Dienstag, 15. November 2016

In letzter Minute

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
in der heutigen "Reizwortgeschichte" geht es weiter mit Tina und Opa Friedrich.
 
Nach seiner Hochzeit mit Tante Emma ist Opa Friedrich zu seiner Frau ins Nachbarhaus gezogen. Eines Tages kommt seine Enkelin nach dem Mittagessen zu ihrem Opa herüber und erzählt ihm eine unglaubliche Geschichte ...

Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen!

Und hier könnt Ihr nachsehen, was meinen Kolleginnen 
 Regina   Lore    Martina   Eva

zu den Reizwörtern eingefallen ist ...
 

 
Reizwörter:  Schlittschuhe - Schlaftabletten - ratzen - fallen - einfältig
 
 
In letzter Minute 
 
"Opi  - kannst du nicht wieder zu uns rüberziehen, in deine Wohnung unterm Dach?" 
 
Tina war nach dem Mittagessen durch den Durchgang im Gartenzaun gekrabbelt, der das Grundstück ihrer Eltern vom Nachbargrundstück trennte. Dort wohnte ihr Opa seit seiner zweiten Heirat mit seiner Frau.  
 
Tante Emma hatte ihrer frisch gebackenen Enkelin am Tag der Hochzeit versprochen, im Zaun eine Durchgang zu schaffen, damit die Kleine ihren Opa jederzeit besuchen konnte. Schon einige Tage danach hatte Opa Friedrich einfach ein paar Latten aus dem Zaun entfernt. Der Durchgang wurde von der mannshohen Buchenhecke fast verdeckt und war von der Straße aus nicht zu sehen. Auch die Erwachsenen zwängten sich gerne mal  aus Bequemlichkeit hindurch.
 
"Aber Tina - das geht nicht!" Friedrich Hartmann legte das Album mit den Hochzeitsfotos beiseite, in dem er gerade geblättert hatte, als Tina hereinplatzte. "Da wäre Tante Emma sehr traurig. Und du weißt doch - ein Ehepaar lebt nun einmal zusammen. Deine Mama und dein Papa wohnen doch auch im gleichen Haus!"
 
"Aber vielleicht nicht mehr lange!"
 
"Wie bitte?"  fragte Opa Friedrich alarmiert.
 
"Opi, gestern beim Mittagessen hat Mami gesagt, dass sie das Haus verkaufen müssen, wenn nicht irgendwo Geld herkommt. Seit du ausgezogen bist, fehlt die Miete, und Papi hat gesagt, dass er heute Nacht nicht Taxi fahren muss, weil... - ach, ich weiß nicht mehr genau. Es fahren nicht mehr so viele Leute Taxi, weil es zu teuer ist, und jetzt legen sie ein Auto still, und jeder Taxifahrer bleibt dann eine Nacht zu Hause, und nur die anderen fahren.   Dann fehlt noch mehr Geld, und ... - Opi, wo sollen wir denn hin, wenn Mami das Haus verkauft?" Wir können doch nicht auf der Straße wohnen!"  Über Tinas Gesicht kullerten dicke Tränen. "Naja, und da habe ich gedacht..."
 
"Da hast du gedacht, wenn ich wieder zu euch rüberziehe und Miete zahle, dann wird alles wieder gut, ja?"
 
Friedrich Hartmann hatte seiner Enkelin erschrocken, ja schockiert zugehört. Selbst wenn das stimmte, was Tina da erzählte - und davon ging er aus - war es unentschuldbar, so etwas am Essenstisch zu erörtern. Noch dazu, wenn das Kind es hören konnte. Er musste unbedingt mit seiner Tochter reden. So ging das wirklich  nicht!"
 
"Tinchen - nun weine mal nicht. So schnell geht das alles ganz und gar nicht. Sicher hat Mami das nicht ernst gemeint..."
 
"Hat sie doch!" unterbrach Tina schluchzend. "Gestern hat sie mir erst gesagt, dass ich zu Weihnachten keine Schlittschuhe kriege, und erst recht keinen Hund. Weil der Geld kostet, und weil er dauernd zum Tierarzt muss, was zu fressen braucht, und außerdem... - Sie wischte sich mit dem Ärmel ihres T-Shirts übers Gesicht, bevor sie weitersprach. 
 
"Opi, die Kinder in der Schule lachen schon über mich, weil ich immer nur so Sachen vom Billigladen anhabe, aber Mami sagt, sie kauft mir keine teuren Hosen, weil ich ja so schnell rauswachse, und ich mache auch so viel kaputt. Aber ich mag es nicht, wenn die anderen über mich lachen! Außerdem - wir essen die ganze Zeit bloß noch Nudeln, weil die billig sind und satt machen, und ich kann keine mehr sehen. Papi auch nicht. Der kauft sich am Imbiss Currywurst, und dann schimpft Mami mit ihm, weil er das ganze Geld zum Fenster rauswirft..."
 
Opa Friedrich hatte trotz dieser Schilderung Mühe, ernst zu bleiben.
 
"Tina - beruhige dich erst mal. Komm, setz dich zu mir aufs Sofa, Tante Emma macht uns allen einen schönen Kakao, und danach sieht die Welt schon besser aus!"
 
"Aber ich habe Angst, Opi.
 
"Das musst du nicht."  Friedrich Hartmann setzte sich bequem auf der Couch zurecht und stopfte sich ein Kissen in den Rücken. "So schnell kann man ein Haus nicht verkaufen.  Und schließlich sind wir ja auch noch da, Tante Emma und ich!"
 
"Aber..."
 
"In der Sache mit dem Hund muss ich deiner Mama Recht geben. Nicht nur, weil er Geld kostet. Wer soll sich denn um ihn kümmern? Du gehst in die Schule, deine Eltern arbeiten beide - und ich kann es auch nicht. Tante Emma ist allergisch gegen Tierhaare - nein, das lass man schön bleiben. Wenn du groß bist und selber Geld verdienst und ein eigenes Haus hast, kannst du dir immer noch..."
 
Er unterbrach sich, weil in diesem Moment seine Frau mit einem Tablett hereinkam. Darauf standen drei Tassen mit dicker, heißer Schokolade, gekrönt von einem Berg Sahne.
 
"Kannst du hellsehen?" fragte Opa Friedrich verdutzt. "Ich habe doch gar nicht..."
 
"Hellsehen nicht - aber ich habe gute Ohren. Immer noch. Also sieh dich vor, was du sagst!" Emma drohte ihrem Mann schelmisch mit dem Finger.
 
"Dann hast du ja sicher auch den Rest mitgekriegt?"
 
"Das meiste." Emma ließ sich auf einem der bequemen Stühle nieder, die um den Tisch standen. "Und ich finde, Tina, deine Mama hat nicht unrecht. Nicht nur wegen des Hundes. Auch wegen der Anziehsachen. Kinder im Allgemeinen machen sehr viel kaputt, und sich wachsen so schnell aus allem heraus, dass es sich nicht lohnt, einen Haufen Geld dafür auszugeben."
 
"Aber Tante Emma, alle in meiner Klasse lachen über mich, weil ich keine Markenklamotten habe..."
 
"Lass sie doch lachen, Tina. Sag ihnen beim nächsten Mal einfach "Dafür habe ich irgendwann ein eigenes Haus, und ihr nicht!"
 
"Ich weiß nicht... meinst du wirklich?" fragte Tina zweifelnd.
 
"Probieren kannst du es ja. Vielleicht ist dann Ruhe. Nur darfst du nicht zeigen, dass du dich ärgerst. Dann haben sie erreicht, was sie wollen!"
 
"Ich muss trotzdem mal mit Monika und Ralph reden. So geht das nicht, dass sie ihre Probleme auf den Essenstisch legen, wenn Tina es mitkriegt. Und dann will ich auch wissen, wie es wirklich um die Finanzen steht.   Ob Monika schamlos übertreibt oder sie tatsächlich so schlecht dastehen." Er trank seine heiße Schokolade aus und leckte sich die Sahne von den Lippen.
 
"Sind deine Eltern jetzt drüben? fragte er Tina. 
 
"Papi ist vorhin in den Baumarkt gefahren,  weil er Batterien kaufen wollte!" antwortete Tina. "Aber Mami ist da".
 
"Dann gehe ich mal rüber. Ich will wissen, was da los ist! Tina, bitte bleib einstweilen bei Tante Emma, ja?"
 
Er stand auf, zog sich eine Strickjacke an  - es war ziemlich windig heute -, schlüpfte in seine Schuhe und machte sich durch die Lücke im Zaun auf den Weg ins Nachbarhaus.
 
Es war merkwürdig ruhig, als Friedrich das Haus betrat. In der Küche und im Esszimmer  herrschte Durcheinander. Das Geschirr vom Mittagessen stand immer noch auf dem Tisch.  In den Tellern klebten Reste von Tomatensoße. Ein dicker Fettfleck prangte auf dem weißen Tischtuch. Etwas, das seiner Tochter überhaupt nicht ähnlich sah.  Neben der Tür zum Bad stand ein randvoller Korb mit getrockneter Wäsche, der aufs Zusammenlegen wartete. Monika war nirgends zu sehen.
 
Nachdem Friedrich weder im Erdgeschoss noch im Keller in den Arbeitsräumen seine Tochter fand, stieg er in die erste Etage. Doch auch dort war sie nicht.
 
"Monika, wo steckst du denn? Du wirst doch nicht am helllichten Tag im Bett liegen und ratzen?"
 
Keine Antwort. Jetzt blieb nur noch die Dachwohnung, in der Friedrich bis zur Hochzeit mit Emma gelebt hatte.
 
Die Türe zu seinem ehemaligen Domizil stand offen. Und dann fand er Monika.
 
Sie lag auf seinem Bett. Angezogen. Nur die Schuhe standen am Boden. Auf dem Nachttisch stand ein Glas, das nach Alkohol roch.  Daneben lag ein leeres Röhrchen, das einmal Schlaftabletten enthalten hatte.
 
"Moni - um Himmels Willen!" Friedrich schüttelte seine Tochter. Doch sie rührte sich nicht. "Moni - wach auf!" Er legte sein Ohr an ihren Mund. Sie atmete noch. Schwach - aber sie atmete noch.
 
"Was ist hier los?" Friedrich hatte Emma nicht hereinkommen hören. Irgend ein Instinkt hatte ihr gesagt, dass im Nebenhaus etwas absolut nicht in Ordnung war, und so war sie- Tina im Schlepptau - ihrem Mann gefolgt.
 
Emma Hartmann übersah mit einem Blick die Situation. Sie war gelernte Krankenschwester und hatte - bevor sie in Rente ging - viele Jahre  auf einer Intensivstation gearbeitet.
 
Noch bevor Tina ihre Mutter zu Gesicht bekam, drehte Emma sich zu ihr um. "Tina - ich habe meine Brille vergessen. Kannst du mal bitte schnell zurückgehen und sie mir  holen?"
 
"Du hast sie doch auf der Nase!" meinte Tina.
 
"Das ist die Lesebrille. Ich brauche aber die andere, die mit dem Metallgestell. die müsste irgendwo im Wohnzimmer sein. Und wenn du sie dort nicht findest, dann schau mal im Bad nach, oder im Schlafzimmer auf dem Nachttisch. Würdest du das für mich tun?"
 
"Natürlich, Tante Emma." Tina machte kehrt und lief zurück in das Haus nebenan.
 
"Gott sei Dank. Damit ist sie erst mal beschäftigt!" Emma wandte sich der Bewusstlosen auf dem Bett zu.
 
"Friedrich - bitte ruf sofort den Notarzt. Dann geh in die Küche und mach einen starken Kaffee. So stark, dass der Löffel drin stecken bleibt. Dann komm bitte zurück Ich brauche deine Hilfe, ja?"
 
Sowie ihr Mann das Zimmer verlassen hatte, begann Emma, Monika zu schütteln. Sie schlug ihr ins Gesicht, immer wieder. Nicht heftig, aber doch so, dass Monika irgendwann davon wach wurde. Resolut zerrte Emma ihre Schwiegertochter aus dem Bett und zwang sie, mit ihr im Zimmer herumzulaufen. Sie musste sie stützen - sonst wäre sie einfach umgefallen.
 
Endlich kam Friedrich mit dem Kaffee. Emma zwang Monika, das bittere Gebräu zu schlucken. Und auch wenn sie hustete und spuckte und  einiges davon daneben lief - Emma gab nicht auf, bevor nicht die ganze Tasse leer war.
 
"So, und nun weiter! Laufen, Monika. Nicht stehen bleiben!"
 
"Ich kann nicht!" lallte Monika mit einem einfältigen Grinsen. Sie machte den Eindruck, als hätte sie nicht nur EIN Glas Whisky benutzt, um die Tabletten hinunterzuspülen. 
 
"Friedrich, bitte hilf mir mal - fass sie einfach am anderen Arm. Sie MUSS wach bleiben ..."
 
"Ist irgendwas passiert?  Ralph war soeben von seiner Fahrt in den Baumarkt zurückgekehrt, hatte unten niemanden vorgefunden, und war auf der Suche nach seiner Frau ins Dachgeschoss gelaufen. 
 
Sein Blick fiel auf das leere Glas am Nachttisch und das Tablettenröhrchen am Boden. "Das kann doch nicht..."
 
"Halt jetzt keine Volksreden" sagte Emma energisch. "Darüber können wir später reden.  Der Notarzt muss jeden Moment da sein. Geh rüber in mein Haus und halte Tina dort fest, damit sie nicht mitbekommt, was hier los ist. Na, mach schon. LOS!" Es klang wie ein Befehl.
 
Ralph drehte sich wortlos um und ging hinaus.
Es dauerte nicht lange. Nach einer knappen Viertelstunde hörten sie den Notarzt vorfahren. Er sorgte dafür, dass Monika sofort ins nächste Krankenhaus eingeliefert wurde.
 
"Wird meine Tochter - durchkommen? fragte  Friedrich, bevor der Arzt wieder abfuhr.
 
"Heutzutage kann man sich nicht mehr so einfach mit Schlaftabletten das Leben nehmen.  Bedanken sie sich bei ihrer Frau - sie hat genau das Richtige getan. "Und nun muss ich weiter - ich habe schon den nächsten Notruf."
 
Er sprang in seinen Dienstwagen und raste davon.
 
Wenig später kam Ralph mit seiner Tochter zurück. Er hatte von nebenan den Krankenwagen und den Notarzt wegfahren sehen.
 
"Ich habe deine Brille nicht gefunden, Tante Emma" sagte Tina.
 
"Ich habe sie inzwischen. Ich hatte sie in meiner Jackentasche Manchmal bin ich schon ganz schön vergesslich!" seufzte Emma theatralisch.  
 
"Opi - was hat Mami denn? Papi hat gesagt, sie ist krank..."  
 
"Keine Angst, Tina, beruhigte Opa Friedrich. "Deine Mami  ist jetzt auf dem Weg ins Krankenhaus. Du wirst sehen - in ein paar Tagen wird sie entlassen und ist wieder vollkommen gesund. -   Weißt du, es war ihr einfach ein bisschen schlecht. Wahrscheinlich sind ihr die vielen Nudeln in letzter Zeit nicht bekommen!"
 
 

© Christine Rieger / 2016

Dienstag, 1. November 2016

Opa Friedrichs Hochzeit

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
es ist wieder soweit: Es ist Reizwortgeschichten-Tag...
 
Erinnert Ihr Euch noch an die Geschichte von Tina und Opa Friedrich "Opa geht aus?"
 
Wer die Geschichte noch nicht kennt - hier ist sie noch einmal zum Nachlesen:
 
 
 
Nun, seit dem gemeinsamen Theaterbesuch von Opa und der verwitweten Nachbarin Emma Pfeiffer sind etliche Monate vergangen.  Friedrich Hartmann hat inzwischen seiner Nachbarin einen Heiratsantrag gemacht - und am heutigen Tag, an Opas 77. Geburtstag, wird die Hochzeit gefeiert.
 
Natürlich klappt bei so einem Fest nicht immer alles wie am Schnürchen...aber lest einfach selbst.
 
Ich wünsche Euch viel Spaß und einen geruhsamen Feiertag!
 
Eure Geschichten-Erzählerin
 
 
Und hier geht es zu den Geschichten von
Regina   Lore    Martina   Eva


 
Reizwortgeschichte 01.11.2016

 
Reizwörter:  Stöckelschuhe - Krähennest - trödeln - basteln - unverschämt 

 
Opa Friedrichs Hochzeit 

 

"Tina, hör auf, so herumzutrödeln!, rief Monika ungeduldig. "Du weißt doch, um halb elf ist die Hochzeit, wir müssen spätestens um zehn aus dem Haus. Jetzt ist es halb acht vorbei. Wir müssen alle noch ins Bad, irgendwann kommt Tante Edeltraud,  und dann habe ich keine Zeit mehr, mich um deine Haare zu kümmern, und außerdem..." 

"Meine Güte, nun mach doch nicht so einen Stress! Man könnte meinen, DU bist diejenige, die in ein paar Stunden vor den Traualtar tritt!"  Ralph, Monikas Mann, kam - eine gefüllte Kaffeetasse in der Hand - aus der Küche. Er hatte heute Nacht wegen der bevorstehenden Hochzeit seines Schwiegervaters schon um halb drei sein Taxi an einen Kollegen übergeben, damit er wenigstens ein paar Stunden schlafen konnte, bevor das Fest seinen Lauf nahm.  

"Du hast Nerven" schimpfte Monika. "Ich hetze schon seit Tagen herum, damit bei der Feier auch wirklich alles klappt. Ich habe Kuchen und Torten gebacken, mich um das Lokal und den Menüplan gekümmert, um den Blumenschmuck und das Geschenk. Und du?" 

"Ich habe dir doch gesagt, lass einen Partyservice kommen, der das alles erledigt" meinte Ralph. 

"Und wer bezahlt den? Du hast ja keine Ahnung, wie unverschämt teuer es ist, so ein Fest auszurichten, wenn man alles machen lässt!" 

"Na, so viele Leute sind wird nun auch nicht, dass das unerschwinglich geworden wäre. Außer uns beiden, Tina und dem Brautpaar kommt doch nur noch deine Tante Edeltraud, und Frau Pfeiffers Sohn mit seiner Frau - alles in allem keine zehn Personen!" 

"Ich habe es doch nur gut gemeint!" Monika war den Tränen nahe.  

"Das weiß ich doch, Schatz". Außerdem - DEINE Kuchen schmecken mit Sicherheit besser als die aus einer Konditorei. Besonders die Mokkatorte!" Ralph zwinkerte seiner Frau kameradschaftlich zu.   

"Die gibt es natürlich auch. Papa heiratet heute schließlich nicht nur - er feiert auch noch seinen 77. Geburtstag!" 

"Mami, kannst du mir nicht auch die Haare hockstecken? So wie die Sängerin im Fernsehen, du weißt schon, die blonde, die immer so quiekt, wenn sie ganz hoch singen muss! BITTE!" 

Tina kam um den Tisch gerannt, rempelte dabei ihren Vater an und stieß ihm die noch dreiviertelvolle Kaffeetasse aus der Hand. Die braune Brühe ergoss sich nicht nur über Ralphs Hosen, sondern auch über den hellen Teppichboden. 

"Verdammt noch mal, Tina, kannst du denn nicht aufpassen? Schau dir doch die Schweinerei an, die du wieder angerichtet hast!" Monikas Stimme klang schrill wie eine Feuerwehrsirene. "Immer musst du so rennen - kannst du denn nicht langsam gehen? Wie soll ich denn den Kaffee wieder vom Teppich wegkriegen? Und das ausgerechnet heute!" 

"Ich hab das doch nicht mit Absicht gemacht!" heulte Tina los.  

"Lass mal, ich kümmere mich darum!" Ralph stellte seine Kaffeetasse auf den Tisch, wo sie einen braunen Rand auf der Holzplatte hinterließ, und schob seine Frau und Tina aus dem Wohnzimmer. 

Die nächsten beiden Stunden verbrachte Monika damit, ihrer Tochter die Haare hochzustecken, und dann sich selbst für die Hochzeit zurechtzumachen. Sie hatte sich für diesen Anlass ein türkisfarbiges Strickkleid gegönnt, das ihre schlanke Figur betonte. Dezenter Lidschatten in der Farbe des Kleides ließ ihre blauen Augen geradezu leuchten. Dazu ein unauffälliger Lippenstift - perfekt. 

Nur die Frisur machte ihr Schwierigkeiten. Fluchend kämpfte sie mit ihren widerspenstigen blonden Locken. Immer wieder hing irgendwo eine Strähne heraus. Leider nie da, wo Monika es wollte. Wie schwierig es doch war, sich selbst die Haare hochzustecken! Bei Tina war das so einfach gewesen!
 
Nach einer halben Stunde gab sie entnervt auf. Ihre Arme taten weh vom ständigen nach-oben-halten. Der Haarknoten, den sie sich vorgestellt hatte, saß entweder zu tief im Nacken - oder er thronte wie ein Krähennest mitten auf dem Kopf. Wie machten das nur die anderen Frauen? 

Nach einem Blick auf die Uhr beschloss Monika, erst einmal die Tischdekoration  einzupacken, die Tina in den letzten Tagen liebevoll für ihren Opa gebastelt hatte.  

Sie hatte kleine weiße Kärtchen mit bunten Herbstblättern beklebt, mit kleinen Perlen und Schleifchen verziert, und mit schwarzer Tinte in säuberlicher Schrift die Namen der Gäste darauf geschrieben. Es sah wunderschön aus. 

Sorgfältig legte Monika die Tischkärtchen  in einen Schuhkarton, um sie ja nicht zu beschädigen, und stellte das Kästchen auf dem Garderobenschrank bereit. 

Soeben wollte sie zurück ins Bad, um erneut den Kampf mit ihren Haaren aufzunehmen, als es an der Türe klingelte. Tante Edeltraud! Die einzige Schwester ihres Vaters. Sie war verwitwet, lebte auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt und würde heute in der Dachwohnung übernachten, die bisher ihr Bruder bewohnt hatte.  Friedrich Hartmann  war bereits vor einigen Tagen endgültig ins Nachbarhaus zu seiner zukünftigen Frau gezogen. 

Monika ging öffnen. 

Tante Edeltraud  trug ein dunkelblaues Kleid mit einem dezenten Muster und hatte sich zur Feier des Tages  einen Besuch beim Friseur gegönnt. Sie sah vollkommen verändert aus - Monika hätte ihre Tante fast nicht wiedererkannt! 

"Toll siehst du aus, Tante Edeltraud!" sagte Monika anerkennend. "Komm, ich bringe dein Gepäck nach oben und überlasse dich dann Ralph - ich bin noch nicht ganz fertig. Meine Haare sind derart widerborstig -  die wollen einfach nicht wie ich..." 

"Darf ich dir helfen?" schlug Tante Edeltraud vor. "Ich weiß, es ist eine Tortur, wenn man das selber versucht!" 

Dankbar nahm Monika das Angebot ihrer Tante an. Innerhalb von kurzer Zeit verwandelte sich das "Krähennest" in eine entzückende, elegante, Hochsteckfrisur.  

"Tante Edeltraud - du bist wirklich ein Schatz!" Bewundernd drehte Monika sich vor dem großen Badezimmerspiegel. "Ohne dich hätte ich das niemals so hingekriegt!" 

Pünktlich um zehn verließen Monika, Tina und Tante Edeltraud das Haus und fuhren mit dem Auto zum Standesamt. 

Ralph holte im Haus nebenan seinen Schwiegervater und dessen zukünftige Frau ab und brachte das Brautpaar in Opa Friedrichs Wagen zur Trauung. Emma Pfeiffers Sohn und dessen Frau warteten bereits vor dem Eingang. Die Hochzeitsgesellschaft war komplett. 

Da das Brautpaar auf eine kirchliche Trauung verzichtete, war die Eheschließung eine kurze Angelegenheit. 

Einzig Monika sorgte für Erheiterung, als sie beim Betreten des Trausaals in ihren ungewohnten Stöckelschuhen umknickte und dem Standesbeamten  direkt vor die Füße fiel. Der nahm es mit Humor. 

"Ich hoffe doch nicht, dass sie mich auf den Knien anflehen wollen, die Trauung  doch nicht durchzuführen?" fragte er belustigt,  bevor er der Gestürzten galant auf die Beine half. "Ich hoffe, sie haben sich nicht wehgetan!" 

"Nein - außer meinem Selbstbewusstsein hat nichts Schaden genommen!" antwortete Monika schlagfertig. 

"Na prima. Dann können wir ja loslegen!" Mit diesen Worten schritt der Standesbeamte zur Tat.  

Eine halbe Stunde später verließen Friedrich und Emma Hartmann als frischgebackene  Eheleute das Standesamt, im Schlepptau die wenigen Gäste, und fuhren zu dem Lokal, das Friedrich Hartmann ausgewählt, und in dem Monika alles für die Feier vorbereitet hatte. 

Die Festivität wurde ein voller Erfolg. Das Mittagessen war ein Gedicht, und Monikas Torten zum Nachmittagskaffee wurden von allen Gästen hoch gelobt - und entsprechend geplündert. 

Einzig Tina langweilte sich. Sie war das einzige Kind bei der Hochzeitsgesellschaft, und die Erwachsenen nahmen keine Notiz von ihr, Die hatten viel zu viel damit zu tun, sich über aktuelle Weltpolitik, die alten Zeiten und die Zukunft des Brautpaares zu unterhalten.  

Es dauerte eine ganze Weile, bis Monika auffiel, dass ihre Tochter nicht mehr da war.  

"Weiß jemand, wo Tina ist?" fragte sie, nachdem sie sich suchend im Lokal umgesehen hatte. 

"Vielleicht ist sie zur Toilette" meinte Ralph. "Ich habe sie vorhin hinausgehen sehen, aber das ist schon eine Zeitlang her." 

"Ich sehe nach" meinte Emma Hartmann. "Ich muss mir sowieso mal die Beine vertreten, nach dem vielen Essen... Übrigens - das Rezept für deine Mokkatorte musst du mir unbedingt geben, Monika. So eine leckere habe ich noch nie gegessen!" 

"Ich komme mit!" Auch ihr frischgebackener Ehemann erhob sich von seinem Stuhl. 

"Aber nicht aufs Damenklo. DAS kann ich gerade noch alleine!" Emma drohte ihm scherzhaft mit dem Zeigfinger.   

Auf der Toilette war Tina nicht. Wo konnte die Kleine nur hingegangen sein? 

Schließlich entdeckte Emma das Kind draußen im Garten. Dort gab es einen Teich mit Seerosen und Goldfischen. Tina stand irgendwie verloren am Ufer und starrte ins Wasser. 

Hand in Hand liefen Opa Friedrich und Emma durch die Anlage, bis sie Tina erreicht hatten. 

"Was machst du denn hier so alleine, Tina?" Komm doch wieder rein zu uns!" Opa Friedrich strich seiner Enkelin über das inzwischen ziemlich zerzauste Haar. 

"Was soll ich denn da? Ihr redet ja doch bloß über Politik und so! Und überhaupt - jetzt bin ich überflüssig, wo du doch deine neue Frau hast!" 

Aha. DAHER also wehte der Wind!  

"Aber Tina! Wie kannst du so was nur denken? Ich will dir doch deinen Opa nicht wegnehmen!" 

"Aber er ist ja überhaupt nicht mehr bei uns. Er wohnt jetzt bei dir, und niemand ist mehr da, der mir Geschichten erzählt und mir bei den Hausaufgaben hilft!" Jetzt liefen dicke Tränen über Tinas Gesicht. 

"Tina, ich bin doch nicht aus der Welt - wir wohnen doch gleich nebenan"  protestierte Opa Friedrich. 

"Pass auf, Tina, ich mache dir einen Vorschlag" ergriff Emma das Wort. "Was hältst du davon, wenn wir in unseren Gartenzaun einen Durchgang machen, damit du jederzeit zu uns rüberkommen kannst? Ich liebe nämlich auch Geschichten und Märchen - und dann kann dein Opa sie uns beiden erzählen!" 

"Au ja, das wäre prima!" Tina wischte sich energisch mit dem Ärmel ihres Kleidchens die Tränen vom Gesicht. "Aber ich weiß ja gar nicht, wie ich dich nennen soll! Omi - nein, das will ich nicht. Meine Omi ist tot!" 

"Das verstehe ich, Tina. Wie wär's denn aber mit "Tante Emma?" 

Tina überlegte ein paar Sekunden. "Tante Emma - ja, das ist in Ordnung" sagte sie schließlich. 

"Na prima, dann sind wir uns ja einig. Und weißt du was, Tina? Ich würde mich freuen, wenn ich für dich so eine Art "Ersatz-Oma" sein dürfte. Weißt du, ich habe leider selber keine Enkelkinder..." 

"Kannst du denn auch  Pflaster aufs Knie kleben, und Flecken aus der Hose rausmachen und solche Sachen?" wollte Tina wissen. 

"Ich denke schon, dass ich das hinkriege!" Emma lachte herzlich. 

"Dann ist es ja in Ordnung - Ersatz-Oma - ich meine, Tante Emma... Aber jetzt möchte ich gerne noch ein Stück Mokkatorte - die ist sooooo gut!" 

"Ich auch!" sagten Opa Friedrich und Emma wie aus einem Mund. "Komm - gehen wir  nachsehen, ob noch was davon übrig geblieben ist!" 

Wenig später betraten Opa Friedrich und seine Gattin - Tina in der Mitte -  einträchtig das Restaurant und steuerten das Kuchenbüffet an.
 
 

© Christine Rieger / 2016