Mittwoch, 15. Juni 2016

Auszeit

Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

es ist wieder soweit: Es ist Reizwortgeschichten-Tag! 
 

Kennt Ihr das eigentlich auch? Habt Ihr auch manches Mal das Gefühl, dass die Hektik des Alltags Euch fast verrückt macht? Möchtet Ihr manchmal das Telefon an die Wand werfen, weil es immer im unrechten Augenblick zu klingeln pflegt? Oder schreiend aus dem Friseursalon rennen, weil ohne Punkt und Komma  schrille Musik in nicht mehr verträglicher Lautstärke abgenudelt wird? Oder Tag und Nacht der Fernseher läuft, "damit es in der Wohnung nicht so still ist?"
Dann geht es Euch genauso Susanne, meiner heutigen Protagonistin.

Was sie unternimmt, um dem Dauerstress zu entgehen und wieder zur Ruhe zu kommen, erfahrt Ihr in meiner Geschichte.

Dieses Mal waren folgende Reizwörter  zu verarbeiten

Gänseblümchen - Schneckenhaus - erkennen - nebensächlich - feige 
 

Und nicht vergessen: Auch meine vier Kolleginnen


Lore   
Martina   
Eva  

haben sich zu den Reizwörtern etwas einfallen lassen!

Viel Spaß beim Lesen!
Eure Geschichten-Erzählerin



Auszeit 

„Das kann doch nicht wahr sein!“ Susanne glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie an diesem Morgen die Fensterläden öffnete, um die Morgensonne hereinzulassen. 

Dort, wo gestern noch Gänseblümchen, Löwenzahn, Enzian und Pechnelken ihre Köpfe aus dem Gras steckten, lag heute fast ein halber Meter Schnee. An sich nichts Ungewöhnliches auf einer Hütte in den Alpen. Aber doch nicht ENDE MAI! 

Von der Sonne war weit und breit nichts zu sehen. Dicke Wolken hingen über den Bergen, die so aussahen, als hätten sie noch mehr Schnee im Gepäck. Na prima! So hatte Susanne sich ihre sommerliche „Auszeit“ nicht vorgestellt!  

Seufzend hakte sie die Fensterläden fest und ging zurück in den Schlafraum. Aus dem wenigen Gepäck, das sie mitgebracht hatte, klaubte sie eine dicke Fleecejacke. Die hatte sie im letzten Moment vor der Abreise noch schnell in die Reisetasche gestopft. Im Gebirge konnte man ja schließlich nie wissen. Da schlug das Wetter oft blitzschnell um… 

Sie musste sich mit aller Kraft gegen die schwere Bohlentüre stemmen, um sie auch nur einen Spalt öffnen zu können. Aus dem winzigen Geräteschuppen, der nur durch eine niedrige Türe ganz hinten in der Almhütte  zu betreten war, holte sie einen hölzernen Schneeschieber und buddelte erst einmal einen schmalen Gang frei. Andernfalls hätte sie die Hütte an diesem Tag überhaupt nicht verlassen können. Schon nach wenigen Minuten war sie nassgeschwitzt. Was hätte Susanne jetzt für eine warme Dusche gegeben! Aber die gab es hier oben nicht. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als den primitiven Herd anzuschüren und in einem großen Topf Wasser zu erhitzen, um sich wenigstens waschen zu können. 

An manchen Tagen stellte sie sich selbst die Frage, die ihr alle ihre Freunde stellten, wenn sie wieder Anstalten machte, sich in ihr „Schneckenhaus“ im Gebirge zurückzuziehen: „Warum tust du dir das an?“ Ja, warum?  

Es war schwer, sich diese Frage zu beantworten. Geschweige denn, ihrer Familie und ihren Freunden zu erklären, was sie dazu bewog, jedes Jahr ein paar Wochen aus ihrer gewohnten Welt zu verschwinden und ihren Urlaub hier in der Einsamkeit zu verbringen. Ganz allein - ohne Kontakt zur Außenwelt, nur auf sich selbst gestellt. Sie hatte nicht einmal  ein Handy für den Notfall dabei. Der Empfang war hier oben ohnehin lausig. Außerdem - es gab keinen elektrischen Strom, und somit auch keine Möglichkeit, den Akku wieder aufzuladen, wenn das Ding schlapp machte.   

Die einzige Möglichkeit, Hilfe zu holen, falls es einmal erforderlich sein sollte, war, eine Signalpistole abzuschießen. Es war  der fünfte Sommer, den sie in „ihrer“ Hütte verbrachte, und bisher war sie immer ohne Hilfe zurechtgekommenen. Susanne hoffte, dass es auch so bleiben würde. 

Natürlich gehörte ihr die Almhütte nicht. Der Eigentümer war ein Bauer unten im Tal. Früher hatte er immer im Sommer seine Kühe hier heraufgebracht. Aber inzwischen war er zu alt. Seine beiden Söhne lebten in der Stadt, und es gab niemanden, der Interesse gehabt hätte, den Almbetrieb weiterzuführen. 

Susanne und ihr Mann hatten diese Hütte vor Jahren zufällig entdeckt, als sie in den Bergen beim Wandern von einem Unwetter überrascht worden waren. Schon damals war die Hütte nicht mehr bewirtschaftet. Aber der Bauer hatte einen Schlüssel oben gelassen für Wanderer, die ein Bett für die Nacht brauchten, oder - so wie Susanne und Martin - vor einem Gewitter Schutz suchten. 

Im darauffolgenden Jahr geriet Susanne in eine schwere Lebenskrise. Innerhalb kürzester Zeit verlor sie beide Eltern bei einem Verkehrsunfall, den ein Betrunkener verursacht hatte. Wenig später nahm sich ihr jüngster Sohn das Leben, weil er wegen seiner geringen Körpergröße in der Schule gemobbt und gehänselt wurde. Als dann bei ihrer Schwester auch noch Krebs im Endstadium diagnostiziert wurde, brach sie zusammen.  Krankenhausaufenthalt, Reha, Erwerbsunfähigkeits-Rente. Damals war sie fünfzig. 

Obwohl ihr Mann sie nach Kräften unterstützte, brauchte sie Monate, sich wieder einigermaßen zu fangen. Die fröhliche optimistische, unerschütterliche Susanne von früher wurde sie jedoch nie mehr.  

Die laute, hektische Umwelt ging ihr zunehmend auf die Nerven. Ständiges Musikgedudel in Kaufhäusern und Boutiquen, beim Friseur oder in der Gaststätte, bis hinaus zu den Toiletten. Nicht einmal im Supermarkt war man mehr sicher vor dieser Berieselung. Zu Hause lief fast ständig der Fernseher oder wahlweise das Radio.  Waschmaschine und Trockner verkündeten schrill und aufdringlich die Beendigung ihrer Tätigkeit. Das Handy quäkte, um sie daran zu erinnern, dass der Akku wieder einmal leer war.  

Setzte sie sich  ins Auto, piepste es dauernd irgendwo. Der Sicherheitsgurt, nicht schnell genug angelegt, das vergessene Licht. Die Einparkhilfe schlug sofort Alarm, wenn auch nur ein Grashalm in ihrem Fokus geriet… Manchmal hatte Susanne das Gefühl, im Vorhof zur Hölle gelandet zu sein. 

Merkwürdigerweise war sie die einzige, die sich an diesem vermeintlichen Inferno störte. An Martin  oder ihren beiden Töchtern prallten solche Nebengeräusche ab wie Wasser am Entengefieder. 
 
Nur im Urlaub fand sie Ruhe. Und dann hatte sie eines Tages nach der Entdeckung der Almhütte beschlossen, jedes Jahr ein paar Wochen hier heraufzuziehen und ihre Batterien wieder aufzuladen. 

Martin hatte dieses Vorhaben zuerst belächelt, dann missbilligt. Aber als sie drohte, aus dem gemeinsamen Haus auszuziehen, um endlich wieder  zur Ruhe zu kommen, gab er nach. 

So war sie vor fünf Jahren - ausgerüstet mit einem Rucksack, der außer ein paar Kleidungsstücken und ihrem Waschzeug nur ein paar Bücher enthielt, in die Wildnis geflüchtet. Wasser holte sie aus einem Gebirgsbach, der unweit der Alm aus den Bergen kam. Lebensmittel wurden ihr einmal wöchentlich mit der klapprigen Materialseilbahn heraufgeschickt, die trotz ihres biblischen Alters noch immer brav ihren Dienst verrichtete.  Fuhr der Korb zurück, enthielt er eine Liste, auf der Susanne ihren Bedarf für die nächste Lieferung notierte. Es klappte hervorragend.
 
Die Materialseilbahn war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Wanderer verirrten sich so gut wie nie hierher. Die Almhütte lag nicht nur weit abseits der touristischen Trampelpfade - sie war - da unbewirtschaftet - für Urlauber kein lohnendes Ziel.
 
Nach sechs oder acht Wochen, oder - je nach Wetterlage -manchmal auch erst nach drei Monaten,  kehrte sie, gestärkt an Leib und Seele, zurück in ihren Alltag. Um sich oft schon nach kurzer Zeit wieder nach ihrem „Schneckenhaus“ zu sehnen… 

Ihr Mann brauchte lange, um sich damit abzufinden, dass Susanne ihn jeden Sommer für Wochen alleine ließ. Aber irgendwann arrangierte er sich mit der Situation. Er erwarb den Segelschein für Binnen- und Hochseegewässer und verbrachte seinen Jahresurlaub künftig damit, zusammen mit zwei Freunden auf einem gecharterten Segelboot über die Meere zu dümpeln... 

Plötzlich zerriss ein schrilles Pfeifen die Stille - und Susanne aus ihren Gedanken. Der Wasserkessel! Den hatte sie ja ganz vergessen!  

Sie schüttete das kochende Wasser in die primitive Waschschüssel, die auf einem Ständer thronte, warf ein paar Hände voll Schnee hinein und  begann mit der Morgenwäsche. Sie musste grinsen, als sie daran dachte, was ihre Freunde wohl sagen würden, könnten sie sie jetzt sehen. Niemand würde verstehen, wie nebensächlich eine Dusche und all die anderen Annehmlichkeiten waren, die man zu Hause als selbstverständlich betrachtete. „Man müsste sie eigentlich alle mal ein paar Wochen hier heraufschicken“ überlegte Susanne. „Dann würden sie erkennen, wie unwichtig solche Dinge wie Auto, Fernseher, Handy, Berge von Schuhen und Schränke voller Klamotten eigentlich sind…“ 

Hier in der Bergeinsamkeit zählte das alles nicht. Ausreichend Wasser, der Nachschub an Lebensmitteln, vor allem aber jede Menge Improvisationstalent sicherten hier das Überleben.  Und Mut brauchte es. Nicht jedem war es gegeben, wochenlang alleine und ohne Kontakt zur Außenwelt mit sich selbst zurechtzukommen…
 
Aber vielleicht, so kam es Susanne in den Sinn, war ja sie diejenige, die zu feige war, sich den ganz normalen Problemen zu stellen, mit denen jeder Mensch in seinem Leben konfrontiert wurde. Möglicherweise waren ja die anderen die besseren Menschen, die sich nicht scheuten, auftretenden Schwierigkeiten entgegenzutreten, sie zu überwinden und gestärkt aus der Krise hervorzugehen?  

„Herrje - was habe ich heute nur für seltsame Anwandlungen“ rief sie sich selbst zur Ordnung. „Los, Susanne, sieh zu, dass du Inventur machst - du musst deine Bestellung an Futteralien noch schreiben. Und der Schnee muss runter vom Dach - er ist nass und schwer. Nicht, dass dir noch die Hütte zusammenfällt…“ 

Erneut riss ein schrilles Pfeifen sie aus ihren Gedankengängen. Die Materialseilbahn! Heute schon? Was war denn überhaupt für ein Tag? Die sollte doch erst am Freitag kommen?  

Hastig lief sie zum Küchentisch. Dort hatte sie einen Taschenkalender liegen, auf dem sie die Tage abstrich. Sonst ging ihr jedes Zeitgefühl verloren, denn sie lebte nicht nach der Uhr, wie zu Hause, sondern nach Sonnenauf- und Untergang. 

Hm. Ihrem Kalender nach war heute erst Donnerstag. Aber vielleicht hatte sie ja irgendwann einmal vergessen, einen Tag abzustreichen?  

Eilig durchsuchte sie ihren Vorratsschrank und schrieb eine Liste mit dem, was ihr fehlte. Eier waren zu Ende, Mehl nicht mehr viel da, Zucker, Hefe zum Brotbacken. Kaffee. Der einzige Luxus, auf den sie auch hier nicht verzichten mochte. Nach kurzem Zögern schrieb sie noch Reis und Nudeln und zwei Flaschen Bier auf die Liste. So langsam kamen ihr Wasser und Tee aus den Ohren! 

Inzwischen war der Materiallift oben angekommen. Doch diesmal  enthielt er nicht nur die gewohnte Kiste mit den bestellten Lebensmitteln. 

Susanne fielen fast die Augen aus dem Kopf, als aus dem Förderkorb ein Mensch kletterte. Ein großgewachsener Mann mit dichtem, silbergrauem Haar. Vom Wind zerzaust, verlieh es ihm ein ungewohnt jungenhaftes Aussehen. Sein neongrüner Anorak leuchtete wie ein Fanal. MARTIN!  

Sie stand wie vom Donner gerührt. Was wollte er hier? Sie hatten doch abgemacht, dass… 

„Hallo, Schatz!“ Martin warf einen großen Rucksack neben sich in den Schnee und wuchtete dann eine Kiste  herunter, die neben ihm im Förderkorb gestanden hatte. Sie schien ziemlich schwer zu sein. 

„W….w…was willst du hier?“stotterte Susanne, immer noch völlig perplex. Mit nichts hatte sie weniger gerechnet, als ausgerechnet mit ihrem Mann! 

Martin ging auf seine Frau zu, nahm sie in die Arme und drückte ihr einen zärtlichen Kuss auf den Mund.  

„Dachte ich es mir doch!“ meinte er mit einem schelmischen Grinsen. „Du hast unseren dreißigsten Hochzeitstag vergessen…“

 
 

© Christine Rieger / 2016