Montag, 15. August 2016

Das neue Fahrrad


Liebe Freunde meines Lesebuchs, 

heute ist der fünfzehnte August - Reizwortgeschichten-Tag!  Momentan ist  zwar Ferienzeit - aber meine Kolleginnen und ich sind schon wieder zurück (oder gar nicht erst verreist), und wir möchten Euch ein bisschen die Zeit vertreiben... 

Die Reizwörter, die in den Geschichten unterzubringen waren, sind: 
 

Ponyhof - Triumph - heulen - demonstrieren - standesgemäß
 

Die waren diesmal eine ziemlich harte Nuss - jedenfalls für mich. Und ich bin sehr gespannt, wie Euch meine Geschichte gefällt, und was meine Kolleginnen

Eva   Lore   Martina   Regina 
 

aus den Reizwörtern gezaubert haben...
 

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch
Eure Geschichten-Erzählerin.
 
 

 
Das neue Fahrrad
 
"Meine Güte, war das heute ein grässlicher Tag!" Mit einem Seufzer warf Monika ihre Handtasche aufs Sofa, schleuderte die Schuhe von sich und ließ sich in die weichen Polster fallen.
 
"Was ist denn passiert?" Friedrich Hartmann, Monikas Vater, legte ein Lesezeichen in sein Buch - er kämpfte sich gerade durch Thomas Manns "Buddenbrooks" - und klappte den dicken Wälzer zu.
 
"Ach, eigentlich der ganz normale Wahnsinn!" Monika langte nach der Wasserflasche, die auf dem Couchtisch stand, setzte sie an und trank sie ohne weitere Umstände leer. "Sommerschlussverkauf, Gedränge, Hektik. Eine neue Aushilfe, die sich anstellt wie die Kuh zum Seiltanzen. Nebenbei die Inventur. Warum Gerdi die ausgerechnet bei laufendem Betrieb und noch dazu während des Ausverkaufs veranstalten muss, werde ich nie verstehen! Natürlich stimmte hinten und vorne nichts. Es fehlten zwei Kartons mit Pullovern einer ganz bestimmten Firma. Die fanden wir nach langem Suchen im Abstellraum, zwischen Toilettenpapier, Seife, Unmengen von Kleiderbügeln und zerfledderten Kartons. Wie die dahin gekommen sind, wissen die Götter. Und als Krönung des Tages fehlten in der Kasse noch 250 Euro. Ein Tippfehler der neuen Aushilfe - aber die Suche danach dauerte zwei Stunden! Jetzt habe ich rasende Kopfschmerzen, Hunger wie ein Wolf und könnte auf der Stelle umfallen und schlafen..."
 
"Oje - das klingt wirklich ziemlich stressig!" meinte Monikas Vater mitfühlend. "Aber in einem kann ich abhelfen - ich habe Gulasch gekocht. Ich stelle nur schnell noch Nudeln hin, und dann können wir essen..."
 
"Papa, Du bist wirklich ein Schatz! Wenn wir dich nicht hätten..."  Sie stand auf und drückte ihrem Vater einen Kuss auf die Wange. "Ich ziehe mich nur schnell um, damit ich mein Kostüm beim Essen nicht verkleckere!"
 
Noch bevor Monika hinauslaufen konnte, wurde die Türe zum Wohnzimmer aufgerissen und ihre Tochter kam hereingeschossen. "Hallo, Mami, schön, dass du wieder da bist, ich habe meine Hausaufgaben schon gemacht, Opi hat nachgeguckt, ob alles richtig ist, morgen schreiben wir ein Diktat,  kannst du nicht noch mal mit mir üben? Opi hat gesagt, du bist viel besser in deutsch als er, ach ja, und Frau Deuerlein macht nächsten Dienstag Elternsprechstunde, da sollst du hinkommen, und jetzt weiß ich auch, was ich mir zum Geburtstag wünsche. Ich möchte ein neues Fahrrad, meins ist doch schon soooo alt, und zu klein ist es auch, und...."
 
"Tina, nun halt doch mal die Luft an!" Monika hatte das Gefühl, ihr müsste der Kopf platzen.
 
"Aber Mami, du hast doch gestern gefragt, was ich zum Geburtstag will, und jetzt ist es mir eingefallen..."
 
"Tina - ein neues Fahrrad können wir uns nicht leisten. Dein altes ist noch prima in Ordnung.  Das muss noch ein Jahr halten. Soooo viel fährst du ja nicht damit. Du weißt ganz genau, dass meine Waschmaschine kaputt ist und die neue kostet einen Haufen Geld. Und die Raten für das Haus ..."
 
"Immer das blöde Haus" maulte Bettina. "Jedes Mal, wenn ich mir irgendwas wünsche, sagst du, du hast kein Geld übrig, weil du alles für das Haus brauchst. Du gehst doch arbeiten, und Papi arbeitet auch, und..."
 
"Immerhin wird dieses Haus eines Tages einmal dir gehören!" unterbrach Monika ihre Tochter.
 
"Ich will aber nicht irgendwann ein Haus, ich wünsche mit JETZT ein neues Fahrrad!"  Tina ließ sich nicht abwimmeln.
 
"Bettina Margarete, nun ist es genug!" Monikas Nerven waren zum Zerreißen gespannt. "Hör auf zu heulen. Ein neues Fahrrad gibt es nicht. Das Leben ist kein Ponyhof. Ich kann mir ja auch nicht alle Wünsche erfüllen!"
 
"Moni - werd' bitte nicht ungerecht!" Opa Friedrich, schon auf halbem Weg in die Küche, blieb in der Türe stehen. "Tina kann nichts dafür, dass du einen miserablen Tag hattest. Du solltest deine schlechte Laune nicht an ihr auslassen! - Pass auf, ich mache dir eine Vorschlag: Wenn wir gegessen haben, legst du dich einfach mal ein Stündchen hin, und ich gehe inzwischen mit Tina einkaufen. Morgen früh kann ich ja nicht weg, wenn die neue Waschmaschine geliefert wird..."
 
"Ist schon gut, Papa. Du hast ja recht! - Tut mir leid, Tina, ich habe heute rasende Kopfschmerzen. Ich wollte dich nicht anschreien! - Aber das mit dem neuen Fahrrad - vielleicht kann Opa ja den Lenker noch ein bisschen höher stellen, und dann geht es noch für diesen Sommer. Im nächten Jahr sehen wir weiter!"
 
"Oder vielleicht zu Weihnachten?" meinte Tina hoffnungsvoll.
 
"Wir werden sehen. Aber jetzt essen wir erst mal, und dann lege ich mich wirklich ein bisschen hin!"
 
Das Gulasch schmeckte prima. Opa Friedrich konnte wesentlich besser kochen als seine Tochter. Zudem  tat er es gerne - und darüber war Monika sehr froh. Sie hasste alles, was mit Hausarbeit zusammenhing. Außer Backen. Das machte ihr Spaß, und sie produzierte fast jedes Wochenende Kuchen und Torten, die einer Konditorei Ehre gemacht hätten.
 
Sie waren fast mit dem Essen fertig, als Tinas Vater zur Türe hereinkam.  Er hatte  heute außerplanmäßig einen Kunden zum Flughafen gebracht, der darauf bestanden hatte, nur von ihm gefahren zu werden. Jetzt hatte er noch zwei Stunden Zeit, bevor er zu seiner Nachtschicht aufbrechen musste.
 
"Habt ihr noch was übrig gelassen?" fragte er.   "Es dürfte gerade noch reichen - falls du keinen allzu großen Hunger hast" meinte sein Schwiegervater, holte die Reste und füllte sie Ralf in einen Teller.
 
"Habt ihr schon gesehen? Neben dem Supermarkt hat ein großer Fahrradladen aufgemacht" erzählte Ralf kauend. "Heute haben sie Eröffnung, mit einer großen Verlosung und ganz tollen Gewinnen. Beispielsweise gibt es ein E-Bike  als ersten Preis, und ..." Seine Augen glänzten.
 
"Ein Kinderfahrrad wäre viel besser!" meinte Monika. "Tina wünscht sich dringend ein neues!" 
 
"Vielleicht gibt es das ja auch. Ich habe nur die ersten paar Zeilen vom Plakat gelesen. Und wenn nicht, haben sie ja sicher auch Eröffnungsangebote!"
 
"Und woher soll das Geld kommen?" fragte Monika spitz. "Die neue Waschmaschine wird morgen geliefert..."
 
"Ich habe ja nur erzählt, was ich gelesen habe" antwortete Ralf.
 
"Na, wir können ja mal hinschauen, wenn wir nachher einkaufen gehen!" meine Opa Friedrich versöhnlich. - "Komm, Tina, wir machen uns auf den Weg, damit deine Mama sich hinlegen kann. Den Tisch können wir später auch noch abräumen!"
 
Gesagt, getan. Eine Viertelstunde später zogen Opa und Enkelin, bewaffnet mit einem Einkaufskorb und mehreren Stofftaschen, einträchtig von dannen.
 
Im Supermarkt war es heute erstaunlich leer. Aber gut - es war ja noch nicht Feierabend, also die Zeit, in der die ganzen Berufstätigen hektisch ihre Einkäufe  erledigen. Und viele Senioren, die zwar den ganzen Tag über Zeit haben, aber mit Vorliebe den Supermarkt (oder wahlweise die Praxis ihres Hausarztes) ab 17 Uhr zu besuchen pflegen. Wegen der Unterhaltung...
 
Auch an der Kasse war heute kaum Betrieb. Den Grund dafür entdeckten Tina und ihr Opa nach Verlassen des Einkaufstempels: Den neuen Fahrradladen nebenan!
 
Dort herrschte ein Gedränge wie früher an den Eingängen zu den Bekleidungsgeschäften - wenn am ersten Tag des Sommerschlussverkaufs alle Kunden ab acht darauf lauern, dass ENDLICH die Tore geöffnet werden. Um sich dann mit spitzen Ellenbogen einen Weg zu den Grabbeltischen zu bahnen...
 
Ein Teil des großen Parkplatzes vor dem Gebäude war für diesen Tag "zweckentfremdet" worden. Eingezäunt von einem mobilen Gitter, waren Fahrräder aufgereiht, soweit das Auge reichte. Dazwischen wuselten Verkäufer in blauen Arbeitskitteln mit dem Emblem des Händlers herum. Sie demonstrierten interessierten Kunden die Vorzüge der verschiedenen Räder. Eine weitere Freifläche  war für Probefahrten vorgesehen. Hier hatte man mittels orange-weiß gestreifter Hütchen, wie sie auch im Straßenverkehr an Baustellen verwendet werden,  verschiedene "Rennstrecken" mit Kurven simuliert, zwischen denen Erwachsene und Kinder die Fahreigenschaften der Räder testen durften.
 
Direkt neben dem Eingang balancierten mehrere Clowns in bunten Kostümen auf Stelzen - andernfalls hätte man sie zwischen den Menschenmassen gar nicht wahrgenommen. Sie hatten große Beutel bei sich, aus denen sie Lose an die Leute verteilten, und mit lauter Stimme die Gewinne verkündeten.
 
DAS allerdings hätten sie sich sparen können. Der Lärm war so groß, dass  die Ansagen darin untergingen. Zumal gleich neben der Eingangstüre eine Blaskapelle mit voller Kraft und bis zur Schmerzgrenze aufgedrehten Lautsprechern ihr Können zum Besten gab. Ganz abgesehen davon - in einem der  Schaufenster waren die Gewinne ausgestellt, und auf Plakaten ausgiebig beschrieben. Hier war auch zu lesen, dass die Verlosung der ausgestellten Preise um 18 Uhr beginnen sollte.
 
Auch Tina und ihr Opa hatten Lose erhalten, mit der Anweisung, sie auszufüllen und in einen großen durchsichtigen Behälter neben der Eingangstüre zu werfen.  Das hatten sie getan - obwohl Opa Friedrich normalerweise von solchen Gewinnspielen wenig hielt. Aber  der Überredungskunst seiner Enkelin war er schlichtweg nicht gewachsen.
 
Bis zum Beginn der Verlosung hatten sie noch eineinhalb Stunden Zeit. Und so bummelten sie - wie die anderen Neugierigen auch - über den Parkplatz, und besichtigten die zum Verkauf ausgestellten Räder. Die Zeit verging wie im Flug. Und dann war es endlich so weit.
 
Der Geschäftsführer des Fahrradladens, Steffen Russwurm, stieg auf die Bühne zu den Musikern und verordnete ihnen eine Pause. Dann trat er ans Mikrofon.
 
Er begrüßte die vielen Besucher, bedankte sich bei denen, die bereits  von den Eröffnungsangeboten Gebrauch gemacht hatten, gab seiner Hoffnung Ausdruck, dass es in Zukunft noch viel mehr werden würden, und begann dann mit der Auslosung.
 
Dafür hatte er sich noch eine besondere Attraktion ausgedacht: Er hatte einen persönlichen Freund engagiert - einen ehemaligen Radprofi, der in seiner Glanzzeit sogar bei der Tour de France mitgemischt hatte. Der kam standesgemäß  auf einem Rennrad über den Parkplatz geradelt. Er trug einen schreiend bunten Rennanzug, und auf dem Kopf diesen komischen spitzen Helm, der anscheinend windschnittig sein sollte und dem Sportler das Aussehen eines Paradiesvogels mit verkehrt aufgesetztem Schnabel verlieh. Der bunte Papagei war für die Ziehung der Lose zuständig.
 
Zuerst kamen die Kleingewinne von Platz zwanzig bis Platz vier an die Reihe. Da gab es Fahrradflickzeug, Gelsättel,  T-Shirts, Regenjacken, Fahrradhelme und Einkaufsgutscheine.  Dann wurde es spannend - der dritte Preis wurde gezogen.
 
"Der Gewinner  des dritten Preises ist ein Herr Friedrich Hartmann!" verkündete Steffen Russwurm mit lauter Stimme.  "Herr Hartmann - Sie haben ein Kinderfahrrad gewonnen. Wenn Sie noch hier sind, dann kommen Sie bitte zu mir auf die Bühne!"
 
"Oooooopi" schrie Bettina - "das bist ja du! Du hast gewonnen!"
 
Die Umstehenden lachten belustigt, während Friedrich Hartmann mit rotem Kopf zur Bühne ging, im Schlepptau seine strahlende Enkelin.
 
"Hallo, Herr Hartmann, herzlichen  Glückwunsch zu ihrem Gewinn!" sagte Steffen Russwurm fröhlich. "Ich fürchte nur, sie passen auf ein Kinderfahrrad nun wirklich nicht mehr drauf!"
 
"ICH nicht, das stimmt!" Friedrich Hartmann hatte sich wieder gefangen und grinste. "Aber meine Enkelin wird sich sicher freuen - oder, Tina?"
 
"Und wiiiieee" kam es im Brustton der Überzeugung. "Aber ich glaube, ich bin auch schon zu groß für das Kinderfahrrad. So eins habe ich nämlich zu Hause, und da schleife ich mit den Füßen auf der Straße auf! Weil nämlich die Räder viel zu klein sind..."
 
"Na, DAS geht ja gar nicht!" Steffen Russwurm lachte herzlich. Die Kleine machte ihm Spaß. "Weißt du was? Wenn wir hier mit der Verlosung fertig sind, dann gehen wir beide mit deinem Opa los, und suchen dir ein Fahrrad aus, das groß genug ist für dich - einverstanden?" 
 
Bevor Tina noch antworten konnte, reichte der buntgekleidete Radprofi seinem Freund das nächste Los.
 
Der zweite Preis - ein Mountainbike - ging an eine Frau in den Vierzigern, gekleidet in einen bodenlangen Rock im Hippie-Stil und ein ausgeleiertes T-Shirt, das ihr fast bis zu den Knien hing, An den Füßen trug sie Jesuslatschen.
 
 "Aber ich kann gar nicht Rad fahren!" stammelte sie, rot vor Verlegenheit, in das Mikrofon.
 
"Na, dann wird es Zeit, dass sie es jetzt lernen!" Steffen Russwurm grinste von einem Ohr bis zum anderen.  "Können sie denn Kuchen backen?"
"Äh - ich - ja, natürlich.  Aber..."
 
"Passen sie auf. Sie backen einfach mal einen Kuchen, laden meinen Freund hier - er deutete auf den Radprofi mit dem spitzen Helm - zum Kaffeetrinken ein, und dann bringt er ihnen das Radfahren bei.  Das machst du doch, oder, Robert?"
 
"J -j- ja, natürlich" stotterte der völlig Überrumpelte.
 
"Na, dann hätten wir das ja schon geklärt" meinte Steffen Russwurm befriedigt.   "Und jetzt" - er erhob seine Stimme um eine weitere Oktave - "kommen wir zum Hauptgewinn des heutigen Tages - einem E-Bike der Extraklasse" rief er im Stil eines Marktschreiers  ins Mikrofon. "Mal sehen, wem wir damit eine Freude machen können... Robert, ziehst du mal das letzte Los, bitte?"
 
Die versammelte Menge hielt den Atem an, als der Geschäftsführer das Los von seinem Freund entgegennahm, auseinanderfaltete und dann den Namen vorlas:
 
"And the winner is ..." Er machte eine Pause um die Spannung noch ein bisschen  zu erhöhen. "The winner is... eine Dame. Ihr Name ist ...
 
"BETTINA SCHUSTER ... - Frau Schuster, bitte kommen sie auf die Bühne!"   
"Aber ich bin doch da!" Tinas Stimme, laut und forsch. 
Sekundenlang war es totenstill. Dann brach ein Beifallssturm los.
 
"Ich werd' verrückt!" sagte Steffen Russwurm völlig perplex. "DU bist Bettina Schuster?"
 
"Ja, bin ich" antwortete Tina selbstbewusst. "Und das Fahrrad kriegt mein Opi. Er hat nämlich keins, und jetzt kann er endlich auch mit Mami, Papi und mir mitfahren!"
 
"Na, das ist ja ein Ding!" Dem Geschäftsführer fehlten immer noch die Worte. Aber - gewonnen war gewonnen. Und wenn Opa und Enkelin ihre Gewinne untereinander tauschten, konnte es ihm ja egal sein.
 
Die Menge zerstreute sich allmählich.  Die Verlosung, die Attraktion des Tages, war vorüber.
 
Eine Stunde später fuhren Tina und Friedrich Hartmann auf ihren neuen Rädern im Triumphzug zu Hause vor.  Monika stand bereits wartend und sehr besorgt  am Gartentor.
 
"Da seid ihr ja endlich - wo habt ihr denn so lange gesteckt? Der Supermarkt hat doch schon vor einer Stunde geschlossen!" - UND WO HABT IHR DIE RÄDER HER? - Papa - du hast doch nicht etwa schon wieder..."
 
"Moni - was denkst du denn von mir!"  fragte Friedrich Hartmann entrüstet. 
 
"Mami, die Räder haben wir gewonnen, in dem neuen Fahrradladen, von dem Papi heute Nachmittag erzählt hat" sprudelte Tina heraus. "Opi hat das Kinderrad gewonnen, und ich das E-Bike, und dann haben wir getauscht, weil..."
 
"Und das soll ich euch glauben?" fragte Monika, noch immer misstrauisch. Sie kannte ihren Vater.
 
"Es stimmt wirklich, Moni. Am Montag kannst du es in der Zeitung lesen. Es war ein Reporter von der Lokalredaktion da. Er hat ein Foto von den Gewinnern  gemacht und einen Bericht geschrieben..."
 
In diesem Augenblick kam ein Taxi um die Ecke gefahren. Es hielt vor dem Haus, und Ralf sprang heraus.
 
"Hallo, guten Abend, ihr großen Gewinner! - Herzlichen Glückwunsch!"  sagte er mit einem spitzbübischen Grinsen.
 
"Woher weißt DU denn schon wieder...?  fragte Friedrich Hartmann verdutzt.
 
Ralfs Grinsen wurde noch breiter. "Ich hatte die Ehre, den Zeitungsfritzen zur Redaktion fahren zu dürfen" antwortete er trocken. "Sein Wagen ist nicht angesprungen!"
 
 
© Christine Rieger / 2016
 
 

 

Dienstag, 2. August 2016

Aufruhr in der Baumschule


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
nachdem ich meinen Blog in letzter Zeit wieder mal arg vernachlässigt habe (und meine Erinnerungen erst wieder auffrischen muss... **grins**), möchte ich Euch heute zum Trost eine neue Folge meiner Serie von Tina und Opa Friedrich vorstellen.
 

Und nicht vergessen:
Am Montag, den  15. August gibt es eine neue Reizwort-Geschichte !

 
Und nun viel Spaß mit Tina und ihrem Opa! 
Eure Geschichten-Erzählerin  

 
 
 
Die Baumschule
 

 
Foto: © Christine Rieger


„Mami, müssen Bäume denn auch in die Schule gehen?“ Mit wehenden Haaren kam Tina in den Garten gerannt. Um ein Haar wäre sie über den Wäschekorb gefallen. Ihre Mutter hatte heute Morgen die Betten abgezogen und hängte nun Bettlaken und Bezüge auf die Wäschespinne.  Heute war es windig und warm. Bis zum Abend würde alles trocken sein.  

„Meine Güte, Tina, musst du denn immer so rennen?“ tadelte Monika ihre Tochter.  „Irgendwann wirst du dir noch mal richtig wehtun!“ „Ach nein. Ich passe schon auf!“ sagte Bettina altklug. „Aber was ist denn nun? Müssen  Bäume in die Schule?“
 
„Natürlich nicht.  Wie kommst du denn auf diese Idee?“ „Frau Wittmann hat heute in der Schule gefragt, was unsere Papas von Beruf sind. Und der Felix hat erzählt,  dass sein Papa eine Baumschule hat!“ gab Tina zur Antwort. „Mami - was ist eine Baumschule?“ 

Monika seufzte. Immer diese absonderlichen Fragen! War sie selbst als Kind eigentlich  auch so wissbegierig gewesen? 

„Eine Baumschule“ versuchte sie zu erklären „ist eine große Fläche mit einem Zaun drum herum. Darin stehen lauter kleine Bäumchen, die der Gärtner gepflanzt und eingezäunt hat, damit niemand darauf treten kann. Wenn die Bäume groß genug sind, werden sie verkauft und dann in Gärten oder Anlagen ausgepflanzt.“ 

„Es gibt aber auch Baumschulen, in denen nur Rosen gezüchtet werden, oder Weihnachtsbäume, oder Weinreben.“ 
 
Die Stimme aus dem Hinterhalt kam von der Gartenschaukel. Dort hatte es sich Friedrich Hartmann, Bettinas Opa, mit einem Buch bequem gemacht. Er war ein bisschen eingenickt und durch den Auftritt seiner Enkelin aus seinem Schlummer gerissen worden. 

„Oooooopiiiii!“ Wie von der Tarantel gestochen, fuhr Tina herum, flitzte über den Rasen, sprang quer durch den Sandkasten zu Opa Friedrich auf die Schaukel und fiel ihm um den Hals. 

„Nicht so stürmisch, Tina!“ lachte ihr Großvater. „Du erdrückst mich ja!“

Tina liebte ihren Opi abgöttisch - aber das beruhte durchaus auf Gegenseitigkeit.  

„Opi, warum heißt die Baumschule denn so, wenn die Bäume gar nichts lernen müssen?“ fragte Tina wissbegierig.  

Sorgfältig legte Friedrich Hartmann ein Lesezeichen in sein Buch, bevor er es zuklappte. 

„So genau weiß ich das auch nicht. Es ist irgendein Fachausdruck aus dem Gartenbau.  Aber wenn du es genau wissen willst, schauen wir später mal im Internet nach. Da gibt es bestimmt eine Übersetzung dafür!“  „Ist ja auch nicht so wichtig.“ meinte Tina. „Erzähl mir lieber eine Geschichte!“ 

„Hast du denn deine Hausaufgaben schon gemacht?“ wollte Opa Friedrich wissen. „Wir hatten heute nur ein bisschen Rechnen auf, damit war ich gleich fertig. Rechnen kann  ich schon gut!“ behauptete die Erstklässlerin selbstbewusst. „Nur das blöde Deutsch mag ich gar nicht!“ 

„Ist ja auch eine schwere Sprache“ bestätigte Opa Friedrich, der damit auch so seine Schwierigkeiten hatte, und seiner Tochter immer erst seine Briefe zum „Korrekturlesen“  gab, bevor er sie abschickte. 

„Opa, erzähl mir eine Geschichte“ bettelte Tina wieder. „Eine, die ich noch nicht kenne!“

„Hm, das wird schwierig.“ Friedrich Hartmann legte seine Stirn in Falten, um  nachzudenken. Aber dann fiel ihm etwas ein.

„Pass auf, Tina!“ sagte er schließlich. „Du weißt, was die Sintflut war?“ „Ja, Opi. Da hat es geregnet und geregnet, bis alles  unter Wasser stand, und nur Noah hat mit seiner Arche überlebt und alle Menschen und Tiere, die er mitgenommen hat!“ sagte Tina. Das kannte sie aus dem Religionsunterricht.  
 
„Richtig“ bestätigte Friedrich Hartmann. „Aber eines Tages hörte es auf zu regnen, das Wasser ging zurück, und die Erde begann wieder trocken zu werden. Bis auf die Ozeane natürlich, und die großen Seen.  Natürlich waren alle Pflanzen während der Flut verfault, und die Erde kahl und leer. Also bekamen die Waldwichtel den Auftrag, neue Pflanzen und Bäume anzusäen. Sie bekamen einen großen Sack in die Hand gedrückt, jeder mit einer anderen Sorte Samen. Dazu einen Plan, an welcher Stelle er ihn verstreuen  sollte - immer schön gleichmäßig, damit der Förster eine ordentliche Baumschule vorfand, wenn er wieder in seinem Revier nach dem Rechten sah. 
 
 
Eine ganze Weile gingen die kleinen Kobolde auch brav ihrer Arbeit nach. Doch irgendwann wurde ihnen das langweilig. Immer nur nach Plan arbeiten - das machte überhaupt keinen Spaß. Also fingen sie an, mit den Samen zu spielen und sich gegenseitig damit zu bewerfen. Was natürlich zur Folge hatte, dass nicht mehr akkurate Felder mit den gleichen Baumarten entstanden, sondern ein kunterbuntes Durcheinander.   

Die Samen gingen auf, und die Bäumchen begannen zu wachsen. Sie brauchten natürlich Platz und begannen sich gegenseitig zu schubsen und zu zanken. Wie es eben überall ist, wenn viele verschiedene Lebewesen zu dicht aufeinander hocken müssen. 

„Mach dich gefälligst nicht so breit“ keifte die Tanne einen Mangroven baum an, der genau neben ihr stand. „Ich weiß ja gar nicht mehr, wohin mit meinen Wurzeln!“ „Ich auch nicht“ gab der Getadelte zurück. „Du siehst ja, meine wachsen schon nach oben!“ 

„Ja, und mich kitzeln sie im Gesicht!“ beschwerte sich der Apfelbaum. „Meine Äste haben überhaupt keinen Platz mehr…“ 

„Deshalb lasse ich ja meine bis zum Boden hängen“ sagte die Trauerweide. „Da stören sie wenigstens niemanden…“  „Doch, MICH“ maulte der Kirschbaum. „Ich kriege keine Sonne mehr ab, und meine Früchte werden nicht rot!“ 

„Hähähä - das kann MIR  nicht passieren!“ Die Birke lachte schadenfroh. „Ich trage nämlich keine!“ „Dafür  jede Menge winzig kleiner Blätter, die jeden Herbst herunterfallen“ lachte die Fichte.  „Dann bist du nackt und kahl - und die Menschen beschweren sich, weil sie die vielen Blätter zusammenkehren müssen. ICH dagegen trage mein grünes Kleid das ganze Jahr!“ 

„Ja, und an Weihnachten sägen sie dich ab, stellen dich in ein warmes Zimmer, behängen dich mit einem Haufen buntem Krimskrams - und wenn die Feiertage vorbei sind, fliegst du raus und auf den Kompost…“ 

„Ach was! Und du hast vermutlich noch nie von den Maibäumen gehört, oder?“ Die Kastanie schüttelte ihre großen, kerzenförmigen Blüten. „Dazu sägen sie nämlich Birken ab!“ 

„Und dich bewerfen die Kinder im Herbst mit Steinen und Stöcken, weil sie deine Früchte haben wollen!“ rief die Kokospalme.  

„Pffffft - gib doch nicht so an!“ schimpfte die Pinie. „Deine muss man ja mit der Axt spalten, damit man sie essen kann.  Abgesehen davon, schmeckt die Milch wässrig!“ 

„Altes Ekel!“ Die Palme richtete sich zu ihrer vollen Größe auf und schüttelte sich wütend. Dabei löste sich eine der schweren  Kokosnüsse vom Ast,  drehte sich einmal um die eigene Achse und plumpste dann hinunter - genau vor die Füße des Försters, der - ein Gewehr über den Rücken und seinen Dackel Tino an der Leine, gekommen war, um nach Wildschweinspuren zu suchen. Der Bürgermeister hatte ihm gestern erzählt, dass in seinem Revier neuerdings Wildschweine hausten… 

„Wie kommt denn die Kokosnuss hierher? Hier wachsen doch gar keine Kokospalmen!“ Irritiert  hob Konrad Meister,  dem einer seiner Freunde den Spitznamen „Waldmeister“  verpasst hatte,  das Wurfgeschoss auf. „Wenn DIE mir auf den Kopf gefallen wäre, hätte ich jetzt eine Gehirnerschütterung!“  

Noch während er versuchte, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen, vernahm er ein Brausen, Heulen  und Pfeifen, das von den Bäumen hinter dem Drahtzaun zu kommen schien. Es klang, als wäre ein Tornado im Anzug.  Obendrein schrie eine Eule. Und das am helllichten Tag! Irgend etwas stimmte hier nicht! Konrad Meister wurde es ziemlich unbehaglich zumute. Sein Dackel Tino stemmte mit gesträubtem Fell die Pfoten in den Boden - nicht bereit, auch nur einen Schritt weiterzugehen. 

Hinter dem Zaun hatte der Aufruhr inzwischen seinen Höhepunkt erreicht. Alles schrie durcheinander, beschimpfte sich, bewarf sich mit Früchten und Blättern - ein Tohuwabohu ohnegleichen. 

Durch den Lärm wurde der alte Uhu, der in einer Felsenhöhle  unweit der  Baumschule hauste, aus seinem Schlaf aufgeschreckt.  Verärgert  schlüpfte er aus seiner Unterkunft  und schüttelte seine vom Schlaf plattgedrückten Federn. Dann flog auf den vorstehenden Ast einer hundertjährigen Eiche, die am Rande des eingezäunten Bereichs stand, und beäugte das Chaos. 

„Seid ihr denn alle verrückt geworden“ schrie er erbost. „Wie könnt ihr nur so einen Radau machen? Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen, und jetzt weckt ihr mich mit eurem Geplärr auf! Was ist denn hier überhaupt los?“ Seine Stimme klang wütend. 

Schlagartig wurde es still unter ihm. Endlich wagte ein knorriger Olivenbaum, an dessen weit verzweigten Ästen dicke blaue Früchte hingen, zu antworten. 

„Weiser Uhu“ sagte er unterwürfig, „wir sind in Streit geraten, weil wir so wenig Platz haben und so unterschiedlich sind. Jeder von uns sieht anders aus. Einige haben Blätter, andere stachlige Nadeln. Wir tragen völlig verschiedene Früchte oder auch gar keine. Manche werden hoch und breit, und ihre dicken Kronen nehmen den anderen das Licht weg… - wie soll das nur auf Dauer gutgehen?“ 

„Es stimmt, dass ihr alle vollkommen verschieden seid“ antwortete der Uhu. „Aber ihr habt etwas vergessen. Egal, welchen Namen ihr tragt,  wie eure Wurzeln aussehen und wie ihr gewachsen seid - eines habt ihr gemeinsam: Ihr seid alle BÄUME!  Und nun vertragt euch wieder, und  lasst mich endlich weiterschlafen - der Tag ist schon fast zu Ende!“ Damit drehte er sich um und hüpfte zurück in seine Schlafhöhle. 

„Tino, ich glaube wir haben nochmal Glück gehabt - der Tornado ist vorbeigezogen!“ sagte Förster „Waldmeister“ auf der anderen Seite des Zaunes zu seinem Dackel. „Trotzdem - ich glaube, wir gehen nach Hause - die Wildschweine können warten!“ 

Er steckte die Kokosnuss, die ihm beinahe zum Verhängnis geworden wäre, in seinen Rucksack, und zog, den widerstrebenden Dackel an der Leine, von dannen - zurück in sein Forsthaus. 

Tina hatte mit offenem Mund zugehört. Und sogar ihre Mutter war - einen Kissenbezug in der Hand - stehen geblieben und hatte fasziniert ihrem Vater zugehört. 

„Eine tolle Geschichte, Papa“ sagte sie anerkennend. „Die kannte ich ja noch gar nicht - MIR hast du die nie erzählt!“ 

„Das konnte ich gar nicht.“ Friedrich Hartmann grinste spitzbübisch. „Die ist mir gerade erst eingefallen!“ 
 

 

© Christine Rieger / 2016