Donnerstag, 15. Dezember 2016

Lauras größter Wunsch

 
Foto: © Christine Rieger
 
 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
heute dürft Ihr die letzte Reizwortgeschichte dieses Jahres lesen - die nächste gibt es erst im neuen Jahr - am 1. Januar.
 
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern und natürlich auch meinen vier Mitstreiterinnen ein schönes, besinnliches Weihnachtsfest mit viel Zeit für Eure Lieben, und einen guten Start ins Jahr 2017.
 
Eure Geschichten-Erzählerin.
 
 
Folgende Reizwörter standen heute zur Verfügung: 
Geburtstag - Schneetreiben - verwunschen - staunen - verklärt
 
 
 
Ich bin sehr gespannt, was meinen Kolleginnen  
Regina   
Lore   
Martina   
dazu eingefallen ist!
 
 
 
So - aber nun geht es los! Viel Spaß beim Lesen!
 

 
 
Lauras größter Wunsch
 
„Liebes, was wünschst du dir eigentlich zum Geburtstag?“ Dominik stellt seine Kaffeetasse mit solchem Schwung auf den Tisch, dass ein Teil der braunen Brühe über den Rand auf die helle Tischdecke schwappt. 
„Och, Mensch, Schatz, kannst du denn nicht aufpassen? Ich komme mit dem Waschen sowieso nicht mehr hinterher! - Und was ich mir am meisten wünsche, das weißt du doch!“ 
Seufzend wuchtet Laura ihren Fünf-Monats-Bauch vom Stuhl hoch, um das Frühstücksgeschirr zur Seite zu räumen. Die verkleckerte Tischdecke muss sofort eingeweicht werden - andernfalls geht der Fleck nie wieder heraus. 
„Und du weißt, dass ich dir deinen Wunsch liebend gern erfüllen würde, wenn ich könnte!  Aber sag - wo soll ich ein Haus hernehmen, das nicht nur ausreichend Platz für unsere Großfamilie bietet, sondern auch noch finanzierbar ist und nicht achtzig Kilometer von der Stadt entfernt liegt?“ 
„Aber irgend etwas muss geschehen!“ Wieder seufzt Laura abgrundtief. „Unsere Wohnung ist für  sechs Personen definitiv zu klein. Wir haben nur Glück, dass die Kinder nicht nur fast gleichaltrig sind, sondern sich obendrein prima verstehen - andernfalls wäre hier andauernd die Hölle los. Und wenn erst mal Lisa da ist...“ 
„Oder Ben“ unterbricht Dominik grinsend. 
Jetzt muss auch Laura lachen. Seitdem sie von der Schwangerschaft wissen, geht das nun so. Laura hätte lieber ein Mädchen, und Dominik wünscht sich einen Sohn... 
„Momentan kommt es mir vor , als  würden es Lisa und Ben! Ich fühle mich wie ein Nilpferd mit Blähungen! - Bei meinen ersten beiden haben mich die Leute immer gefragt, wo ich das Baby denn hätte - aber diesmal...“
„Das geht irgendwann vorbei“, tröstet Dominik. „Und für das Platzproblem finden wir auch noch eine Lösung. Notfalls baue ich uns einfach selber ein Haus! - Aber ich muss jetzt endlich los - ich bin sowieso zu spät dran!“ 
Er drückt Laura einen schnellen Kuss auf die Wange und streichelt über ihren Babybauch, bevor er seinen Mantel und die Aktentasche nimmt, um in sein Büro zu fahren. 
Laura bleibt alleine zurück. Die Kinder sind alle in der Schule und kommen erst am Nachmittag zurück. So bleibt ihr Zeit, das Chaos in der Wohnung einigermaßen zu bändigen und das Mittagessen vorzubereiten. 
Während sie in der Küche Berge von Gemüse putzt und mit Hilfe ihrer Küchenmaschine zerkleinert , denkt sie darüber nach, was für ein Glück sie doch mit Dominik hat. Seit sie ihn kennt, hat sie wieder gelernt, Freude am Leben zu haben - trotz der vielen Arbeit  mit den Kindern. Oder vielleicht gerade deswegen. 
Laura liebt  Kinder über alles. Nicht nur Vanessa und Robin, ihre beiden aus erster Ehe. Nein, auch Sophie und Simon, die beiden, die Dominik mit in die Ehe gebracht hat. Bis vor wenigen Wochen hatten die beiden bei Dominiks Exfrau gelebt. Oder besser gesagt, bei ihrer hochwohlgeborenen Familie.  
Und dann standen sie eines Abends plötzlich vor der Türe.  Jeder mit einem Rucksack und Tränen in den Augen. Und waren geblieben.
 
Beide weigerten sich standhaft, zurück auf den Landsitz ihrer Großeltern gebracht zu werden. Ihre Mutter - eine geborene von Reichensbach - war kurz nach ihrer Trennung von Dominik bei Nacht und Nebel mit dem französischen Koch ihrer Eltern abgehauen - nach Nizza zu dessen Familie. Die Kinder hatte sie  kurzerhand zurückgelassen. Die störten ihr neues Glück nur. Sollte sich doch ihr Erzeuger darum kümmern! 
Sophie und Simon, vierzehn und zwölf Jahre alt, waren liebe, wohlerzogene Kinder. „Dressiert“ nannte es Dominik. „Damit sie jederzeit der erlauchten Verwandtschaft vorgeführt werden konnten - wie Tiere im Zoo“, wie er es ausdrückte. 
Sie waren gut in der Schule, warfen nie ihr Spielzeug in der Gegend herum, räumten ständig auf, gehorchten aufs Wort - kurz und gut, sie passten sich an. Beide waren heilfroh, dem  strengen Regiment ihrer Großeltern entkommen zu sein, und bei ihrem Vater eine neue Heimat gefunden zu haben. Sie übten auf Vanessa und Robin nicht nur einen guten Einfluss aus - schon  nach kurzer Zeit waren die vier dicke Freunde.  Und obwohl es in der Wohnung fürchterlich eng zuging, sich die beiden Mädchen und die beiden Jungen jeweils ein Kinderzimmer teilen mussten, gab es selten Streit.
 
Tja - und dann war Laura schwanger geworden. Ungeplant. Aber es kam für sie nicht in Frage, das Ungeborene abtreiben zu lassen. 
„Wenn wir vier Kinder satt kriegen, schaffen wir es auch mit fünfen“,  war ihr Kommentar, als der Frauenarzt ihr die Überraschung verkündete. 
Dominik war der gleichen Meinung. Auch er liebte Kinder. Finanzielle Probleme hatten sie, Gott sei Dank, nicht. Dominik war Filialleiter einer  Bank, ein gefragter Fachmann, unter anderem für den Wertpapierhandel. Was natürlich auch seinen privaten Finanzen zugute kam.  Laura, gelernte Maßschneiderin, hatte vor ihrer Ehe mit Dominik einen gutgehenden Laden betrieben. Jetzt nähte sie -  wenn es ihre Zeit zuließ - nur noch für sich, ihren Mann, die Kinder oder gute Freundinnen. 
Das Gemüse fürs Mittagessen ist fertig. Gerade will Laura im Bad eine Ladung Wäsche in die Maschine stecken - unter anderem die Tischdecke, die ihr Gatte beim Frühstück mit Kaffee verunziert hat -, als das Telefon klingelt. 
„Liebes, ich bin’s“, meldet sich Dominik. „Kannst du gerade weg? Dann hole ich dich in einer Viertelstunde ab!“ 
„Was ist denn los?“ will Laura wissen. 
„Überraschung!“ Dominiks Stimme klingt geheimnisvoll.  
Laura wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. Halb elf. Hm. Spätestens um halb zwei sind alle vier Kinder aus der Schule zurück, hungrig wie die Wölfe. 
„Wie lange wird es dauern?“ fragt sie sicherheitshalber. 
„Wir sind in spätestens zwei Stunden zurück!“ 
„Okay. Ich mache mich schnell fertig. Bis gleich!“ 
Laura knallt  den Telefonhörer auf die Ladestation und rennt, so schnell es ihr Babybauch erlaubt, ins Schlafzimmer. Sie vertauscht den Jogginganzug mit einer Schwangerschaftshose, wirft sich einen weiten Pullover über. Schnell ins Bad, zur Toilette. Ein bisschen Farbe ins Gesicht, Wimperntusche, Lippenstift. Die Haare sind nicht zu retten. Kurzerhand setzt sie eine gestrickte Mütze auf (das Thermometer steht auf zwei Grad unter Null), und wirft sich ihr weites, schwarzes Cape über, das sie sich im letzten Winter genäht hat. Ihr Wintermantel geht schon längst nicht mehr zu. 
Als sie das Haus verlässt und auf die Straße tritt, stellt sie überrascht fest, dass es angefangen hat zu schneien. Vor lauter Hektik hat sie bisher noch nicht einmal einen Blick aus dem Fenster geworfen! 
Dominik wartet bereits.  
„Verrätst du mir jetzt, wohin wir überhaupt fahren?“ fragt Laura, nachdem die Autotür hinter ihr zugeklappt ist. 
Doch Dominik lässt sich nicht in die Karten schauen. Er wendet, fährt zurück zur Hauptstraße, hinaus aus der Stadt, und auf die Autobahn. Doch nur bis nur nächsten Ausfahrt. Von da aus geht es auf einer schmalen Landstraße weiter. 
 
Rechts und links säumen dichte Nadelwälder die Straße. Hier ist noch keine Spur von Baumsterben zu sehen. Inzwischen herrscht dichtes Schneetreiben. Doch man kann erkennen, dass die Nadeln dicht und grün sind - nicht braun und hässlich, wie man das aus dem Fernsehen kennt. 
Sie fahren nicht mehr weit. Schon nach wenigen  hundert Metern setzt Dominik den Blinker nach rechts und hält kurz darauf vor einer mit Kies bestreuten Einfahrt. Dahinter erhebt sich ein massives Holztor. Rechts und links davon versperrt mannshohes Grünzeug den Blick ins Innere. 
Laura wirf ihrem Mann einen fragenden Blick zu. Doch Dominik steigt wortlos aus, geht an das Holztor und drückt auf einen Klingelknopf, der daneben angebracht ist.
 
Der Mann, der die Türe öffnet, sieht aus, als sei er einem Wildwestfilm entsprungen. Wettergegerbtes Gesicht, Jeans, braune Cowboystiefel, kariertes Flanellhemd, Nietengürtel. Kein Colt. Auf dem Kopf eine russische Bärenfellmütze - der einzige Stilbruch. 
 
„Guten Tag, Herr Strawinski“, grüßt er Dominik freundlich. „wie schön, dass sie sofort gekommen sind - Herr Achternbusch hat sie schon angekündigt!“ 
Er gibt den Eingang frei und lässt die Besucher eintreten. 
Hinter der Hainbuchenhecke erstreckt sich in großer, ziemlich verwilderter  Garten - fast schon ein Park. Riesige, uralte Bäume säumen einen breiten, gepflasterten, inzwischen von Schnee bedeckten Weg.  Auf der rechten Seite, gleich hinter dem Eingangstor, ein überdachter Holzschuppen. Früher einmal muss es eine Remise gewesen sein, in der man Pferdekutschen oder Leiterwagen abgestellt hat.  Jetzt liegt Gerümpel darin. Morsches Holz, verrostete Werkzeuge, eine kaputte Hobelbank, eine Leiter mit fehlenden Sprossen - solche Dinge eben, die man eigentlich wegwerfen will, aber noch keine Zeit dazu gefunden hat.  
 
Der Cowboy mit der Bärenfellmütze - er hat sich als Verwalter vorgestellt - führt Laura und Dominik bis zum Ende des Kiesweges. Dort steht ein mit Efeu überwucherter Rosenbogen. Dahinter... 
 
Laura bleibt vor Staunen der Mund offen stehen. Das, was sie jetzt zu sehen bekommt, erinnert auf den ersten Blick an ein verwunschenes Schloss. Dicke Mauern, Türmchen, Erker, winzige Fenster- genau so hat Laura sich als Kind das Dornröschenschloss vorgestellt, in dem die Prinzessin so lange schlafen muss, bis ein Prinz sie wachküsst... 
 
„Dürfen wir es von innen anschauen?“ hört Laura ihren Mann fragen. Noch immer ist sie baff vor Überraschung. Wie viel Platz hier ist, muss sie denken - das wäre ein idealer Ort für die Kinder zum Spielen! Weit und breit keine Autos...  
 
 „Es ist ziemlich verwahrlost“, dringt die Stimme des Verwalters an ihr Ohr. „Ich habe mich zwar darum gekümmert, dass die Heizung regelmäßig gewartet wurde und die Wasserversorgung funktioniert - aber ansonsten ist alles so geblieben, wie es war, als der Besitzer verstorben ist!“ Er räuspert sich. „Wenn sie darin wohnen wollen, werden sie eine Menge Arbeit haben!“ fügt er hinzu. 
Wohnen? Wir? Hier?“ Laura starrt ihren Mann an, als hätte er ihr soeben verkündet, nächste Woche mit ihr zum Mond zu fliegen.
 
Dominik kann nicht anders - er muss einfach lachen. In Lauras Gesicht spiegelt sich eine Mischung von Überraschung, Entsetzen, Hilflosigkeit - aber auch einem Hauch von Freude. 
„Liebling - wenn dir dieses Haus gefällt, dann ist das mein Weihnachtsgeschenk für dich. Ich weiß, es ist momentan noch unbewohnbar. Aber nach und nach könnten wir es herrichten. Ein Zimmer nach dem anderen. Ich weiß natürlich auch, wie scheußlich es ist, monatelang eine Baustelle zu bewohnen. Aber wir würden die alte Wohnung natürlich behalten, bis wenigstens die wichtigsten Räume fertig sind - Küche, Bad, Schlafzimmer. Und die Kinderzimmer, natürlich...“
 
„Sehen wir uns erst mal das Innenleben an!“ meint Laura. Noch ist sie nicht bereit, dieses verfallene Gemäuer als ihr zukünftiges Zuhause zu betrachten. 
Doch die Innenräume  sind bei weitem nicht so vergammelt, wie es das Äußere vermuten lässt.  Große Räume mit viel Platz. Massive Mauern, die im Sommer die Hitze abhalten. Hier könnte jedes der Kinder ein eigenes Zimmer bewohnen, so viele sind es. 
 
Natürlich müsste vieles modernisiert werden - die Bäder frisch gekachelt, neue sanitäre Einrichtungen eingebaut, elektrische Leitungen verlegt - eine Mammutaufgabe. Aber es wäre machbar.  
Schon steht vor Lauras Augen ein Raum, in dem sie  wieder eine Schneiderei einrichten könnte. Ein anderer als Büro für Dominik, und für die Arbeiten wie Waschen und  Bügeln...
 
 
„Im Nebengebäude sind - oder besser waren - die Wirtschaftsräume untergebracht!“ hört sie den Verwalter sagen. „Dort könnten sie - wenn sie wollen - sogar ein Hallenbad unterbringen. Wasseranschlüsse und Leitungen sind bereits vorhanden. Der letzte Besitzer hat das noch in Angriff genommen - aber dann ist er von einem Tag auf den anderen einem Herzinfarkt erlegen...“
 
„Ich möchte es haben!“ hört Laura sich selbst sagen. „Ja, hier möchte ich wohnen. Auch wenn es Jahre dauert, bis alles fertig ist - aber wir haben ja Zeit. Und - ich möchte so bald wie möglich hier einziehen...“ 
Jetzt ist es Dominik, dem vor Staunen der Mund offen steht. 
„Das Kind kommt in Anfang November. Ich möchte das  Weihnachtsfest hier feiern - auch wenn es vermutlich noch ein Chaos ist.
Mit dir, den Kindern und Lisa...“ 
„...oder Ben!“ grinst Dominik.
 
∞∞∞∞∞∞∞
 
Vier Monate später. Heiligabend. 
 
Vor zwei Wochen ist die Patchwork-Familie in ihr „Schloss“ eingezogen.
Noch herrscht überall Chaos. Umzugskartons, Kisten, Eimer, Plastiktüten, Regale, die noch nicht aufgebaut werden konnten - alles ist in wildem Durcheinander in den Zimmern und Gängen verteilt.
 
Immerhin - im Schlafzimmer und in den Kinderzimmern stehen die Betten, und auch die Küche ist bereits funktionstüchtig. Doch am heutigen Abend hat auch Laura sich einmal Ruhe gegönnt.
 
Das Weihnachtsessen bestand „nur“ aus Würstchen mit Kartoffelsalat - aber niemand hat sich daran gestört. Alle sind satt geworden und sitzen nun auf Isomatten und dicken Kissen um den großen, festlich geschmückten  Tannenbaum. Unter dem Baum steht eine Krippe, aus Materialien, die hier überall zu finden sind: Holz, Stroh, Moos, dürres Gras... Dominik hat sie gebaut, und die Kinder haben sie eingerichtet. Maria, Josef, die Hirten und das Jesuskind haben die beiden Jungen in der Schule im  Werkunterricht hergestellt. 
Geschenke gibt es in diesem Jahr nicht. Doch die Kinder beschweren sich nicht. Sie sind glücklich, dass sie jetzt jeder ein eigenes Zimmer und jede Menge Platz zum Herumtoben haben...
 
„Ist das nicht herrlich?“ fragt Laura mit verklärtem Blick. „Genauso habe ich es mir vorgestellt!“  
„Ich auch!“ Dominik lächelt seiner Frau zu. „Aber - es fehlt noch jemand!“ 
„Ich gehe sie holen!“ 
Laura hievt sich von ihrem Kissen auf die Beine und geht ins Nebenzimmer.
Wenig später ist sie zurück. Sie schiebt einen Kinderwagen vor sich her, aus dem Babygeschrei zu hören ist. 
Mit einem glücklichen Lächeln beugt sie sich über den Wagen und holt  nacheinander Lisa, Ben und Lilli aus dem Wagen.
 
 
© Christine Rieger / 2016

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Nachtaktiv

Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
kaum zu glauben - wir schreiben heute den ersten Dezember! Wo ist nur das Jahr geblieben?
 
Nur noch 24 Tage- und schon ist wieder Weihnachten... Und dabei kommt es mir so vor, als hätten wir vor ein paar Wochen erst Silvester gefeiert!
 
Sicher sind die meisten von Euch schon mit den Vorbereitungen für das Fest beschäftigt. Wenn man - wie Annika - seine Weihnachtskarten selbst herstellt, muss man natürlich besonders früh damit anfangen...
 
Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine friedvolle, entspannte und stressfreie Vorweihnachtszeit.
 
Eure Geschichten-Erzählerin 
 
 
Die Reizwörter, die in der heutigen Geschichte unterzubringen waren, sind:  
Zimtstern - Engelhaar - tauschen - frieren - funkelnd

 
 

Und hier sind die Geschichten meiner Kolleginnen
Regina   Lore    Martina   Eva
 
 
 
 
Nachtaktiv 
 
"Ja, um Himmels Willen - was machst DU denn mitten in der Nacht in der Küche? Und wie sieht es hier überhaupt aus?" Fassungslos steht Werner in der offenen Türe. Sein Entsetzen ist durchaus berechtigt. Die Uhr an der Wand zeigt kurz nach halb drei.  
 
In der Küche sieht es aus, als hätte jemand einen Müllcontainer ausgekippt. Die lange Seite der Eckbank ist halbmeterhoch mit Kartons, Schachteln Plastikdosen, Tüten und Papierrollen bedeckt. Auf dem Tisch liegt ein Holzbrett, das irgendwann einmal als Rückwand für einen Kleiderschrank gedient hat. Darauf buntes Papier, Scheren, Klebstoff. Geschenkbänder in allen Farben des Regenbogens. Stoffreste, Kataloge, ausgeschnittene  Weihnachtsmotive.  Stickerbogen mit funkelnden Sternen in Gold und Silber, Buntstifte, Tuben mit Glitterkleber... Selbst auf dem Boden stapelt sich noch Bastelmaterial, dazwischen Papierschnipsel, Wattereste und Stofffusseln. Ein Chaos ohnegleichen. 
 
 


 
Foto: © Christine Rieger
 


Mittendrin in diesem grandiosen Durcheinander hockt Annika im Bademantel auf einem Küchenstuhl. In ihren zerzausten  Haaren klebt blaues Buntpapier. Am rechten Ärmel hängt ein Büschel Engelhaar in rostrot, und der gesamte Bademantel glitzert in allen Farben von herumgestreutem Glitterpulver. Ein Bild für Götter! 
 
"Ich konnte nicht schlafen" meint Annika entschuldigend. "Also habe ich  meine Bastelwerkstatt aufgebaut. Irgendwann muss ich ja mal mit  meinen Weihnachtskarten  anfangen - die Zeit rennt, und ich will die Karten ja nicht erst zu Ostern verschicken!"  
 
Geistesabwesend langt sie in einen Teller mit Plätzchen, der auf der Arbeitsplatte steht, nimmt einen Zimtstern und steckt ihn in den Mund. 
 
"Außerdem" fügt sie kauend hinzu "kann ich um diese Zeit wenigstens sicher sein, dass Du nicht urplötzlich Hunger kriegst, und ich den ganzen Kram wieder wegräumen muss... - aber was willst DU denn eigentlich hier?"
 
"Ich bin wach geworden, habe gemerkt, dass du  nicht im Bett liegst,   und wollte nachsehen, wo du steckst!" antwortet Werner. 
 
"Na, jetzt weißt du es ja!" Annika grinst. "Leg dich wieder schlafen - bis du aufstehst, sieht es hier wieder manierlich aus!" 
 
"Was mich alle Jahre wieder wundert" meint Werner kopfschüttelnd "ist die Tatsache, dass du in diesem Durcheinander irgend etwas findest!"
 
"Das wundert mich selber" lacht Annika.  Aber nun verschwinde wieder, bevor du noch anfängst zu frieren- Außerdem - du störst!"
 
"Ich frage mich nur, warum du dir das immer antust. Du könntest die Weihnachtskarten doch genauso gut kaufen..." 
 
"Könnte ich. Aber es macht mir nun mal Spaß, sie selber herzustellen". 
 
"Na schön - tu, was du nicht lassen kannst!" meint Werner gutmütig. "Aber mach nicht mehr gar so lange - du weißt, wir müssen heute Vormittag ins Einkaufszentrum..."
 
"DU" verbessert Annika. "Ich nicht". Sie angelt sich einen weiteren Zimtstern vom Teller. "ICH muss meine Hosen gewöhnlich nicht umtauschen, weil ich zu eitel bin, sie gleich eine Nummer größer zu kaufen..."
 
 
 
© Christine Rieger / 2016