Dienstag, 28. Juli 2015

Urlaub mit Hindernissen ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

mit dieser Reizwortgeschichte, die sich - natürlich - um den Urlaub dreht,  verabschiede ich mich vorerst von Euch. Meine Mit-Autorinnen und ich haben beschlossen, uns im August eine Schaffenspause zu gönnen. 

Ab Dienstag, den 01. September 2015 
 
sind wir wieder zurück - gut gelaunt, mit aufgetankten Batterien und neuen Geschichten.
 

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern und meinen Mit-Autorinnen eine erholsame Urlaubszeit mit viel, viel Sonne. 

Eure Geschichten-Erzählerin  
 

Reizwortgeschichte
 
Reizwörter:  Schmetterlinge - Umleitung - drängeln - schütten - blau 

Urlaub mit Hindernissen 

„Hast du alles?“ Jochen, die Türklinke schon in der Hand, dreht sich zu seiner Frau um, die hektisch in der Nachttischschublade herumwühlt.  „Noch nicht“ gibt Beate zur Antwort. „Mein Handy….“
 
„… baumelt an der Nabelschnur! Im Spiegelschrank im Bad“ ergänzt Jochen. „Ich habe es gestern Abend noch zum Laden drangehängt - der Akku war fast leer“.

Beate saust in den Schlauch, der sich hier großspurig „Bad“ nennt. Hier ist die einzige Steckdose,  bei der man keinen Adapter braucht. Überhaupt die einzige, an der man lebensnotwendige Dinge wie Handy, Kamera, Laptop oder Rasierapparat aufladen kann. Das aufzuladende Gerät liegt dabei auf dem Wasserkasten der Toilette. Woanders ist nirgends Platz. Ziemlich armselig für ein vier-Sterne-Hotel!

Das Handy fliegt in den Rucksack, das Kabel in den noch offenen Kleiderschrank, mitten zwischen die Dessous. Dann ist auch Beate startklar. Als die beiden in der Hotelhalle ankommen, fängt es draußen an zu schütten, als wäre im Himmel ein Damm gebrochen. Dabei hat der Wetterbericht für heute Temperaturen um die 30 Grad und Sonne satt versprochen. Daraufhin  haben sie für heute eine Bootstour auf die vorgelagerte Badeinsel gebucht, denn in den nächsten Tagen soll das Wetter unbeständig werden…

Na TOLL! In diesem Urlaub geht doch wirklich ALLES schief!
 
Schon die Anreise vor drei Tagen  war eine einzige Katastrophe. Lastwagen, aufgefädelt wie Perlen auf einer Schnur, versperren eine der beiden Fahrspuren auf der Autobahn. Immer wieder schert einer von ihnen aus, um zu überholen, ist allerhöchstens 10 km schneller als der andere und braucht gefühlte Stunden, bis er endlich die Überholspur wieder freigibt. Dahinter bilden sich ellenlange Staus, die - kaum haben sie sich aufgelöst - hinter dem nächsten LKW eine neue Schlange erzeugen. Dann - nur wenige Kilometer vor der Ausfahrt - ein Unfall. Totalsperre für mehrere Stunden. Zwei Lastwagen haben ihr Privatrennen ausgetragen. Dabei hat einer die Kontrolle über sein Gefährt verloren - und Hunderte Kisten Bier von der Ladefläche. Niemand wurde verletzt - aber bis die Scherben und die verunglückten Fahrzeuge beseitigt sind und die Fahrbahnen wieder freigegeben werden, ist Mitternacht längst vorüber. Kaum haben sie die Autobahn verlassen, glotzt sie gemein und hinterhältig das erste gelbe Schild an: UMLEITUNG!  Was nun?
 
 
Foto: © Christine Rieger  

Das Navi weiß auch keinen Rat. Also fahren - oder besser gesagt kriechen - sie erst einmal einfach geradeaus. Was sich nach vier Kilometern, als falsch herausstellt. Wieder ein Blick aufs Navi. Das alte Ding orgelt und nudelt, zeigt ständig in die entgegengesetzte Richtung. Endlich kehren sie doch um. Und stehen wenig später vor demselben blöden Schild mit der verhassten Aufschrift. „UMLEITUNG“ … Hinter ihnen drängeln sich die Autos. Warten darauf, dass Jochen sich endlich entscheidet, was er nun machen will. Kurz entschlossen setzt er den Blinker und biegt in die nächste Seitenstraße ein. Leider ist auch das keine gute Idee - nach drei Häuserblocks stehen sie vor einem anderen Schild - „Fußgängerzone“. Inzwischen völlig entnervt, biegt Jochen erneut ab. Beate sitzt heulend auf dem Beifahrersitz. Sie muss dringend zur Toilette, hat Hunger und Durst. Ihr Reiseproviant ist längst aufgegessen, die Getränkeflaschen alle leer. Der stundenlange, unfreiwillige Aufenthalt  auf der Autobahn hat alle Planungen über den Haufen geworfen.  

Unbeirrt orgelt das Navi weiter. Will sie immer wieder zurückschicken. Jochen hat inzwischen den Ton eingeschaltet, um nicht ständig hinschauen zu müssen. Eine monotone Männerstimme leiert unentwegt: „Bitte wenden Sie! Die Route wird neu berechnet. Bitte wenden Sie! Die Route wird neu berechnet. Bitte wenden Sie! Die Route wird …“

„Jetzt langt es mir aber!“ Mit einem Ruck reißt Beate das quengelnde Ungetüm aus der Halterung, drückt auf den „AUS“-Schalter und wirft das Ding nach hinten. Es fällt auf ihre Kosmetikbox, die auf dem Rücksitz steht, prallt ab und rutscht  unter den Fahrersitz. Dort bleibt es liegen und rührt sich nicht mehr.
 
„Bist du verrückt geworden?“ Nun rastet auch Jochen aus. „“Ich brauche mein Navi“ brüllt er Beate an. „Ich denke nicht daran“ schreit sie zurück. „Jetzt fahren wir nach den Straßenschildern, so wie früher auch, und damit basta. Ich will nämlich noch im Hotel ankommen, BEVOR man mich ins Zimmer hineintragen muss, weil ich zu alt bin, um selber zu gehen!“

Jochen hüllt sich in beleidigtes Schweigen. Aber er fährt gehorsam nach den Anweisungen seiner Angetrauten. Und siehe da: Nachdem Beate endlich - mehr durch Zufall - ein braunes Hinweisschild mit dem Namen ihres Hotels entdeckt hat, sind sie eine halbe Stunde später am Ziel. Verschwitzt, zerzaust und mit ihren Kräften am Ende, melden sie sich an der Rezeption an. Ihr Zimmer ist bereit - sie haben von unterwegs aus angerufen und ihre Verspätung ankündigt.
 
Sie sind so erledigt, dass ihnen die ganzen Macken, die das Hotel aufzuweisen hat, gar nicht mehr auffallen. Erst  als sie sich vor dem Abendessen endlich frisch machen wollen, entdecken sie, dass die Dusche weder Vorhang noch Trennwand hat, das Wasser in ein Loch im Boden fließt und man tunlichst vor dem Duschen das Toilettenpapier von der Halterung nehmen sollte. Andernfalls hat man unfreiwillig Feuchttücher. Die Halterung des Duschkopfes ist so ausgeleiert, dass  die Brause dauernd herunterfällt. Erst als Jochen sie mit der Kordel seines Jogginganzugs festbindet, ist Ruhe. 
 
Endlich steigt auch Beate in die Duschwanne. Erst läuft das Wasser noch ganz normal, doch als sie sich das Shampoo aus den Haaren waschen will, fängt die Dusche  an zu tröpfeln, röchelt noch einmal asthmatisch und - stellt ihre Tätigkeit ein. Wütend reißt Beate  eins der Handtücher von der Stange. Das Shampoo brennt in ihren Augen, und ihre Füße hinterlassen nasse Abdrücke auf dem Fliesenboden, als sie - vollkommen nackt - auf die Terrasse stürmt.
 
„Ich reise sofort wieder ab!“ tobt sie. „In diesem Loch bleibe ich keine Sekunde länger!“ 

„Zieh dir aber vorher lieber was an!“ rät Jochen grinsend.  

„Verdammter Idiot! Für DICH hat das Wasser ja noch gereicht, aber was soll ICH jetzt machen?“ Etwas in diesem Zustand zum Abendessen gehen???“ 

„Warum nicht? Gerade wolltest du doch noch so nach Hause fahren“ bemerkt Jochen mit unbezwingbarer Logik. 

„Warum muss so was immer nur mir passieren?“ Beate dreht sich um, wirft sich aufs Bett und fängt an zu heulen. SO hat sie sich ihre Hochzeitsreise nur wirklich nicht vorgestellt! Warum sind sie nicht auf die Malediven geflogen, oder in ein Wellnesshotel  im Bayerischen Wald gefahren, mit Swimmingpool. Sauna und allem Komfort, so wie es ihr Wunsch gewesen war? Nein - stattdessen sind sie in dieser Absteige gelandet, in der man nicht mal richtig duschen kann. Und die ganzen Umleitungen - bestimmt hat die ein Hotelgast aufgestellt, der hier auch schon mal  hausen musste - als Warnung für andere Reisende. Damit sie gar nicht erst hierher finden und genauso auf die Nase fallen …  
 
Jochen unterbricht ihre wilden Phantasien. Mit einem Glas Wein setzt er sich zu ihr auf das zerwühlte Bett. „Das Wasser läuft bestimmt gleich wieder“ tröstet er. „Jetzt kommen alle Leute vom Strand, wollen sich das Salzwasser abduschen, und dann kommt es schon mal zu solchen Engpässen. Vor allem, wenn es so wenig geregnet hat, wie in diesem Sommer, wird zu manchen Zeiten das Wasser knapp…“

„Das nützt mir auch nichts“ heult  Beate. „Ich will hier wieder weg!“ 

„Hier, trink erst mal einen Schluck Wein, damit du dich beruhigst, Dann ziehst du dir was über, wir setzen uns auf die Terrasse, und wenn das Wasser wieder läuft, kannst du fertig duschen. Na komm schon“, lockt er. „Die Aussicht ist sensationell. Und die vielen Blumen …  das hier ist ein Paradies für Schmetterlinge!  So viele und so schöne habe ich noch nirgends gesehen.“  

Das wirkt. Beate liebt Schmetterlinge  über alles. Sie trinkt den Weißwein in einem Zug aus, wickelt sich ein großes Badetuch um den Körper und geht nach draußen.

Jochen hat nicht übertrieben. Die Aussicht ist ein Traum. In einem riesigen Garten liegen mehrere Swimmingpools mit dick gepolsterten Liegen drum herum. Über den Park hinweg kann man das Meer sehen. Bougainvilleas in allen Farben, Oleander, Tulpenbäume, Engelstrompete, stachlige Agaven und unzählige andere Pflanzen, deren Namen Beate nicht kennt,  säumen die kiesbestreuten Wege. Es riecht nach intensiv nach Thymian. Aus der Ferne ist das Konzert der Zikaden zu hören. 
 
Zwischen den Pflanzen  wimmelt geradezu von farbenprächtigen Schmetterlingen, die in der Abendsonne tanzen. Sogar ganz große  blaue sind dabei. Solche hat Beate noch nie gesehen. Sie holt ihre Kamera - aber die schönen Falter lassen sich nicht fotografieren. Nie bleiben sie irgendwo sitzen - sie sind in stetiger Bewegung. Dafür knipst Beate jede Menge anderer  Schmetterlinge, bis Jochen sie irgendwann nach drinnen lotst. 

„Du kannst noch so viele Fotos machen“ neckt er. „Wir sind doch gerade erst angekommen! Aber jetzt kannst du duschen gehen - das Wasser läuft wieder. Danach  plündern wir das Büffet - und morgen sieht die Welt schon ganz anders aus!“
 
„Hoffentlich“ seufzt Beate. „Bis jetzt habe ich den Verdacht, dass wir bis Weihnachten wieder geschieden sind - wenn die Ehe so verläuft wie die Hochzeitsreise …“ 

„Ach, Unsinn! Eine Ehe ist wie eine Großstadt“ philosophiert Jochen. „Die Straßen verlaufen selten geradeaus, oft gibt es Staus und Baustellen - aber trotz vieler Umleitungen kommt man irgendwann ans Ziel. Man muss eben Geduld haben…“

Er schenkt sich ein neues Glas Wein ein, zieht sich wieder auf die Terrasse zurück und lauscht dem Gesang der Zikaden,  während er darauf wartet, dass Beate ihre Verschönerungskur beendet. 

Als sie nach überraschend kurzer Zeit in einem atemberaubenden, meergrünen Sommerkleidchen auftaucht, die Haare aufgesteckt, goldene Sandalen an den Füßen, pfeift er anerkennend. 

„Na siehst du, mein Schatz - jetzt fängt die Ehe ja DOCH  noch gut an!“ Er legt einen Arm um seine frisch angetraute Gattin. Gemächlich schlendern die beiden durch den Garten, in Richtung Speisesaal. 

 

© Christine Rieger / 2015 
 

Und hier findet Ihr die Geschichten von

 
 







Freitag, 24. Juli 2015

Die Mutprobe


Freitags-Geschichte 

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
kennt Ihr das auch aus Eurer Jugend? Bestimmt wart Ihr auch in einer Clique - und da wurde eine "Mutprobe" von Euch verlangt. Oder Ihr wolltet einfach nur Anerkennung - so wie Cornelius in meiner Geschichte ?
 
Gute Unterhaltung, und ein schönes Wochenende!
Eure Geschichten-Erzählerin.

 
Die Mutprobe

"Nun spring doch schon endlich, du Feigling! Du traust dich ja doch nicht, wetten?" Die spöttischen Rufe und das Hohngelächter seiner Klassenkameraden waren bis hier oben zu hören. Tief unter ihm lag das Schwimmbecken. Aus zehn Metern Höhe wirkte es nicht größer als ein Schuhkarton. Eine kleine Pfütze in der riesigen Anlage.

Es war ziemlich kühl heute, eigentlich kein Wetter fürs Schwimmbad. Die wenigen Menschen, die sich heute hier aufhielten, wirkten wie Ameisen. Geschäftig rannten sie durcheinander, johlten, kreischten, bespritzten sich mit Wasser.

Er stand alleine hier oben. Das war seine Bedingung gewesen: Keiner seiner Klassenkameraden durfte mit hier heraufkommen. Er hatte Angst. Angst, dass ihn jemand hinunterschubsen würde. Dabei wollte er doch nur endlich dazugehören. Nicht mehr der Außenseiter sein, den man im Schulhof wie Luft behandelte. Den man allenfalls benutzte, um die Hausaufgaben von ihm abzuschreiben. Der ansonsten als Streber verschrien war, weil er gute Noten hatte. Zudem war er einer, der sich nicht wehrte, wenn die Klassenkameraden ihn trietzten. Dass er obendrein auch noch Cornelius hieß, machte die Sache nicht besser. Zumal seine Mutter ihn einmal, als sie ihn von der Schule abholte, im Beisein der anderen "Connylein" gerufen hatte. Seitdem war er in der Schulklasse unten durch. Das ideale Opfer.

Doch er wollte es ihnen zeigen. Er wollte endlich mittendrin sein, nicht immer nur am Rande stehen. Und deshalb stand er hier oben. Zaghaft tappte er ein paar Schritte nach vorne. Hielt sich am Geländer fest. Sah nach unten. Das Wasserbecken lag so tief unter ihm wie der Grund des Marianen-Grabens, den sie neulich im Geographieunterricht durchgenommen hatten. So kam es ihm jedenfalls vor. Sofort musste er die Augen schließen. Das Schwimmbad drehte sich wie ein Kreisel um ihn, In seinen Ohren rauschte das Blut. Schon immer hatte er Angst gehabt, wenn er irgendwo hoch oben stand und nach unten schauen musste. Selbst auf den Balkon in der Wohnung seiner Eltern im zweiten Stock ging er nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Vor zwei, drei Jahren hatte ihn sein Vater einmal auf eine Bergwanderung mitgenommen. Um ihm seine Angst auszutreiben, wie er es nannte. Schon in der Seilbahn war ihm speiübel geworden. Oben angekommen, stieg er aus der Gondel, ging zur Bergstation, setzte sich drinnen auf eine der Holzbänke und weigerte sich standhaft, wieder herauszukommen. Die Talfahrt bewältigte er - auf dem Boden der Kabine sitzend - mit geschlossenen Augen.

Wieder hörte er seine Klassenkameraden lästern. "Sehr Ihr, ich habe es doch gewusst" schrie Benjamin. Er hatte die größte Klappe und war schon alleine deswegen der Anführer der Klassengang. "Connylein traut sich nicht. Seine Mami ist ja auch nicht da und hält Händchen ..."  "Also, was ist denn nun, Connylein? rief ein anderer. "Wenn du jetzt nicht bald springst, kommen wir rauf und holen dich. Schließlich wollen wir hier nicht warten, bis es wieder Winter wird!" Die anderen wieherten.

Cornelius zitterte vor Angst. Er versuchte, sich selbst Mut zu machen. "Nur drei, vier, Schritte, es sind nur drei, vier Schritte" betete er sich vor. "Und dann lass dich einfach fallen. Die anderen können es doch auch!"

Er holte tief Luft. Schloss die Augen. Hinunterschauen konnte er nicht mehr. Wenn er das tat, würde er umkehren, das wusste er. Zögernd löste er die verkrampften Hände vom Geländer. Erst auf der rechten Seite, dann links. Blindlings tappte er nach vorne. Einen Schritt, zwei, drei, noch einen. Dann fiel er ins Bodenlose.



© Christine Rieger

 

 


 

 

 

Dienstag, 21. Juli 2015

Das Grillfest

Reizwortgeschichte  

Reizwörter:  Sommer - Regen - heiter - schlafbedürftig - selbstvergessen

Sommer - Sonne - Grillzeit...
Was gibt es Schöneres, als an einem lauen Sommerabend  Freunde einzuladen, den Grill anzuwerfen, gemeinsam zu essen, und hinterher noch die halbe Nacht zusammenzusitzen, um bei einem Glas Wein über Gott und die Welt zu diskutieren?
Die heutigen Reizwörter sind geradezu prädestiniert für so eine Unternehmung!
Und hier sind die Geschichten die

Eva   
zu den Reizwörtern eingefallen sind: 

Das Grillfest
„Dieser Sommer weiß wirklich nicht, was er will! Gerade hat der Wetterbericht  gemeldet, dass es am Wochenende wieder Regen geben soll!“
Hartmut betrat die Küche. Erstaunt entdeckte er Karin, die - anstatt sich mit den Vorbereitungen für das Grillfest am morgigen Samstag zu beschäftigen - am Küchentisch saß und selbstvergessen in einer Tasse mit kaltem Kaffee herumrührte. Er ergriff ein Küchentuch, das zufällig auf der Spüle lag und wischte sich damit den Schweiß vom Gesicht. Sofort sprang sie auf und entriss ihm das Tuch. „Das ist ein GESCHIRRTUCH, mit dem trocknet  man das GESCHIRR ab!“ belehrte sie ihn. „Fürs Gesicht haben wir im Bad Handtücher!“ 

„Dahin war der Weg zu weit. Dann wäre mir der Schweiß aufs T-Shirt getropft“ entschuldigte Hartmut sich lapidar. „Als wenn das bei diesem fossilen Lappen noch was ausmachen würde!“ Ihr belustigter Blick auf die alte, einstmals  dunkelblaue Sporthose und das ausgeleierte T-Shirt mit der aufgeplatzten Seitennaht, das ein großer Fettfleck  zierte, sprach Bände. „Och, nun sei doch nicht so! Zu Hause darf man es sich doch mal bequem machen!“ Er beugte sich über seine Frau und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Kann ich Dir irgendwie helfen?“ 

Karin musste lachen. Der Dackelblick, mit dem Hartmut sie ansah, war wirklich zu komisch! Und sie selbst - naja, ihre eigenen Klamotten waren auch eher dazu angetan, einen zufälligen Besucher in die Flucht zu schlagen, als ihn willkommen zu heißen! Sie sah an sich herunter. Ihr Hauskleid (eigentlich war es aus der Nachthemdenabteilung, aber das stand schließlich nicht dran), hatte auch schon bessere Zeiten gesehen.  Als sie es für wenig Geld im Schussverkauf erstand, war es lavendelfarben, aber durchs viele Waschen inzwischen so ausgebleicht, dass man die ursprüngliche Farbe allenfalls noch an den Nähten erkennen konnte.  

„Du könntest schon mal die  Klappstühle aus der Garage holen, damit ich sie nachher abwischen kann. Unsere Stühle auf der Terrasse werden nicht reichen. Und den runden Tisch - da setzen wir die Kinder dran. Naja, und  Du solltest den Grill bereitstellen, die Holzkohlen, die Grillzange, und was Du  sonst noch morgen brauchen wirst. Hier in der Küche komme ich schon klar.“ 

„Und was machen wir, wenn es morgen DOCH regnet?“ fragte Hartmut. „Draußen grillen und drinnen essen. Und jetzt ab mit Dir!“ Sie verpasste ihrem Mann einen spielerischen Klaps auf die alte Turnhose,  scheuchte ihn aus der Küche und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. 

Karin bereute es schon jetzt, nicht - wie in den letzten Jahren - an ihrem Geburtstag verreist zu sein. Wie viel schöner und entspannter hätte sie dann diesen Tag verbringen können! Aber es half ja nichts. Sie konnte schließlich nicht immer nur auf den Feiern ihrer Freunde aufkreuzen - irgendwann musste sie sich auch mal revanchieren! Also hatte sie beschlossen, ihren Sechzigsten, der auch noch auf einen Samstag fiel, mit einem großen Grillfest zu begehen, ihre Familie  und alle Freunde einzuladen und dann wieder ein paar Jahre ihre Ruhe zu haben. Es war ja nicht, dass es ihr keinen Spaß machte, Gäste zu haben - nur fielen ihr die damit zusammenhängenden Vorbereitungen  (und das Aufräumen hinterher) zunehmend schwerer. Früher hatte sie mühelos Partys für dreißig, vierzig Leute veranstaltet. Aber heute war sie der Hektik einfach nicht mehr gewachsen. Es musste wohl  DOCH am Alter liegen! 

Zum Glück musste sie nicht ALLES selbst machen. Sie hatte ihre Freunde gebeten, statt Geschenken lieber selbst gemachte Salate oder Kuchen mitzubringen. Was sollte sie mit fünfzehn Blumensträußen, die alle nach   längstens einer Woche verwelkt waren? Nippes mochte sie nicht - all diese nett gemeinten Kerzen, Väschen und Figürchen, die in ihren Schränken und Regalen als Staubfänger ihr Dasein fristeten, waren längst auf dem Flohmarkt verkauft oder dem örtlichen Recyclinghof „gespendet“ worden. Ihre Bücherregale platzten aus allen Nähten - sie brauchte wirklich NICHTS. 
Heidi, ihre älteste und beste Freundin, versprach, ihren phantastischen Nudelsalat mitzubringen. Gaby wollte für Krautsalat sorgen - danach leckten sich die Gäste bei jeder Feier die Finger. Schon wegen der vielen Speckwürfel. Carlotta war eine begeisterte Bäckerin. Ihre  sagenhaften Kuchen und Torten sahen nicht nur genauso verführerisch aus wie in einer Konditorei - sie schmeckten obendrein viel besser. 
Karin nahm den großen Topf mit den inzwischen abgekühlten Pellkartoffeln vom Herd und begann, sie abzuziehen. Sie waren für den Kartoffelsalat bestimmt. Selbstgemachte Kräuterbutter, Currysoße und  Knoblauchcreme  standen bereits zum Durchziehen im Kühlschrank, ebenso das eingelegte Fleisch. Für die Getränke war Hartmut zuständig. Außerdem brachte sicher der eine oder andere männliche Gast, dessen Kochkünste eher dürftig waren, stattdessen Wein, Sekt oder härtere Sachen mit… Zufrieden lehnte sie sich zurück. Ja, das Fest würde ein Erfolg werden. Jetzt musste nur noch das Wetter mitspielen! 

Angst vor der scheußlichen Zahl, die ab morgen ihr Alter kennzeichnen würde, hatte sie nicht. Warum auch? Solange sie keine großen körperlichen oder sonstige Einschränkungen hatte, solange sie morgens aufstehen, ohne Hilfe essen und trinken, ihr Haus in Ordnung halten, verreisen und ihren Hobbys nachgehen konnte, war das Alter nur eine Zahl. Sonst gar nichts. 

Plötzlich musste sie an Claudia denken, eine ihrer früheren Freundinnen. Kurz vor ihrem 25. Geburtstag fiel sie in eine tiefe Depression und heulte Karin nächtelang am Telefon die Ohren voll, weil sie nun schon so „alt“ wurde… Was Claudia wohl heute von ihrem „Alter“ denken würde? Falls sie überhaupt noch lebte… Sie  war zwei Jahre nach ihrem denkwürdigen 25. Geburtstag weggezogen. Gerüchte machten die Runde, sie habe angefangen zu trinken…  Was daran stimmte, wusste niemand.  „Gut, dass mir das nichts ausmacht“ dachte Karin heiter. „Das Alter spielt keine Rolle - es sei denn, man wäre ein Käse!“ Wo hatte sie das nur wieder gelesen?  Vermutlich in irgendeinem Buch, oder im Internet. Da kursierten ständig solche Weisheiten.  

Der Gedanke ans Internet erinnerte Karin daran, dass sie Tante Google noch nach einem Rezept für die Pfirsichbowle befragen musste. Kurz entschlossen ließ sie das Chaos in der Küche stehen und liegen, holte sich ihren Laptop aus dem Gästezimmer, das gleichzeitig als Büro, Bügelraum,  Lager und Schmollwinkel diente, und ließ  sich damit in der Gartenschaukel nieder.

Natürlich blieb es nicht bei der Suche nach dem Rezept - das hatte sie nach wenigen Mausklicks gefunden. Nein, da mussten noch die neuesten Meldungen bei Facebook gelesen, die E-Mails gecheckt  und beantwortet werden, und bei dieser Gelegenheit konnte man schnell noch mal nach dem Hotel am Gardasee suchen, von dem Conny und Bernd neulich so geschwärmt hatten. Vielleicht könnte man ja im nächsten Jahr zum Geburtstag…“ 

Erschreckt fuhr Karin hoch, als plötzlich Hartmut neben der Hollywoodschaukel auftauchte. 

„Hier bist Du also!" schmollte er. "Du vergammelt die Zeit am Computer, während Du Deinen Sklaven, also mich, an die Arbeit schickst und die Küche aussieht wie nach einem Fliegerangriff… - Soll ich DIE etwa auch noch saubermachen?“ Er sah so entsetzt aus, als hätte jemand von ihm verlangt, in Unterwäsche auf einem Galadinner des Bundespräsidenten aufzutreten. 

Karin lachte lauthals los. „Keine Sorge“ grinste sie. „Der Frondienst ist für heute beendet. Die Küche mache ich morgen früh sauber - jetzt bin ich ziemlich schlafbedürftig. Schließlich bin ich ab morgen eine alte Frau! Solltest Du aber  - ich meine, rein zufällig - heute Nacht nicht schlafen können…“ 

Sie klappte den Laptop zu, drückte ihrem verdutzten Gatten einen Kuss auf den Mund und schlüpfte durch die Terrassentüre ins Haus.

© Christine Rieger / 2015

Freitag, 17. Juli 2015

Weibliche Logik

Freitags-Geschichte 


Liebe Freunde meines Lesebuchs,


wie erklärt man am besten seiner Frau, was eine "Deflation" ist? Gar nicht so einfach - aber Franz versucht es trotzdem. Ob es ihm gelingt - lest selbst...

Viel Vergnügen!

Ein sonniges Wochenende wünscht Euch

Eure Geschichten-Erzählerin


Weibliche Logik 

"Du, Franz -  da steht heute was Komisches in der Zeitung!". Hella schob ihre halbvolle Kaffeetasse zur Seite, um besser lesen zu können. "Die Finanzexperten warnen vor einer baldigen  De -- Defa  --- D e f l a t i o n",  buchstabierte sie. "Was ist denn das?" Ihr Mann, in den Sportteil vertieft, hob nicht einmal den Kopf. "Das Gegenteil von "Inflation" antwortete er geistesabwesend.
 
"Vielen Dank für das Gespräch! So genau habe ich das gar nicht wissen wollen!"  bemerkte Hella trocken. Geräuschvoll schob sie ihren Stuhl zurück und begann, den Frühstückstisch abzuräumen. Sie  würde ihre Erklärung bekommen - irgendwann. Aber erst, wenn ihr Mann alle Bundesliga-Ergebnisse vom Wochenende  und den Tabellenstand jedes einzelnen Vereins auswendig hersagen konnte. Sie nahm sich vor, nachher  den Laptop hochzufahren und  ihren schlauen Freund "Google" zu fragen. Der hatte auf alles eine Antwort.
 
Aber es war nicht nötig. Franz war mit den Sportseiten fertig, faltete umständlich die Zeitung zusammen und lehnte sich zurück. Also, pass auf" begann er. "Was eine Inflation ist, das weißt Du  - es bedeutet Geldentwertung. Und die Deflation ist das genaue Gegenteil: Das heißt, das Geld wird mehr wert". Es folgte eine längere Abhandlung, gespickt mit Fachausdrücken und der ausführlichen Erläuterung, was die jeweilige Landesregierung, die internationale Notenbank und die Aktienmärkte im  jeweiligen Fall zu tun hatten. 
 
"Hm. Aber hundert Euro sind hundert Euro ... Der Betrag auf dem Geldschein ändert sich doch nicht! Also - irgendwie ist mir das zu hoch!" "Na schön, ich nenne Dir ein Beispiel.". Franz kratzte sich am Kopf. Sein Frauchen war manchmal wirklich sehr naiv! "Stell Dir vor, ich gebe Dir hundert Euro..." "Schön wär's" unterbrach Hella sofort. "Himmeldonnerwetter, soll ich Dir den Kram jetzt erklären, oder nicht?" explodierte Franz. "Schon gut. Ich bin ja schon still". 

"Also, Du hast hundert Euro, und gehst damit in den Supermarkt. Wenn Inflation herrscht, wirst Du jedes Mal weniger für dieses Geld einkaufen können, weil die Ware stetig teurer wird. Bei einer Deflation dagegen werden Lebensmittel, Kleidung, Elektrogeräte und so weiter  immer billiger. Du bekommst  also MEHR Ware für Deine hundert Euro". 

"Dann ist also eine Deflation für mich als Verbraucher gut?" wollte Hella wissen. "Richtig. Aber nur, wenn Du keine Schulden hast. Aber das ist eine andere Geschichte..." Die zu erklären, hatte Franz überhaupt keine Lust. Ganz abgesehen davon, dass er selbst  nicht alles so genau verstand. Das sagte er seiner Frau aber besser nicht. "Für die Geschäfte und die Hersteller allerdings" fuhr er fort,  "ist eine Deflation schlecht. Die müssen ihre Preise senken, wenn sie überhaupt noch etwas verkaufen wollen - denn die Kunden warten mit ihren Anschaffungen in der Hoffnung, dass die Waren immer billiger werden, und kaufen nur das, was sie unbedingt brauchen...
 
"Ach so, jetzt verstehe ich! Das ist wie beim Schlussverkauf. Wenn ich irgendwo ein schönes Kleid sehe, und ich brauche es nicht unbedingt, dann lasse ich es hängen und hoffe, dass es irgendwann reduziert wird!" "So ungefähr." Franz  musste unwillkürlich lachen. 

"Weißt Du was? Du gibst mir nachher hundert Euro. Damit fahre ich in die Stadt, da habe ich neulich in einer Boutique einen schicken Rock gesehen. Und wenn die Deflation schon angefangen hat, ist er vielleicht inzwischen billiger. Dann kriege  ich  für die hundert Euro auch noch ein Paar  neue Schuhe..."
 

© Christine Rieger
 


 

 

Dienstag, 14. Juli 2015

Semesterferien


Reizwortgeschichte   

Reizwörter:  Lavendel - Laken - hilflos - blass - stöhnen 

 

Foto:  © Christine Rieger / 2015


Semesterferien
 

Sie kannten sich vom Studium, waren seit Jahren dicke Freunde und hatten beschlossen, in den Semesterferien gemeinsam durch Südfrankreich zu radeln. Im nächsten Jahr hatten sie dafür garantiert keine Zeit mehr. Dann standen die Doktorarbeiten an, und danach packte sie endgültig der Ernst des Lebens beim Kragen - Jobsuche, Karriere, Familie - was auch immer dann auf sie zukam. 

Marcel hatte die Route ausgearbeitet. Er stammte aus einem winzigen Dorf in der Provence und kannte sich bestens aus. Seit Anfang März  hatten sie  intensiv trainiert - immerhin waren die beiden jungen Frauen in der Gruppe nicht gerade geübte Radlerinnen. Zumindest am Anfang nicht. Inzwischen hatten sie aber alle Hornhaut am Allerwertesten, und auch Sandra und Lisa hatten keine Mühe mehr, mit ihren Freunden mitzuhalten.  Jedes Wochenende, und auch abends, wenn es ihre Zeit und das Wetter zuließen, hatten sie sich auf ihre Räder geschwungen und „Kilometer gefressen“. Zuerst zehn, dann fünfzehn, dann zwanzig - jede Woche ein paar mehr.  In der letzten Woche vor ihrer Abreise hatten sie es immerhin auf 90 km pro Tag gebracht - wobei sie keineswegs vorhatten, jeden Tag so viele zu schaffen.  Spaß, Unterhaltung und das gemeinsame Erleben standen im Vordergrund.  Aber immerhin waren sie nun gerüstet, der Muskelkater hielt sich in Grenzen, und sie waren nicht mehr gezwungen, nach zwei Tagen im Stehen zu radeln.
 
Seit neun Tagen waren sie nun unterwegs - Sandra, Tobi, Lisa, Henning und Marcel. Auf ihren Rädern transportierten sie alles, was sie für ihre Reise brauchten. Viel war es nicht - in den Satteltaschen war nur Platz für Unterwäsche, ein paar Kleidungsstücke, Waschzeug, Verbandskasten und Werkzeug, um bei etwaigen Pannen nicht völlig hilflos zu sein. Obendrauf waren zusammengerollte Isomatten und Schlafsäcke geschnallt, damit sie im Freien übernachten konnten - Geld für ein Hotel oder eine Pension wollten sie nur im Notfall investieren. Das  Abenteuer stand im Vordergrund.  

Bisher war alles glatt gegangen. Die Sonne schien von einem wolkenlosen, klaren, azurblauen  Himmel. Der Fahrtwind machte die  drückende Hitze erträglich. Außer ein paar Insektenstichen und einem  verknacksten Knöchel, den Lisa sich zugezogen hatte, als sie in der Mittsommernacht versucht hatte,  mit Marcel über das Lagerfeuer zu springen, hatten sie keine bleibenden Schäden davongetragen. Sie hofften, dass das auch so bleiben würde.  

An diesem Freitag war die Luft drückender als sonst. Schon am Vormittag rann ihnen der Schweiß in Bächen über die Gesichter, und auch der Fahrtwind brachte keine Kühlung.  Ihre Tour führte heute über eine Schotterstraße, die sich langsam, aber allmählich in die Höhe schraubte. Rechts und links davon erstreckten sich riesige Felder, auf denen in schnurgeraden Linien lilafarbener Lavendel blühte. Ein überwältigender Duft lag in der Luft. 

„Wie weit ist es noch, bis wir da sind?“ wollte Sandra wissen. „Ich kriege allmählich Hunger!“ „Ungefähr noch eine halbe Stunde“ gab Marcel zurück, der vor ihr fuhr. Die drei Männer  wechselten sich in der Führung ab. Heute radelte Tobi als Scout an der Spitze der kleinen Gruppe.  Hinter ihm Marcel, dann die beiden Frauen, und Henning bildete das Schlusslicht. Er hatte die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass keiner zurückblieb.

Marcels Zeitangabe stimmte. Nach fünfunddreißig Minuten hatten sie ihr heutiges Etappenziel erreicht, ein winzig kleines Dorf  auf einem Hügel, das eine herrliche Aussicht über die in voller Blüte stehenden Lavendelfelder bot. Nur wenige Häuser standen hier. Die aber verschwanden fast unter der Pracht farbenprächtiger Bougainvilleas, die wie Kaskaden von den weiß gekalkten Gebäuden fielen.   

In der Mitte des Ortes stand eine kleine Kirche.  Sie hätte dringend einen neuen Anstrich nötig gehabt - von der ehemals weißen Farbe war nicht mehr viel zu sehen. Daneben prangte ein leuchtend gelb gestrichenes Haus mit Stühlen und Tischen davor. „Hier werden wir zu Mittag essen“ verkündete Marcel. „Der Besitzer dieses Lokals rühmt sich dafür, die beste Ratatouille in ganz Frankreich zu machen!“ Ob diese Behauptung stimmte, konnten sie nicht beurteilen - aber sie schmeckte zweifellos prima. Dazu gab es frisch gebackenes Weißbrot und einen leichten Weißwein. 
 
Gut gesättigt und erleichtert (zur Überraschung der beiden Frauen hatten sie sogar eine „richtige“ Toilette vorgefunden, statt des sonst üblichen Stehklos), besteigen sie wieder ihre Drahtesel und machen sich auf die Weiterfahrt. Beschwingt von dem Weißwein treten sie in die Pedale. Die Hitze und der anstrengende „Aufstieg“ sind vergessen Jetzt geht es bergab. Der Fahrtwind kühlt ihre erhitzten Gesichter. Übermütig beginnt  Tobi, der auch jetzt wieder vorneweg fährt, zu singen. In flottem Tempo flitzen sie durch die schmalen Serpentinen.
 
„Tobi, sei vorsichtig! Fahr nicht so schnell - ein Stück weiter unten kommt eine scharfe Kurve!“ warnt Marcel. Doch sein Freund achtet nicht darauf. Vermutlich kann er ihn wegen seines Gesangs auch nicht hören. 
 
„Oh when the saints go marchin‘ in“ klingt es zu ihnen zurück. Und noch einmal:  „Oh when the saints go …“ Abrupt bricht die Stimme ab. Ein schriller Schrei. Bremsen quietschen. STILLE. 

„Tobi“ schreien die Frauen beinahe gleichzeitig. „Um Himmels Willen!“ 

Dann erreichen sie ihn. Tobi liegt verkrümmt am Rand des Lavendelfeldes auf der linken Seite der Schotterstraße, neben ihm sein Fahrrad. Sein Gesicht ist blass wie ein weißes Bettlaken. Aber er ist bei Bewusstsein. Das  rechte Bein ist in einem unnatürlichen Winkel gekrümmt, die Haut abgeschürft und blutig. Er stöhnt vor Schmerzen. 
 
„Was machen wir denn jetzt?“ fragt Henning hilflos. Niemand rührt sich. „Wir müssen doch irgendwas tun!“ schreit Sandra hysterisch. Wir können doch nicht hier rumstehen und ….“
 
Lisa fasst sich als Erste. Ihr Vater ist Arzt. Von ihm hat sie gelernt, in jeder Situation  Ruhe zu bewahren. Sie nimmt ihr Handy aus der Tasche, reicht es Marcel und bittet ihn, einen Notruf abzusetzen. „Mein Französisch ist zu dürftig“ entschuldigt sie sich. Marcel versucht es. Aber es rührt sich nichts. „Kein Empfang! stellt er lakonisch fest.„Kommt hier häufig vor!“
 
„Scheiße!“ flucht Lisa wenig damenhaft.  „Marcel, Du fährst sofort ins nächste Dorf“ ordnet sie an. „Du bist der einzige von uns, der französisch spricht und sich wenigstens verständlich machen kann.  Henning, Du begleitest ihn. Aber fahrt bitte vorsichtig - noch einen Unfall können wir nicht gebrauchen. Sandra und ich bleiben hier bei Tobi. Lasst uns aber Euer ganzes Verbandmaterial hier. Wir werden es nötig haben!“ Die beiden Männer kramen ihre Verbandstaschen aus dem Gepäck, froh, dass sie den Schauplatz des Unfalls verlassen können. Sekunden später jagen sie die Schotterstraße hinunter.
 
Mit Sandras Hilfe bettet Lisa den Verletzten in den mageren Schatten eines struppigen Strauches, der unweit der Unfallstelle steht. Darüber hängen sie ihre Isomatten, um die Sonne anzuhalten. Aus einigen Ästen des Gestrüpps bastelt Lisa eine provisorische Schiene und stabilisiert damit das gebrochene Bein. Mit Binden aus den Erste-Hilfe-Taschen wird das Ganze befestigt.
 
Auch Sandra hat sich inzwischen gefasst. Sie holt ihre Mineralwasserflasche, stützt Tobis Kopf und lässt ihn trinken. Mit dem Rest und einem Geschirrtuch reinigt  sie sein Gesicht und seine Hände. „Du bist mir ja ein toller Scout“ versucht sie ihn aufzumuntern. „Du sollst doch auf uns aufpassen - nicht wir auf Dich!“
 
Tobi versucht ein schiefes Grinsen. „Tja, nun müsst ihr leider auf dem Rest der Fahrt ohne mich auskommen“ meint er mit Galgenhumor. „Ich hoffe bloß, sie haben hier in der Pampa schon richtige Ärzte, und arbeiten nicht noch mit  Sangomas!“ „Quatsch. Die gibt’s in Südafrika! Lisa beugt sich über ihren Freund. „Und sie sollen gar nicht so schlecht sein, habe ich gehört!“

Sie müssen eine ganze Weile warten, bis endlich ein Krankenwagen kommt. Neben dem Fahrer und einem Sanitäter ist auch Marcel an Bord. Er wird mit Tobis  Fahrrad, das - im Gegensatz zu seinem Besitzer -  außer einem verbogenen Lenker und einem kaputten Schlauch keine Schäden davongetragen hat, reparieren und dann mit den beiden Frauen in den nächsten Ort fahren, wo er Hennig mit den beiden Fahrrädern zurückgelassen hat. Der Verunglückte wird in den Krankenwagen gehievt, der mit seinem Passagier zum nächsten Krankenhaus fährt. Obwohl Tobi sie nicht sehen kann, weil er platt auf der Pritsche festgeschnallt ist, winken die drei dem abfahrenden Auto hinterher.
 
„Tja, das ist es dann wohl gewesen!“ meint Marcel. „Damit hat unsere so schön angefangene Urlaubsreise ein sehr unrühmliches Ende genommen! Ich gehe ja wohl davon aus, dass Ihr jetzt keine Lust mehr habt, die Reise fortzusetzen. Oder?“ Lisa und Sandra schütteln den Kopf.  „Na schön. Dann flicke ich jetzt das Fahrrad, wir sammeln im nächsten Ort Henning auf, und sehen zu, dass wir zum Krankenhaus kommen!

Gesagt, getan. Als sie am späten Abend das Krankenhaus erreichen, finden sie Tobi in relativ gutem Zustand vor. Sein gebrochenes Bein ist eingegipst, an den Armen trägt er Verbände. Aber er lacht schon wieder. „Ich bin so gut wie neu“ verkündet er. „Morgen fahre ich mit Euch weiter!“  „Aber wir nicht mit Dir“ gibt Marcel trocken zurück. „Du wirst die Heimreise sehr komfortabel in einem Erste-Klasse-Abteil der französischen beziehungsweise der Deutschen Bahn antreten - dafür hat Dein Vater gesorgt, mit dem ich vorhin telefoniert habe. Während wir, Deine Untertanen - seit ausgestreckter Zeigefinder deutet kreisförmig auf die um das Bett versammelten Freunde - und unsere Fahrräder mit einem uralten Kombi reisen werden, der MEINEM Vater gehört … Wir sehen uns dann zu Hause! 

Er tippt mit dem Zeigefinger an einen imaginären Hut auf seinem Kopf und marschiert - nein, schreitet - hoheitsvoll aus dem Krankenzimmer, gefolgt von Henning und den beiden Frauen, einen reichlich verdatterten Tobi in seinem Bett zurücklassend.  


© Christine Rieger / 2015
 







 Und hier geht's zu den Geschichten von
  
Lore  
Eva