Sonntag, 15. Oktober 2017

Nachtdienst

 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,  
 

 
leider hat auch die längste Pause  einmal ein Ende - ich bin wieder da!
 
 
Natürlich habe ich bei weitem nicht alles geschafft, was ich mir für die letzten Wochen vorgenommen hatte. Aber bekanntlich hat ja das Schicksal seinen Spaß daran, ständig die Pläne zu durchkreuzen, die man gemacht  hat ...
 
Immerhin - ich habe mich eine Woche lang beim Wandern im Zillertal gut erholt und neue Kräfte getankt. Auf mein zweites Buch müsst Ihr allerdings noch ein Weilchen warten. Die Korrekturarbeiten ziehen sich endlos in die Länge - weil ich immer wieder neue Dinge entdecke, die ich besser machen kann. Gut Ding will eben Weile haben!
 
Aber wenigstens habe ich  eine neue Reizwort-Geschichte für Euch. Es geht dieses Mal um ein Seniorenheim, in dem die diensthabenden Nachtschwestern mit ungeahnten  Überraschungen zu kämpfen haben ...
 
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen und einen sonnigen Sonntag!
 
Eure Geschichten-Erzählerin 
 
 
 
Und hier geht es zu den Beiträgen meinen drei Kolleginnen
 

  Regina
  Lore
 

 
Die Reizwörter, die dieses Mal zu verarbeiten waren, lauten: 
 
Brimborium – Film – versprechen – ärgern – wichtig
Nachtdienst
 
Einundzwanzig Uhr. Aufatmend lässt Bibiana Herzog sich in den gepolsterten Schreibtischsessel fallen. Gerade hat sie ihre letzte Runde durch die Station gedreht, die alte Frau Dennerlein nochmals zur Toilette gebracht, Herrn von Köpplingen zum vierten Mal erklärt, dass es erst morgen früh wieder Frühstück gibt, und Schwester Luise von der Spätschicht  gebeten, noch die Spülmaschine einzuschalten, bevor sie nach Hause geht. Jetzt kehrt hoffentlich Ruhe ein.
Bibiana – von den Bewohnern des „Seniorenheims am Silbersee“ liebevoll „Schwester Bibi“ genannt – liebt ihren Beruf. Trotz Schichtdienst, seelischer und körperlicher Belastung und der nicht gerade üppigen Bezahlung. Wenn nur dieser grässliche Papierkrieg nicht wäre! Die Zeit, die sie mit der Dokumentation ihrer Tätigkeit verbringen muss, hätte sie lieber für die Bewohner aufgewendet. 
Tag für Tag ärgert sie sich über dieses – ihrer Ansicht nach – überflüssige Brimborium.  Jede noch so winzige Handreichung für die Bewohner muss akribisch aufgelistet werden – mit Zeitangabe. Angefangen bei der Medikamentenausgabe und der Körperpflege (welche Körperteile kann der Bewohner noch selbst waschen, bei welchen braucht er Unterstützung); über das Anziehen (Bewohnerin xy kann die Strickjacke noch allein anziehen, nur die Knöpfe kriegt sie nicht mehr zu …); wann und wie viel hat der Bewohner oder die Bewohnerin getrunken und wie oft war er / sie auf der Toilette. Wie viel Zeit wurde fürs Zähneputzen und Kämmen, zum Wechseln der Windeln oder zur Nahrungseingabe aufgewendet; wann wurde der Bewohner gebadet oder geduscht, und so weiter und so fort … Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren!
Nicht nur Bibiana – alle Mitglieder des Pflegepersonals hassen diesen zeitintensiven Schreibkram. Aber es hilft nichts. Wenn die jährliche Kontrolle ansteht, muss alles stimmen!
Seufzend zieht Bibi eine der dicken Mappen heran, von denen auf dem Schreibtisch ein ganzer Stapel liegt, und macht sich daran, die Medikamentenausgabe des Abends für die Frühschicht zu dokumentieren.
Weit kommt sie nicht. Schon nach wenigen Minuten schlägt der Schwesternruf Alarm. Gleichzeitig erscheint auf dem Telefondisplay die Zimmernummer 311.  Herr von Köpplingen. Schon wieder! Der alte Herr – im letzten Monat hat er seinen neunundachtzigsten Geburtstag gefeiert – ist in der letzten Zeit zunehmend vergesslich geworden. Jetzt schlägt die Demenz, die seine vor einem halben Jahr verstorbene Frau noch kompensieren konnte, immer mehr durch. Herr von Köpplingen verwechselt Tag und Nacht, vergisst, dass er vor einer halben Stunde  zu Abend gegessen hat,  geistert nachts durch die Gänge und legt sich auch schon mal in einem fremden Zimmer ins Bett.
Bibiana eilt durch den stillen, durch die Nachtbeleuchtung nur notdürftig erhellten Flur. Das Quietschen ihrer Gummisohlen klingt geradezu schrill in ihren Ohren.
Sie klopft an die Türe des Appartements 311 und tritt ein. Oskar von Köpplingen sitzt aufrecht in seinem Bett und wiegt langsam den Kopf hin und her, als höre er getragene Musik.
„Wer sind Sie?“, fragt er misstrauisch, als Bibiana zu ihm tritt. „Was wollen Sie?“
„Ich bin es, Herr von Köpplingen, Schwester Bibi. Sie haben nach mir geläutet!“, antwortet Bibiana höflich.
„Ach so, ja. Aber – ich weiß nicht mehr – was wollte ich denn? Es war doch so wichtig!“ Der alte Herr fährt sich durch die schütteren Haare, die vom Kopf abstehen wie ein ausgefranster Wischmopp. Minutenlang denkt er nach, dann fällt es ihm wieder ein.
„Der Film!“, schreit er plötzlich. Weil er nicht nur dement, sondern auch hochgradig schwerhörig ist, spricht er sehr laut. „Sie haben mir doch versprochen, dass Sie mit mir ins  Kino gehen!“
Bibiana hat Mühe, sich das Lachen zu verbeißen. „Ja, ich weiß“, antwortet sie. „Aber doch nicht jetzt, Herr von Köpplingen. Es ist neun Uhr abends, und das Kino hat längst geschlossen!“
„Hm. Ach ja.“ – Pause. Dann: „Aber nächste Woche gehen wir, ja?“
„Nächste Woche habe ich Urlaub“, antwortet Bibiana geduldig. „Frühestens in der übernächsten.  Aber …“
Sie wird durch ein Klopfen an der Tür unterbrochen. Milena Pawelski, ihre Kollegin – sie ist heute zusammen mit Bibi zum Nachtdienst eingeteilt –  steckt den Kopf herein.
„Kannst du mir helfen, bittä?“, fragt sie in ihrem sehr hart klingenden, polnisch gefärbten Deutsch. „Ich muss drehen Pani Müller, und sie ist sooooo schwäär! Ich schaffe nicht alleine …“
„Ich komme!“ Milena ist zwar weder klein noch zierlich, aber einer 120 kg schweren Patientin ist sie – trotz der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel – allein nicht gewachsen.  Frau Müller ist nach einem Schlaganfall nahezu bewegungsunfähig und muss regelmäßig umgebettet werden, damit sie sich nicht wundliegt.
Bibiana deckt Herrn von Köpplingen sorgfältig zu, nachdem sie ihm noch einmal versichert hat, den versprochenen Kinobesuch auf keinen Fall zu vergessen. Sie  wünscht ihm eine gute Nacht und knipst die Deckenleuchte aus, bevor sie hinter ihrer Kollegin her eilt.
Erneut widmet die Pflegerin sich ihrer Schreibtischtätigkeit, nachdem sie ins Schwesternzimmer zurückgekehrt ist. Währenddessen stellt Milena die Medikamente der Bewohner für den nächsten Tag zusammen. Die Morgenschicht wird die mit Namen und Zimmernummer gekennzeichneten Tablettenboxen – zusammen mit dem Frühstück – an die Patienten austeilen.
Fast eine Dreiviertelstunde kann Bibiana ungestört arbeiten. Augenscheinlich sind die meisten  ihrer Schutzbefohlenen völlig erledigt. Am Nachmittag hat im Speisesaal das alljährliche Herbstfest stattgefunden. Nach solchen Veranstaltungen, bei denen die Bewohner auch mal ein Gläschen Wein oder Bier zu trinken bekommen, schlafen sie meistens besonders gut …
Bibi ist völlig vertieft in ihre Unterlagen. Deshalb fährt sie erschrocken in die Höhe, als plötzlich von draußen das unregelmäßige Knattern von  Schüssen zu hören ist – relativ weit entfernt, aber unverkennbar. Beim Blick aus dem Fenster stellt sie fest, dass es sich um ein Feuerwerk handelt. Sie erinnert sich, in der Zeitung gelesen zu haben, dass an diesem Wochenende außerhalb der Stadt ein großes Open-Air-Festival stattfindet. Vermutlich gehört das Feuerwerk zur Bühnenshow.
Beruhigt nimmt Bibi die nächste Dokumentationsmappe zur Hand.
Helene Morgenroth steht auf dem weißen Karteireiter.
Helene Morgenroth ist achtundsiebzig und der erklärte Liebling aller Mitglieder des Pflegepersonals. Geistig noch vollkommen auf der Höhe, ist sie eine Ausnahmeerscheinung unter den Bewohnern des „Seniorenheims am Silbersee“. Obwohl sie kaum unter altersbedingten Einschränkungen leidet und – von gelegentlichen Kopfschmerztabletten abgesehen – überhaupt keine Medikamente benötigt, ist sie vor fünf Jahren – zusammen mit ihrem pflegebedürftigen Mann – ins Seniorenheim gezogen. Seit seinem Tod bewohnt sie allein das Zweizimmer-Appartement  neben Herrn von Köpplingen. Kinder hatte das Ehepaar nicht, und die wenigen Verwandten leben weit entfernt.
„Was soll ich ganz allein zu Hause?“, pflegte die alte Dame zu sagen. „Niemand ist da, mit dem ich mich unterhalten könnte. Ich muss kochen und meine Wäsche waschen, bügeln und putzen. Hier kann ich den ganzen Tag  faulenzen, wenn ich will. Alles wird für mich erledigt, und wenn ich Lust habe, gehe ich spazieren oder nach unten ins Café – da ist immer was los!“
An der Akte hängt ein handgeschriebener Zettel, dass an dem Rollator, den Frau Morgenroth seit einigen Wochen benutzt, dringend ein Reifen aufgepumpt werden muss. Bibi legt die Notiz in das Ablagefach für den Hausmeister und geht zur Tür, um ihre routinemäßige Runde durch die Station zu drehen, als diese von außen aufgerissen wird.
„Sie schießen!“, schreit eine Frau völlig verängstigt. „Die Engländer … Sie schießen!“ Sie umklammert Bibianas Arm und versucht, sie mitzuzerren. „Wir müssen sofort in den Keller! Ich brauche meine blaue Lebkuchendose – da sind doch die ganzen Papiere drin …“
Vor Bibi steht Frau Dombrowski, deren Wohnraum am anderen Ende des Ganges liegt. Die alte Dame ist nahezu nackt. Außer einem links herum angezogenen Unterhemd hat sie nichts an. Barfuß ist sie auch. Die sonst so  akkurat frisierten, dauergewellten Haare hängt ihr struppig ins Gesicht.
 „Beruhigen Sie sich, Frau Dombrowski!“ Bibiana legt den Arm um die alte Dame. „Das ist nur ein Feuerwerk. Niemand schießt auf Sie!“
„Doch, sie schießen! Ich hab es auch gehört. Und gesehen! Da!“ Die Tür rechts neben dem Schwesternzimmer wird aufgerissen. Im Türrahmen steht Balthasar Vogel, deutet mit dem Finger zum Fenster. Auch er zittert vor Angst. Aber immerhin hat er über seinen Schlafanzug einen fadenscheinigen Morgenmantel geworfen.
Durch den Lärm aufgeweckt, erscheinen weitere Bewohner auf dem Flur, um zu erfahren,  was los ist. Gleichzeitig wird das tragbare Telefon in Bibis Schürzentasche lebendig.
„Bibi - kannst du Milena ein paar Minuten entbehren?“ – Edeltraud, ihre Kollegin von der zweiten Etage. „Ich bin heute allein, Arturo hat sich krank gemeldet, und hier ist die Hölle los. Alle Bewohner denken, der nächste Krieg ist ausgebrochen und rennen kopflos hin und her …“
„Hier auch“, antwortet Bibi. „Aber ich schicke dir Milena runter, sobald ich kann!“
Sie wartet den Dank ihrer Kollegin nicht ab, sondern drückt auf den Aus-knopf und rennt hinter Frau Dombrowski her, die – trotz ihres hohen Alters – mit erstaunlicher Geschwindigkeit Richtung Treppenhaus läuft, um sich im Keller vor den vermeintlichen Bomben in Sicherheit zu bringen. Bibi muss die Frau erwischen, bevor sie am Ende noch vor lauter Angst und Hektik die Stufen hinunterfällt!
Doch plötzlich naht Rettung von unerwarteter Seite. Kurz vor dem Treppenaufgang macht der Gang einen Knick um 90 Grad, um von dort ins Nebengebäude überzugehen. Hier liegen die Zweizimmer-Appartements, in denen vorzugsweise Ehepaare logieren.
Ein Gehwagen wird um die Ecke geschoben und Frau Dombrowski direkt in den Weg gestellt.
„Wo willst du hin, Erika?“, fragt eine energische Stimme.
Helene Morgenroth!
Unwillkürlich bleibt die Flüchtende stehen.
„Sie schießen!“, wimmert sie. „Die Engländer. Mit Bomben! Wir müssen in den Keller – schnell!“
„Quatsch“,  sagt Helene energisch.  „Du bist im Seniorenheim! Niemand schießt hier auf dich. Der Krieg ist seit mehr als siebzig Jahren vorbei! – Da, halt dich an meinem Gehwagen fest, damit du nicht hinfällst. Und dann ab mit dir in dein Zimmer! – Sag mal, wie läufst du denn überhaupt herum?“, tadelt sie. „Mit nichts als einem Unterhemd an! Schämst du dich denn überhaupt nicht?“
Bibiana grinst unwillkürlich, als die beiden ungleichen alten Damen davontrippeln. Helene Morgenroth ist wirklich ein Unikum! Mit ihrer harschen Predigt hat sie es tatsächlich geschafft, ihre Mitbewohnerin zu beruhigen und abzulenken.
Kurz darauf ist es wieder halbwegs friedlich. Sämtliche Bewohner sind zurück in ihren Zimmern. Milena hastet eine Etage tiefer, um Edeltraud zu Hilfe zu kommen.
Bibiana macht sich auf den Weg zu Erika Dombrowskis Zimmer, um der alten Dame beim Anziehen behilflich zu sein, und Frau Morgenroth zu erlösen.
Im Vorbeirennen stellt sie fest, dass die Türe zu Zimmer 311, in dem Herr von Köpplingen wohnt, sperrangelweit offen steht. Der alte Mann liegt nicht in seinem Bett und ist auch sonst nirgends zu sehen. Bibiana klopft an die Toilettentür.„Herr von Köpplingen – sind Sie da drin?“

Keine Antwort.
Sie läuft zum Etagenbad gegenüber. Aber auch dort ist niemand.

Was nun?
Sie zieht das tragbare Telefon aus ihrer Schürzentasche und wählt die Nummer der Station zwei.
„Milena – bitte komm sofort rauf. Herr von Köpplingen ist verschwunden!“
Gemeinsam durchsuchen die beiden Frauen die ganze Station. Sie gehen von Zimmer zu Zimmer, um nachzusehen, ob der alte Herr vielleicht irgendwo anders im Bett liegt, schauen in die Bäder, den Aufenthaltsraum, die Etagenküche. Nichts. Herr von Köpplingen scheint wie vom Erdboden verschluckt.
Bibi telefoniert alle Stationen durch. Doch niemand hat den alten Herrn gesehen.
Schließlich bleibt ihr nichts anderes übrig, als die Polizei zu verständigen. Der diensthabende Beamte verspricht, sofort  eine Streife loszuschicken, die nach dem Verschwundenen Ausschau hält.
Bibi überlegt, ob sie auch Herrn von Köpplingens Sohn verständigen soll. Einerseits hat er ein Recht darauf, zu erfahren, dass sein Vater ausgebüxt ist. Andererseits – weit kann der alte Herr ja nicht gekommen sein. Warum soll sie die Familie unnötig in Aufregung versetzen?
Plötzlich fällt ihr wieder ein, dass sie ja zu Frau Dombrowski wollte, um sie ordentlich anzuziehen und ins Bett zu bugsieren. Im Eiltempo rennt sie durch den Flur, öffnet lautlos die Tür zu deren Zimmer.
Unwillkürlich muss sie lächeln, als sie hineinschaut. Dicht nebeneinander liegen Erika Dombowski und Helene Morgenroth im Bett, zugedeckt bis zum Hals, und schlafen tief und fest.
Beruhigt zieht Bibiana sich zurück. Eine Sorge weniger.
Aber was ist mit Herrn von Köpplingen? Wo kann er nur hingegangen sein? Wenn er außer seinem Schlafanzug nichts angezogen hat, wird er frieren. Außerdem ist er auf regelmäßige Medikamenteneinnahme angewiesen. Sie müssen ihn finden! Allein wird er kaum zurückkommen – Herr von Köpplingen ist mittlerweile ziemlich orientierungslos.
Um sechs Uhr morgens ist der Verschwundene noch immer nicht aufgetaucht. Bibiana entschließt sich, nun doch seinen Sohn zu verständigen.
Sie ist gerade im Schwesternzimmer auf der Suche nach der Telefonnummer, als das Haustelefon klingelt.
„Guten Morgen, Bibi, Karlchen hier. Dein Ausreißer ist wieder da!“
„Karlchen“ Kessler ist das Faktotum des Seniorenheims am Silbersee. Er betätigt sich als Gärtner, Hausmeister und Schreiner, verwaltet das hauseigene Möbellager und räumt im Winter Schnee. Gelegentlich fährt er auch mal einen Bewohner zum Arzt oder begleitet ihn zu einem Spaziergang durch den nahen Park. Kurzum – er  fungiert als „Mann für alle Fälle“ und erfreut sich sowohl bei den Bewohnern als auch dem Pflegepersonal großer Beliebtheit.
Bibi knallt das tragbare Telefon auf die Ladestation und rennt wie von Furien gehetzt zur Pforte im Erdgeschoß.
Herr von Köpplingen ist vollständig angezogen – Mantel, Hut, Schal und Handschuhe, glänzende schwarze Slipper. In der Rechten hält er einen Gehstock mit silbernem Knauf. Ganz Gentleman von Adel.
„Da bin ich wieder!“, sagt er mit völlig normaler Stimme. Nichts ist von dem dementen, verschusselten alten Herrn zu bemerken, wie Bibiana ihn kennt.
„Herr von Köpplingen, wo um alles in der Welt waren Sie denn?“, fragt Bibi. Ihn zu tadeln, kommt ihr nicht in den Sinn. Sie ist viel zu erleichtert, dass er  unbeschadet zurück ist.
„Ich habe meine Frau besucht!“, antwortet der alte Herr.
„Aber - Ihre Frau ist …“, beginnt Bibi.
„Meine Frau ist tot. Seit sechs Monaten. Glauben Sie, ich weiß das nicht mehr? Ich war doch auf ihrer Beerdigung!“, sagt von Köpplingen entrüstet.
Bibiana klappt der Kiefer herunter.
„Aber ich dachte, Sie haben sie besucht!“
„Ja. Ich habe ihr gesagt, dass sie ihren Geburtstag nächste Woche diesmal nicht  allein feiern muss. – Aber jetzt bin ich müde. Ich möchte schlafen gehen!“ Mehr ist aus dem alten Herrn nicht herauszubringen.
Kopfschüttelnd begleitet Bibi ihren Schützling nach oben in sein Appartement. Ihr Angebot, ihm beim Auskleiden zu helfen, lehnt der alte Herr kategorisch ab. Bibiana wünscht ihm eine angenehme Ruhe und verlässt das Zimmer.
Milena ist mittlerweile nach Hause gegangen, und auch Bibi hat längst Dienstschluss. Doch sie weiß, dass sie jetzt ohnehin nicht schlafen kann.
Während der Frühdienst Medikamente ausgibt, Frühstück verteilt, die Bewohner wäscht und ihnen beim Anziehen hilft, verständigt Bibiana die Polizeiwache, dass der Gesuchte wohlbehalten zurück ist, und veranlasst, dass die Suche eingestellt wird.
 Eine Stunde später macht auch sie endlich Feierabend. 
 
Bevor sie nach Hause geht, schaut sie noch einmal bei Oskar von Köpplingen vorbei. Der alte Herr liegt in seinem Bett und ist friedlich eingeschlafen.
 
Für immer.
 
© Christine Rieger / 2017