Samstag, 15. Oktober 2016

Der goldene Knopf

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
wie schon angekündigt, ist heute wieder Reizwortgeschichten-Tag.

 

Ich habe dieses mal aus den vorgegebenen Reizwörtern


Schatzkästchen - Wasserdampf - beschützen - pflegen - beobachtet


ein Märchen zusammengebastelt.

Und hier geht es zu den Geschichten meiner Kolleginnen
Eva   Lore   Martina   Regina

Viel Spaß beim Lesen, und ein schönes Wochenende wünscht Euch

Eure Geschichten-Erzählerin 




Der goldene Knopf
 

Die alte Frau war müde. Sie fühlte sich nicht gut in letzter Zeit. Schmerzen im Rücken plagten sie Tag und Nacht, die Beine wollten nicht mehr. Sie war fünfundachtzig - und langsam wünschte sie sich, einschlafen zu können. Endlich ihrem Hannes zu folgen, der ihr schon vor vielen Jahren vorausgegangen war...
 

Schwer lastete die Sorge auf ihren Schultern. Was würde aus Anna werden, wenn sie einmal nicht mehr war? Das Kind war doch erst zwölf - noch viel zu jung, um alleine zurechtzukommen...  Und außer ihr, Matilda, war niemand da, der sich um die Kleine kümmern konnte. Annas Eltern waren beide sehr jung gestorben, und so hatte Matilda ihre Enkeltochter zu sich genommen.  

Sie hatte es nie bereut. Anna war ein liebes, artiges Mädchen, das sich große Mühe gab, ihrer Großmutter nicht lästig zu fallen. Sie half ihr im Haushalt, so gut sie konnte und war eine gute Schülerin. Nur Freundinnen hatte sie nicht - dazu war sie zu still und zu schüchtern. Aber das würde sich schon noch ändern, wenn Anna ein paar Jahre älter war. Hoffentlich! 

Seufzend stemmte sich Matilda aus ihrem Ohrensessel hoch. Es half nichts- sie musste sich um die Wäsche kümmern...  

Mühsam schleppte sie sich die Kellertreppe hinunter zur Waschküche. Dichter Wasserdampf schlug ihr entgegen, als sie die Türe öffnete, so dass sie im ersten Moment nichts erkennen konnte. Doch als die Schwaden sich langsam verzogen, entdeckte sie Anna. Ihre Enkeltochter stand vor dem hölzernen Waschtrog und schrubbte mit einer Bürste eine der geblümten Schürzen ihrer Großmutter. Ihre Haarspange war aufgegangen, und die  Haare hingen ihr feucht und strähnig  ins Gesicht. 

"Kindchen, was tust du denn da?" fragte Matilda. "Du musst doch wirklich nicht..." 

"Ich wollte dir helfen, Großmama." Ungeduldig schob Anna die herabhängenden Haare hinter die Ohren. "Ich weiß doch, wie schwer dir das inzwischen fällt!" 

"Das ist wirklich lieb von dir Anna!" sagte Matilda dankbar.   "Aber jetzt lass mich trotzdem hier weitermachen. Du kannst mir später helfen, die Wäsche im Garten aufzuhängen, ja?" 

"Gut. Dann gehe ich jetzt nach oben und räume mein Zimmer auf" meinte Anna. Sie ließ die Schürze ins Wasser fallen, drückte ihrer Großmutter einen Kuss auf die Wange und lief davon. 

In ihrem Zimmer angekommen, das eigentlich nur eine kleine Kammer war,  ließ sie sich erst einmal aufatmend aufs Bett fallen. Sie hasste den wöchentlichen Waschtag. Es war harte Arbeit. Schon am frühen Morgen musste der große Kessel in der Waschküche angeheizt werden. Darin wurde die Wäsche ausgekocht und anschließend mit der Wurzelbürste auf einem Waschbrett gescheuert. Danach wurde alles mit kaltem Wasser ausgespült, bis auch die letzten Seifenreste verschwunden waren und das Wasser klar blieb. Alleine das Auswinden war ein Kraftakt, den Anna und ihre Großmutter immer zu zweit bewältigen. Kein Wunder, dass die Bettwäsche nur alle paar Wochen gewaschen wurde...
 

Anna sprang wieder auf die Beine. Sie hatte ihrer Großmutter versprochen, endlich ihr Zimmer aufzuräumen, und das wollte sie nun auch tun.  Es sah ja hier wirklich aus, als hätte jemand  eingebrochen und dabei alles durcheinander geworfen! 

Sie schüttelte ihr Bett auf, sammelte Schulbücher und Hefte auf, die in wildem Durcheinander auf dem Boden und dem alten Schreibtisch herumlagen, und räumte alles ordentlich in ihr Bücherregal. Danach nahm sie sich den Kleiderschrank vor.  Als sie die Türe öffnete, fielen ihr schon die ersten Sachen entgegen. Sie schalt sich selbst ein liederliches Geschöpf, weil sie es nie fertig brachte, einen Pullover oder eine Bluse aus dem Fach zu nehmen, ohne gleich den Rest mit herauszuzerren. Dann schubste sie den Berg einfach wieder zurück und klappte die Türe wieder zu... eine schreckliche Angewohnheit! 

Sie räumte Fach für Fach aus, legte sie Sachen ordentlich zusammen und packte die Stapel wieder hinein. Merkwürdig - jetzt war viel mehr Platz als zuvor! 

Ganz hinten im untersten Schrankfach, versteckt unter ein paar zusammengeknüllten Handtüchern, fand sie eine Metalldose, liebevoll umwickelt mit einem bunten Schal. Ihr Schatzkästchen! Sie hatte es lange nicht mehr in der Hand gehabt, ja, eigentlich gar nicht mehr daran gedacht.  

Lautlos schlich Anna zur Türe und linste hinaus. Ihre Großmutter war nicht zu sehen. Entweder war sie immer noch mit der Wäsche beschäftigt, oder sie hatte sich hingelegt, um ein Nickerchen zu machen. Trotzdem sperrte sie ab, was sie sonst niemals tat. Sie wollte unbeobachtet sein. 

Langsam, fast andächtig, nahm sie die Metalldose aus dem Schrank, wickelte das Schaltuch ab und legte es sorgfältig zusammen, bevor sie den Deckel der Truhe öffnete.  

Im Inneren lagen all die kleinen Dinge, die Anna im Laufe der Zeit gesammelt hatte. Nichts  davon war wirklich wertvoll - materiell gesehen. Aber für sie selbst waren es unersetzliche Andenken.  

Da war ein silbernes Medaillon mit Fotos ihrer verstorbenen Eltern. Ihre Mutter hatte es immer um den Hals getragen. Eine weiße Gänsefeder, die sie eines Tages im Garten gefunden hatte.  Bunte Steine in allen Farben, Formen und Größen, aufgesammelt bei Spaziergängen. Eine schrumpelige Kastanie. Ein Paar rosa Söckchen, die sie selbst als Baby getragen und die ihre Mutter gestrickt hatte. Eine weiße Karte, beschrieben von ihrem Vater. Die Glückwünsche ihrer Eltern zu ihrem zehnten Geburtstag. Kurz danach waren sie beide bei einem Zugunglück... 

Nein, daran wollte sie jetzt nicht denken. Hastig schob sie die Karte wieder ganz unten in die Dose und nahm ihren größten Schatz heraus. In ein weiches, weißes Tuch, abgeschnitten von einem alten Bettlaken, lag ein großer, goldener Knopf. In seiner Mitte prangte ein grüner Stein, der, wenn Licht darauf fiel,  funkelte wie ein Diamant.

Ihre Mutter hatte ihn Anna geschenkt, kurz bevor sie mit Annas Vater in jenen verhängnisvollen den Zug eingestiegen war - so, als hätte sie geahnt, dass sie von dieser Reise nie mehr zurückkehren würde. 

Anna hatte noch immer die Stimme ihrer Mutter im Ohr, als sie ihr den Knopf überreichte.  

 "Pass gut auf ihn auf, mein Kind.  Dieser Knopf ist sehr, sehr wertvoll. Nicht nur, weil er aus Gold ist. Ich habe ihn von einer alten Frau, die sehr krank war, und die ich gesund gepflegt habe. Aus Dankbarkeit hat sie mir diesen Knopf geschenkt. Er hat magische Kräfte und er wird dich beschützen... 

"Aber" wollte Anna protestieren. 

"Hör mir gut zu, Kind. Wenn du einmal in Schwierigkeiten bist oder einen ganz dringenden Wunsch hast, dann nimm diesen Knopf in die Hand. Konzentriere dich ganz fest auf das, was du haben möchtest - und der Wunsch wird dir erfüllt werden. Du musst dir aber sehr genau deine Wünsche überlegen - denn es könnte sonst sein,  dass der Wunsch anders in Erfüllung geht, als du es eigentlich wolltest!  

Und noch etwas: Du hast nur drei Wünsche frei. Danach musst du den Knopf an jemanden weitergeben, den du für würdig hältst, ihn zu besitzen... - und nun leb wohl, Anna. Wir sehen uns in ein paar Tagen wieder..." 

Das letzte, was Anna von ihren Eltern sah, waren die lachenden Gesichter und die winkenden Hände, als der Zug aus dem Bahnhof rollte.  

Stunden später hatte ein Polizist bei Großmutter geklingelt und ihr die Nachricht von dem Zugunglück überbracht... 

Nun rannen doch die Tränen. Sie konnte nicht dagegen an. Hastig wischte Anna  sich mit dem Ärmel ihrer Jacke übers Gesicht. Es nützte ja nichts, wenn sie heulte. Davon würden ihre Eltern nicht wieder lebendig. 

Bis jetzt hatte sie von der magischen Kraft dieses Knopfes keinen Gebrauch gemacht. Wozu auch? Sie war gesund, hatte alles, was sie brauchte, und in Gefahr war sie auch noch nie geraten. Aber jetzt wollte sie ihrer geliebten Großmutter  mit  seiner Hilfe ein wenig das Leben erleichtern. Sie hatte sie so oft in den letzten Wochen und Monaten über Schmerzen klagen hören. Sie hatte gesehen, wie schwer es ihr fiel, morgens aufzustehen und für sich und ihre Enkelin zu sorgen.  Zwar hatte sie sich bemüht, Großmutter einen Teil ihrer Arbeit abzunehmen - aber vieles davon war zu schwer für ein Kind wie sie. 

Doch wenn es tatsächlich stimmte, was ihre Mutter ihr von diesem Knopf erzählt hatte... Sie würde es einfach versuchen. 

Sie setzte sich auf das nun ordentlich gemachte Bett, nahm das Geschenk ihrer Mutter fest in die Hand und konzentrierte sich auf ihren Wunsch. 

"Lieber Knopf" flüsterte sie in Gedanken. "Ich habe dich noch nie um einen Dienst gebeten. Und auch jetzt würde ich es nicht tun. Aber Großmutter plagt sich in letzter Zeit gar so sehr. Bitte sorge doch dafür, dass sie nicht mehr  so viele Schmerzen hat. Dass sie sich wieder bewegen kann wie früher. Ich helfe ihr trotzdem bei ihrer Arbeit, damit sie nicht alles alleine machen muss. Aber ich möchte, dass sie wieder fröhlich ist. Dass sie mit mir lacht, und nicht immer davon redet, dass sie sterben will. Dann bin ich ganz alleine - und was  soll dann aus mir werden? Ich habe doch niemanden außer ihr!" 

Sie war so in ihrer tiefen Gedanken versunken, dass sie  nicht hörte, wie ihre Großmutter die Treppe heraufkam. Sie schrak erst zusammen, als es energisch an ihrer Zimmertüre klopfte. 

"Anna, warum schließt du dich denn ein?" fragte die Großmutter erstaunt von draußen. 

"Einen Moment, Großmama, ich komme sofort!" 

Hastig wickelte Anna den goldenen Knopf wieder in das weiße Stück Flanell, warf das Päckchen in ihre Schatztruhe und schloss den Deckel. Sie stellte die Dose zurück in den Schrank, warf einen Berg Unterwäsche und das bunte Halstuch darüber und lief zur Türe, um ihre Großmutter hereinzulassen. 

Als sie sich der alten Frau gegenüber sah, glaubte sie ihren Augen nicht zu trauen. Matilda wirkte um Jahre jünger, als wäre sie einem Jungbrunnen entstiegen. Ihre blauen Augen blitzten, das weiße Haar glänzte wie lackiert, und sie strahlte über das ganze Gesicht. 

"Anna - du glaubst nicht, was mir passiert ist" sagte sie, noch immer völlig fassungslos. "Ich war so schrecklich müde,  nachdem ich die Wäsche aus dem Keller nach oben getragen hatte, dass ich mich für eine Minute  in meinen Sessel gesetzt habe, um mich ein bisschen  auszuruhen. Ich muss wohl eingeschlafen sein - und als ich aufwachte , da - ich kann es nicht glauben. Ich hatte überhaupt keine Schmerzen mehr. So, als hätte eine gute Fee sie alle weggezaubert. Und ich fühle mich - so... so... naja, um Jahre  jünger als ich eigentlich bin..." 

"Großmama, das ist ja herrlich. Ich freue mich so für dich. Das müssen wir unbedingt feiern! Jetzt hänge ich draußen die Wäsche auf, und dann - dann gehen wir zusammen ein ganz großes Eis essen, ja?"

 

© Christine Rieger / 2016

 
 
 

Sonntag, 9. Oktober 2016

Karinas Einsatz

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

zuerst einmal möchte ich mich entschuldigen - mir ist nämlich aus Unkenntnis des "Innenlebens" meines Google-Kontos ein Missgeschick passiert...

Ich habe meine ganzen Fotos aus dem Picasa-Programm gelöscht -  und erst hinterher festgestellt, dass bei dieser Aktion  auch alle Bilder, die ich zu meinen Beiträgen hochgeladen habe, verschwunden sind. Verflixte Technik! Das kommt davon, wenn man null Ahnung hat ... Seufz ... 

Solltet Ihr also ältere Beiträge von mir lesen und dabei auf  eine Art "Verkehrszeichen" - ähnlich einem Einbahnstraßenschild - stoßen, dann wundert Euch bitte nicht! Ich habe leider nicht die Zeit, bei allen Beiträgen wieder  Fotos hochzuladen.
 
Jetzt habe ich aber auch noch eine Geschichte für Euch, damit  Euch bei diesem ekligen Herbstwetter nicht langweilig wird - die Geschichte einer jungen Frau, die nach einer Party nach Hause will und dabei ... aber lest einfach selbst.
 
Gute Unterhlatung und einen schönen Sonntag wünscht Euch
 
Eure Geschichten-Erzählerin.
 
 
P.S.
Und nicht vergessen:  heute in einer Woche gibt's wieder eine Reizwort-Geschichte!
 

Karinas Einsatz 

Die Party ist in vollem Gange. Laute Unterhaltung, Gelächter, das Klirren von Gläsern erfüllen das Haus. Im Garten tummeln sich trotz der abendlichen Kühle vor allem die Raucher. Der Hausherr  hat sie nach draußen verbannt.  In seinem neuen Domizil riecht es noch jungfräulich nach Farbe, Tapetenkleister, Holz und Putzmitteln. Qualm ist hier absolut unerwünscht. 

In der Hand ein Glas Champagner, lehnt Karina in der Küche an einem Hochschrank. Hier ist es relativ ruhig. Der Partylärm ist nur gedämpft zu hören. Sie sinnt darüber nach, wie sie möglichst unauffällig verschwinden kann. Es ist fast Mitternacht. Morgen früh muss sie um acht im Dienst sein. Sie kann es sich nicht leisten, verschwiemelt und verkatert dort aufzulaufen. Sie braucht das Geld. Seit Konrad zu seiner neuen Freundin gezogen ist, kämpft sie hart um ihre Existenz. 

„Ich hätte gar nicht herkommen sollen“ denkt sie reuevoll. Doch der Hausbesitzer ist ihr Schwager, und sie wollte ihre Schwester nicht vor den Kopf stoßen. Aber nun ist es genug mit der Höflichkeit. Sie wird jetzt einfach gehen und ihre Schwester morgen anrufen, um sich für die Einladung zu bedanken. 

Entschlossen stellt sie das mittlerweile leere Sektglas auf die Spüle und macht sich auf den Weg zum Ausgang. Ein Schwall eiskalte Luft trifft sie, als sie die Haustüre öffnet. Fröstelnd zieht sie den dünnen Blazer fester um ihre Schultern. Der Sommer ist vorüber - ohne jeden Zweifel. 

„Hey, Karina, du wirst doch nicht schon verschwinden wollen? Du bist doch nicht etwa krank?“ Ein Mann stellt sich ihr in den Weg. Sie kennt ihn nur flüchtig. Sein Name ist Klaus. Ein Schulfreund ihrer Schwester. Notar, Staatsanwalt, Strafverteidiger - irgend so ein staubtrockener Paragraphenhengst.  Sie hat sich bei der Vorstellung nicht alle Gäste gemerkt. Unmöglich - bei nahezu fünfzig Personen! 

„Nein, ich bin nicht krank. Aber ich muss morgen früh zum Dienst, und da will ich ausgeschlafen sein!“ „Dienst?  Morgen? Aber es ist Samstag!“ Es klingt irgendwie vorwurfsvoll. „Es soll Leute geben, die auch samstags arbeiten müssen!“
 
„Und was machst du? Hebamme? Kassiererin im Supermarkt? Krankenschwester? Bäckereiverkäuferin?“ „Toilettenfrau am Hauptbahnhof“  gibt Karina schnippisch zurück. „Und nun lass mich vorbei. Wenn ich mich beeile, erwische ich noch den Lumpensammler…“ „Den - was?“ Klaus starrt sie an, als hätte sie sich urplötzlich nackt ausgezogen. „Lumpensammler. Den letzten Bus, der heute noch fährt! Solltest du aber wissen, wenn du hier zu Hause bist!“ 

„Ich fahre entweder Taxi - oder ich nehme den ERSTEN Bus am Morgen!“ sagt er trocken. „Aber wenn du nichts dagegen hast, begleite ich dich. Ich wollte auch gerade gehen!“ „Wenn du meinst.“ Karina hat keine Lust, sich mit Klaus herumzustreiten. Sie ist müde, die neuen Schuhe mit den spitzen Absätzen drücken, und ein Kratzen im Hals kündigt eine Erkältung an. 

Wortlos wendet sie sich zum Gehen. Niemand beachtet die beiden, als sie durch einen Nebeneingang den Garten verlassen. Es ist stockfinster.  So schnell es ihre hochhackigen Schuhe erlauben,  läuft Karina die Straße entlang. Sie will unbedingt den Lumpensammler noch erwischen - Geld für ein Taxi hat sie nicht. Ihr Gehalt langt gerade so für das Allernötigste… 

„Sag mal, rennst du immer so?“ fragt Klaus, der trotz seiner langen Beine Mühe hat, mir ihr Schritt zu halten. „Nur wenn ich friere“. Und wenn ich es eilig habe“ gibt Karina zurück. Sie hat ihn nicht darum gebeten, sie zu begleiten - es ist ihr egal, ob er mithalten kann oder nicht. 

Eine knappe Viertelstunde später ist der Bahnhof in Sicht. Der Bus in Richtung Osten fährt vorm Haupteingang ab. Um zur Haltestelle zu kommen, müssen sie eine Unterführung passieren. Oben drüber rollt der Verkehr. 

Die Unterführung ist düster. Viele der trüben Lampen funktionieren nicht. Mit Graffiti beschmierte Wände starren die Leute an, die diesen Weg nehmen müssen. Es stinkt nach Essensresten, Bier, Erbrochenem und Exkrementen. Nachts ist das hier ein Treffpunkt der ortsansässigen Obdachlosen. In diesem Moment ist Karina froh, nicht alleine zu sein. 

Sie  beschleunigt ihre Schritte, obwohl niemand zu sehen ist. Die Rotweinbrigade ist anscheinend heute anderswo unterwegs… Sie haben die Unterführung fast durchquert, als plötzlich Stimmen zu hören sind.  An der letzten Biegung, kurz vor der Treppe, die nach oben zu den Bushaltestellen führt, stehen sie. 

Es sind drei. Zwei Männer und eine Frau. Die Männer mit Glatzen, in Lederkluft und Springerstiefeln. Einer trägt eine Eisenkette als Gürtel. Der andere hat ein rotes Hundehalsband um, das er wie eine Halskette trägt. Die Frau sieht wie eine Prostituierte aus. Minimalistisches Röckchen, Nahtstrümpfe, Ausschnitt bis zum Knie, aus dem die Brust fast herausquillt. Ordinäre Schminke.   Alle drei rauchen. Sie blockieren den Treppenaufgang, rücken keinen Millimeter zur Seite. 

„Würdet ihr uns vorbeilassen - wir wollen den Bus noch erwischen“ bittet Karina höflich. Der mit dem Hundehalsband grinst. „Ach was, Puppe!“ sagt er genüsslich. „Und was ist, wenn du ihn nicht erreichst? Schläfst du dann hier bei uns? Mein Freund hier braucht nämlich noch einen Bettwärmer für heute Nacht!“ „Der kann sich bei mir höchstens kalte Füße holen“ gibt Karina trocken zurück. „Also los - lasst uns schon durch“. 

„Habt ihr nicht gehört, was die Dame sagt?“ mischt sich Klaus ein, als die drei noch immer keine Anstalten machen, zur Seite zu gehen. „Dame - pfffff - ich sehe hier keine!“ Ein Schwall Zigarettenrauch wird   Klaus ins Gesicht geblasen.  „Hör auf damit, er ist Nichtraucher! Und jetzt - Platz da!“ Noch immer bleibt Karina ruhig. Sie schiebt den Kerl mit dem Hundehalsband zur Seite, um zur Treppe zu gelangen. 

Dann passiert alles gleichzeitig.  

Mit einer blitzschnellen Bewegung reißt der Rocker sich das Halsband herunter, holt damit aus und schlägt es Klaus ins Gesicht. Der  schreit gellend auf und geht zu Boden, als das spitzenbewehrte   Leder ihm die Haut aufreißt. Zwischen seinen hochgerissenen Händen tropft  Blut hervor. 

Der andere wirft sich im gleichen Moment auf Karina.  Reaktionsschnell dreht sie sich zur Seite, so dass er sie nicht mit seinem vollen Gewicht trifft. Sie schwankt, versucht mühsam, das Gleichgewicht zu halten. Der Kerl packt sie mit eisernem Griff am rechten Arm, um sie zu sich herüberzuzerren. Karina wehrt sich nicht, lässt sich mitziehen. Genau im richtigen Moment nutzt sie die Hebelwirkung, wirft sich mit ganzer Kraft gegen den Angreifer,  reißt ihn mit sich. Beide rollen über die dreckigen Fliesen. Karina kämpft mit allen Mitteln. Ihre langen Fingernägel reißen dem Kerl tiefe Spuren ins Gesicht. Sie kämpft sich frei, rappelt sich hoch. Der andere will ebenfalls aufstehen. Doch Karina ist schneller, wendiger. Ihr linkes Knie schnellt hoch, trifft den Angreifer in die Weichteile. Als der sich vor Schmerzen krümmt,  knallt sie ihm die Handkante in den nun ungeschützten Nacken. Wie ein gefällter Baum stürzt er zu Boden und rührt sich nicht mehr. 

Sie wendet sich Klaus zu, der inzwischen wieder aufgestanden ist. Eine Pistole ist auf ihn gerichtet. Die Hand des Rockers mit dem Hundehalsband zittert nicht. Drei schnelle Schritte, dann ist Karina bei dem Kerl angelangt. Noch ehe er reagieren kann, schnellt ihr Fuß hoch. Ein gezielter Tritt trifft sein Handgelenk. Die Waffe fällt ihm aus der Hand, Karina genau vor die Füße. Sie bückt sich, hebt sie auf und richtet sie nun ihrerseits auf den Widersacher. 

„Aufstehen!“ kommandiert sie. „Geh rüber zu deinem Kumpel, damit ich euch beide im Auge habe. Wo ist das Mädchen?“ „Abgehauen“ sagt Klaus. „Ich habe sie davonrennen sehen - Richtung Bahnhof!“ „Lass sie. Sie hat nichts gemacht. Hier!“ Karina langt mit der freien Hand in ihre Jackentasche, zieht ihr Handy heraus und wirft es Klaus zu. „Ruf die Polizei an. Du brauchst nur den Notruf zu drücken! Na los - mach schon. Ewig kann ich die beiden nicht in Schach halten!“ 

Klaus gehorcht. Es dauert nur wenige Minuten, bis zwei Streifen herbeieilen. Hier patrouillieren  fast immer Polizisten. Die Unterführung  ist nicht nur ein stadtbekannter Obdachlosentreff. Hier wird auch mit Drogen gedealt, und gelegentlich bieten Prostituierte ihre Dienste an. Die Stadtverwaltung versucht ständig, die „Szene“ von hier zu verdrängen - bisher mit wenig Erfolg. 

Die Handschellen klicken - die Festnahme ist nur noch Routinesache Karina hat ganze Arbeit geleistet. „Kommst du nachher ins Revier?“ fragt einer der Polizisten. „Wegen des Protokolls?“ „Ich habe sowieso um acht wieder Dienst - bis dahin wird es doch Zeit haben - oder?“ Karina zwinkert dem Polizisten zu. 

„Ich werd‘ verrückt! DU bist bei der Polizei?“ Klaus starrt Karina an, als sähe er einen Geist. „Hauptkommissarin Karina Bauer“ stellt ihr Kollege grinsend vor. „Raubdezernat! Und Nahkampf-Expertin…“ 

„Übertreib nicht so schamlos, Manfred!“ protestiert Karina. „Ich habe früher Karate betrieben - bis zum Schwarzen Gürtel. Damals war ich ganz gut - aber jetzt bin ich völlig aus der Übung!“ „Na, für die da hat es immerhin gereicht!“ Manfred wirft einen bezeichnenden Blick auf die beiden Gefesselten. „Da hatte ich auch das Überraschungsmoment auf meiner Seite!“ meint Karina trocken. „Gegen einen trainierten Karatekämpfer hätte ich heute  keine Chance mehr!“ 

„Alle Achtung! Vor dir muss man ja richtig Angst haben!“ sagt Klaus verblüfft. „Aber nur, wenn du mir an die Wäsche gehst!“ Karina grinst ihn an. „So, und jetzt…“  

„… gehen wir erst mal zu mir!“ Klaus nimmt  Karina beim Arm und zieht sie mit sich, ohne eine Entgegnung abzuwarten. „Mein Büro ist gleich um die Ecke. Dort gibt es ein Bad mit allen Schikanen, in dem wir uns erst mal restaurieren können. Dein Bus ist sowieso über alle Berge!“ 

Das süffisante Grinsen der Polizeibeamten, die mit den Rockern in die andere Richtung verschwinden, entgeht ihm nicht.

 

© Christine Rieger / 2015 

 
 

Samstag, 1. Oktober 2016

Spätsommer am Grünsee

Liebe Freunde meines Lesebuchs,

hier ist sie nun, meine Reizwortgeschichte!

Die Reizwörter, die heute zur Verfügung standen, sind:




Ernte - Feuer - husten - lachen - traurig


Ich wünsche Euch viel Spaß und ein wunderschönes, verlängertes Wochenende!

Eure Geschichten-Erzählerin






Hinweis:

Alle Fotos zu diesem Beitrag:
© Christine Rieger / 2016

 
 
Altweibersommer

 

 

Noch war es tagsüber warm. Doch in der Nacht sank das Thermometer bereits unter die 10-Grad-Marke. In der Nähe des Flusses hielt sich manchmal bis zum späten Vormittag dicker Nebel. Es war nicht mehr zu leugnen - der Herbst war nahe.  

"Weißt Du was? Wir könnten doch eigentlich noch mal zum Grünsee fahren" schlug Mona beim gemeinsamen Frühstück vor. "Heute soll es nochmal so richtig schön werden!" 

"Ach, ich weiß nicht." Helmut klang wenig begeistert. "Das sind fast 70 Kilometer. Autobahn mag ich während der Woche nicht fahren, wegen der vielen LKW. Und die Landstraße? Bis wir mal aus der Stadt raus sind, das dauert. Du weißt doch, die bauen immer noch an der Endhaltestelle für die U-Bahn herum, und seit Monaten staut sich dort der Verkehr..." 

"Wir haben doch den ganzen Tag Zeit" meinte Mona. "Ob wir nun um sechs oder um acht zurückkommen - wen stört es?  Auf uns wartet doch niemand!" 

"Wolltest du heute nicht zum Friseur?" fragte Helmut, in einem letzten Versuch, seine Frau von ihrem Vorhaben abzubringen. "Dahin kann ich auch, wenn es regnet!" "Na schön" gab Helmut seufzend nach.  Wenn Mona sich mal was in den Kopf gesetzt hatte...   

Sie brachen  gleich nach dem Frühstück auf. Wider Erwarten verlief die Fahrt ohne größere Störungen.  Neunzig Minuten später erreichten sie ihr Ziel.  

Der Parkplatz neben dem See - an den Wochenenden ein beliebtes Ausflugsziel für Familien und Touristen - war heute nahezu leer. Die Sommerferien waren längst vorüber. Jetzt, mitten in der Woche, gehörte der See den Rentnern und ein paar verspäteten Urlaubern, deren Kinder noch nicht zur Schule gingen. 

Mona und Helmut holten ihre Rucksäcke aus dem Kofferraum. Sie hatten die Absicht, später eine kleine Wanderung zu machen. Doch zuerst einmal genossen sie, auf einer sonnigen Bank sitzend, die himmlische Ruhe dieses Mittwochmorgens. Was für ein Unterschied zwischen der hektischen Großstadt, aus der sie kamen, und diesem idyllischen Ort! 

Der See lag in der Morgensonne wie ein dunkelgrünes Juwel. Ein lauer Wind wehte die ersten bunten Blätter von den Bäumen, ließ sie tanzen wie Schmetterlinge, bevor sie langsam auf die Wasseroberfläche sanken. Im Sonnenlicht glitzernd, wirkten sie wie Goldstücke auf grünem Samt.





Andere landeten auf dem Wanderweg, der am See vorbeiführte,  um dort einen weichen, farbenfrohen Teppich zu bilden. Noch hingen genug an den Ästen, um  den Laubwald in herrliche Farben zu tauchen. Doch lange würde es nicht mehr dauern, bis der erste Frost  auch ihnen den Garaus machte. 

Am Ufer waren Ruder- und Tretboote vertäut. Zwar war die Hauptsaison vorüber, doch das Ehepaar, das die Boote vermietete, hoffte noch auf ein paar Nachzügler, die bei diesem herrlichen Spätsommerwetter vielleicht noch Lust bekamen,  eine Runde auf dem See zu drehen. 

Spaßige Tretboote dümpelten da am Steg vor sich hin. Ein feuerrotes Auto, eine überdimensionale pinkfarbige Quietscheente, ein giftgrüner Drache mit einem langen Hals...  speziell für Kinder. Und natürlich auch ganz "normale" Kähne. Aber alle in schrillbunten Farben, die einen herrlichen Kontrast zu dem grünen See bildeten.
 
 

 

"Der Drache ist göttlich, in den könnte ich mich direkt verlieben! Am liebsten würde ich den mieten und mal eine Runde über den See fahren!" Mona holte ihre Kamera heraus und schoss Foto um Foto. Sie konnte sich nicht satt sehen an dieser Idylle.  

Neben dem Kiosk, an dem man Getränke und Essen kaufen und auch die Boote mieten konnte, waren ganze Reihen von Bierbänken und Tischen aufgebaut. Doch nur wenige Gäste saßen dort. Drei Männer in fortgeschrittenem Rentenalter, die ihren Frühschoppen in Form von Bier zu sich nahmen. Zwei nicht ganz so alte Damen in grellfarbigem Radlerdress. Zu ihre Füßen, unter der Bank, hockte ein übergewichtiger, schon sehr verfetteter Mops, der aus einem zum Trinknapf umfunktionierten Aschenbecher geräuschvoll Wasser schlabberte.  

Eine Familie mit zwei kleinen Kindern steuerte auf den Steg zu, an dem die Tretboote festgezurrt waren. Sie kletterten in das feuerrote Auto. Die Kioskbetreiberin löste den dicken Strick, schubste das Boot an, und wenig später sah man es auf dem Wasser davonfahren, wie einst die Amphibienfahrzeuge des Agenten James Bond 007. Bis ans Ufer konnte man die Kinder  jubeln und lachen hören. 
 



Kurz danach kam ein junges, offenbar frisch verliebtes Pärchen. Nach langem Hin und Her entschieden sie sich für die rosa Ente und zuckelten mit ihr davon.  

Helmut bemerkte den sehnsüchtigen Blick seiner Frau.  "Wollen wir auch?" fragte er mit einem Blick auf den noch übrig gebliebenen giftgrünen Drachen. 

Das musste er nicht zweimal fragen. Wenige Minuten später waren die beiden ihre Rucksäcke ins Tretboot und strampelten los. 
 
 
 
Es war ein Vergnügen, in gemächlichem Tempo  auf dem See herumzudümpeln. Mona fühlte sich in ihre Kinderzeit versetzt. Gedankenverloren ließ sie ihre Hand ins Wasser hängen, beobachtete die Wellen und die winzigen  Fischlein, die an ihr vorüberschwammen. Ihre Kamera fing die Sonnenstrahlen und die Bäume in ihrem farbenprächtigen Kleid ein die sich im klaren Wasser spiegelten. Ein Schwarm Enten schwamm ganz nahe an den Drachen heran, beäugte ihn neugierig, fand ihn aber dann offenbar doch sehr beängstigend und stob, aufgeregt schnatternd, davon. 

Die halbe Stunde verging wie im Flug. Mona war fast ein bisschen  traurig, als sie  das Tretboot wieder neben dem Steg einzuparken versuchten.  Es gelang ihnen erst nach mehreren vergeblichen Manövern. 

Die Kioskbetreiberin eilte herbei und band den Drachen wieder an seinem Liegeplatz fest.  Doch Monas Versuch, aus dem Kahn auf den Steg zu klettern, endete mit einem Desaster. 

Jedes Mal, wenn sie versuchte, einen Fuß auf die Holzplanken zu setzen, glitt das Boot unter ihr weg, und sie hing im Spagat überm Wasser. Sie war ganz einfach nicht mehr gelenkig genug, hinaufzukommen. Wie ein nasser Sack plumpste sie zurück auf ihren Sitz. Da hockte sie nun. Und jetzt? 

Inzwischen hatten sich mehrere Zuschauer eingefunden, die das Landemanöver interessiert verfolgten. Auf die Idee, helfend einzugreifen, kam allerdings niemand. 

Die Bootsvermieterin rief schließlich  ihren Mann zu Hilfe. Sie alleine hatte nicht die Kraft, Mona  auf den Steg zu zerren. Zumal sie auch noch das Boot daran hindern musste, ständig abzutreiben. Helmut konnte ihr nicht helfen. Bevor Mona nicht ausgestiegen war, kam auch er nicht heraus. 

Zu dritt hievten sie Mona schließlich aus dem Boot. Das Ehepaar, dem der Bootsverleih gehörte, packten sie rechts und links bei den Armen, Helmut schob von hinten. Unter viel Gelächter und dem Beifall der Zuschauer gelang es ihnen endlich, Mona auf den Bootssteg zu helfen, wo sie - wiehernd und nach Luft japsend, bäuchlings liegen blieb wie ein gestrandeter Wal. 

Helmut warf die beiden Rücksäcke zu ihr hinauf und sprang mit einem einzigen eleganten Satz hinterher.  

"Schatz, ich glaube, solche Sachen sollten wir uns zukünftig lieber verkneifen" meinte er trocken. Doch bevor er ihr auf die Beine half, nahm er die Kamera zur Hand, um diesen denkwürdigen Augenblick für die Nachwelt festzuhalten.  

Endlich wieder auf festem Boden, die Rucksäcke auf dem Rücken, traten die beiden ihre geplante Wanderung an. 

Der Wanderweg führte am See entlang bis zu seinem Ende. Von dort an führte er durch endlose Felder bis zur nächsten Ortschaft, die etwa eineinhalb Stunden Fußmarsch entfernt lag.   

Der größte Teil der Ernte war bereits eingebracht. Auf den Stoppelfeldern  rechts und links des Weges lagen verstreut große, in grünen oder weißen Kunststoff eingeschweißte Strohballen. Abgeerntete Mais- und Kartoffelfelder wechselten mit Grasflächen ab. Dazwischen ein Feld mit Sonnenblumen zum Selberschneiden.   Die meisten waren jedoch bereits verblüht und ließen ihre Köpfe hängen.  

Kurz vor dem Eingang des Dorfes lagen am Straßenrand Kürbisse aufgebaut. Auf einem Holzklotz stand eine Kasse. 

"Zu schade, dass wir das Auto nicht hier haben" bedauerte Mona. "Ich hätte mir gerne ein paar mitgenommen - zum Essen zum Dekorieren... "Auf dem Heimweg finden wir bestimmt noch welche" tröstete Helmut seine Frau. "Jetzt habe ich erst mal Hunger wie ein Wolf - sehen wir zu, dass wir irgendwo was zu essen kriegen!" 

Doch sie hatten Pech. Es gab nur zwei Gastwirtschaften im Ort. Die eine hatte Betriebsurlaub, und die andere Ruhetag. 

"Ich  habe eine Idee" sagte Mona. "Wir machen ein Kartoffelfeuer, so wie früher!" 

"Und wo willst du Kartoffeln hernehmen?" fragte Helmut zweifelnd.  "Auf dem Weg hierher habe ich einen abgeernteten Kartoffelacker gesehen. Da bleiben immer welche liegen."  

Gesagt, getan. Sie brauchten nicht weit zu laufen. Schon nach weniger als einem Kilometer hatten sie das Feld erreicht. 

Mona kümmerte sich um das Feuer. Ihre Großeltern hatten einen Bauernhof besessen - als Kind war sie dort oft zu Besuch gewesen. 

Sie buddelte ein Loch in den Boden, füllte es mit kleinen Ästchen und Kartoffelkraut und zündete es mit Hilfe eines Feuerzeugs an, das Helmut - obwohl längst Nichtraucher - stets in seinem Rucksack hatte.  Sie musste gehörig husten- das Kartoffelkraut war noch nicht völlig trocken, und es qualmte fürchterlich.  

In der Glut wurden die Kartoffeln, die Helmut  inzwischen auf dem Acker zusammengeklaubt hatte, gebraten. Alufolie hatten sie natürlich nicht - aber das war auch nicht nötig. Die  hatte es früher ja auch nicht gegeben. 

Es war - nach heutigen Ernährungsvorschriften - mit Sicherheit ungesund. Aber es schmeckte köstlich, nachdem sie die verbrannte Schale mit Helmuts Fahrtenmesser entfernt hatten. Auch ohne Kräuterbutter. Immerhin hatten sie Salz - mitgenommen in irgend einem Hotel. 

Helmuts Rucksack glich einer Wundertüte. Es gab fast nichts, was darin nicht zu finden war. Streichhölzer, Zuckertütchen,  Insektensalbe, Wundpflaster, Schnürsenkel, Nähzeug, Sonnenmilch - ein Sammelsurium, das ihnen schon öfter nützlich geworden war. So wie heute das Salztütchen mit der Reklame eines Hotels im Bayerischen Wald... 

Hinreichend gesättigt, löschten sie sorgfältig das Feuer, bedeckten die Überreste mit Erde und traten den Rückweg an. 

Die Sonne ging bereits unter, als sie den Parkplatz erreichten und erleichtert die Rucksäcke in den Kofferraum ihres Autos warfen. 

"Das war ein richtig toller Tag -  ein Ausflug zurück in die Kindheit" schwärmte Mona begeistert, als sie zu Hause aus dem Wagen stiegen. "Das sollten wir öfter mal  machen!" 

"Gerne!" stimmte Helmut zu. "Aber die Bootsfahrt lassen wir beim nächsten Mal weg, ja?"
 



 

© Christine Rieger / 2016