Freitag, 30. Oktober 2015

Die Verwandlung


Freitags-Geschichte 

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

in meiner heutigen Freitags-Geschichte geht es um eine  Frau, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes ihren Lebensmut verloren und sich mehr oder weniger aufgegeben hat. Bis sie eines Tages in der Fußgängerzone von einem Mann angesprochen wird, der ihr einen erstaunlichen Vorschlag macht…
 

Viel Spaß beim Lesen und ein schönes Wochenende wünscht Euch
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
 
Ziellos lief sie durch die Fußgängerzone. Schulterlanges, strähniges graues Haar, schmuddelige, altbackene Kleidung, gebeugte Schultern. Der Gang schleppend, wie bei einer alten Frau. Dabei war sie noch keine 60... 
 
Rita Wagner war müde. Seit dem Tod ihres Mannes vor zwei Monaten war ihr alles gleichgültig. Mit ihm war  ihr Lebensinhalt gegangen. 35 Jahre waren sie glücklich verheiratet. Niemals war er krank in all diesen Jahren. Und dann fand sie ihn eines Morgens im Wohnzimmer auf der Couch. Er war einfach eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Die Beerdigung, die Formalitäten, die Behördengänge - alles war wie im Film an ihr vorübergezogen. Und nun war sie allein. Niemand war mehr da, der sie schön fand, ihr sagte, dass er sie liebte und froh war sie zu haben. 
 
Ihr Blick fiel im Vorübergehen in eines der Schaufenster. Eine  verhuschte, übergewichtige Matrone starrte ihr entgegen.  Es war ihr egal. Für wen sollte sie sich in Schale werfen? Besuch bekam sie nie. Eigene Freunde hatte sie nicht. Alle Bekannten hatte Bertram mit in die Ehe gebracht, und nach seinem Tod waren sie aus ihrem Leben verschwunden, als hätte es sie nie gegeben.
 
Sie drehte dem mit eleganten Herbstmodellen dekorierten Schaufenster, in dem ihr Spiegelbild wie ein Fremdkörper wirkte, den Rücken zu, um weiterzuschlurfen. Gleichgültig hasteten die Menschen an ihr vorüber, als trüge sie eine Tarnkappe, die sie unsichtbar machte. Deshalb erschrak sie heftig, als sie plötzlich jemand ansprach.
 
"Entschuldigen Sie bitte - darf ich Sie etwas fragen?"
 
Vor ihr stand ein jüngerer Mann, gut gekleidet, Aktenköfferchen in der Hand, Laptop-Tasche über der Schulter, ein freundliches Lächeln auf dem Gesicht.
 
"Ja, bitte?" Misstrauisch trat sie einen Schritt zurück.
 
"Mein Name ist Rainer Nowak" stellte er sich vor. "Ich arbeite für eine neue Frauenzeitschrift, die für etwas ältere Damen konzipiert wurde. Wir veranstalten momentan eine Kampagne, in der wir Frauen vorstellen möchten, wie sie jetzt sind - und wie sie sein könnten... Ich meine - naja, wir wollen zeigen, was man mit etwas Schminke, einer flotten Frisur und modischer Kleidung erreichen kann..."
 
"Und da sprechen Sie ausgerechnet MICH an?" unterbrach Rita. "Sehe ich wirklich so renovierungsbedürftig aus?" fügte sie mit einem Anflug von Humor hinzu.
 
Der junge Mann lächelte verlegen. "Nehmen Sie es mir nicht übel, wenn ich so direkt bin" entschuldigte er sich. "Aber Sie sind doch noch keine alte Frau. Warum also kleiden Sie sich so? Sie haben eine sehr schöne Haut, Ihre Haare brauchen nur einen Friseur ..."
 
"Ach, lassen Sie mich in Ruhe! Suchen Sie sich eine andere Dumme, die Sie mir ihrer Masche glücklich machen können"  fauchte sie. "Ich bin zwar keine Schönheit - aber blöd bin ich auch nicht!" Wütend kehrte sie ihm den Rücken zu, um diesem dummen Gesülze zu entkommen.
 
Doch er hielt sie auf. Reichte ihr eine Zeitschrift.  "Unsere letzte Ausgabe" sagte er. "Darin steht alles über unsere Kampagne. Und hier haben Sie meine Karte.  Rufen Sie mich an, dann machen wir einen Termin in unserer Redaktion. Ein Friseur wird da sein, eine Kosmetikerin und eine Stylistin, die Sie in Sachen Mode beraten wird. Überlegen Sie es sich - was haben Sie schon zu verlieren, außer ein paar Stunden Zeit?"
 
Er lächelte sie noch einmal an, wünschte ihr einen schönen Tag und verschwand in der Menge. Sprachlos sah sie ihm nach, die Zeitschrift und die Visitenkarte in der Hand.
 
Rita verbrachte eine schlaflose Nacht. Sollte sie wirklich so ein Experiment eingehen? Seriös hatte dieser Rainer Nowak ja gewirkt, und auch die Zeitschrift war keine Erfindung - das hatte sie im Internet recherchiert. Das Heft war vor vier Monaten an den Start gegangen und für die Generation 50 + gedacht. Für Frauen also, die nicht mehr jung genug waren, um Stilettos und Miniröckchen zu tragen und sich über den besten Zeitpunkt fürs Kinderkriegen Gedanken zu machen. Aber auch noch nicht so alt, dass sie zu Hause im Sessel hockten, Kochsendungen im Fernsehen verfolgten und sich für das Liebesleben irgendwelcher Möchtegern-Promis oder der europäischen Königskinder interessierten. Also für Menschen wie sie ...
 
Kurz entschlossen griff sie am nächsten Morgen zum Telefonhörer und rief Rainer Nowak an. Der vermittelte ihr hocherfreut einen Termin für den  kommenden Montag. Mir sehr gemischten Gefühlen fuhr sie in die Redaktion. Doch ihre Bedenken wurden sofort zerstreut.
 
Rainer Nowak hatte nicht zu viel versprochen. Ein ganzes "Verschönerungsteam" erwartete sie - und drei weitere Damen, wie sie zu ihrer Überraschung feststellte.
 
Die Aktion wurde ein voller Erfolg. Rita erkannte sich kaum wieder, als sie nach Stunden endlich  vor einen Spiegel geschoben wurde.  Ihre schulterlangen grauen Schnittlauchlocken hatten  einen flotten Kurzhaarschnitt erhalten, der ihr Gesicht endlich wieder sehen ließ. Ein leichtes Makeup verdeckte die ersten Fältchen, hellgrauer Lidschatten und Wimperntusche ließen ihre Augen größer erscheinen. Statt der schlabbrigen, ausgeleierten Jeans trug sie schwarze Leggings, darüber ein  Longshirt in schwarz mit einem dezenten Muster in pink und zwei Reißverschlüssen, die vom Bund bis zum Halsausschnitt reichten.
 
Dazu passenden Modeschmuck und halbhohe, pinkfarbige Stiefeletten . Sprachlos starrte sie ihr Spiegelbild an. Zum ersten Mal in ihrem Leben fand sie sich schön.
 
"Na, gefallen Sie sich?" fragte Rainer Nowak, der mit einem Fotografen angerückt war.
 
"Ich bin überwältigt" gestand sie. "Und ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Sie haben mir mein Leben wiedergegeben!"
 
"Danken Sie mir nicht!" sagte er lächelnd. "Genießen sie es!"
 
 
 
© Christine Rieger / 2015
 
 

 

Dienstag, 27. Oktober 2015

Artenvielfalt

Reizwortgeschichte  
 
Reizwörter:  Wagen - Decke - bunt - armselig - erklären
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
in dieser Woche besteht mein Beitrag einmal nicht aus einer erfundenen Geschichte - es ist ein Reisebericht.
 
Die Idee dazu (und den Titel meines Posts) hat mein Mann geliefert, als ich wieder einmal verzweifelt nach einem Thema für die wöchentliche Reizwort-Geschichte gesucht habe.
 
ER war diesmal die Muse, die mich geküsst hat… 
 
Viel Spaß beim Lesen!
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
Und hier sind die Beiträge meiner Kolleginnen:
Regina   Lore    Martina   Eva V.
 

Foto: © Christine Rieger  / 2015



Eines vorweg: Ich liebe Kürbisse. Es muss wohl ein Erbteil meines Vaters sein, der mit Leib und Seele Gärtner war und jedes Jahr in seinem Garten selbst Kürbisse angebaut hat. Manches Mal waren es riesige Früchte - so um die 40 kg oder noch mehr. Die konnte man natürlich nicht so ohne Weiteres herumtragen. Entweder kam die Schubkarre zum Einsatz - oder der Bollerwagen.  Tja, und zu Hause trat dann meine Mutter in Aktion. Sie hatte die Aufgabe, die Ernte zu verarbeiten - zu Kompott, Kürbissuppe, Kürbisgemüse und und und … Jedes Jahr zur Erntezeit verbrachte sie Tage in der Küche - aber nicht nur wegen der Kürbisse. Im Winter stapelten sich alljährlich mehr als 100 Gläser mit Eingemachtem im Keller. Für meine Mutter war das so eine Art Hobby. Wie oft haben wir Kinder über die „Jäger und Sammler“ gelacht - aber die Erzeugnisse liebend gerne gegessen!
 
So viel zur Vorgeschichte. Was ich nun eigentlich erzählen will, ist folgendes: 
 
Vor mehr als einem Jahr erfuhr ich durch Zufall, dass in Ludwigsburg einmal im Jahr die weltgrößte Kürbis-Ausstellung veranstaltet wird. Für diejenigen, die es nicht kennen (und zu denen ich bisher auch gehörte): Ludwigsburg ist eine Stadt in Baden-Württemberg, die vor allem durch ihr Schloss und den dazugehörigen wunderschönen Garten bekannt ist. In diesem Schlossgarten findet auch die  Kürbis-Ausstellung statt. Nun ja, und da ich ein großer Fan dieses Gemüses bin (siehe oben), wollte ich nun unbedingt dort hin. Tja - aber wie am besten? 
 
Nachdem mein Mann leider kein großes Engagement zeigt, mich zu begleiten, bleibt mir nur die Fahrt mit dem Zug. Und dann kommt mir wieder der Zufall zu Hilfe: Ein hiesiges Busunternehmen bietet eine Tagesfahrt zu dieser Ausstellung an. Ich also nichts wie ans Telefon gehängt und mich angemeldet. Und natürlich gehofft, dass die Fahrt nicht mangels Beteiligung wieder abgesagt wird…
 
Zwei Tage vor der geplanten Reise erhalte ich einen Anruf - nein, nicht vom Reisebüro. Von meiner Freundin, die sich unbedingt mal einen Sonntag „Auszeit“ gönnen möchte. Ich hatte ihr von meiner Anmeldung erzählt - und siehe da: Sie will mich begleiten!  Wow! Die Freude ist groß - denn SIE weiß dank ihrer Buchung schon, dass die Fahrt tatsächlich stattfinden wird! 
 
Den ersten Dämpfer des Reisetages erhalten wir beim Aufstehen: Es regnet. MUSS das sein? Ausgerechnet heute? Aber da es ja bekanntlich kein schlechtes Wetter gibt, nur die unpassende Kleidung, lassen wir uns nicht entmutigen. Mein Mann fährt uns beide zum Reisebüro, und da stehen wir nun. Schirme über den Köpfen, dicke  Jacken, warme Schuhe - wir hätten besser noch Mützen und Handschuhe mitnehmen sollen! Immerhin - im Bus ist es warm. Und zu unserer Überraschung ist der Bus fast voll! 
 
Während der gut zweistündigen Fahrt sehen wir - wenig. Zuerst wegen der Dunkelheit, später wegen dicken Nebels. Der arme Fahrer! Als wir vor dem Ludwigsburger Schloss vorfahren, stehen auf dem Parkplatz bereits 14 Reisebusse. Während wir auf unsere Eintrittskarten warten, haben wir Zeit zum Zählen… DAS kann ja heiter werden!
 
Das wird es auch. Aber zuerst einmal heitert das Wetter auf. Wir können schon einmal trockenen Fußes und mit zugeklappten Regenschirmen den Schlosspark betreten. Das ist ja schon mal was. Dass wir nahezu den ganzen Tag eiskalte Hände und Füße haben, tut dem Vergnügen keinen Abbruch. Hunger haben wir auch. Doch bevor wir diesen stillen können, müssen wir erst einmal den Berg hinunter. Schon von oben haben wir eine wunderbare Aussicht über den Garten und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Kürbisse, Kürbisse, Kürbisse - so weit das Auge reicht. Nie in meinem Leben habe ich so eine bunte Vielfalt dieser Früchte gesehen! Große, kleine, gelbe, grüne, braune, graue, weiße, gerippte und glatte, welche mit Haaren wie Kokosnüsse  und andere in rosa, wie zarte Kinderpopos… längliche und runde, schlangenförmige und bizarr geringelte… unglaublich. 
 
Foto: © Christine Rieger  / 2015


Das Motto der diesjährigen Ausstellung lautet: „FLIEGEN“. Zu diesem Thema sind überall im Garten Skulpturen aufgestellt.  Alle aus Kürbissen in  den unterschiedlichsten Farben und Größen zusammengebaut. Die Stiele der Kürbisse werden durch entsprechend in Form gedrückten oder gerollten Maschendraht gesteckt und mit Blumendraht befestigt - jede Frucht einzeln. Das erfahren wir mit gespitzten Ohren von einer Reiseleiterin, die eine ganze Gruppe durch die Ausstellung führt.  Eine unglaubliche Arbeit steckt hinter solchen Motiven! 


Foto: © Christine Rieger  / 2015


Da sitzt „Aladin" mit seiner Wunderlampe auf einem fliegenden Teppich, dessen Fransen aus Flaschenkürbissen bestehen. Eine startbereite Rakete und ein Doppeldecker-Flugzeug. Ein Weißkopf-Seeadler mit holzgeschnitztem Kopf, weiß angestrichen. Wir rätseln lange, ob seine Klauen nun  aus krummen gelben Kürbissen bestehen oder auch aus Holz geschnitzt sind. Dahintergekommen sind wir leider nicht.   Die Apollo-Mission ist genauso dargestellt wie ein UFO mit Besatzung, die Laser-Kanonen schussbereit am Gürtel. Nebenan ein großer Schmetterling -  eben alles, was fliegen kann. Oder auch nicht. Eine ganze Kolonie Fliegenpilze zum Beispiel. Aber vielleicht wegen ihres Namens? Oder weil sie in den Müll fliegen, wenn man versehentlich welche erwischt hat? Und was hat der Konzertflügel mit „Fliegen“ zu tun? Gute Fragen Leider haben wir niemanden getroffen, der uns dieses Phänomen hätte erklären können. 
 
Inzwischen sind wir derart hungrig, dass unsere Mägen vermutlich einen vorüberdonnernden Helikopter mühelos übertönen würden. (Es kommt keiner - sonst hätten wir es testen können). Nur leider haben auch die unzähligen anderen Besucher offenbar das gleiche Problem - die „Futtertröge“  sind gut belagert! Anstehen wie am Postschalter...  Hier gibt es alles zu essen, was man aus Kürbis herstellen kann: Spaghetti mit Kürbis-Pesto,  Kürbis-Schnitzel, Kürbissuppe, Kuchen und Törtchen mit Kürbis - um nur ein paar zu nennen.
 
Meine Freundin wählt eine heiße Kürbis-Suppe mit Kürbis-Maultasche drin. Eine weise Entscheidung. Nicht nur wegen des Aufwärm-Effekts, sondern auch, weil sich die Suppe wesentlich besser essen lässt als die Spaghetti mit Kürbis-Pesto. Logisch, dass ich es wieder mal fertig bringe,  meinen Mantel mit dem ölhaltigen Pesto zu verkleckern… - (Welches Schweinderl hätten Sie denn gern?)
 
Die Bierbänke zum Hinsetzen sind lausig kalt und feucht obendrein. Die hätten auch wirklich Decken drauflegen können! Aber Spaghetti oder Suppe im Stehen essen geht gar nicht. Wir bleiben sowieso nicht lange sitzen. Es gibt ja noch soooo viel zu sehen! Unter aufgestellten weißen Pavillons sind mehrere „Kürbisschnitzer“ am Werk, die in riesengroße Früchte Gesichter oder Motive schnitzen. Deren Werke kann man mittels Stimmkarte bewerten. Wir sind allerdings nicht dahinter gekommen, wo es die Stimmkarten gibt. Na, dann nicht. 
 
Foto: © Christine Rieger  / 2015
 
Gleich daneben sind die Riesenkürbisse aufgebaut, die in diesem Jahr das meiste Gewicht auf die Waage gebracht haben. Der Sieger hat stolze 856 kg! Puh. Wie sie diese Trümmer wohl auf die Regalbretter gehievt haben? Baggerschaufel? Gabelstapler?
 
Doch der Sieger des Jahres ist noch nicht einmal der größte Kürbis. Der Rekordhalter- so lesen wir auf einer aufgestellten Tafel - wiegt mehr als eine Tonne! Dagegen nehmen sich die kleinen Mandarin-Kürbisse und sogar die Hokkaidos geradezu armselig aus. Ganz nebenbei erfahren wir, dass die Kürbisse botanisch  nicht zu den Gemüsen zählen, sondern zu den Beeren. Hm. Wenn ich mir so eine Riesenfrucht neben einer Heidelbeere vorstelle … Aber die Botaniker müssen’s ja wissen!
 
Der Nachmittag ist schon ziemlich fortgeschritten, und wir wollen auch mal einen Blick in das Schloss werfen. Seltsamerweise treffen wir dort kaum Menschen an - wir kriegen schon fast Angst zwischen all den aufgereihten griechischen Göttern und nackten Nymphen!  Erst ganz oben treffen wir eine Japanerin, die uns befremdet anstarrt. Genauso befremdet wie wir die fast schwarzen, gemalten Kriegsbilder beäugen. Erkennen können wir nicht viel drauf. Aber wir sind ja auch keine Kunstkenner.  Also wieder runter in den Garten. Wir wollen ja vor der Rückfahrt auch noch einkaufen!
 
DAS kann man natürlich auch. Ganze Stände mit Kürbissen und den daraus entstandenen Erzeugnissen sind unterhalb des Schlosses und gleich neben dem Ausgang aufgebaut. Nicht zu fassen - es gibt nicht nur geröstete Kürbiskerne in verschiedenen Geschmacksrichtungen, sondern sogar Kürbis-Prosecco!  DEN hätte ich ja gerne mal probiert - aber der Preis… Nein, doch lieber nicht! 
 
Die Wahl fällt schwer. Gott sei Dank steht neben jeder Sorte ein Schild mit Namen und Verwendungszweck. Wir fotografieren die Schilder sicherheitshalber mit dem Handy - sonst wissen wir zu Hause nicht mehr, was wir mit den eingekauften „Beeren“ anfangen sollen. Ich nehme einen Butternut, einen Hokkaido, einen Spaghetti-Kürbis und zwei kleinere. Der eine heißt „Mandarin“, weil er genauso aussieht. Den Namen des anderen habe ich vergessen. Ist auch egal - wir werden ihn sowieso bald aufgegessen haben! Meine Freundin kauft noch mehr ein. Gut, dass unser Bus gleich neben dem Ausgang steht - unsere Taschen sind bleischwer! Erleichtert  im doppelten Sinne (wir können unsere Einkäufe abladen und haben auch noch mal die Toilette aufgesucht) lassen wir uns in die Sitze fallen. 
 
Die Heimreise verläuft staufrei und problemlos. Beim Aussteigen werden wir schon erwartet. Der Chauffeur - diesmal in Gestalt des Sohnes meiner Freundin - holt uns ab. Ist auch gut so - sonst würden meine Arme jetzt bis ans Knie reichen! 
 
 
Übrigens - der größte Teil meiner „Beute“ ist bereits aufgegessen. Aber es gibt ja jederzeit Nachschub. Und ein Kochbuch habe ich mir vorgestern auf einer Verbraucher-Ausstellung gekauft …  
 
© Christine Rieger  / 2015

Freitag, 23. Oktober 2015

Tagträume



Freitags-Geschichte

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

wenn Ihr an Eure Jugend zurückdenkt - gab es da nicht auch Zeiten, in denen Ihr  Euch benachteiligt, unverstanden und ungeliebt gefühlt habt?

Maria hat sich damals ihre eigene Welt „zurechtgezimmert“ - in ihren Tagträumen. Bis…. ja, bis die Realität sie eingeholt hat…

Viel Spaß beim Lesen, und ein schönes Wochenende wünscht Euch

Eure Geschichten-Erzählerin


Sie war zwölf oder dreizehn, als sie anfing, sich ihre eigene Welt zu schaffen. Eine Welt, zu der nur sie selbst Zutritt hatte, und in die sie sich zurückzog, wenn die "wirkliche" Welt nicht mehr zu ertragen war...
In dieser Welt war sie, Maria, die Heldin. Sie war diejenige, die den Ton angab, beliebt und umschwärmt war, und in denen SIE diejenige war, der alle folgten. Hier war kein Platz für eine, die schon im Schulhof alleine in einer Ecke stand, an ihrem Pausenbrot herumkaute und den anderen zusah, die lachten, spielten und sie höchstens zur Kenntnis nahmen, um sie zu ärgern oder lächerlich zu machen.  In Marias Traumwelt durfte SIE im Sportunterricht die Mannschaftsmitglieder auswählen - und war nicht automatisch die letzte, die irgendwo als "Anhängsel" notgedrungen geduldet wurde.

Mit fortschreitendem Alter wurden die Klassenkameraden aus der Schulzeit abgelöst von gut aussehenden Filmstars, vorzugsweise aus Western und Krimis. Immer waren es Helden, die das Leben zu meistern wussten, sich nie aus der Ruhe bringen ließen und am Ende als Sieger dastanden. Wie oft lästerte ihre Mutter wegen der überlebensgroßen Poster, die in ihrem Zimmer an der Wand hingen!

Maria vergaß ganz einfach die "wirkliche" Welt, wenn sie ihren Träumen nachhing. Sie träumte, wenn sie abends nicht einschlafen konnte, oder auf den zahlreichen Wanderungen, die ihre Eltern mit ihr und ihren Geschwistern unternahmen. Wenn der Weg sich endlos in die Länge zog, oder die Berge zu steil wurden, verschwand sie in "ihrer Welt", während sie automatisch einen Fuß vor den anderen setzte und die Unterhaltung ihrer Familie oder das Geschrei ihrer Geschwister einfach ausblendete.

Maria träumte auch mit Anfang zwanzig noch. Längst hatte sie ihre eigene Wohnung und lebte ihr eigenes Leben. Doch dieses Leben war nicht so, wie sie es sich wünschte. Wie gerne hätte sie auch einen Freund gehabt - aber sie wollte keine Eintagsfliege. Keinen, der nach ein paar Wochen oder gar nach einer Nacht wieder das Weite suchte. Sie wollte mehr. So saß sie also nahezu jedes Wochenende irgendwo in einem Tanzlokal. Nicht alleine - oh nein, das hätte sie sich niemals getraut. Sie war immer in Begleitung von Arbeitskolleginnen oder Freundinnen. Doch die Traumprinzen, die an ihrem Tisch anhielten, verbeugten sie nie vor ihr - sie tanzten meistens mit einer der anderen Frauen davon. Maria blieb nichts anderes übrig, als die Handtaschen der Mädels zu bewachen und sich wieder in ihre Traumwelt zu flüchten.

Dort war SIE es, die ständig zum Tanzen aufgefordert wurde und die neidischen Blicke ihrer Freundinnen genoss. SIE war diejenige, die am Ende des Tanzabends von einem netten Prinzen in einem tollen Wagen nach Hause gebracht wurde und gnädig ihren Freundinnen einen Platz zum Mitfahren anbot....

Marias Welt endete eines Tages mit einem Paukenschlag. In dem Augenblick, in dem sie ihren Traumprinzen fand, verschwendete sie keinen Gedanken mehr an ihre selbst erschaffene Parallelwelt. Denn nun war die Realität so viel schöner und spannender als alles, was ihre Phantasie ihr immer vorgegaukelt hatte...



© Christine Rieger / 2014

 

Dienstag, 20. Oktober 2015

Die Besprechung


Reizwortgeschichte  

Reizwörter:  Rucksack - Tafel - rennen - verschlafen - sehnsüchtig

 
Sie hat verschlafen. Wieder einmal. Und das ausgerechnet heute, wo schon um neun diese wichtige Besprechung  mit dem Vorstand und den Direktoren stattfindet, in  der es um die Zukunft der Firma geht!  

Sie als Chefsekretärin ist für die gesamte Organisation verantwortlich. Zum Glück hat sie gestern Abend schon alles vorbereitet. Der Konferenzraum ist hergerichtet, genügend Sitzplätze, Getränke, Gebäck bereitgestellt. Um den Kaffeeautomaten muss sie sich nicht  kümmern - dafür ist die Kantine zuständig. Ebenso für die belegten Brötchen, die in den Pausen als Imbiss gereicht werden sollen.

Jetzt ist es viertel vor acht. Und sie braucht schon alleine eine halbe Stunde für die Fahrt!

Warum musste sie auch immer  fünfmal die Schlummertaste betätigen, anstatt GLEICH beim ersten Läuten des Weckers aus den Federn zu springen? Was brachten ihr diese paar geklauten Minuten eigentlich ein? Nichts als Stress und Hektik. Jetzt musste sie WIEDER rennen um auch nur einigermaßen pünktlich an ihrem Arbeitsplatz anzukommen!  

Juliane hadert mich sich selbst. Aber es nützt nichts - jetzt muss sie sich wirklich beeilen! Hastig flitzt sie ins Bad. Die morgendliche Dusche, ihr wichtigstes Ritual, um überhaupt munter zu werden, muss heute aus Zeitmangel ausfallen. Also Katzenwäsche. Mehrere Handvoll eiskaltes Wasser ins Gesicht. Zum einen, damit sie wach wird - zum anderen zur Strafe. Das Outfit ist kein Problem. Hosenanzug, Bluse drunter, schwarze Schuhe. Das passt zu diesem Anlass. Eine ordentliche Ladung ihres Lieblings-Parfüms verdeckt eventuell vorhandene unerwünschte Gerüche.  

Das Schminken wird zum Desaster. Ihr Makeup ist fast alle. Mühsam quetscht sie die letzten Reste aus der Tube. Es reicht noch nicht. Also Tube aufschneiden. Natürlich ist noch jede Menge drin. Die Hersteller machen das absichtlich, damit  die Leute die halb volle Tube wegwerfen und sich eine neue kaufen, anstatt sich mit diesem Plastikmonster herumzuplagen. „Aber nicht mit mir“ denkt Juliane wütend. Mit dem, was da noch in den Fugen hängt, kann sie sich noch eine ganze Woche schminken. MINDESTENS! 

Das Döschen mit dem Lidschatten fällt runter, natürlich offen.  Der Inhalt zerbröselt in tausend Teile, die sich auf den Badezimmerfliesen verteilen. MIST. Sie hält sich nicht mit dem Saubermachen auf. Das kann sie heute Abend auch noch machen.  Wo zum Teufel hat sie nur den neuen Lidschatten hingetan, den sie vorgestern zufällig gekauft hat? Hektisch durchwühlt sie den Badezimmerschrank, findet die Schachtel endlich hinter mehreren Cremedosen. Das Ding ist zugeschweißt, und es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie es endlich mit Hilfe ihrer Nagelschere aus der  Plastikpelle befreit hat. 

Ein Blick auf die Uhr Schon kurz vor acht! 

Lidschatten auftragen, ein bisschen Rouge, Lippenstift. Jetzt nur noch die Wimperntusche. Vor lauter Hektik rutscht sie ab, mitten ins Auge. VERDAMMT. Muss den heute aber auch ALLES schief gehen? Das Zeug brennt teuflisch, die Augen tränen, die Tusche läuft die Wangen runter bis zum Kinn. Jetzt sieht sie aus wie ein Harlekin. Hastig wischt sie  die Bescherung ab, verschmiert dabei das Makeup.   

Die Flüche, die Juliane nun von sich gibt, stehen in keinem Wörterbuch. Ein Glück, dass sie alleine in der Wohnung ist und niemand sie hören kann! Vor allen Dingen nicht die seriösen Herren, die heute zu der Besprechung kommen. Ihr Weltbild von der Chefsekretärin, die sich niemals aus der Ruhe bringen lässt, würde gehörige Risse kriegen! 

Beim zweiten Versuch gelingt endlich die Restaurierung. Viertel nach acht. Jetzt schnell noch das Haar. Oje - eine Katastrophe! „Bad hair day“  nennen das die Psychologen.  Blöder Ausdruck. Sie sieht aus wie eine nicht fertig gerupfte Gans. Was nun? Zum Haare waschen fehlt die Zeit. Trockenshampoo hat sie wieder mal nicht im Haus. Also Pferdeschwanz. Sieht ein bisschen mickrig aus - ihre Haare sind noch nicht lang genug…

Dann kommt ihr eine Idee. Wet look - das ist es. Auch so ein neumodischer englischer Ausdruck. Sie kramt das Haargel aus dem Allibert, das sonst immer nur ihr Mann benutzt, um seine Haare zu bändigen, die, wenn sie frisch gewaschen sind, wie eine Fahne um sein Haupt wehen… Ein dicker Klecks in das strähnige Haar geschmiert, platt an den Kopf gekämmt. Seitenscheitel. Komisch - an den Models in den Hochglanz-Zeitschriften beim Friseur sieht das immer so edel aus - sie selber gefällt sich nicht wirklich. Muss wohl am Alter liegen. Oder an den unübersehbaren Falten.

Aber was soll’s - es geht ja nicht um eine Modenschau. Die Herren Chefs werden andere Sorgen haben als ihre Frisur. Hoffentlich!

Ein weiterer Blick zur Uhr. Kurz vor halb neun!

Jetzt aber los! Um Himmels Willen, sie muss ja noch ihre Handtasche umräumen! Mit dem Rucksack, den sie sonst immer benutzt, kann sie unmöglich aufkreuzen. Rucksack und Hosenanzug - das geht ja gar nicht! Hektisch holt sie ihre schwarze Handtasche, stopft den ganzen Krempel, den sie immer mit sich herumschleppt,  ungeordnet aus dem Rucksack dort hinein.  Die Handtasche sieht aus wie ein überfüllter Magen. Der Reißverschluss geht nur mit Mühe zu.

Juliane wirft einen sehnsüchtigen Blick auf ihr Bett, als sie ins Schlafzimmer geht, um ihren Mantel zu holen. Am liebsten würde sie sich sofort wieder hinlegen. An Tagen wie diesen wäre es besser, erst gar nicht aufzustehen! 

Sie schlüpft in den Mantel. Sch…. - da fehlt ein Knopf! Egal, ist jetzt nicht zu ändern. Juliane rennt aus dem Haus. Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss. Erst jetzt merkt sie, dass sie den Schlüssel drinnen vergessen hat. AUCH DAS NOCH! Wenigstens hat sie ihren Autoschlüssel. Der steckt in der Manteltasche. Manchmal ist es doch ganz gut, wenn man NICHT alles gleich an Ort  und Stelle hängt!

Der betagte Golf springt sofort an. Gott sei Dank. Wenigstens etwa2s! Unter Missachtung sämtlicher Verkehrsregeln jagt Juliane zu ihrer Firma. Vermutlich schicken sie mir die Strafzettel demnächst mit der Paketpost zu“ denkt sie sarkastisch, als sie ihren Wagen vor dem Haupthaus parkt. Ein Vorteil - ihr steht als Vorstands-Sekretärin ein eigener Firmenparkplatz zu. In diesem Stadtviertel ist die Parkplatz-Situation - gelinde gesagt - chaotisch!

Punkt neun stürmt Juliane in den Konferenzsaal. Die Herren Direktoren sind bereits vollzählig versammelt, nur der Vorsitzende fehlt noch. Gott sei Dank ist Juliane NICHT die letzte - auch wenn ihr spätes Erscheinen ihr schon peinlich genug ist.
 
Sie will sich gerade mit einer nichtssagenden Floskel entschuldigen, als ihr Blick auf  die große weiße Tafel fällt, die auf der Stirnseite des Sitzungssaales steht und dem jeweiligen Redner dazu dient, Stichworte für die Zuhörer zu notieren. Darauf steht in großen schwarzen Lettern:

„Fünf Minuten vor der Zeit ist die rechte Pünktlichkeit!“

Das kann nur Robert Hagedorn gewesen sein, Chef der Werbeabteilung, und Julianes Intimfeind. Er lässt keine Gelegenheit aus, um ihr eins auszuwischen. Und er kennt Julianes Schwäche, am Morgen nur schwer aus den Federn zu kommen. Kein Wunder - schließlich waren die beiden einmal ein Paar. Bis Juliane dahinterkam, dass er neben ihr noch einige andere weibliche Angestellte der Firma seinem Harem einverleibt hat.  Den darauffolgenden Rauswurf aus ihrer Wohnung und ihrem Leben hat er ihr nie verziehen…

Mit hochrotem Kopf nimmt Juliane das bereitliegende Tuch und wischt die verräterische Schrift unter den Augen der heimlich grinsenden Direktoren ab.   Dann ergreift  sie den schwarzen Filzstift und schreibt mit großen Buchstaben auf die Tafel:

„DANKE, Robert!
 

DAS wird ihr jedenfalls nie wieder passieren!  
 

© Christine Rieger  / 2015
 
 
Und hier geht es zu den Geschichten von:
Lore    Regina   Martina   Eva V.