denn - küsst Du mich nun oder nicht?“ riss ihn die Stimme seiner Frau aus seinen Gedanken. „Na schön - von mir aus!“  Wolfgang legte die Sportzeitung zur Seite, nahm seine Frau in die Arme und schritt zur Tat.  

Es half tatsächlich. Innerhalb von Sekunden begann sich in Hannes Kopf ein Gedanke zu formen. Abrupt ließ sie Wolfgang los.
 
„Du kannst aufhören - es hat gewirkt“ sagte sie, stand auf, ging zu ihrem Laptop und machte sich wohlgemut an die Arbeit.

 
 

©  Christine Rieger
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Freitag, 17. April 2015

Zwei Leben

Freitags-Geschichte 


Liebe Freunde meines Lesebuchs,


diese Woche ist meine Freitags-Geschichte wieder einmal spannend. Ein junger Polizist recherchiert in Sachen Drogengeschäfte im Internet und macht dabei eine sehr überraschende Entdeckung ...

Aber lest selbst. Viel Spaß!

Eure Geschichten-Erzählerin



Zwei Leben

Er starrte minutenlang auf den Bildschirm, als sähe er ein Gespenst. Das konnte doch nicht wahr sein! Sein eigenes Gesicht blickte ihn an, als sähe er in einen Spiegel. Gut, die Haare waren etwas länger und lockiger als seine, auch ein kleines bisschen dunkler, die Frisur anders, aber es war unzweifelhaft sein eigenes Gesicht. Darunter ein Name: Matteo Garcia. Und ein kurzer Zeitungsausschnitt: International gesuchter Drogendealer endlich in Hamburg gefasst.....

Als es ihm endlich gelang, sich zu fassen, setzte auch sein gesunder Menschenverstand wieder ein. Das konnte nur ein Irrtum sein. Jemand hatte sein Foto aus einem der sozialen Netzwerke, in denen er verkehrte, geklaut - entweder um ihm zu schaden, oder einfach nur aus Blödsinn. Die Leute machten ja heute vor nichts mehr Halt!

Thomas Garhammer - seine Freunde nannten ihn Tom, oder (in Anlehnung an den berühmten Kater) auch mal Garfield, war Computerspezialist. Einer der Gefragtesten bei der Polizei. Aus allen Teilen Deutschlands - zunehmend auch aus dem Ausland - kamen Anfragen von den verschiedenen Dezernaten, die bei der Fahndung nach Mördern, Waffenschiebern, Rauschgifthändlern oder Kinderschändern (auch vermisste Personen hatten schon zu seinen Suchobjekten gehört) mit ihren herkömmlichen Methoden an ihre Grenzen stießen und nun hofften, dass Tom im Internet irgendeine heiße Spur finden würde. Meistens war es auch so.  Schon von frühester Jugend an hatte Tom immer das neueste elektronische Spielzeug zur Verfügung gehabt. Sein Vater (er und seine Frau hatten Tom schon als Baby adoptiert) war ein reicher Fabrikant, der seinen Sohn regelrecht vergötterte und ihm jeden Wunsch erfüllt hatte, sofern es um Dinge ging, die mit Geld zu kaufen waren. Tom war dadurch aber keineswegs ein arroganter Schnösel geworden. Er war ein ganz normaler Junge, für den Handy, Computer, Spielekonsole und all diese Sachen selbstverständlich zum Leben gehörten, und der auch seine vielen Freunde großzügig damit spielen ließ.

Sein Berufswunsch stand früh fest: Irgend etwas mit Computern. Natürlich. Damit kannte er sich bestens aus. Er entschied sich für eine Laufbahn bei der Polizei, absolvierte die Grundausbildung und avancierte schon in kurzer Zeit zu einem der besten Internet-Spezialisten. Und nun war er bei seiner Recherche auf sein eigenes Bild gestoßen. Im Zusammenhang mit Drogengeschäften...

Während seine Finger über die Tastatur seines Laptops flitzten, um mehr über den geheimnisvollen Dealer zu erfahren, der da mit seinem Gesicht herumlief, blitzte plötzlich ein Gedanke in seinem Hinterkopf auf. Etwas, das sein Vater ihm vor Jahren erzählt hatte. Damals, als er erfuhr, dass seine Eltern ihn adoptiert hatten. Was war das nur gewesen? Sein leiblicher Vater war bei einem Unglück auf einer Ölplattform in der Nordsee ums Leben gekommen. Seine Mutter war danach völlig zusammengebrochen, und mit den Kindern völlig überfordert gewesen.... DAS WAR ES. Den Kindern! Er musste Geschwister gehabt haben. Was war aus denen geworden? Er hackte auf seine Tastatur ein, als hinge sein Leben davon ab. Tippte Namen, Daten, Orte in das Suchfeld ein. Und dann hatte er es. Die Geschichte seiner Familie. Sein Leben. Bevor sein Vater verunglückt war, hatte seine Mutter Zwillingen das Leben geschenkt. Zwei Jungen. Einer davon musste er, Tom sein. Und der andere? Der Drogenboss mit seinem Gesicht??? Hektisch las er weiter. Die Mutter war nach dem Unglück mit einem Nervenzusammenbruch in die Psychiatrie eingeliefert worden. Daraufhin entzog das Jugendamt ihr das Sorgerecht für die Zwillinge, und nachdem es keine Verwandten gab, die sich um die Kinder kümmern konnten, wurden Thomas und Matthias (so hieß der andere Junge) in ein Heim gebracht. Wenig später starb ihre Mutter. Man vermutete, an gebrochenem Herzen. So etwas sollte es ja tatsächlich geben. Die Waisen wurden zur Adoption freigegeben.

Tom forschte weiter. Seine Finger rasten geradezu über die Tastatur, um zu erfahren, wohin das Schicksal seinen Bruders verschlagen hatte. Und was ihm in seinem Job inzwischen zu einem legendären Ruf verholfen hatte, half ihm auch diesmal. Sein Bruder war von einem Ehepaar in Südamerika adoptiert worden. Und nachdem sein deutscher Name für die dortigen Zungen nahezu unaussprechlich war, hatte er einen neuen Namen erhalten - Matteo. Matteo Garcia. Leider geriet Matteo schon in jungen Jahren auf die schiefe Bahn. Er schwänzte die Schule, geriet in schlechte Gesellschaft, konsumierte selber Drogen - und begann, um seine Sucht zu finanzieren, irgendwann selber zu dealen. Und nun hatten sie ihn geschnappt. Hier in Hamburg. Als er eine Ladung Drogen im Hafen auslösen wollte. Versteckt in den Hohlräumen von Containern mit Rindfleisch, das für Steakrestaurants in Deutschland bestimmt gewesen war.

Tom schaltete nicht einmal seinen Laptop aus. Er sprang vom Stuhl auf, warf seinem Kollegen im Nebenraum eine kurze Notiz auf den Tisch, wo er zu finden war, und fegte die Treppe hinunter. Die Zeit, sich einen Dienstwagen zu organisieren, nahm er sich nicht. Kurzerhand sprang er in sein Privatauto und raste, wie von Furien gehetzt, nach Santa Fu. Nicht nur die Insassen, nein jedermann nannte das Gefängnis in Hamburg-Fuhlsbüttel so. Dank seiner Zugehörigkeit zur Polizei war es kein großes Problem für ihn, zu dem gefangenen Drogendealer vorzudringen. Er musste nicht lange warten.

Dann standen sie sich gegenüber. Nur zwei Schritte voneinander entfernt. Die Zwillingsbrüder, die sich nie vorher gesehen hatten. Deren Leben unterschiedlicher nicht hätte verlaufen können.

Es war, als ob sie in einen Spiegel sehen würden.

 

 

© Christine Rieger

 

Dienstag, 14. April 2015

Paulinchen


Reizwortgeschichte



Apfel - Hilfe - einsam - eigennützig - prophezeien
 
 

Liebe Freunde meines Lesebuches,



manches Mal formen sich die Geschichten schon in meinem Kopf, wenn ich die Reizwörter zugeschickt bekomme -  aber  dieses Mal waren sie eine echte Herausforderung!  Ich hoffe aber, es ist mir trotzdem gelungen, sie einigermaßen umzusetzen...




Und hier findet Ihr die Geschichten von


Paulinchen  

„Paulinchen, komm sofort her - wir brauchen Deine Hilfe!“ Die Stimme der Königin klang bereits sehr ungeduldig. Es war aber auch ein Kreuz mit der Kleinen! Von Arbeit hielt sie überhaupt nichts - im Gegenteil. Am liebsten saß sie von früh bis spät auf dem untersten Ast der jungen Kiefer, der genau über dem Ameisenhaufen hing, und sah von hier oben aus zu, wie ihre Artgenossen sich abschufteten, rannten und flitzten. Das hatte der kleinen Waldameise irgendwann den Spitznamen „Faulinchen“ eingetragen. Paulinchen störte es nicht. Warum auch? Es war doch viel schöner, anderen bei der Arbeit zuzusehen als selber mit hinzulangen!  

„Paulinchen,  ich prophezeie  Dir - mit Dir wird es noch ein schlimmes Ende nehmen!“ Drohend baute sich Paulinchens Mutter vor ihr auf. „Du bist eine Rote Waldameise. Du hast eine Verpflichtung - vergiss das nicht. Ameisen sind fleißige Tiere. Oder aber, es wird ihnen schlecht ergehen!“ Paulinchen kümmerte sich nicht um das Lamento ihrer Mutter. DAS konnte sie schon auswendig herbeten. Demonstrativ drehte sie sich um, krabbelte einen Meter weiter und beobachtete weiter schadenfroh  ihre fleißigen Brüder und Schwestern. Die würden heute Abend alle jammern, weil ihnen das Kreuz wehtat. Sie, Paulinchen, ganz bestimmt nicht! 

Doch Paulinchen irrte sich. Am Abend, nach getaner Arbeit, rief die Ameisenkönigin ihre Berater zusammen.
„Mit Paulinchen geht das nicht so weiter!“ wetterte sie. „Wo gibt es denn das - eine Ameise, die nicht arbeiten will? Nein - wir müssen ihr einen Denkzettel erteilen. Paulinchen ist eigennützig und denkt gar nicht daran, ihrem Volk zu dienen. Was also schlagt Ihr vor?“ Nach längerem Hin und Her, nach Vorschlägen, die gemacht, besprochen und wieder verworfen wurden, einigte man sich darauf, Paulinchen - vorerst für einige Wochen - aus dem Ameisenvolk zu verbannen.
 
Am nächsten Morgen teilte die Königin Paulinchen den Beschluss des Ameisenvolkes mit. Sie hatte sofort den Bau zu verlassen und sich anderswo eine Unterkunft zu suchen. Dann würde sie schon sehen, wie weit sie käme, wenn sie sich weiterhin auf die faule Haut legte. Die Soldatinnen der Königin setzten den Beschluss auch sofort in die Tat um. Sie packten Paulinchen, zerrten sie aus dem Ameisenhügel und eskortierten sie hundert Meter weit in den Wald hinein. So weit, dass sie den Waldrand nicht mehr sehen konnte. Dann kehrten sie um und marschierten in militärischer Ordnung, so wie es sich für Soldaten gehört, zurück zu ihrem Ameisenhügel. 

Da saß Paulinchen nun. Völlig einsam, mitten auf einer Waldlichtung, durch die ein Wanderweg führte. Ohne Dach über dem Kopf, ohne den Schutz ihres Volkes, und vor allem, ohne Nahrung. Unschlüssig sah sie sich um. Was sollte sie nun machen? Nach einer Weile entschloss sie sich, ihre neue Umgebung zu erkunden. Neugierig krabbelte sie hierhin und dorthin auf der Suche nach einer Unterkunft. Schließlich entdeckte sie ein Stück neben dem Wanderweg, zwischen abgebrochenen Zweigen und Haselnussschalen, die wohl ein Eichhörnchen hier hinterlassen hatte, einen angebissenen Apfel. Den hatte vermutlich einer der vielen Wanderer, die hier vorbeikamen, als ungenießbar ins Gestrüpp geworfen. 

Paulinchen untersuchte das seltsame Ding. Braun war es, roch modrig und irgendwie vergammelt, Aber immerhin - wenn sie da hineinkriechen konnte, hatte sie wenigstens eine Unterkunft für die Nacht! Gesagt, getan. Mühselig bohrte sie ein Loch an der Stelle, wo die Schale abgebissen worden war, und kroch hinein. Pfui Teufel, war es hier ungemütlich! Feucht, muffig, dunkel und kalt. Und fressen konnte man das Zeug auch nicht. Wie gemütlich war es dagegen in ihrem Ameisenbau, zwischen Tannennadeln, kleinen Hölzchen und Blättern, die einen wärmten. Und IMMER war etwas zum Fressen da - dafür hatten die Arbeiterinnen gesorgt. Würmer, Maden, Läuse, Fliegen, auch mal eine fette Wespe, Pflanzenteile und Samen hatten sie herangeschleppt. Paulinchen hatte immer nur zulangen müssen. Und nun? 

Nun saß sie hier - einsam, allein und hungrig in einer eiskalten, feuchten Umgebung. Was hätte sie darum gegeben, bei ihrem Volk zu sein! Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu regnen. Dicke Wassertropfen platschten auf den Waldweg, immer mehr. Das Wasser schwemmte die Tannennadeln davon. Darunter kam dicker, brauner Schlamm zum Vorschein. Der Apfel, in dem Paulinchen Zuflucht gesucht hatte, geriet ins Rutschen. Krampfhaft klammerte Paulinchen sich fest, um nicht den Halt zu verlieren. Ihr war schlecht, vor lauter Hunger, und von dem Gerumpel.  Unaufhaltsam kollerte und rumpelte der Apfel bergab. Dann gab es einen heftigen Ruck. Paulinchen stieß mit dem Kopf gegen das Kerngehäuse, und es wurde ihr schwarz vor den Augen. 

Als die kleine Ameise wieder zu sich kam, musste sie erst einmal überlegen, wo sie war. Schließlich fiel es ihr wieder ein. Ihre Weigerung, sich an der Arbeit am Ameisenbau zu beteiligen. Die Verbannung. Der Apfel. Der Regen. Wo war sie jetzt gelandet? Vorsichtig kroch sie durch den engen Gang, der nach draußen führte. Als sie den Kopf hinausstreckte, stellte sie erstaunt fest, dass der Apfel  genau neben dem Ameisenhügel gestrandet war, in dem ihre Familie lebte. Was für ein Glücksgefühl das war! 

In diesem Moment schwor Paulinchen, sich nie wieder vor der Arbeit zu drücken.  Als  mehrere Dutzend Angehörige ihres Ameisenvolkes vorüberkamen, die einen erstaunlich großen Käfer transportierten, griff Paulinchen zu, schnappte sich eines der Beine und schleppte und zerrte so wie alle anderen an der Beute, bis das bedauernswerte Opfer in den Ameisenbau geschafft war. 

An diesem Abend gab es ein Festmahl - und Paulinchen wurde in allen Ehren wieder in das Ameisenvolk aufgenommen…  

 

©  Christine Rieger