Montag, 15. Mai 2017

Muttertag mal anders ...


Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
gestern war bekanntlich Muttertag - einer von diesen Festtagen, die von manchen Müttern heiß geliebt, von anderen aber ebenso verabscheut werden.
 
Ich gehöre zur zweiten Kategorie. Ich habe, wie Sarah, (eine der Protagonistinnen in meiner heutigen Geschichte), ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Feiertagen aller Art - sei es nun Weihnachten, Ostern, Mutter- oder Vatertag. Eben allen diesen erzwungenen Festen mit Familienstress und Geschenkezwang ... und ich versuche, dem möglichst großräumig aus dem Weg zu gehen!
 
Aber - sei's drum - das ist meine persönliche Meinung. Wer mag, darf sich ja gerne von seinen Lieben feiern und verwöhnen lassen!
 
In meiner heutigen Geschichte geht es - dank der vorgegebenen Reizwörter 
 
 
Flieder - Muttertag - spitzbübisch - mitteilsam - knurren
 
 
natürlich auch um den Muttertag.
 
Vier Freundinnen, die sich seit ihrer Einschulung kennen, und mit diesem Festtag so ihre eigenen Erfahrungen gemacht haben, beschließen, in diesem Jahr alles ganz anders zu machen ...
 
Aber lest selbst.
 
Viel Spaß - und bis zum nächsten Mal!
 
Eure Geschichten-Erzählerin  
 






Reizwortgeschichte 15.05.2017
 
Reizwörter: Flieder - Muttertag - spitzbübisch - mitteilsam - knurren
 
 
Muttertag mal anders ...
 
Sie waren das, was man „beste Freundinnen“ nennt. Seit dem Tag  ihrer Einschulung kannten sie sich  - Alina, Julia, Carolin und Jennifer. Gemeinsam hatten sie die Grundschule hinter sich gebracht, waren geschlossen auf die Realschule gewechselt, hatten zusammen gelernt und  sich durch die Abschlussprüfungen gekämpft. Doch dann trennten sich ihre Wege.

Carolin absolvierte eine Schneiderlehre und eröffnete danach einen Handarbeitsladen, in  dem sie alles verkaufte, was für die „Eigenproduktion“ von Kleidung notwendig war: Wolle, Stoffe, Nähgarn, Reißverschlüsse, Strick- und Häkelnadeln, Knöpfe, Borten, Spitzen,  und und und ... Sie veranstaltete regelmäßig Handarbeitskurse und stand ihren „Schülerinnen“ mit Rat und Tat zur Seite.

Julia heuerte bei der Polizei an und arbeitete mittlerweile bei der Drogenfahndung.

Alina durchlief eine Ausbildung bei der örtlichen Zeitung, leitete die Rubriken „Sport“ und „Lokales“, und hatte es inzwischen zur stellvertretenden Chefredakteurin gebracht. 

Nur Jennifer fiel aus dem üblichen Rahmen. Sie dümpelte mal hier, mal dort herum, versuchte es mit den verschiedensten Jobs (dank begüterter Eltern hatte sie es nicht nötig, unbedingt Geld  verdienen zu müssen), und war letzten Endes bei der Kunst hängen geblieben. Sie malte, töpferte, schrieb Theaterstücke und Filmdrehbücher, zeichnete Comics, stand gelegentlich selbst auf der Bühne, oder sie wirkte bei der Produktion von Hörbüchern mit - wie es sich eben gerade ergab. Und das alles mit mehr oder weniger regelmäßigem Einkommen, aber dafür sehr viel Freizeit.

Endlich hatten sie es wieder einmal geschafft, sich alle vier zu treffen - in ihrem Lieblings-Café in  einem sehr versteckten Winkel der Stadt. Das kannten die wenigsten - noch. Jennifer hatte es eines Tages bei ihren Streifzügen zufällig entdeckt, und dann ihre drei Freundinnen hierher gelotst. Seitdem trafen sie sich von Zeit zu Zeit hier. Der Kaffee schmeckte großartig (es gab in der ganzen Stadt keinen besseren, behauptete Jennifer), und die Torten waren ein Traum!

Die Verabredungen erfolgten über eines der sozialen Netzwerke, die in letzter Zeit wie Pilze aus dem Boden schossen. Eine von ihnen schlug einen Termin vor, und wer von den anderen Zeit hatte, kam. Es klappte hervorragend!

Allerdings geschah es äußerst selten, dass alle vier gleichzeitig aufkreuzten. Job und Familie ließen ihnen nur wenig Zeit für das eigene Vergnügen.

Außer Jennifer waren alle verheiratet und hatten Kinder  -  Julia eins, Alina zwei, und Carolin sogar vier. Jennifer dagegen hatte á la carté gelebt und geliebt, und ihre Partner häufiger gewechselt als ihre Freundinnen die Unterwäsche. Kinder? Um Himmels willen - dafür hätte sie ja ihre Freiheit aufgeben müssen!

Nachdem die Freundinnen sich ausgiebig begrüßt und ihre Lieblings-Torten bestellt haben, werden die Neuigkeiten der vergangenen zwei Monate ausgetauscht. War ihr letztes Treffen tatsächlich schon soooo lange her?

Jennifer führt - wie so oft - das Wort. Sie ist ungeheuer mitteilsam und wird nicht müde, von ihren Aktivitäten, ihren zahllosen Bekannten und ihren eingebildeten Krankheiten zu erzählen.

Die anderen drei hören eine ganze Weile schweigend zu - aber schließlich ergreift Carolin das Wort.

„Was macht ihr in diesem Jahr am Muttertag?“ fragt sie in die Runde - nur, um endlich ein anderes Thema aufs Tapet zu bringen, und die detailgetreue Schilderung von Jennifers neulich absolvierter Magen- / Darmspiegelung abzuwürgen. Das ist  ja nun weiß Gott kein Thema für einen Kaffeeklatsch - schon gar nicht in aller Öffentlichkeit!

Irritiert unterbricht Jennifer ihren Monolog.

„Gar nichts“, knurrt sie, ungehalten über die Unterbrechung. „Ich habe keine Kinder - also, warum soll ich Muttertag feiern?“

„Aber du hast doch eine Mutter!“, sagt Alina.

„Die mag diesen blöden Feiertag überhaupt nicht - sie fährt jedes Jahr um diese Zeit mit Papa in irgendein Kurbad. Recht hat sie!“

„Ich hasse den Muttertag eigentlich auch!“, gesteht Carolin. „Jedes Jahr ist das ein grauenhafter Stress - jedenfalls für mich!“

„Wieso?“, will Julia neugierig wissen.

„Also, bei uns läuft dieser Tag gewöhnlich so ab: Morgens um sechs springen alle vier Kinder auf mein Bett, wecken mich mit nassen Küssen, klatschen mir einen Strauß Flieder  auf den Bauch, den sie im Garten abgerupft haben, und erwarten auch noch, dass ich mich darüber freue! Vor zwei Jahren durfte ich anschließend mehrere Krabbeltiere aus meinem Bett sammeln, die sich in dem Grünzeug eingenistet hatten!

Im vergangenen Jahr hat meine bessere Hälfte  bei dem Versuch, mir den Kaffee ans Bett zu bringen, nicht nur die halbe Küche verpladdert, weil er vergessen hat, die KAlina unter den Filter zu stellen. Nein - er hat es obendrein fertig gekriegt, mir den schäbigen Rest, den er retten konnte, übers Nachthemd und die Bettdecke zu kippen. Weil er die Tasse nicht abgestellt hat, bevor er versucht hat, mich zu küssen! Mein Ältester kam mit meinem „Frühstück“ angetrabt - zwei Scheiben verkokelter Toast auf einem uralten Schinkenbrett, fingerdick mit Butter beschmiert (vermutlich, damit man das Angebrannte nicht so sieht), und ein Ei, für das ich einen Waffenschein beantragen musste. Das Ding war so hart - wenn es runtergefallen wäre, hätte heute das Parkett ein Loch!“

Die drei Freundinnen wiehern los. Die Schilderung Carolins ist aber auch zu komisch!

„Jetzt wundert mich nicht, dass du zu diesem „Festtag“ ein sehr gespaltenes Verhältnis hast!“, meint Alina mitleidig, als sie endlich wieder Luft bekommt. „Ganz so schlimm ist es bei uns zum Glück nicht mehr - meine beiden Jungs sind ja nicht mehr ganz so klein. Aber dafür fallen uns jedes Jahr unsere Mütter und Väter ins Haus und erwarten, dem Feiertag entsprechend bekocht und verwöhnt zu werden ...“

„Ich habe eine Idee!“, unterbricht Jennifer plötzlich.

Drei Augenpaare sehen sie fragend an.

„Wir feiern in diesem Jahr Muttertag mal anders!“

„Und wie stellst du dir das vor?“, will Alina wissen.

„Wir treffen uns am Abend vorher bei mir. Wir gehen zusammen essen, und dann könnt ihr alle bei mir schlafen. Platz ist genügend - meine Eltern sind ja nicht da. Am Muttertag veranstalten wir einen ausgiebigen Brunch, und wenn das Wetter es zulässt, schippern wir danach mit einem der Ausflugsboote über den Bodensee - so weit wir eben kommen ...  Kaffee und Kuchen gibt es an Bord, auch kleine Snacks ... - na, was haltet ihr davon?“

„Wow! Was für ein toller Einfall! Ich bin dabei!  In diesem Jahr darf mein Mann sich mal um unsere Mütter und Väter kümmern!“, meint Alina mit einem spitzbübischen Grinsen.

Ich auch!“, verkündet Julia sofort.
„Also - ich weiß nicht ... was sollen wir denn unseren Männern sagen?“, fragt Carolin zögernd.

„Erzählt ihnen einfach, ich hätte euch eingeladen“, schlägt Jennifer vor. „Immerhin ist das nur ein kleines bisschen gelogen. - Zu vorgerückter Stunde könnt ihr natürlich  nicht mehr Auto fahren, weil wir uns einen angetüddelt haben - das muss ja nicht wirklich stimmen!“ Verschwörerisch zwinkert sie ihren Freundinnen zu.  „Und wenn ihr bei mir euren Rausch ausgeschlafen habt, kommt ihr nach Hause. Dass ihr dafür den ganzen Tag braucht, könnt ihr doch vorher nicht wissen!“

„Auf so einen Einfall kannst wirklich nur du kommen!“ In Alinas Stimme klingt Hochachtung mit. „Also, seid ihr alle dabei?“

„Hm ... also ich weiß nicht ...“ Carolin ist immer noch skeptisch. „Das gibt mir irgendwie das Gefühl, ich hätte meine Familie im Stich gelassen ...“

„Du musst ja nicht - deine Teilnahme ist freiwillig!“, erklärt Jennifer.  „Wenn du statt einem fröhlichen Mädels-Tag lieber wieder das ganze „Mami-ich-hab-dich-soooo-lieb-Getue mit Käfern im Bett und Kaffee auf dem Bauch über dich ergehen lassen willst ...“ 

Das gibt denn Ausschlag.

„Also gut - ich komme auch!“, sagt Carolin entschlossen.

„Super!“ Jennifer winkt die Kellnerin heran und bestellt vier Gläser Champagner.

„Stoßen wir an - auf unseren „alternativen Muttertag“, verkündet sie fröhlich, und hebt ihr Glas.
 
© Christine Rieger / 2017
 

 
Bitte seht doch auch bei meinen Kolleginnen nach  - vielleicht gibt es ja auch dort eine Reizwortgeschichte zu lesen! 



 

 

 

 
 

 

 
 



 
 
 

 

Montag, 1. Mai 2017

Strafe muss sein ... - Fortsetzung

 
Liebe Freunde meines Lesebuchs,
 
einige von Euch haben sich eine Fortsetzung meiner letzten Reizwort-Geschichte "Strafe muss sein ..." gewünscht. Nun ja, ich habe  eingesehen, dass ich Euch  nicht so einfach im Regen stehen lassen kann, und habe mir etwas einfallen lassen.
 
 
Also, hier ist Teil zwei ...
 
 
Für diejenigen, die sich an den ersten Teil nicht mehr ganz genau erinnern können, hier noch einmal der Link zum Nachlesen:
 

 
 
 
Ich wünsche Euch viel Vergnügen - und einen schönen Maifeiertag!
 
 
 

Eure Geschichten-Erzählerin


 










Die Reizwörter, die in dieser Woche zur Verfügung standen,  sind: 
Aussicht - Land - witzig - flüstern - grün
 
 
Strafe muss sein ...
(Fortsetzung)
 
 
 
Stefan starrt die Mitteilung seiner Frau an, als hätte sie ihm eine tote Maus zum Mittagessen serviert.
 
Wie konnte Hanne ihm das antun! Ohne Vorwarnung, einfach so, aus seinem Leben verschwinden, und ihn und die Kinder im Stich lassen? Noch dazu, wo seine Eltern heute Abend kommen? Was soll er denn jetzt machen?
 
Stefan beschließt, sich erst einmal ein Bier zu holen. Doch im Keller findet er nur einen Kasten mit leeren Flaschen vor, und ihm fällt ein, dass sie ja auf dem Weg zum Bahnhof noch beim Getränkemarkt vorbeifahren wollten. Na prima. Auch das noch!
 
Eine knappe halbe Stunde kommen die Kinder aus der Schule. Beide vollkommen ausgehungert, und in der Erwartung des Mittagessens, das ihnen ihre Mutter um diese Zeit zu servieren pflegt. Doch stattdessen finden sie ihren Vater, der noch immer wie paralysiert am Küchentisch hockt, ein Blatt Papier in der Hand, das er anstiert wie  ein besonders ekliges Insekt.
 
Nick wirft seine Schultasche achtlos auf den Boden neben dem Kühlschrank. Der Anorak fliegt auf die Eckbank, die Turnschuhe in den Flur.
 
„Gibt es heute nichts zu essen?“, fragt der Vierzehnjährige erstaunt. „Und wo ist Mami?“
 
Statt einer  Antwort reicht Stefan seinem Sohn das Schreiben, das Hanne ihm hingelegt hat.
 
„Mami ist weg?“, fragt Vroni entsetzt, die ihrem Bruder über die Schulter gelinst hat.  „Aber was machen wir denn nun?“
 
„Woher soll ich das wissen?“, antwortet Stefan unwirsch. „Ich habe keine Ahnung, wie es weitergehen soll!“
 
„Vielleicht bleiben ja Omi und Opi so lange bei uns, bis Mami wiederkommt?“, meint Vroni hoffnungsvoll. „Omi kann doch auch kochen und putzen und die Wäsche waschen!“
 
„Hm.“ Stefan schiebt die Unterlippe vor, wie er es manchmal unbewusst tut, wenn er über ein Problem nachdenkt. „Fragen können wir sie ja.“
 
Wohl ist ihm nicht bei diesem Gedanken.  Obwohl er an seinen Eltern sehr hängt - die Aussicht, sie auf unbestimmte Zeit im Haus zu haben, behagt ihm gar nicht.  Aber er hat wohl keine andere Wahl. Schließlich kann er nicht kochen, hat keine Ahnung, wie man die Waschmaschine anstellt, und ein Bügeleisen hat er in seinem ganzen Leben noch nicht angefasst  - von den diversen Eimern, Putzmitteln und Scheuertüchern, die Hanne in der Abstellkammer hortet, ganz zu schweigen.
 
„Und was essen wir heute?“, reißt Vroni  ihren Vater aus seinen Überlegungen.
 
„Wie wär‘s  mit einer Familienpizza vom Italiener?“, schlägt Nick vor. 
 
„Gute Idee. Ruf doch gleich mal an und lass eine liefern!“, antwortet sein Vater erleichtert.
 
Eine Dreiviertelstunde später sitzen die drei Verlassenen einträchtig am Küchentisch. Sie futtern direkt aus dem Pappkarton. Auf die Idee, Teller und Besteck zu holen, kommt niemand.
 
Stefan angelt sich gerade  das letzte Stück Pizza und beißt herzhaft hinein, als es an der Türe läutet. Kauend läuft er hinaus, um zu öffnen.
 
Mama!“, hören die Kinder ihn kurz darauf erstaunt ausrufen. „Du? Ich dachte ... es war doch ausgemacht, dass wir dich und Papa heute Abend vom Bahnhof ...“
 
„Ich weiß“, antwortet Luise Seidel. „Aber es hat sich anders ergeben. Darf ich erst mal reinkommen?“
 
„Natürlich, Mama. - Herzlich willkommen. Aber - wo ist Papa? Ich dachte, der wollte auch ...“
 
„Bitte sei doch so nett und hole erst meinen Koffer herein - der Taxifahrer hat ihn draußen vor die Gartentüre gestellt. Wenn du wieder da bist, erzähle ich von Anfang an!"
 
„Wir sind gerade mit dem Essen fertig geworden und sitzen noch in der Küche“, sagt Stefan, bevor er sich nach draußen begibt, um das Gepäck seiner Mutter hereinzutragen und ins Gästezimmer zu stellen. Als er wenige Minuten später zurückkommt, erzählen die Kinder ihrer Großmutter gerade von der plötzlichen „Flucht“ ihrer Mutter.
 
„Mami ist einfach verschwunden und hat nur das da zurückgelassen!“ hört Stefan seinen Sohn sagen, als er die Küche betritt.
 
„Ist das nicht eine Unverschämtheit von Hanne, uns dermaßen im Stich zu lassen?“, fragt Stefan empört.
 
Seine Mutter lässt den Computerausdruck sinken.

„Mich wundert eigentlich nur, dass sie das nicht schon viel früher gemacht hat!“, bemerkt sie trocken.
 
„Ich höre wohl nicht richtig!“ Nun wird Stefan wütend.    „Soll das heißen, du findest das auch noch toll? Dass deine Schwiegertochter einfach mir nichts dir nichts abhaut, und ...“
 
„Toll finde ich es nicht - aber verständlich!“ antwortet Luise Seidel ruhig.
 
„Hat sie sich etwa bei dir beschwert?“
 
„Nein. Das würde Hanne niemals tun. Und schon alleine die Tatsache, dass du ihr so etwas überhaupt zutraust, wirft ein sehr schlechtes Licht auf dich, mein Sohn!“
 
„Aber ...“
 
„Ich habe schließlich Augen im Kopf. Und mir ist keineswegs entgangen, dass Hanne sich für ihre Familie die Beine ausrennt, während ihr euch ein ziemlich bequemes Leben eingerichtet habt. Und ich gebe zu: der Fehler liegt bei mir!“
 
„Aber ...“
 
„Mein lieber Stefan, ich  muss leider gestehen, dass Papa und ich dich in deiner Kindheit und Jugend viel zu sehr verwöhnt und verhätschelt  haben. Ich war achtunddreißig, als du zur Welt gekommen bist. Papa und ich hatten schon die Hoffnung aufgegeben, überhaupt noch mal ein Kind zu bekommen. Und deshalb haben wir dir sämtliche Steine aus dem Weg geräumt. Dass wir es deiner Frau damit sehr schwer gemacht haben - denn natürlich haben Dominik und Veronika dein Verhalten übernommen -, das weiß ich seit langem. - Aber ich werde versuchen, meinen Fehler wieder gut zu machen, soweit es jetzt noch möglich ist.“
 
„Aber ...“
 
„Himmeldonnerwetter, kannst du eigentlich auch noch was anderes sagen als „Aber ...?“, schimpft Luise. „Bitte sei jetzt mal still, und lass mich reden! - Übrigens - hast du nicht wenigstens ein Bier für mich - wenn schon nichts mehr zu essen da ist ...?“
„Leider nein - im Keller herrscht totale Ebbe. Ich wollte erst später Getränke ...“
 
„Na, dann nicht. Ich werde schon nicht gleich verdursten!“ Luise atmet tief durch, bevor sie fortfährt. 
 
„Zuerst einmal: Papa ist gestern mit drei Freunden zu einem Segeltörn im Mittelmeer aufgebrochen. Das war schon immer sein größter Wunsch. Aber wie du weißt, habe ich mit der christlichen Seefahrt absolut nichts am Hut. Mir wird ja schon speiübel, wenn ich in ein Tretboot steigen soll! - Es hat sich vor ein paar Tagen zufällig ergeben, und ich wollte Papa seinen Traum  ermöglichen, bevor er zu alt dafür wird. Damit ich während dieser Zeit  nicht alleine zu Hause herumsitzen muss, habe ich eben beschlossen, alleine zu euch zu kommen. Dass Hanne gerade jetzt das Handtuch geworfen hat, scheint mir ein Wink des Schicksals, dass ich mich um euren verwaisten Haushalt kümmern soll.“
 
„Gott sei Dank!“, meint Stefan.
 
„Freu dich lieber nicht zu früh, mein Sohn!“, warnt Luise Seidel. „Ich habe keineswegs die Absicht,   euch genauso zu bedienen, wie ihr es von Hanne gewöhnt seid! Im Gegenteil. Ich bin zu alt, um die Badewanne zu scheuern, den Müll wegzutragen oder Getränkekisten zu schleppen. Ihr werdet mir also gefälligst zur Hand gehen - und ganz nebenbei auch erfahren, wie man einen Haushalt führt. Dass man beispielsweise dreckige Wäsche nicht überall herumschmeißt, sondern in den Wäschekorb steckt. Dass benutztes Geschirr in die Spülmaschine gehört und nicht obendrauf. Dass man sich nicht jeden Tag von Pizza ernährt, sondern gelegentlich auch kocht. Und so weiter.“
 
„Sehr witzig. Und das in den Osterferien!“, mault Nick.
 
„Wenn euch das nicht gefällt, reise ich gerne wieder ab - dann könnt ihr selber sehen, wie ihr zurechtkommt!“,  sagt Luise Seidel trocken. „Also - entscheidet euch, bevor ich meinen Koffer ausgepackt habe!“
 
Demonstrativ tritt sie ans Fenster und schaut in den Garten. Ihr Sohn und die beiden Enkelkinder sehen sich eine Minute lang schweigend an.
 
„Wir haben ja wohl keine Wahl!“, meint Stefan schließlich resigniert.
 
„Gut. Dann richte ich mich erst mal im Gästezimmer häuslich ein. - Dominik, du räumst inzwischen deine Schulsachen und deine Klamotten auf, die du hier überall herumgeworfen hast. Stefan, du fährst zum Getränkemarkt, und Veronika bringt inzwischen das Badezimmer in Ordnung. Ab mit euch!“
Die drei trollen sich widerwillig.
 
„Das kann ja heiter werden!“, flüstert Nick seiner Schwester zu, als sie draußen sind.
 
Das wurde es. Luise Seidel schien fest entschlossen, die Fehler, die sie bei der Erziehung ihres Sohnes gemacht hatte, nun mit Stumpf und Stiel auszurotten. Sie duldete nicht die geringsten Widerworte und führte ein Regiment, das einem Unteroffizier auf dem Kasernenhof zur Ehre gereicht hätte.
 
„Wem gehört das grüne T-Shirt, das auf der Couch im Wohnzimmer liegt?“ hörte man sie beispielsweise rufen. „Wenn es schmutzig ist, muss es in den Wäschekorb - ansonsten möge es der Besitzer bitte mit in sein Zimmer nehmen! Oder: leere Flaschen gehören in den Keller - nicht vor die Küchentüre!“
 
Sie stellte einen Arbeitsplan auf, wer wann für das Badezimmer verantwortlich war, wer die Spülmaschine aus- oder einzuräumen hatte, und wer mit Staubsaugen an der Reihe war. Jedoch achtete sie penibel darauf, dass alle auch genügend Zeit für sich selbst hatten.
 
Sie brachte ihrem Sohn und den Kindern bei, einfache Gerichte zu kochen, Salat anzurichten und den Tisch gefällig zu decken.   Nach zwei Wochen waren alle drei imstande, die Waschmaschine ordnungsgemäß  zu bedienen. An das Bügeleisen wagte sich nur Veronika heran.  Sie bügelte allerdings nur ihre eigenen Sachen und weigerte sich standhaft, auch die  Kleidungsstücke ihres Bruders und ihres Vaters zu plätten. Was zur Folge hatte, dass Stefan seine „Bürohemden“ zur Reinigung brachte, und Dominik nicht selten mit verknüllten Hosen das Haus verließ. Aber dafür musste er sich schließlich selber schämen!
 
Vier Wochen später beschließt Luise Seidel, dass es nun genug ist, und bittet ihre Lieben, nach dem Abendessen noch einen Augenblick am Küchentisch sitzen zu bleiben.
 
„Ich werde morgen Vormittag abreisen“, verkündet sie. „Papas Segeltörn ist zu Ende. Am Samstag kommt er zurück. - Aber bevor ich meine Zelte hier abbreche, muss ich euch allen ein großes Lob aussprechen. Ich weiß, ich habe euch ziemlich getriezt. Aber aus meiner Sicht hat es sich gelohnt. Ihr habt euch tapfer gehalten - Kompliment!“ Sie holt tief Luft, bevor sie weiterspricht.
 
„So, und zur Belohnung kann ich euch mitteilen, dass ihr eure Mutter am Sonntag Abend vom Bahnhof abholen dürft!“
 
Drei Augenpaare starren Luise Seidel fassungslos an.
 
„Du hast gewusst, wo Mami ist?“, fragt Vroni schließlich.
 
„Natürlich. Es war meine Idee, ihr mal eine Atempause zu verschaffen. Hanne wollte  zuerst nicht - aber ich habe gesehen, wie fertig sie war, und habe sie überredet, sich mal ein paar Wochen auszuklinken!“
 
„Jetzt bin ich baff!“, sagt Stefan völlig perplex.
 
„Ich habe fast jeden Tag mit deiner Frau telefoniert, Stefan. Sie hat unser Haus gehütet, während ich hier und Papa zum Segeln war. Ich soll euch ganz herzlich grüßen. Es geht ihr wieder ausgezeichnet - die Landluft ist ihr prima bekommen!“ Luise Seidel weidet sich an den verblüfften Gesichtern.
 
„Eins müsst ihr mir aber versprechen, bevor ich das Weite suche!“, sagt sie schließlich: „Dass ihr das, was ihr bei mir gelernt habt, in Zukunft auch umsetzt! Eure Mutter hat auch ein eigenes Leben - sie ist nicht dazu da, euch das Eure möglichst bequem zu machen!“
 
„Versprochen“, antworten die drei im Chor.
 
„Du bist ganz schön raffiniert! Das hätte ich dir gar nicht zugetraut!“, fügt Stefan, an  seine Mutter gewandt, hinzu. In seiner Stimme schwingt Hochachtung mit.
 
„Tja - manchmal muss man zu ungewöhnlichen Mitteln greifen, wenn alles aus dem Ruder zu laufen droht!“, antwortet Luise Seidel lachend.
 
 
 
© Christine Rieger / 2017
 
 


 
 
 
 
 
 
 
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