Sonntag, 24. April 2016

Frühlingsfest

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

eigentlich sollten wir ja jetzt  Frühling haben - EIGENTLICH!  

Deshalb werde ich Euch heute - obwohl ja die Wettervorhersagen für das Wochenende eher eine Rückkehr des Winters prophezeien - eine Frühlingsgeschichte  "servieren". Nein - diesmal nicht aus meiner Erinnerungskiste, sondern aus meiner Kurzgeschichten-Sammlung. Ich war nämlich diese Woche wieder mal ständig unterwegs und hatte keine Zeit, meine Erinnerungen aufzuschreiben.

Wie gut, wenn man dann einen "Fundus" hat, auf den man bei Bedarf zurückgreifen kann!

Also, diesmal entführe ich Euch in ein Seniorenheim. Dort findet ein Frühlingsfest statt, das einen etwas anderen Verlauf nimmt, als es eigentlich von den Organisatoren geplant war...

Ich wünsche Euch spannende Unterhaltung und  ein (trotz der vorhergesagten Kälte) gemütliches Wochenende.
 

Eure Geschichten-Erzählerin




Die Tische im Speisesaal des Seniorenwohnstifts waren festlich gedeckt. Narzissen, Tulpen und Forsythienzweige in kleinen Vasen, Tischdecken und Servietten mit Ostermotiven, in der Mitte Körbchen mit gekochten Eiern, Osterhasen aus Schokolade und anderen kleinen Süßigkeiten. Ein Alleinunterhalter hatte sein Keyboard aufgebaut. Nach dem Kaffee würde er für die Senioren nette Frühlingslieder spielen,

Nach und nach trafen die älteren Herrschaften ein. Manche konnten selbst gehen, andere schoben Gehhilfen oder wurden von den Schwestern und Pflegern in Rollstühlen hereingefahren. Es war eine bunt gemischte Gesellschaft, die an den Tischen Platz nahm. Blinde, Schwerhörige, Körperbehinderte. Demenzkranke waren darunter, die gar nicht mehr begriffen, was sie hier sollten. Auch Angehörige einiger Bewohner waren gekommen.

Tortenstücke wurde verteilt. Helferinnen mit großen Kannen gingen von einem Tisch zum anderen, schenkten Kaffee oder Tee in die bereitgestellten Tassen. Die wenigen Gespräche, die geführt worden waren, verstummten, und alle widmeten sich mit Hingabe der Schwarzwälder Kirschtorte. Sonst gab es immer nur so trockenes Gebäck, das man nur mit viel Flüssigkeit hinunterspülen konnte...

Die Tische wurden wieder abgeräumt, als die Kuchenteller leer waren, und der Mann am Keyboard begann zu spielen. Andächtig hörten die Besucher zu, in Erinnerungen versunken. An ihre Heimat. An die Eltern und Großeltern. An den ersten Kuss. Die Hochzeit in Weiß, das erste Enkelkind... Manche, die sich noch an die Liedtexte erinnerten, sangen mit zittrigen Stimmen zu den alten Melodien mit. Ein paar andere, von der ungewohnten Aufregung müde geworden, nickten ein.

Urplötzlich, wie aus dem Nichts, Krachen, Gepolter, Klirren. Ein lauter, gellender Schrei. Ein Schrei wie in höchster Todesangst. Tassen und Gläser fielen zu Boden. Der Inhalt ergoss sich über die Tische, rann auf den Boden. Abrupt unterbrach der Keyboard-Spieler seine Musikdarbietung.

HIIIIILFE !!!! NEEEIN !!!

Noch einmal dieser entsetzliche Schrei.

Füße, die eilig herbeirannten. Einer der Pfleger, sonst im ersten Stockwerk tätig und heute für den Dienst im Speisesaal eingeteilt, erreichte den Tisch zuerst, von dem der Hilfeschrei gekommen war. Entsetzt fuhr er zurück.

An dem Tisch hatte ein Mann mit drei alten Damen gesessen. Nun lag eine von ihnen am Boden, in einer Blutlache. Ihr Rollstuhl, an dem sie sich anscheinend hatte festhalten wollen, war umgestürzt. Rings um sie verstreut Glasscherben. Ein scharfes Messer, vermutlich von einer der Küchenhelferinnen versehentlich liegen gelassen, steckte in ihrem Hals.

Es hatte keinen Sinn, Fragen zu stellen. Die Tischnachbarn - Bewohner der Demenzstation - erkannten nicht einmal mehr ihre engsten Angehörigen.

Mit Blaulicht und Martinshorn raste der Notarzt, vom Pfleger alarmiert, zum Wohnstift. Er kam zu spät.


 

© Christine Rieger


Sonntag, 17. April 2016

Roller-Tour auf Thassos

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

so langsam, aber allmählich bekommt man große Lust, dem miesen Aprilwetter den Rücken zu kehren und in wärmere Gefilde zu flüchten. MIR jedenfalls geht es so - ich kann die ewige Kälte, den Regen und den Wind langsam nicht mehr ertragen. 

Deshalb habe ich in meiner "Erinnerungskiste" herumgekramt. Und bin dabei auf unseren letzten Griechenland-Urlaub gestoßen, von dem ich Euch heute erzählen möchte. Als Vorgeschmack auf den Sommer, sozusagen. 

Ich wünsche Euch viel Spaß und hoffe, dass es Euch beim Lesen auch ein bisschen warm wird...

Eure Geschichten-Erzählerin


Foto: © Christine Rieger
 
Juli 1992.  Flirrende Hitze liegt über Griechenland.  Die Insel Thassos ist dagegen eine Oase. Hier ist es immer angenehm kühl - so kühl, dass man abends sogar eine Jacke anziehen muss. 

Wir sind zum ersten Mal auf dieser Insel. Ruhig und friedlich ist es hier - jedenfalls im Vergleich zu anderen Urlausorten in Griechenland, die wir früher besucht haben. Einen Flughafen gibt es nicht. Man setzt mit der Fähre von Thessaloniki aus über. 

Wir wohnen in einer kleinen Pension - genauer gesagt, bei einem Arzt, der in seinem Haus ein paar Zimmer vermietet. Sehr praktisch - im Urlaub kann man ja nie wissen. Gott sei Dank müssen wir die Dienste des Doktors nicht in Anspruch nehmen!  

Halbpension gibt es hier nicht, nur Frühstück. Das aber können wir im Garten einnehmen. Das Zimmer ist groß - aber im Bad gibt es keine Duschkabine. Nur ein viereckiges Duschbecken, noch nicht einmal ein Vorhang davor. Beim Duschen schwimmt hinterher das halbe Bad. Aber egal - dafür ist es günstig. So anspruchsvoll wie in späteren Jahren waren wir damals noch nicht. 

Das Häuschen liegt ungefähr 20 Minuten vom nächsten Ort entfernt. zum Strand ist die Entfernung ebenso groß, allerdings in die andere Richtung. Ganz schön weit, wenn man nur mal eine Zeitung oder ein bisschen Obst kaufen will. Erst recht am Abend, wenn man zum Essen geht und hinterher, gut gesättigt und mit Rotwein abgefüllt, den Weg zurück zur Pension machen soll. Noch dazu geht es bergauf. 

Schon am dritten Tag wird uns das zu viel. So beschließen wir, einen Roller zu mieten. Eine spottbillige Angelegenheit. Nicht mal 100,-- DM die Woche, inklusive Versicherung. Die ortsansässige Reiseleiterin hat zwar davor gewarnt, wegen der teilweise miserablen Straßen. Vor allem im Inneren der Insel. Aber die muss ja auch nicht jeden Morgen und jeden Abend so weit laufen. 

Wir schlagen alle Warnungen in den Wind. Es wird schon nichts passieren - wir fahren ja nicht schnell. Geht auch gar nicht. Das Ding ist so langsam, dass ich - sobald es ein kleines bisschen bergauf geht - absteigen und zu Fuß gehen muss. Das Gewicht von uns beiden schafft das Maschinchen nicht. 

Die Schutzhelme, die wir zu dem Roller dazu bekommen, deponieren wir auf dem Balkon.  Es ist keine Pflicht, sie aufzusetzen. Die Ratten, die in der Finsternis unterm Balkon herumflitzen, wundern sich bestimmt über den Anblick der Köpfe ohne Inhalt… 

Die ersten Tage benutzen wir den Roller nur, um zum Strand zu kommen. Zur Übung, sozusagen. Und natürlich abends, wenn wir  zum Essen gehen. Toll, wenn man hinterher nur aufsteigen muss und bequem nach Hause zuckeln kann! 

In der zweiten Woche werden wir mutig und beschließen, eine Inselrundfahrt zu machen. Das ist an einem Tag zu schaffen, auch mit unserem langsamen Gefährt - einmal rundherum sind es ungefähr 100 km. Gesagt, getan. Wir packen Badesachen, Handtücher, Getränke und Sonnencreme ein, schnallen die Tasche am Gepäckständer fest und los geht's.  

Mein Mann fährt - ich traue mich nicht. Mir sind vier Räder unter dem Allerwertesten entschieden lieber. Jedenfalls dann, wenn ICH sie steuern soll! Eingezwängt zwischen ihm und der Badetasche sitze ich  nicht gerade bequem - aber es ist auszuhalten. Bei jedem Schlagloch auf der Straße - und davon gibt es viele - könnte ich schreien! Ich habe das Gefühl, jemand haut mir  ein Messer ins Kreuz! Vor dem Urlaub habe ich beim Orthopäden noch eine Spritzenkur gemacht, wegen meiner Rückenschmerzen. Genützt hat es nichts - auf diesen Buckelpisten hier merke ich jede einzelne Bandscheibe und jeden Muskel! 

Schon an der ersten Steigung kurz hinter der Inselhauptstadt werden wir von einem jungen Pärchen auf einem Motorrad überholt. Sie wohnen  in der gleichen Pension wie wir, winken und grinsen, als sie unseren Roller das Hügelchen hinaufkriechen sehen... 

Oben angekommen, werden wir für unsere Mühe belohnt. Ein wunderbarer Ausblick bietet sich uns. Der strahlend blaue Himmel, auf dem ein paar weiße Wattewölkchen dahindriften, leuchtet um die Wette mit dem Wasser. Pinien säumen die Schotterstraße, in denen Legionen von Zikaden ein Konzert geben. In der Luft lieget der Geruch von Lavendel, Thymian und anderen Kräutern, die nur in diesen südlichen Gefilden gedeihen.  

Einige Kilometer weiter sehen wir ein Schild mit der Aufschrift "Paradise Beach". Das soll der schönste Strand der Insel sein, hat man uns erzählt. Also nichts wie hin! 

Der Strand trägt seinen Namen zu Recht. Weißer Sand, weich wie Kinderpuder, wundervoll warmes Wasser. Keine Umkleidekabine. Aber da wir fast alleine sind - vermutlich, weil es hier keinen Schatten und weder Sonnenschirme noch Liegen gibt -  ist es egal. Wir ziehen unsere Badesachen an und stürzen uns ins Meer. Einfach traumhaft. Der Wellengang ist hier erstaunlich hoch - wir haben ihn unterschätzt und große Mühe, wieder aus dem Wasser zu kommen - der Sog zieht uns immer wieder zurück. Aber wir schaffen es. Wir sind beide gute Schwimmer. 

Erschöpft lassen wir uns in den Sand fallen und holen erst mal Luft. Als wir aufstehen, sind wir paniert wie Wiener Schnitzel - der Sand kriecht überall hin. Noch nach Wochen, längst wieder zu Hause, rieselt er aus der Badetasche... 

Inzwischen haben wir Hunger bekommen und halten bei der Weiterfahrt  Ausschau nach etwas Essbarem. Wir finden - wieder ein paar Kilometer weiter - ein Hinweisschild auf ein Lokal. Es liegt höher als die Straße, und auch von hier genießen wir einen herrlichen Ausblick. 

Der Besitzer des Restaurants kommt und fragt nach unseren Wünschen. Mir bleibt der Mund offen stehen - er spricht hochdeutsch! Besser als ich!  Und das auf einem griechischen Eiland, mitten in der Pampa... Bereitwillig erzählt er uns, dass er in Deutschland studiert hat. Danach ist er der Liebe wegen wieder zurück in seine Heimat gezogen. Und wegen es miesen Wetters in Deutschland. DAS jedenfalls verstehen wir nur zu gut! 

Das Essen ist ein Traum. Zufrieden und gesättigt besteigen wir nach einer Stunde wieder unser zweirädriges Transportmittel und zuckeln weiter. Immer wieder halten wir an schönen Badebuchten. Mein Fotoapparat läuft allmählich heiß.  

Der Motor unseres Rollers allerdings auch. Am späten Nachmittag -  wir haben ungefähr noch 20 km vor uns - spuckt und röchelt er ein paar Mal und gibt seinen Geist auf. Mitten in der Prärie. Natürlich. Weit und breit kein Haus. Kein Mensch. Nur Hitze, Staub und Trockenheit. Was nun? 

Hilfe holen? Wie denn? Handys gab es damals allenfalls in der Phantasie ihrer Erfinder - wenn überhaupt. Wir  setzen uns an den Straßenrand, trinken das letzte Wasser aus unserer Flasche. Und warten auf bessere Zeiten. Oder auf jemanden, der hier zufällig vorüberkommt und uns weiterhelfen kann. Vergebens. 

Nach einer halben Stunde steht mein Mann auf und versucht, unser Rollerchen anzulassen. Ich halte die Luft an. Er röchelt. spuckt und stöhnt, wie unser Rasenmäher zu Hause. Und dann ... 

Er springt an!!! Hurra! Wir steigen hastig auf, bevor es sich die Kiste wieder anders überlegt. Tut sie zum Glück nicht. Sie hat wohl auch nur eine Pause gebraucht. Brav tuckert sie weiter und liefert uns nach einer guten Stunde in unserer Pension ab. 

Seit diesem unvergesslichen Tag habe ich keine Rückenschmerzen mehr gehabt. Alle meine Bandscheiben sind offenbar auf der Schotterpiste wieder in ihre ursprüngliche Lage gehopst...

 

© Christine Rieger

 

 



Freitag, 15. April 2016

Überraschende Begegnung...

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
wir schreiben den 15. April - das heißt:
es ist wieder Reizwortgeschichten-Tag!
Die  Reizwörter, die dieses Mal zu "verarbeiten" waren, sind: 

Brunnen - Locke - schwarz - leicht - verraten
 
 
Ich bin selber schon sehr gespannt auf die Geschichten, die sich meine Kolleginnen  
 
Regina   
Lore   
Martina   
 
zu diesen Reizwörtern ausgedacht haben... 

Viel Spaß beim Lesen! 
Eure Geschichten-Erzählerin



Alle Fotos zu diesem Beitrag
© Christine Rieger
 



Neun Uhr. Im Kurpark herrscht noch himmlische Ruhe. Aber nicht etwa deshalb, weil das Wetter einem Morgenspaziergang im Wege stünde. Nein, um diese Zeit sind die meisten Kurgäste mit ihren vom Arzt verordneten Anwendungen beschäftigt. Massage, Wassergymnastik, Muskelaufbau-Training, Wärme- oder Kältebehandlung, Reizstrom… was immer die Ärzte für nötig halten, um den Patienten möglichst schnell wieder fit für die Arbeit zu machen… Und wenn doch mal irgendwo ein paar Minuten übrig bleiben, haben die Ärmsten sich mehr oder minder interessante Vorträge anzuhören.  Eine Kur ist schon lange keine Erholung mehr - für manche Patienten ist das Stress pur. Von wegen - morgens Fango, abends Tango… das war einmal! 

Auch die Urlauber, die hier einfach nur entspannen wollen, lassen sich nicht sehen. Die sitzen zu dieser Stunde noch beim Frühstück. Nicht so Heide Meister. Sie ist erklärte Frühaufsteherin und genießt die Morgenstunden, wenn noch niemand hier ist. Gesellschaft sucht sie nicht - im Gegenteil. Wenn am Nachmittag die Kurgäste einfallen, Händchen halten, verschämte oder sehr auffällige Küsschen tauschen, ist sie längst wieder in ihrem Hotelzimmer verschwunden… 

Es ist noch kühl heute. Klar - jetzt, im Frühjahr, kann man nicht erwarten, dass schon um diese Zeit das Thermometer in ungeahnte Höhen klettert. Heide holt ein zusammengeklapptes blaues Thermokissen aus ihrer großen Handtasche, bevor sie sich auf die Parkbank setzt. Die Holzbalken sind noch feucht vom Morgentau. Sich darauf ohne Kissen zu setzen, wäre allzu leichtsinnig. Zumal, wenn man - wie Heide - ohnehin zu Blasenentzündungen neigt! 
 

 
 
Sie lässt ihre Blicke schweifen. Wie schön doch der Kurpark wieder angepflanzt ist! Ganze Beete mit blauen Vergissmeinnicht, dazwischen Tulpen in rot und gelb. Die Rasenflächen leuchten in frischem Grün, und ein Duft nach Frühling liegt in der Luft. Wie sehr hätte Fred das gefallen! FRED… „Mein Heideröschen“ hat er sie oft genannt, wenn sie sich wieder einmal über ihren ungeliebten Vornamen geärgert hat… Heiderose… Wie kann man denn einem Kind so einen Namen geben! 

Wehmut überkommt Heide. Wie oft ist sie mit Fred hier gewesen - zu allen Jahreszeiten. Das erste Mal auf ihrer Hochzeitsreise - vor dreißig Jahren. Und dann immer wieder. Nicht in jedem Jahr - oh nein. Aber dieser Ort hier war sozusagen ihre „Fluchtburg“, wenn ihnen zu Hause alles über den Kopf wuchs. Dann hatten sie kurzerhand Karlchen angerufen. Er war ein Jugendfreund von Fred und betrieb eine kleine Pension hier in  Bad Hagenbach. Hierhin waren sie - oft schon zwei Tage später - geflüchtet, um ihre Batterien wieder aufzutanken… 

Und nun ist Heide allein. Seit zwei Jahren. Damals hatte Fred sie verlassen - ohne Vorwarnung. Eines Morgens im Februar war er einem Herzinfarkt erlegen… 

Für Heide brach eine Welt zusammen. An Freds Seite hatte sie leicht und unbekümmert dahin gelebt, ohne sich jemals Gedanken um die Zukunft zu machen. Die Beerdigung und die mit dem Todesfall zusammenhängenden Formalitäten hatten sie nur mit Hilfe von Beruhigungsmitteln durchgestanden. Doch dann fiel sie in ein tiefes, schwarzes Loch und brauchte Monate, wieder einigermaßen ins Leben zurückzufinden. 

Das hier ist nun ihr erster Urlaub, seit Fred sie verlassen musste. Vielleicht ist es nicht gut, dass sie ausgerechnet hierher gefahren ist - an den Ort, an dem sie so viele Erinnerungen mit ihrem verstorbenen Mann verbinden. Andererseits - Bad Hagenbach ist so etwas wie ihre zweite Heimat. Hier fühlt sie sich fast wie zu Hause. Sie kennt jeden Weg und jeden Steg, die Geschäfte, Thermalbäder und Cafés. Und natürlich Karlchen und seine Frau. Und trotzdem - es ist nicht mehr dasselbe.   

Ein Frösteln überkommt Heide - aber das liegt nicht nur an den winzigen Wassertröpfchen, die der Frühlingswind vom Springbrunnen herüberträgt. Auch wenn Heide keine finanziellen Sorgen hat - noch immer ist die Angst vor der Zukunft allgegenwärtig. Denn eines lässt sich nicht leugnen: Sie ist allein.  

Fred und sie waren kinderlos geblieben. Freunde hat Heide nicht. Jedenfalls nicht in erreichbarer Nähe. Die einzige Freundin, die Heide so nennen würde, lebt Hunderte von Kilometern entfernt. Natürlich - sie telefonieren ab und zu miteinander. Aber das ersetzt keinen persönlichen Kontakt. Und gegenseitige Besuche sind wegen der großen Entfernung auch nicht ständig möglich.  

Seufzend streicht Heide sich eine graue Locke aus der Stirn, die der Wind aus ihrem Pferdeschwanz gelöst hat.  Zum Friseur müsste ich auch wieder mal, denkt sie reuevoll.  In letzter Zeit hat sie sich gehen lassen. Es war ihr egal, wie sie herumlief. An manchen Tagen war sie erst mittags aus dem Bett gekrochen, hatte den Nachmittag im Bademantel vergammelt und außer zum Fernsehen zu nichts Energie gehabt. Hätte nicht die Nachbarin, eine junge Frau mit einem kleinen Mädchen, ab und zu nach ihr gesehen, und ihr wenigstens das Nötigste eingekauft  - Heide wäre verhungert!  

So konnte das nicht weitergehen. Schließlich ist sie gerade vierundsechzig geworden.  Fred würde es auch nicht gefallen, wenn sie nur noch zu Hause herumhing… Der Urlaub in Bad Hagenbach war ein Anfang. Nicht mehr. Sie musste wieder unter die Leute gehen. Vielleicht sollte sie sich irgendein Ehrenamt suchen? Senioren im Altersheim oder Patienten im Krankenhaus besuchen - oder Schulkindern Nachhilfe geben? Immerhin war sie in Deutsch mal ganz gut… 

Als erstes werde ich zum Friseur gehen. JETZT. SOFORT. Eine neue Frisur soll ja Wunder wirken. Vielleicht auch gleich eine Tönung? Und dann zur Fußpflege. In einem Kurort sollte das kein Problem sein. 

Gerade will sie aufstehen, um ihre soeben gefassten guten  Vorsätze in die Tat umzusetzen, bevor sie wieder der Mut verlässt, als  eine Dame den asphaltierten Weg entlang kommt. Sie läuft an zwei Krücken und steuert die Bank an, auf der Heide sitzt. Irgendwie kommt diese Frau ihr bekannt vor. Aber das kann nicht sein - sie kennt hier niemanden. 
 
 
 
 

„Darf ich mich einen Augenblick setzen? Diese Lauferei mit den Krücken ist ganz schön anstrengend!“ „Natürlich. Ich wollte sowieso gerade gehen!“ „Nein - bitte bleiben sie. Ich will sie nicht vertreiben“. „Das tun sie auch nicht. Ich wollte wirklich gerade los - ich will zum Friseur. Ich hab’s nötig!“ 

Mit einem Seufzer plumpst die Frau auf die Bank. Ihre Krücken lässt sie einfach ins Gras fallen. Heide hat eigentlich keine Lust auf eine Unterhaltung. Aber unhöflich sein will sie auch nicht.  

„Wie haben sie denn DAS angestellt?“ fragt sie mit einem Blick auf die Krücken. „Der Hund hat mich die Treppe runter gezerrt, weil er dringend raus wollte" erzählt die Frau bereitwillig. "So schnell kann ich aber nicht laufen. ICH habe ja schließlich nur zwei Beine.  Tja - ich bin so blöd gefallen, dass ich mir das Becken gebrochen habe. Das war vor zwei Monaten! Und jetzt bin ich hier zur Reha. Genützt hat es aber noch nicht viel“. 

„Und Sie haben gerade keine Anwendungen? Das ist ungewöhnlich. Normalerweise haben die Patienten doch keine freie Minute, wenn sie mal hier sind…“
„Stimmt. Ist auch heute eine Ausnahme. Mein Physiotherapeut hat sich krank gemeldet, und so schnell haben sie keinen Ersatz gefunden. Die nächste Stunde hätte ich sowieso frei, und deshalb mache ich einen kleinen Spaziergang. Wenn man das überhaupt so nennen kann, fügt sie trocken hinzu. "Eher Spaziergehumpel…“ 

„Na, dann wünsche ich Ihnen gute Besserung!“ Heide klappt ihr Kissen zusammen und packt es ein. „Ich muss jetzt wirklich los. Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder… Schönen Tag noch!“ Mit diesen Worten dreht sie sich um und  will gehen.
 
Sie hat sich noch keine fünf Schritte von der Bank entfernt, als sie eine Männerstimme hinter sich hört. „Heiderose Kowalski - seit wann rennst du denn vor mir davon? Das ist ja was ganz Neues!“ 

Heide bleibt stehen, als wäre sie gegen eine Wand gelaufen. Ganz langsam dreht sie sich um. Neben der Frau, mit der sie sich gerade unterhalten hat, steht ein Mann, der einen Rauhaardackel an der Leine hat. Etwa in ihrem Alter. Groß, sehr schlank, elegant gekleidet. Das silbergraue Haar, am Morgen vermutlich sorgfältig frisiert, flattert im Wind. 

„Konrad? DU?“ Heides Stimme klingt zaghaft, so als könnte sie ihren Augen nicht trauen. 

„Ja, ich bin’s wirklich. Konny - Dein Klassenkamerad aus der Handelsschule. Und das da - er deutet auf die Frau an seiner Seite - ist Irene. Meine Schwester. Sag bloß, du hast sie nicht mehr erkannt!“   

„Ich werd‘ verrückt!“ Heide geht zu der Bank zurück und lässt sich darauf fallen. Ohne Thermokissen. „Könnt ihr mir mal verraten, was ihr  hier macht?“ fragt sie überflüssigerweise. 

„Reha - hab ich  doch erzählt!“ Irene lacht los. „Konny ist mitgefahren und macht Urlaub. Er würde ohne mich verhungern - der Ärmste kann ja nicht mal Wasser kochen!“ „Aber - deine Frau? - Du bist doch verheiratet. Oder du warst es zumindest!“  fragt Heide, noch immer ziemlich perplex. 

„Das ist eine lange Geschichte. Zu lang, um sie hier auf der Parkbank zu erzählen. Aber gehen wir doch einfach über die Straße ins Café - mir wäre gerade nach einem großen Stück Sahnetorte“. Irene grinst. „Sie haben mich auf Diät gesetzt - ich kann kein Knäckebrot mehr sehen!“ 

Konrad klaubt die Krücken seiner Schwester aus dem Gras. Wenige Minuten später streben die drei langsam, aber zielbewusst, dem Café gegenüber dem Kurpark zu… 



 
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© Christine Rieger




© Christine Rieger / 2016
 

 
 

Sonntag, 10. April 2016

Rosen-Geburtstag

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

eines vorneweg: Ich bin mir durchaus darüber im Klaren, dass sich dieser Beitrag wie ein Werbeflyer liest. Aber ich kann versichern - es ist keiner. Ich bin weder in der Werbebranche tätig (und war es auch nie), noch beziehe ich von dem Ort, von dem ich Euch heute erzählen möchte, ein Honorar. Meine Geschichte ist nichts anderes als die Erinnerung an einen meiner schönsten Geburtstage.

Ich wünsche Euch viel Spaß bei der Lektüre und einen schönen Sonntag.

Eure Geschichten-Erzählerin


 

Und nicht vergessen:
Am kommenden Freitag, den 15. April gibt es wieder eine neue Reizwort-Geschichte!
 

 

Zu meinen Geburtstagen habe ich ein recht gespaltenes Verhältnis. Aber nicht etwa, weil mir mein Alter Angst macht - sondern ganz einfach, weil ich das ganze Brimborium scheue. Endlose Vorbereitungen. Umbau der Wohnung, um der Besuchsorgien Herr zu werden. Stress ohne Ende. Den ganzen lieben Tag steht man in der Küche, die eine Hand versucht, das Essen für die Gäste vorzubereiten, während die andere  ständig den Telefonhörer ans Ohr hält. Selbiges am Abend, während die Gäste da sind, für die man sowieso keine Zeit hat. Und dann ernährt man sich oft tagelang von übrig gebliebenen Resten ... 

Aus diesem Grund haben mein Mann und ich schon vor mehr fast fünfundzwanzig Jahren beschlossen, an meinem Geburtstag - wenn irgend möglich - zu verreisen. Klingt egoistisch - aber dann kann ich „meinen“ Tag wenigstens so verbringen, dass ICH Spaß daran habe!
 
Unsere Freunde haben zwar anfangs die Nase gerümpft. Vor allem diejenigen, die uns an unseren Geburtstagen besucht haben. Sofern nicht gerade andere hochwichtige Termine anstanden, was in den letzten Jahren immer häufiger vorkam und zur Folge hatte, dass wir eine Woche lang die für die Feier vorgesehenen Lebensmittel aufessen mussten. Inzwischen haben es alle akzeptiert. Und die meisten folgen unserem Beispiel...

Seltsamerweise waren meine „runden“ Geburtstage nicht immer ein Vergnügen. Der Vierzigste ging ja noch. Der fünfzigste war - jedenfalls die dazugehörige Reise - eine Katastrophe. Ebenso der sechzigste. 

Nun also zu meiner Geschichte von DEM Geburtstag, den ich nur zu gerne in guter Erinnerung behalten werde - meinem einundsechzigsten. 
 

 
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Ich liebe alle Blumen. Am meisten aber liebe ich Rosen. Und seit mir auf einer Ausstellung ein Flyer vom Europa-Rosarium in Sangerhausen in die Hände fiel, hatte ich den Wunsch, diesen Garten zu besuchen. Was für ein schöner Zufall, dass gerade zu meinem einundsechzigsten  Geburtstag ein hiesiges Busunternehmen eine Tagesfahrt dorthin anbot!  

Für diejenigen, die von diesem Rosengarten noch nie etwas gehört haben: Das Europa-Rosarium wurde - laut Angaben auf seiner Website - 1903 gegründet und ist die größte Rosensammlung weltweit. Auf einer Fläche von 13 ha sind 80.000 Rosenstöcke angepflanzt! 

Die Fahrt begann um 6.45 h morgens. Oje - so früh aufstehen ist gar nicht mein Fall! Aus lauter Angst, den Wecker zu überhören, schlief ich in der Nacht zuvor sicherheitshalber gar nicht erst ein. 

Die Fahrt von unserem Wohnort bis nach Sangerhausen dauert dreieinhalb Stunden mit dem Bus. Aber sie hat sich in jeder Hinsicht gelohnt! 

Ich habe mir diesen Park schon wunderschön vorgestellt - aber er ist einfach überwältigend, Ich finde kein anderes Wort dafür. Schon am Eingang sieht man die Blütenpracht, hochgezüchtet an Klettergerüsten, übermannshoch, in allen Farben - und der Duft ist atemberaubend.
 
 



Der Park ist in verschiedene Abteilungen gegliedert. Am besten gefiel uns die mit den Rosenbögen.
 

 
Es ist unbeschreiblich, wie viele Rosensorten es gibt, in welchen Farben, darunter auch solche in lila. Rosen in Beeten, in Rabatten, uralte Sorten und neu gezüchtete - alle fein säuberlich mit weißen Schildchen versehen, auf denen der lateinische und der deutsche Name der Pflanze verzeichnet ist, ebenso die Herkunft. 
 
 

Es gibt Rosen mit großen und winzig kleinen Blüten, ganz dicken Dolden, an denen Blüten in verschiedenen Farben sind - je nach Stadium können Blüten in dunkelrosa, hellrosa oder fast weiß (vermutlich hat sie die Sonne schon so ausgebleicht...) 



Zwischen den Rosen sind  Rittersporn und Fingerhut, duftender Lavendel  und andere Kräuter gepflanzt, damit die Rosen noch besser zur Geltung kommen.  Kleine Teiche mit Seerosen (ja, auch die gibt es dort), oder dicke Sträucher mit Hagebutten (auch "Heckenrosen" genannt), sind natürlich auch vertreten.  
 

 

Weiße Bänke, die im Kontrast zu den vielen bunten Blüten stehen, laden zum Sitzen und Ausspannen ein, wenn einem nach dem vielen Laufen die Füße weh tun.  
 
 


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Selbstverständlich ist auch für das leibliche Wohl gesorgt - mit einem großen Zelt, in dem man essen und trinken und sich für die weitere Wanderung stärken kann.
 

 
 
Wir hatten insofern Glück, dass es zwar für die Jahreszeit ziemlich kühl war - aber immerhin regnete es nicht. Meine Schwester (die am gleichen Tag Geburtstag hat und mich unterwegs am Handy zu fassen bekam), wurde dagegen von oben geduscht...
 

Es tut dieser Tagesfahrt auch keinen Abbruch, dass  unser Bus auf der Rückfahrt eine Stunde im Stau stand und ich nach unserer Heimkehr so gegen 23.00 h am Abend wie ein nasser Sack in mein Bett geplumpst bin... 

Als Erinnerung an diesen tollen Tag habe ich immerhin fast 200 Fotos mit nach Hause gebracht, von denen ich einige in meiner Geschichte „verstreut“ habe.
 
 
© Christine Rieger
 
 

 
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